Aus ihr völlig unerklärlichen Gründen (ein Gerücht ging noch Jahre später um, dass sowohl der Zwerg, wie auch die Keltin plötzliches Muffensausen vor leeren Siedlungen und eventuellen dort vorhandenen Geistern bekamen) legte Babe die letzte Strecke alleine zurück. Die Hufe ihres Pferdes hallten deshalb einsam und laut auf den Steinen, als sie auf die Sturmwind – Ottajesko zuritt.
Wenige Meter vor der Siedlung zügelte die Kriegerin ihr Pferd. Die Sonne war bereits am Untergehen und warf rötliches Licht auf die Palisaden. Ein leichter Wind wehte vom Meer her, ließ einen alten Wimpel am Fahnenmast flattern und brachte den Geruch von Tang und Meer mit sich.
Einen Moment lang blieb Babe auf ihrem Pferd sitzen und berachtete die ihr bekannte Siedlung vor sich. Alles schien ruhig zu sein, anders als früher waren die Posten jedoch oberhalb der Palisaden unbesetzt und das Tor stand leicht offen.
Letzteres brachte Babe dazu, von ihrem Pferd zu steigen. Sie würde das Tor aus eigener Kraft öffnen müssen, so dass sie Schutz vor der hereinbrechenden Nacht innerhalb der Palisaden haben würde. Sie stemmte sich deshalb gegen das schwere Holztor, zog, zerrte und schob an ihm, bis sie es so weit geöffnet hatte, dass sie Rhe hindurchführen konnte.
Aber auch innerhalb der Palisaden war es ruhig. Kein Hund bellte und die altbekannten Laute der Siedlung fehlten: Das dumpfe Schlagen einer Axt auf Holz, das Kreischen einer Frau, die Rufe der Männer, spielende Kinder – es war totenstill, wenn man von dem leichten Pfeifen des Windes absah.
Der fehlende Geräuschpegel hätten Babe nun als Bestätigung genügt: die Sturmwind-Ottajesko war verlassen worden, die letzten Bewohner waren gegangen und hatten diesen Ort den Rücken zugekehrt. Sie hätte nun umdrehen können, aber ein Gefühl der alten Vertrautheit und der Trauer bannte sie an diesen Fleck kurz nach dem Tor und sie wurde erst aus ihrer Starre gerissen, als Rhe sie mit seinem Kopf anstupste.
„Ja...“ gab sie ihrem Pferd als Antwort. „Du bekommst deinen Unterstand.“
Sie fasste ihr Pferd am Zügel und führte es zu dem alten Stall, bei dem sie bereits Khan immer untergebracht hatte. Zu ihrer Erleichterung stand das Gebäude noch. Wie bei der Palisade stand das Tor noch offen und so führte sie Rhe in den hinteren Bereich des Stalles, wo die Witterung noch keine Spuren hinterlassen hatte. Dort nahm sie ihm das Zaumzeug und den Sattel ab, band ihn fest und kletterte anschließend die steile Leiter hinauf, die in den Heuboden führte. Zu ihrer Erleichterung lag dort noch das alte Heu vom letzten Sommer und so nahm sie einen ganzen Arm voll davon, um es wenig später Rhe in die Raufe zu geben.
Nachdem sie ihr Pferd versorgt hatte, trat sie wieder vor den Stall. Es war immer noch hell genug, um einen Rundgang durch die Siedlung zu wagen. Babe überlegte kurz: Ihr am nächsten lag das Badehaus von Lydia. Es war schon lange geschlossen, da Lydia die Otta schon vor geraumer Zeit verlassen hatte. Trotzdem wollte sie einen Blick durch die Fenster wagen, allein der alten Erinnerungen wegen. Sich innerlich einen Ruck gebend, ging Babe durch die leere Siedlungen. Vorbei an leer stehenden Häusern, vor denen noch das ein oder andere Handwerkzeugs stand, bis hin zum Badehaus von Lydia de Swillson.
Sekundenlang verharrte die Kriegerin vor dem Haus. Vor ihrem geistigen Auge stieg die eine oder andere Situation auf, in der sie sich selbst ein Bad von Lydia hatte eingießen lassen. Die resolute Thorwalerin, die nie ein Blatt vor dem Mund genommen hatte, war ihre eine Zeitlang so etwas wie eine Vertraute gewesen. Als Dank hatte sie ihr einmal eine Eselsstute mitgebracht. Das Geschenk war wie ein Zwinkern gewesen, ein Zeichen dafür, dass Lydia nicht aufgeben sollte, die Haut der Thorwaler weich zu waschen.
Auf den Lippen Babes stieg ein leises Schmunzeln. Gerne hätte sie gewusst, ob irgend einer der Thorwaler – ein junges Mädchen vielleicht – die Chance genutzt hatte, in Eselsmilch zu baden. Sie selbst hatte es nie erfahren und würde es wohl auch nie. Lydia war gegangen und nie wiedergekehrt, wie so viele.
Babe wandte sich ab. Das Badehaus war nur ihre erste Station gewesen, es gab so viele Häuser, an denen die Erinnerungen wie Pech klebten und die sie alle besuchen wollte.
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