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		<title><![CDATA[The-Arena-Forum - Rostra]]></title>
		<link>https://forum.the-arena.de/</link>
		<description><![CDATA[The-Arena-Forum - https://forum.the-arena.de]]></description>
		<pubDate>Mon, 11 May 2026 00:39:52 +0000</pubDate>
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			<title><![CDATA[Was tut man nicht alles für die Liebe? [Jalina]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7546.html</link>
			<pubDate>Tue, 15 Jun 2010 08:19:32 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7546.html</guid>
			<description><![CDATA[Story:<br />
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Was tut man nicht alles für die Liebe? Die Frage nagt an ihr wie eine Ratte an einem zähen Stück Abfall, während sie von Schatten zu Schatten schleicht. Barfuß verursacht sie quasi kein Geräusch. Ihre Rechte umklammert den Dolch schon seit ihrem Aufbruch, als würde sie ihn verlieren, sollte sie den Griff nur geringfügig lockern. Vergangener Regen hat dreckige Pfützen auf ihrem Weg hinterlassen und wie die Werte ihrer Vergangenheit tritt sie diese nun mit Füßen. Statt des nächtlichen und sternenlosen Himmels zeigen ihre Oberflächen nun nur noch Chaos mit Bruchstücken eines jungen Mondes.<br />
<br />
Er ist pünktlich. Natürlich. Ein Mann von seinem Kaliber kann es sich nicht leisten, nicht perfekt zu sein. Dennoch ist er alt und hört nicht mehr so gut. Im nächsten Augenblick ist sie hinter ihm und stößt das kalte Metall in seinen Leib. Kein Gedanke existierte in ihrem Geist. Dann realisiert sie plötzlich mit Grauen, dass er keinen Ton von sich gegeben hat, während er zu Boden sackte. Sein Gesicht liegt zur Hälfte in einer gammligen Wasserlache, die sich nun langsam von seinem Blut tiefrot färbt. Er sieht aus wie ein ganz normaler Mensch aus Fleisch und Blut. Voller Entsetzen starrt sie erst auf ihn, dann auf die Waffe in ihrer Hand und rennt Hals über Kopf in die stumme Nacht hinaus.<br />
<br />
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Die Sonne hat ihre Finger noch nicht auf den Boden der Gassen Roms ausgestreckt, als Armenius, ältester Sohn des Imperators und Thronerbe eines mittlerweile alten Mannes, stolzen Schrittes die Stufen zu den Tagungsräumlichkeiten des Palastes emporsteigt. Die Türen öffnen sich für ihn, und er schreitet in die Kühle des Gemäuers, als brächte er dem Winter die Nachricht von Frühling. Seine stolze Körperhaltung war noch nie etwas, worauf er sich konzentrieren musste. Er, Armenius, war geboren, um die Macht seines Vaters fortzuführen und auszubauen. Diese Gewissheit ist unumstößlich, seit seinem ersten Atemzug. Der Stolz war jeher Teil seines Seins, wie auch sein Herzschlag. Der Gipfel seines Wunders ist nur noch eine Frage der Zeit. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel.<br />
<br />
Schon bevor er die große Tür des geräumigsten Besprechungssaales erreicht, dringen die aufgebrachten Stimmen des engsten Beratungskreises des Imperators zu ihm durch. Die Ereignisse der vergangenen Nacht halten viele Verantwortliche Leute seit den frühesten Morgenstunden in hellster Aufregung. Und vor allem Sorge. Sein Vater hatte sich in seiner greisen Unvorsichtigkeit in große Gefahr begeben. Armenius stößt mit einer ausholenden Bewegung beide Türflügel auf und betritt den Raum. Einen Augenblick herrscht höfliche Stille, den Tisch umstehende Bedienstete verneigen sich geräuschlos. Einen Moment später nimmt die laufende Diskussion ihren Fortgang. Neben seinem eigenen Stuhl sind noch zwei weitere unbesetzt. Sein Vater wohnt den Tagungen nur noch selten bei. Der zweite Stuhl gehört dem Hauptmann der persönlichen Leibgarde des Imperators und Armenius hatte dafür Sorge getragen, dass er heute nicht anwesend sein würde. Mit geschulter Aufmerksamkeit verschafft er sich nun einen Überblick über den Fortschritt des Themas, während er sich setzt und sich einen Kelch Rotwein reichen lässt.<br />
<br />
"... er nun nicht hier ist, jawohl!", schmettert soeben Ensontus, Schatzmeister und König der Geizigen. Sein rundes, geschwollenes Gesicht ist purpurrot vor Erregung. Seine Stimme hat Ähnlichkeit mit seinen wabbelnden Oberarmen. Sein Gegenüber, grau im Haar und Verstand, schüttelte müde den Kopf und winkt immer wieder ab. Armenius rechnete jeden Tag damit, dass Halmetias, Haus- und Hofmeister, von jetzt auf gleich seinem schwachen Herzen erliegen würde. <br />
<br />
"Nein, nein... Ihr könnt doch nicht jede Gelegenheit am Schopfe packen...", er hustet grauenvoll, und fährt dann fort: "... um den Verdacht jedem in die Schuhe zu schieben, der sich gerade nicht Verteidigen kann!" Ensontus springt auf, geht unruhig und wild Gestikulierend ein paar Schritte auf und ab. <br />
<br />
"Wenn dem so wäre, hätten es viele böse Menschen auf dieser Welt wirklich sehr einfach!", schnaubt er. "Wir können unmöglich die Tatsachen leugnen, die die aktuelle Rechnung eindeutig ins Negative fallen lassen...! Marvin ist der einzige Mitwissende bei solchen Treffen, nur ihm sind Zeit und Ort bekannt. Sollte ein Meister des Fachs ausgerechnet kurz vor dem Termin und am betreffenden Ort etwa ZUFÄLLIG", er wirft die Arme in die Luft und Armenius schaut rechtzeitig weg, " dort aufgekreuzt und sich über den netten Fang gefreut haben?!" Er lacht nervös. "Und wie soll er ihn erkannt haben? Unser Herr hüllt sich zu solchen Anlässen in dreckige Lumpen!"<br />
<br />
"Wenn Marvin als Einziger davon weiß, wäre er dumm gewesen, die Möglichkeit zu nutzen.", kontert Halmetius trocken, ohne aufzublicken. Einen Augenblick lang sagt niemand etwas. Jeder weiß, dass Marvin oft nicht über die Spitze seines Gladius' hinaus denkt. Armenius seufzt hörbar.<br />
<br />
"Sein Fehlen heute verstärkt den Verdacht.", wirft er ein. Seine Stimme klingt wie immer zentriert und kühl. Daran hatte er lange gefeilt. Innerlich gratuliert er sich zu diesem gelungenen Tagesanfang. "Er muss aufgespürt und überwacht werden." Einen kleinen Schluck Wein nehmend fügt er hinzu: "Überlasst das mir. Ich kenne seine Leute ganz gut. Ihr hingegen solltet euch besser um den ordnungsgemäßen Ablauf der symbolischen Prozession heute kümmern. Ich möchte keine peinlichen Vorkommnisse erleben, verstanden? Mein Vater räumt mit dieser Abreise mit seiner Vergangenheit auf, da darf nur die Sonne ihre Finger im Spiel haben!" Zufrieden nimmt er allgemeines, unterwürfiges Kopfnicken zur Kenntnis. Betont lässig lehnt er sich ein wenig zurück. "Gut. Was gibt es sonst noch zu besprechen?"<br />
<br />
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<br />
Der Moment, kurz bevor die Sinne die Traumwelt verlassen und sich in das Hier und Jetzt begeben: Dieser Augenblick ist es, dem sich nun der Duft Elenas hinzufügt und mich mit dem Gefühl äußersten Glückes erwachen lässt. Einen Augenblicke nehme ich sie mit geschlossenen Augen war, spüre ihre sanfte Haut an mir, ihre Wärme um mich herum. Sanft berühren ihre Lippen meine Stirn und vertreiben die restlichen Geister der Nacht. Langsam kreist ihre Hüfte auf der meinen und ich schlage endlich die Augen auf. Umgeben von ihren blonden Locken blicken ihre dunklen Augen auf mich herab, die Lust steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ich streichle sie und fahre mit meinen Fingerspitzen in gewohnten Linien ihr Körperprofil entlang.<br />
<br />
"Guten Morgen, mein Gebieter", säuselt sie, leicht gepresst. "Du musst meine Ungeduld verzeihen. Das Leinentuch konnte Dein Versprechen einfach nicht verbergen und ich bin...", sie seufzt innig, "... doch so ungeduldig..." Ich lache leise und genieße die wohlige Wärme unserer Liebe. <br />
<br />
Kurze Zeit später lasse ich mir nach einem kurzen Bad von ihr in meine Uniform helfen. Routiniert ziehen ihre schmalen Finger Riemen und Gurte fest. Auf die vielen Jahre unseres gemeinsamen Lebens zurückblickend empfinde ich tiefe Dankbarkeit und muss meinen Blick immer wieder in ihren Augen ruhen lassen. Täusche ich mich, oder ist sie heute besonders aufgeregt? Kein Wunder, denke ich bei mir. Der Imperator würde eine längere Reise antreten, die allgemein als eine aufklärende, im hohen Alter des Mannes erläuternde Maßnahme gepriesen wurde. Im Grunde bedeutete es nichts anderes, als dass er sich in höfische Gesellschaft einer Dame begeben würde, mit der er sich Gerüchten zu Folge in jungen Jahren einmal etwas inniger begeben hatte. Frecheren Gerüchten zu Folge haben sie damals nicht nur Händchen gehalten. Einige gehen sogar soweit zu behaupten, dass dieser Beziehung zueinander auch ein Kind entsprungen wäre. Natürlich sind diese Lügen reiner Frevel, da Armenius' Position als ältester Sohn unanfechtbar ist. Doch leumderische Spekulation ist in der Politik Roms nicht wegzudenken und so wird dieser Tatsache mehr Gewicht beigemessen, als nötig.<br />
<br />
Schmerzlich werde ich mir bewusst, dass mich meine Rolle in diesem öffentlichen Schauspiel viele Wochen von meiner Frau fernhalten würde. Fortan würde ich jeden Schritt meines alten Freundes, dem wichtigsten Mann des Reiches, an dessen Seite begleiten. Mein Leib wäre wie immer seine Versicherung vor dem vorzeitigen Tode. Mehr als 20 Jahre ist es nun her, als er mich zu seinem ersten Vertrauten machte.<br />
<br />
Bevor ich unser Haus verlasse, tausche ich noch innige Küsse und noch innigere Versprechen mit Elena. Mein Gesicht zeigt bereits die professionelle Maske eines unerschütterlichen Mannes.<br />
<br />
"Die unruhige See vermisst ihren Anker schon jetzt...", flüstert sie mir noch ins Ohr. Ein Grinsen kämpft mit meiner Mimik aus Stein. <br />
<br />
Erst als ich den Palast erreiche und Aufstellung beziehe, wird mir der Widerspruch in ihren Worten bewusst. Klang es in ihrem Munde nicht doch ziemlich endgültig...?<br />
<br />
Eine bekannte Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. "Marvin! Bei den Göttern, da bist Du ja endlich!" Temmanus, Zeremonienmeister, viel zu schnell für die vielen Stufen unter ihm, kommt auf mich zugeflogen. Er wirkt vollkommen aufgebracht. Alarmiert greife ich automatisch zum Gladius an meiner Seite. "Was ist denn los, mein König der Zeremonie?" rufe ich belustigt zurück, um meine Anspannung zu überspielen. Außer Atem kommt er vor mir zum stehen und bringt seine Gewänder wieder in Ordnung.<br />
<br />
"Der Sohn unseres Herren persönlich ist auf der Suche nach Dir. Du musst ihn nur knapp verpasst haben..." Temmanus runzelt die Stirn. "Eigentlich merkwürdig, er ist doch eben erst..."<br />
<br />
"Was ist denn los?", unterbreche ich ihn ungeduldig. Wenn Armenius etwas wichtig war, dann hieß es meist nichts Gutes. Mein Gegenüber schaut mich überrascht an.<br />
<br />
"Sag bloß', Du weißt es noch nicht?" ruft er mit einem kurzen Blick zu den Göttern über uns. "Dein Freund, der vermaledeite Imperator höchstpersönlich, ist in der Nacht angegriffen worden!" Er packt meine Schultern und meine Rüstung klappert ein wenig. "Angegriffen!! Während er sich wiedermal außerhalb geschäftlich traf. Mit einem Dolch, bei den Göttern!"<br />
<br />
"Beruhige Dich, Temmanus!" Ich streife seine Arme von meinen Schultern und nehme ihn mir stattdessen zur Seite. Angegriffen hieß nicht getötet. Mit gedämpfter Stimme rede ich nun ernst auf ihn ein. "Das kann unmöglich sein. Er nennt mir immer genau Zeit und Ort seiner Ausflüge. Ich habe nichts davon gewusst. Warum wurde ich nicht informiert?"<br />
<br />
"K.. keine Ahnung...!" Temmanus zuckt verzweifelt mit den Schultern. "Ich hätte gedacht, dass Du der Erste wärst, den man informieren würde."<br />
<br />
"Hätte man. Wenn nicht schon dieses Treffen nicht äußerst merkwürdig wäre." Tiefe Sorge krallt sich in meinem Herz fest. Wenn Er mich nicht informiert hat, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder Er wollte nicht, dass ich im Bilde bin, oder der Ausflug war nicht Seine eigene Entscheidung gewesen. Dass bis jetzt niemand den Weg zu mir gefunden hatte, ließ darauf schließen, dass mich jemand aus dem engsten Kreise der Verantwortlichen absichtlich außen vor ließ. "Wo ist er jetzt?", flüstere ich gedämpft und mit Seitenblicken auf vorbeieilende Personen. "Wie ist sein Zustand?"<br />
<br />
Temmanus lacht heiser auf. "Woher soll ich das wissen? Er wurde augenblicklich isoliert und keiner kommt zu Ihm rein oder raus. Bei den Göttern, wahrscheinlich hinterfragt man zurzeit sogar die Luft, die Er atmet." Er strafft seine Schultern. "Tut mir leid, Marvin. Ich kann hier nicht weiter mit Dir spekulieren. Sieh' zu, dass Du Deinen Hintern aus diesem Mist manövrierst und vor allem sorge dafür, dass meine Zeremonie heute nicht platzt!!" Und schon stolpert er weiter in Richtung Tempel. Einen Augenblick sehe ich ihm mit tiefen Sorgenfalten im Gesicht nach, dann geht ein Ruck durch meine Eingeweide und ich stürme in voller Montur die Treppe hinauf. Temmanus mochte nicht wissen, wo der Imperator verwahrt wurde, doch ich kenne die militärischen Strichlisten. Wenige Sekunden später stehe ich schweißgebadet vor einer massiven Tür, bewacht von drei Soldaten in voller Rüstung und mit Speeren. Ich mache Anstalten, die Tür zu öffnen, als mich einer von ihnen grob zurückhält. Ungläubig wende ich mich ihm zu und will meiner Empörung ob der Rangverletzung Luft machen, als der Typ mir kühl zuvorkommt.<br />
<br />
"Anweisung von Armenius selbst. Niemand darf durch. Auch Ihr nicht, Hauptmann." Er grinst verschmitzt und fügt hinzu. "Besonders ihr nicht."<br />
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Einen kurzen Moment lang habe ich das Gefühl, meine Sicht würde sich tunnelartig nur auf die sich bewegenden Lippen dieses Kerls beschränken. Dann macht etwas in mir ein Geräusch wie ein brechender, trockener Zweig.<br />
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Der Imperator erkennt die Stimme seines Freundes auch durch die massive Tür sofort. Trotz der enormen Schmerzen in seiner rechten Seite richtet er sich ein wenig in den großen Kissen des ausladenden Bettes auf und zwingt seine Mimik dazu, entspannt und sorgenfrei zu wirken. Auch unter diesen Umständen gelingt es ihm wie immer sehr überzeugend. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Wachen nur provisorisch die Tür schützen würden. Sein Sohn hatte im Hinblick auf Marvin noch viel zu lernen. Zum Glück war er rechtzeitig mit der Besprechung an seinem Bett fertig geworden. Die Sache ist kompliziert.<br />
<br />
Eine Erschütterung lässt kleine Holzsplitter vom Türrahmen rieseln. Der zweite Schlag ist so heftig, dass das Schloss ein empörtes Kreischen von sich gibt. Einen Moment später zersplittert es, die Tür schwingt auf und kracht an die Wand. Hindurch fliegt im hohen Bogen ein Mann in Rüstung. Ohne Zweifel einer der Soldaten. Wimmernd rappelt sich der junge Mann auf und weicht rückwärts in den Raum zurück. Durch die Tür tritt nun Marvin, tiefe Zornesröte im Gesicht. Sein Gesicht wendet sich dem Imperator zu und große Erleichterung entspannt es nahezu augenblicklich wieder.<br />
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"Raus, Rotzbengel!" pöbelt er noch in Richtung des Soldaten, welcher klappernd die Beine in die Hand nimmt. Marvin tritt alsdann an das Bett heran und lässt sich auf ein Knie nieder. Große Reue zeichnet sein Gesicht. Aber Marvin ist kein guter Schauspieler, weshalb dem Imperator auch die gebändigte Wut eines hintergangenen Kindes auffällt. "Mein Gebieter. Verzeiht mir mein Versagen. Ich finde keine Worte für das Glück, welches ich ob Eurer augenscheinlichen Unversehrtheit empfinde."<br />
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"Marvin." Der Imperator lächelt ein professionelles, gütiges Lächeln. "Du hättest wenigstens anklopfen können. Steh' doch bitte auf, also wirklich." Der grobschlächtige Mann kann die vielen Fragen nicht aus seinem Gesicht heraushalten, räuspert sich und nimmt Habachtstellung ein. Trotz dass sie seit vielen Jahren Freunde waren, hatten sie zwischen sich stets die nötige Distanz der Unantastbarkeit gewahrt. "Gut dass Du hier bist. Deinem Fehlen heute Nacht entnehme ich, dass meine letzten Worte Dich nicht erreicht haben. Und weiter, dass sie stattdessen eine falsche Person erreichten." Er mustert das Gesicht des Hauptmanns. War sein Freund nervös? Die Mimik verriet erstaunlich wenig, Marvin schien wütender als gedacht.<br />
<br />
"Mein Gebieter, ich..."<br />
<br />
"Verschone mich, Marvin", unterbricht er ihn. "Was Du sagst, ändert nichts daran, was bereits geschehen ist." Er seufzt, fühlt sich so müde... "Ich bin den Göttern dankbar, dass sie mich verschont haben. Warum auch immer sie das tun. Meine oberste Priorität ist nun, Gerüchte zu vermeiden. Ich werde die Reise antreten. Was geschehen ist, ist nur noch Lüge."<br />
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"Ja, Herr." Marvin nickt. Vermutlich hatte er nichts anderes erwartet. 20 Jahre hin oder her, man lernt sich kennen. Würde genau das den Plan gefährden...?<br />
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"Gehe nun. Sorge dafür, dass keine weiteren Dolche den Weg in mich finden. Ich habe wirklich andere Interessen, als wie ein Hund abgestochen zu werden." Marvin nickt erneut und wendet sich zum gehen, wobei er penibel den verstreuten Teilen des Türrahmens ausweicht. "Marvin...", setzt er noch hinzu...<br />
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"... eines noch, für den Weg:"<br />
Ich halte inne, ohne mich umzudrehen. "Traue nicht Deinen Augen, suche die Wahrheit im Herzen." Na toll. Neben unbeantworteten Fragen - die ich immer gehasst habe - jetzt auch noch kluge Sprüche. Die lange Freundschaft scheint ihm wohl zu Kopf zu steigen. Still fluchend verlasse ich den Raum, werfe finstere Blicke auf die verbliebenen Wachen vor der Tür, und mache mich auf den Weg nach draußen. Ich habe noch jede Menge Leute zu konstruieren.<br />
<br />
Stunden später: Es ist bereits Nachmittag und die Sonne brennt erbarmungslos alles nieder, was nicht irgendwie vor ihr geschützt ist. In mir ist nach und nach die Gewissheit herangereift, dass mir wegen dieser Sache mehr Aufmerksamkeit gezollt wird, als mir lieb sein kann. Die zwei mich verfolgenden Kapuzenleute machen ihre Arbeit eher schlecht als recht. Doch auch sind die Blicke von Ensontus und die sicher freundschaftlich gemeinten Kommentare von Halmetias äußerst alarmierend. Ich werde verdächtigt. Ausgerechnet ich stand im Verdacht, den Imperator ans Leder zu wollen. Man hielt mich augenscheinlich für dümmer, als ich bisher gedacht hatte. Unter anderen Umständen hätte mir das zum Vorteil gereicht, doch die Beweislage war erdrückend. Wie konnte die Information, die jahrzehntelang sicher zu mir herangetragen worden war, diesmal in den falschen Rachen gekommen sein?<br />
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Mit knirschenden Zähnen verfolge ich, wie die Prozession Aufstellung bezieht. Natürlich hat Temmanus alles ganz genau durchgeplant und der klapprige Mann gibt sich alle Mühe, diesen Plan auch umgesetzt zu sehen. Den ganzen Tag schon war er hin- und her gerannt, hatte die Position von Gestecken korrigiert, Leute anders aufgestellt, sich über meine Männer aufgeregt, die nun aber überall und voll gerüstet in der Nähe stehen mussten - auch wenn nicht zu seiner Dekoration passend. Langsam nimmt die ganze Sache Gestalt an und ich begebe mich endlich an meinen Platz, im zweiten Drittel des Feierzuges, eingeschlossen von lockeren Reihen meiner Männer, gemischt mit freien Plätzen für die hohen Adligen. An meiner Seite ist auf dem Boden mit Kreide ein Lorbeerkranz gezeichnet. Hier würde der Imperator selbst Position beziehen und genau hier bleibe ich stehen und warte.<br />
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Die Sicht ist perfekt. Die Gasse unter ihr präsentiert sich ihr in einer wunderbaren Kurve. Hier würde die Menschenmenge zu Langsamkeit gezwungen und unübersichtlich werden. Die Häuser hatten allesamt mehr als ein Stockwerk und viele, viele Fenster. Sie hätte an jedem von ihnen lauern können.<br />
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Das hölzerne Wunderwerk in ihren Händen hat nichts mehr mit dem kalten Eisen gemein, welches sie wenige Stunden zuvor mit rasendem Herzen in einem Busch entsorgt hatte. Es muss ein Vermögen wert sein und sie kann regelrecht fühlen, wie der Wert dieser Waffe einen sicheren Tod garantierte. Scham überkommt sie plötzlich wie ein Schauer. Sie hatte mehr gewagt, als sie verantworten kann und hatte versagt. Nun  bedient sie sich eines geschenkten Werkzeugs, dass sie nicht verdient hat und welches ihre Unfähigkeit kaschieren würde.<br />
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Doch was tut man nicht alles für die Liebe? Geduldig macht sie es sich bequem und sucht ihre Gedanken zu betäuben.<br />
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Hektik kommt auf, doch ich widerstehe der Versuchung, mich suchend umzusehen. Er ist immer pünktlich. Als sich der Zug langsam in Bewegung setzt bin ich daher wenig überrascht, seine Präsenz neben mir zu spüren. Sie hatten die Prozession aus Menschen auf dem Vorplatz des Palastes zusammengebaut. Nun würden wir geschlossen den Platz verlassen, uns ein paar hundert Meter durch die Straßen des Adligenviertels bewegen und uns daraufhin in die engeren Gassen der Mittelständler einfädeln. Das würde die Zeit sein, in der ich keinen Augenblick auch nur blinzeln durfte. Es wird kein Wort gesprochen, nur die Musikanten tönen sowohl am Anfang als auch am Ende des Zuges eine muntere, abenteuerlustige Weise. Der Imperator auf seiner letzten Reise, dieses Mal in die Vergangenheit, mit dem Ziel der reifen Läuterung. Die Dame seines Aufenthalts konnte sich wohl kaum mehr Aufmerksamkeit gewiss sein. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.<br />
<br />
Endlos langsam bahnt sich die empfindliche und bis an die Zähne bewachte Menschengruppe einen äußerst penibel erdachten Weg durch die Stadt. Die großen Häuser werden nach und nach ein wenig kleiner, scheinen sich mehr und mehr zu ducken und an Glanz zu verlieren. Schließlich passieren wir das Tor zur grauen Zone, wie ich sie gerne nenne. Die beiden großen Flügel aus massiver Eiche liegen fest verankert in einer alten, nicht weniger massiven Steinmauer. Sie sind mit hunderten von Blumensträußen und Gestecken geschmückt, Frauen in weißen und roten Gewändern säumen die Brustwehr darüber und streuen Blütenblätter auf die Hindurch schreitenden. Schon von hier aus kann ich die erregte Menge des Volkes dahinter hören. Sie jubeln und grölen, blasen Sinn und Zweck dieses ganzen Spektakels zu seiner gewünschten Größe auf und verpassen der Aktion die nötige Selbstverständlichkeit, um nicht lächerlich zu erscheinen. Schon passiere ich an der Seite des Imperators das Mauerwerk und als wir wieder in den Sonnenschein treten ist es, als brandete ein Meer aus Lärm und zuckenden Menschenkörpern an die Absperrungen längs unseres Weges. Unwillkürlich legt sich ein dünner Schweißfilm auf meine Stirn und mein Blick streift zügig und gewohnt penibel von links nach rechts und wieder zurück.<br />
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Die Straße verengt sich langsam zu einer Gasse, die Menge rückt spürbar näher und teilweise trennt uns nur eine Armlänge der absperrenden Soldaten von den ausgestreckten Händen des Volkes. Weitere Blumen und andere Symbole der Fruchtbarkeit und Versöhnung regnen auf uns herab. In meinem Blickfeld liegen Häuserfassaden mit beunruhigend vielen Fenstern, scharfe Schatten säumen Hauseingänge und Dachterrassen. Ich habe derlei öffentliche Präsentationen schon immer verabscheut. Sie provozieren das Unvermeidliche und bieten tausende Möglichkeiten für die bösartigen Menschen dieser Welt. Doch wie heißt es so schön: Das Volk kennt nur, was ihm nah ist. Doch ich bin äußerst gut vorbereitet. Nahezu 150 hocheffiziente Männer habe ich in einem lückenlosen Netz in und um den Zug herum verteilt. Ein Drittel von ihnen bewegt sich in zivil unter und hinter der wogenden Menge, der Rest läuft Schulter an Schulter mit den priorisierten Personen im Zug selbst mit.<br />
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Die Sicht nach Vorn wird durch eine langgestreckte Biegung der Gasse versperrt. Der Zug staut sich unmerklich und ich bedeute den Aufstellungen hinter mir, langsamer zu werden. Die Blasmusik wird blechern von den hohen Wänden der Häuser zurückgeworfen, die nun dicht an dicht den Weg säumen. Die helle Farbe der Mauern wirft das Sonnenlicht zurück und blendet heimtückisch. Mein Blick ist unablässig auf die Fenster gerichtet. Mehrere sind geöffnet und überall lehnen sich Menschen daraus hervor um einen expliziten Blick zu genießen. Gerade taxiere ich erneut die die Situation weiter vorn in der Prozession, als ein Aufblitzen in einem der Fenster auf einen Schlag alle meine Muskeln anspannt. Innerhalb eines Sekundenbruchteils mache ich einen halben Schritt vor den Imperator und packe Ihn unsichtbar für die Menge hinter meinem Rücken am Handgelenk, zwinge Ihn so hinter mich. Einige meiner Leute haben meine Blickrichtung sofort erkannt und bewegen sich auf den betreffenden Hauseingang zu. Die Prozession fährt fort, ohne dass meine Unruhe weiter erkannt wird. Unverwandt blicke ich auf das Fenster. Ist dort nicht eine Silhouette, ein Schatten zu sehen? Die Soldaten verschwinden unauffällig im Inneren des Hauses. Prompt verschwindet der Schatten. Meine Leute würden jeden sofort festnehmen, der sich nun aus dem Haus absetzte. Nach und nach würden sie daraufhin die Wohnungen durchsuchen und die Liste der Gefangenen unverblümt erweitern. Wenn das hier alles vorbei ist, würde ich sie mir alle der Reihe nach in aller Ruhe zu Gemüte führen. Nackt, um Gnade windelnd und geschändet.<br />
<br />
Zunehmend entspannter trete ich wieder an die Seite meiner Schutzperson und riskiere einen Blick in Dessen Gesicht. Sein rigoros geschmückter Helm wirft tiefe Schatten auf Seine Züge dennoch erkenne ich darin mehr Angst, als ich meinem Freund zugemutet hätte. Und plötzlich erstarre ich mitten in der Bewegung. In einer Welle des größten Entsetzens bemerke ich nun, dass mein Herr nach Luft ringt und im nächsten Augenblick einen Sturzbach aus Blut über Seine golden schimmernde Rüstung erbricht. Gerade noch kann ich nach Ihm greifen, als auch schon seine Beine nachgeben. Schlaff fällt sein Körper in meine Arme, sein Kopfschmuck rollt zu Boden und verteilt Blüten und Federn auf lehmigen Boden. Ein schockiertes Stöhnen geht durch die Menge um uns herum und nahezu sofort ist die Prozession in Auflösung begriffen. Entsetzte Schreie und laute Kommandos sind zu hören, doch ich kann den Blick nicht heben. Zu Stein erstarrt ist mein Körper und meine Seele. All die vielen Jahre habe ich mein Leben für Seines geben wollen, doch innerhalb eines Augenblicks habe ich meine Chance verpasst. Ich habe sie verstreichen lassen und mein ältester Freund, der mächtigste Mann des Reiches, hat mit Seinem Leben dafür bezahlt.<br />
<br />
Eine unbestimmte Panik ergreift mich. Unfähig, logische Gedanken zu fassen, springe ich auf, hebe den toten Körper empor und setze unseren Weg fort. Er würde seine Reise antreten. Er würde nicht weichen. Auch nicht vor dem Tode. Es lebe der Imperator!<br />
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Schreckensbleich weicht die Menge vor mir zurück, bildet eine Schneise, stetig wandelnd, mir immer ein paar Schritte voraus. Ich bemerke nicht die salzigen Tränen, die den Staub auf meinem Gesicht in dunkelgraue Rinnsale der Trauer verwandeln. Mir entgehen die gepressten Mienen meiner Männer, unschlüssig, ob sie mich zurückhalten oder wandeln lassen sollten. Unter meiner mächtigen Rüstung erbebt mein Körper, wird vom Schluchzen geschüttelt. Weiter trage ich meinen alten Freund, weiter, immer weiter. Noch einen Schritt, es kann nicht mehr weit sein. Noch einen Schritt...<br />
<br />
Als mich besinnungslose Schwärze zu umnebeln beginnt, und meine Beine nachzugeben scheinen, schält sich ein vertrautes Gesicht aus der Finsternis. "Marvin", flüstert Elenas Stimme. "Mein Gebieter. Lass' ihn gehen. Komm' mit mir. Alles wird gut."<br />
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Der Moment, kurz bevor die Sinne die Traumwelt verlassen und sich in das Hier und Jetzt begeben: Dieser Augenblick ist es, der sich mir nun als der wahrhaftige Albtraum zeigt. Das, worin ich erwache, ist die Gegenwart und sie zeugt von einem Geschehnis, welches nie hätte passieren dürfen. Ich spüre die Angst eines Kleinkindes in mir, bin unfähig, die Augen zu öffnen. Der Duft Elenas jedoch ist bei mir, ich spüre ihre Nähe, als wäre es wieder der heutige Morgen. Nun küsst sie sanft meinen Mund und ich blinzle trotz allem: Kerzenschein, ein vertrautes Zimmer. Wir sind daheim. Es ist Abend.<br />
<br />
"Ich..." beginne ich leise, "... ich kann das nicht ertragen, Elena...! Wie konnte das passieren? Wie konnte es nur??" Verzweifelt vergrabe ich mein Gesicht in den Händen. Die Tränen scheinen versiegt, in mir herrscht bleierne Leere.<br />
<br />
"Geliebter Schatz..." Elena. Sie sitzt neben mir auf der Bettkannte und reinigt mit einem feuchten Leinentuch mein Gesicht, wofür sie meine Hände fortnimmt und mir in die Augen sieht. "Du konntest nichts dafür, Dich trifft keine Schuld. Du konntest Dich nur auf eine Gefahr zurzeit konzentrieren." Sanft lächelnd tupft sie über mein Gesicht. "Mache Dir keine Vorwürfe, mein Gebieter. Dein alter Freund verdankte Dir bereits nahezu ein halbes Leben der besten Sicherheit. Es war nur eine Frage der Zeit...! Du hast getan, was getan werden konnte. Er wird Dir auf ewig dankbar sein."<br />
<br />
Ich unterdrücke den Widerwillen, den ihre Worte in mir hervorrufen. Noch bin ich nicht in der Lage, sie zu akzeptieren. Sein Tod war nur möglich gewesen, weil mein Körper nicht dort war, wo er hingehörte: Nämlich zwischen den Imperator und... Ja, was eigentlich? Hatte ihn jemand erstochen? "Elena... weißt Du zufällig, wie er..." meine Stimme bricht, als steckte ich ihm tiefsten Stimmenbruch.<br />
<br />
"Den Gerüchten nach zu urteilen, war es ein Armbrustbolzen. Gefeuert aus einer Waffe höchster Qualität. Nur so soll es möglich gewesen sein, die Rüstung des Imperators zu durchdringen." Sie blickt mir ernst in die Augen. "Eine Armbrust kann man nicht aufhalten, Marvin. Ist der Bolzen unterwegs, helfen die schärfsten Sinne nicht mehr." Sie schüttelt sanft den Kopf. "Du hattest keine Möglichkeit, Geliebter."<br />
<br />
Gequält wende ich mich ab. Ihre Worte klingen nach Verrat an meinen Werten, doch mit großer Wut spüre ich, dass sie recht hat. Moderne Waffen übertrumpften die Fähigkeiten eines menschlichen Körpers und übertrafen den geschultesten Sinn um Längen. Graue, schwere Resignation packt mich tief im Herzen und ich sinke kraftlos in mein Kissen zurück.<br />
<br />
"Es ist vorbei, mein geliebter Mond, meine Sterne." flüstere ich tonlos.<br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Der Imperator ist tot. Es lebe der Imperator!</span><br />
<br />
Diese Worte sind so mächtig, dass ihm ein Schauer über den Rücken läuft. Der alte Mann muss unwillkürlich grinsen, was wirklich außerordentlich selten geschieht. Sein Sohn hatte getobt, geschrien und geflucht. Er hatte ihm mit den Fäusten gedroht und sich vor dem zügig einberufenen Geheimrat vollständig zum Narren gemacht. Armenius war noch jung und herrschte mehr über seinen Verstand, denn über sein Herz. Man konnte nur Überlegungen darüber anstellen, warum er mehr erzürnt als erleichtert war, seinen Vater noch lebend zu sehen. Obwohl er sich schnell gefangen und seinen Ausbruch als Ausdruck seines unendlichen Schreckens ob dieses Vorfalls hingestellt hatte.<br />
<br />
Schnell tritt er in den Schatten eines Hauseingangs, blickt nochmals prüfend die in der späten Dämmerung des Abends daliegenden Straße hoch und runter, und verschwindet dann in dem Gebäude. Etwas ungeübt entledigt er sich seines schäbigen Umhangs und hängt ihn an einen Haken neben der Tür. Dann lauscht er angestrengt. Nichts ist zu hören, weshalb er sich weiter ins Innere des Hauses vorarbeitet. Kochstube und Wohnzimmer sind verlassen und dunkel, der Kamin liegt kalt und finster da. Der alte Mann glaubt oben an der Treppe ein schwaches Licht auszumachen und beginnt den Aufstieg. Vorfreude macht sich in ihm breit, und auch ein wenig Sorge. Sein alter Freund würde stinkwütend sein und sich vermutlich verraten fühlen. Doch er würde schnell sehen, dass nicht umsonst mit seinen Gefühlen gespielt wurde.<br />
<br />
Die knarzenden Stufen der alten Treppe mussten ihn verraten haben, denn plötzlich ist eine Frauenstimme zu hören und kurz darauf nähert sich jemand mit einer Kerze. Er hat die letzte Stufe noch nicht erreicht, als sein Blick auf die Frau trifft, welche mit dem Licht herbeieilt. Freundlich lächelnd winkt er ein wenig verlegen Elena zu. Sie pflegte ihn stets bei seinen Besuchen zu empfangen.<br />
<br />
"Sei gegrüßt, Ele..." setzt er an, doch hält verdattert inne. Elena stößt einen erstickten Schrei aus, ihr Gesicht hat die Farbe von Kalk angenommen, die Kerze fällt ihr aus der Hand und es wird stockdunkel. Er kann unsichere Schritte hören, die sich von ihm entfernen. Unschlüssig bleibt er stehen und flucht leise in die Finsternis hinein. "Du hättest es doch wissen müssen... schleichst hier als Geist eines vermeintlich Toten umher..." Er lässt resigniert seine Schultern hängen und wartet. Nicht weit entfernt ist nun der gedämpfte Bariton von Marvin zu hören. Er scheint sich aus einem Bett herauszuarbeiten, es ertönt hastiges Rascheln von Kleidung und das schabende Geräusch von Stahl auf Stahl. Die Situation wird ihm langsam unangenehm.<br />
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"Wer ist dort?", tönt es nun.<br />
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"Marvin, ich bin es. Dein Herr und Gebieter. Ich muss Dir etwas erzählen, hörst Du?" Keine Antwort. Angestrengt horcht er in die Dunkelheit. Hört er wirklich so schlecht? "Erinnerst Du Dich noch, was ic..." Mit einem Mal wird er von den Füßen gerissen und hart an die nächste Wand geworfen. Der Aufprall presst die Luft aus seinen Lungen, im selben Moment wird er an der Wand empor gedrückt, sodass seine Füße im Leeren strampeln. Er spürt heißen Atem auf seinem Gesicht.<br />
<br />
"Der Imperator ist tot, *piep*.", knurrt Marvin und packt ihn zusätzlich an der Gurgel, dass ihm Sehen und Hören vergeht. Mühsam ringt der alte Mann nach Luft, zerrt vergebens an den rohrartigen Unterarmen des Hauptmanns. Elena entzündet anscheinend wieder eine Kerze, denn schwaches Licht enthüllt den Hass und die Wut in Marvins Gesichtszügen.<br />
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"Suche.... die... Wahrheit... im....." mit letzter Kraft presst er das letzte Wort durch seinen Hals. "... Herzen!! Arghl..."<br />
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"Woher zum Teufel..." entfährt es mir keuchend. Ich will diesen Idioten den Hals umdrehen, doch etwas in mir zögert. Diese Worte hatte mir mein alter Freund doch... Wie kann der Verrückte hier denn davon wissen? <br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Traue nicht Deinen Augen...</span>, zitiert mein Gedächtnis. Ich schaue nochmals in das Gesicht des sterbenden Imperators auf der offenen Straße. Blut quillt aus seinem Mund. Ich sehe den Imperator im Bett, noch am selben Tag. Hatten am Fenster nicht Krücken gestanden? Gehhilfen für jemanden, der nicht richtig laufen kann...<br />
<br />
Mit einem Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es erscheint mir plötzlich alles so sonnenklar, dass ich augenblicklich lachen muss. Lachen vor Erleichterung und einem Anflug von Ironie. Natürlich war der Imperator nicht ermordet worden.<br />
<br />
Gestorben war ein Doppelgänger. Ich war dem ältesten Trick der Welt anheimgefallen.<br />
<br />
Was auch bedeutet, dass ich in diesen Moment den Imperator an einer Wand in meinem Treppenhaus erwürge. Ebenso schockiert wie auch erleichtert löse ich meinen Griff, doch statt gierig Luft zu holen, sich den Hals zu reiben und mir zu sagen, dass ich ein Idiot bin, kippt der alte Mann vornüber und reißt mich zu Boden. Vollkommen verwirrt starre ich in das leblose, schmerzverzerrte Gesicht meines Freundes. Was ging hier vor? Panisch schiebe ich ihn von mir und richte mich auf. Elena steht mit schneeweißem Gesicht und weit aufgerissen Augen vor mir. Ihre Hand ist über und über mit Blut besudelt. Langsam tropft es auf den toten Mann zwischen uns herab, in dessen linker Brust bis zum Schaft ein Dolch steckt. Entsetztes Schweigen herrscht einige Augenblick vor, dann platzt mir der Kragen.<br />
<br />
"Was, bei allen Teufeln dieser Welt, hast Du getan?!", brülle ich los und packe sie an den Schultern. "Wie kannst Du nur den Imperator abstechen?? Hast Du eigentlich eine Ahnung, was das für uns und die Welt bedeutet? Hast Du ÜBERHAUPT EINE AHNUNG?!?" Bebend vor Zorn schüttle ich die zierliche Frau, bis sie hysterisch zu weinen anfängt.<br />
<br />
"Ich habe es doch nur für Dich getan, oh Du dummer lieber Arsch!!", sie befreit sich aus meinem Griff und streckt ihre Hände nach meinem Gesicht aus. Verwirrt weiche ich etwas zurück. "Verstehst Du es denn nicht, mein Gebieter?" Elenas Stimme zittert vor Aufregung. "Armenius! Er wollte Dich hintergehen! Und nur ich konnte ihn überzeugen, von dem Teufelsplan abzulassen!" Sie lächelte verschwörerisch und zugleich zutiefst verängstigt. "Weil ich dich doch Liebe, Marvin! Ich liebe Dich!"<br />
<br />
"Lass' von mir, Elena! Was ist los mit Dir?!", rufe ich und schlage ihre Hände weg. Nichts ergibt mehr Sinn. "Was faselst Du da von Liebe und Hinterhalt? Bist Du übergeschnappt oder was?" Nur mühsam gelingt es mir, aufkeimenden Wahnsinn zu unterdrücken und lasse den Blick noch einmal durch den Raum gleiten. "Wir müssen das hier aufräumen...", plätschert es stammelnd aus mir heraus. "Wenn das hier jemand sieht, dann..." Ich blicke Elena in die Augen und spüre sofort, dass etwas Gewaltiges hier nicht stimmt. Ihre Mimik hat sich vollkommen gewandelt, um ihren Mund spielt ein hämisches Grinsen, in Ihren Augen steht Wut und eine gefährliche Vorfreude auf etwas Böses. Erschrocken weiche ich zurück, etwas Kaltes berührt mich im Nacken und ich fahre wie von der Tarantel gestochen herum.<br />
<br />
"Sieh' an, sieh' an... was haben wir denn hier, Herr Hauptmann?" Armenius‘ Stimme pellt sich aus dem Zwielicht, noch bevor seine überhebliche Visage zu sehen ist. Die Spitze seines Gladius' ist auf meine Kehle gerichtet. Ich höre mich überrascht aufkeuchen und hebe automatisch leicht die Hände.<br />
<br />
"Armenius! Was um aller Welt machst Du denn hier...?"<br />
<br />
"Aber Marvin...!", der Sohn des Imperators lässt in gespielter Empörung eine Augenbraue hochschnellen. "Es ist meine Aufgabe, für die Sicherheit meiner Familie zu Sorgen! Gerade Du müsstest das doch wissen." Er scheint in seinem Schauspiel ganz aufzugehen, doch ich bin zu gelähmt, um mich ihm zu entziehen. Nun wirft er einen Blick auf seinen toten Vater und reißt betont erschrocken die Augen auf. "Doch was muss ich hier sehen? Mein Vater, der Herrscher des Reiches, tot, getränkt in seinem eigenen Blut! Welche Schmach." Er ändert gekonnt seine Mimik und blickt mir unheilvoll in die Augen. "Ermordet. Hinterhältig erstochen."<br />
<br />
"Armenius, jetzt hör' mir doch erst mal zu, es ist nicht so wie..." höre ich mich heiser sagen, doch er unterbricht mich mit einer Handbewegung.<br />
<br />
"Schweige, Hauptmann. Oder sollte ich sagen: Mörder?", er lacht gehässig, umrundet mich und die Leiche zu unseren Füßen, wohl bedacht, nicht in die Blutlache zu treten. Ich sehe mit Entsetzen und tiefster Ungläubigkeit, wie Elena sich an seinen Hals schmiegt und er sie innig küsst, ohne seine Schwertspitze einen Augenblick sinken zu lassen. Demonstrativ fährt seine freie Linke über ihren Busen und durch ihr loses Haar. Sie lacht entzückt und erwidert sein Spiel, wobei sie mir vernichtende Blicke zuwirft. Armenius lässt alsdann von ihr ab und wendet sich wieder mir zu. In diesen beschämenden Momenten hatte ich mich keinen Zentimeter rühren können. Draußen kommt jetzt Lärm auf, es klingt als wäre ein Soldatenkommando drauf und dran, in mein Haus einzudringen. Glas geht klirrend zu Bruch, Rufe dringen zu uns herauf.<br />
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"So kann es gehen, Marvin. Altes Eisen wird irgendwann brüchig und muss neuem Metall weichen." Armenius streichelt versonnen Elenas Hüfte, und hebt sein Schwert ein wenig in einer allumfassenden Geste. "Du bist verrostetes, altes Eisen, Marvin. Ich persönlich jedoch zähle mich nicht dazu. Unmöglich die Vorstellung, dass diese *piep* von Vergangenheitsbewältigung meinem Vater die Idee eines älteren Sohnes einpflanzen könnte! Ein Thronerbe, der wahrer sein würde als ich, Armenius!" Er wird wieder ernst, sein Blick wandert zu seinem Vater. "Nein, so etwas kann nicht geschehen. Die Dinge müssen ihren vorbestimmten Lauf nehmen, das Land braucht klare Strukturen! Doch er wollte nicht hören." Für einen kurzen Moment entgleitet ihm die Kontrolle über seine Stimme. "Du wolltest ja nicht hören, Vater! Nicht! Hören!" Er brüllt die letzten Worte förmlich und tritt mit einem Fuß nach der Leiche. Im nächsten Augenblick hat er sich wieder gefangen und heftet seinen Blick erneut auf mich. Irgendwo unten zersplittert eine Tür und Kochgeschirr wird scheppernd auf dem Boden ausgeleert.<br />
<br />
Ich muss es versuchen. "Armenius. Ich kann Deinen Schmerz verstehen...! Ich flehe Dich an... sage mir, was ich tun kann! Verschone meine Frau und mache mit mir, was Du willst!". Sehr wohl bemerke ich das Flackern in Elenas Blick. Ist es ein Schauspiel? Ist es etwa trotz alledem Angst?<br />
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"Ha ha! Das ist wirklich äußerst ritterlich von Dir, Du Trottel.", lacht Armenius keckernd. "Doch weißt Du... nachdem Deine kleine Hübsche hier ihren ersten Anschlag auf meinen Vater so jämmerlich vergeigt hat...", er stößt sie von sich, "... und sie beim zweiten Mal nur einen DOPPELGÄNGER erwischte und außerdem mit zu viel Wissen über mich hervorging..." <br />
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Ich erkenne sofort die typische Bewegung seines Schwertarms. "Nein, Armenius!" brülle ich, doch zu spät. <br />
<br />
"... kann ich sie einfach nicht mehr ausstehen!" Mit einem feuchten Ratschen fährt seine Klinge mitten durch den Brustkorb Elenas. Sofort entweicht ihr Atem in einem letzten Seufzer, ihr Blick liegt gläsern und trauernd auf mir. Wie ein Stein fällt sie zu Boden. <br />
<br />
Armenius seufzt tragisch und wischt sein Schwert am Ärmel seines Vaters sauber. "Weißt Du, Marvin...", er schaut zu mir hoch, ganz der weise Lehrer vor einer Kleinkinderschulklasse. Gähnende Taubheit macht sich in meiner Seele breit. "... sie war eine sehr ehrbare Frau. Hat sie Dir erzählt, dass sie mit ihren Attentaten Dein Leben retten wollte? Das hoffe ich doch sehr, jetzt wo sie tot ist. Siehst Du, eigentlich wollte ich Dich einfach als Mörder meines Vaters arrangieren...", er grinst breit. "... Du kennst die Methoden. Jedenfalls - sie überzeugte mich, stattdessen sie auszusenden, damit sie die Aufgabe ohne Hinweise auf Dich erledigen könnte. Ein anonymer Auftragsmörder sozusagen. Die Idee gefiel mir und ich ließ mich in vielen Nächten mit ihr davon überzeugen." Er steht seufzend auf. "Doch tragisch, tragisch... sie hat es versaut. Mein Vater hat den Braten gerochen und hinter meinem Rücken einen Doppelgänger eingesetzt. Nun wusste er mit Sicherheit, dass nicht Du der Verdächtige bist." Armenius breitet die Arme aus, als träfe ihn keine Schuld. "Ich musste handeln! Natürlich wollte mein Vater Dich möglichst bald über diesen miesen Plan aufklären, weshalb ich ihm hierher folgte. Wie praktisch kam mir da der Aberglaube Deiner Frau zu Gute. Sie muss im Anblick eines tot geglaubten die Fassung verloren haben!" Er lacht leise und schüttelt den Kopf. "Wenn das nicht eine Fügung des Schicksals ist! Jedenfalls blieb mir die unangenehme Arbeit erspart." Er deutet auf die Mordwaffe im Leibe des Imperators. "Erkennst Du die Klinge? Ja, Marvin, es ist Deine. Dein Plan war wirklich ausgereift und all die Jahre hast Du auf diesen Moment gewartet."<br />
<br />
Getrappel von vielen schweren Männern ist nun auf der Treppe zu hören. Armenius richtet sich zu voller Größe auf, zeigt mit dem Schwert auf meinen Kopf und brüllt: "Elender Verräter und Mörder! Festsetzen, im Namen des Imperators!"<br />
<br />
Mehrere gerüstete Männer fixieren meine Arme. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Das war es dann wohl. Ruhe in Frieden, Elena. Was tut man nicht alles für die Liebe...</span> denke ich noch, bevor mir jemand mit einem Schlag auf den Hinterkopf das Bewusstsein nimmt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Story:<br />
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Was tut man nicht alles für die Liebe? Die Frage nagt an ihr wie eine Ratte an einem zähen Stück Abfall, während sie von Schatten zu Schatten schleicht. Barfuß verursacht sie quasi kein Geräusch. Ihre Rechte umklammert den Dolch schon seit ihrem Aufbruch, als würde sie ihn verlieren, sollte sie den Griff nur geringfügig lockern. Vergangener Regen hat dreckige Pfützen auf ihrem Weg hinterlassen und wie die Werte ihrer Vergangenheit tritt sie diese nun mit Füßen. Statt des nächtlichen und sternenlosen Himmels zeigen ihre Oberflächen nun nur noch Chaos mit Bruchstücken eines jungen Mondes.<br />
<br />
Er ist pünktlich. Natürlich. Ein Mann von seinem Kaliber kann es sich nicht leisten, nicht perfekt zu sein. Dennoch ist er alt und hört nicht mehr so gut. Im nächsten Augenblick ist sie hinter ihm und stößt das kalte Metall in seinen Leib. Kein Gedanke existierte in ihrem Geist. Dann realisiert sie plötzlich mit Grauen, dass er keinen Ton von sich gegeben hat, während er zu Boden sackte. Sein Gesicht liegt zur Hälfte in einer gammligen Wasserlache, die sich nun langsam von seinem Blut tiefrot färbt. Er sieht aus wie ein ganz normaler Mensch aus Fleisch und Blut. Voller Entsetzen starrt sie erst auf ihn, dann auf die Waffe in ihrer Hand und rennt Hals über Kopf in die stumme Nacht hinaus.<br />
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Die Sonne hat ihre Finger noch nicht auf den Boden der Gassen Roms ausgestreckt, als Armenius, ältester Sohn des Imperators und Thronerbe eines mittlerweile alten Mannes, stolzen Schrittes die Stufen zu den Tagungsräumlichkeiten des Palastes emporsteigt. Die Türen öffnen sich für ihn, und er schreitet in die Kühle des Gemäuers, als brächte er dem Winter die Nachricht von Frühling. Seine stolze Körperhaltung war noch nie etwas, worauf er sich konzentrieren musste. Er, Armenius, war geboren, um die Macht seines Vaters fortzuführen und auszubauen. Diese Gewissheit ist unumstößlich, seit seinem ersten Atemzug. Der Stolz war jeher Teil seines Seins, wie auch sein Herzschlag. Der Gipfel seines Wunders ist nur noch eine Frage der Zeit. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel.<br />
<br />
Schon bevor er die große Tür des geräumigsten Besprechungssaales erreicht, dringen die aufgebrachten Stimmen des engsten Beratungskreises des Imperators zu ihm durch. Die Ereignisse der vergangenen Nacht halten viele Verantwortliche Leute seit den frühesten Morgenstunden in hellster Aufregung. Und vor allem Sorge. Sein Vater hatte sich in seiner greisen Unvorsichtigkeit in große Gefahr begeben. Armenius stößt mit einer ausholenden Bewegung beide Türflügel auf und betritt den Raum. Einen Augenblick herrscht höfliche Stille, den Tisch umstehende Bedienstete verneigen sich geräuschlos. Einen Moment später nimmt die laufende Diskussion ihren Fortgang. Neben seinem eigenen Stuhl sind noch zwei weitere unbesetzt. Sein Vater wohnt den Tagungen nur noch selten bei. Der zweite Stuhl gehört dem Hauptmann der persönlichen Leibgarde des Imperators und Armenius hatte dafür Sorge getragen, dass er heute nicht anwesend sein würde. Mit geschulter Aufmerksamkeit verschafft er sich nun einen Überblick über den Fortschritt des Themas, während er sich setzt und sich einen Kelch Rotwein reichen lässt.<br />
<br />
"... er nun nicht hier ist, jawohl!", schmettert soeben Ensontus, Schatzmeister und König der Geizigen. Sein rundes, geschwollenes Gesicht ist purpurrot vor Erregung. Seine Stimme hat Ähnlichkeit mit seinen wabbelnden Oberarmen. Sein Gegenüber, grau im Haar und Verstand, schüttelte müde den Kopf und winkt immer wieder ab. Armenius rechnete jeden Tag damit, dass Halmetias, Haus- und Hofmeister, von jetzt auf gleich seinem schwachen Herzen erliegen würde. <br />
<br />
"Nein, nein... Ihr könnt doch nicht jede Gelegenheit am Schopfe packen...", er hustet grauenvoll, und fährt dann fort: "... um den Verdacht jedem in die Schuhe zu schieben, der sich gerade nicht Verteidigen kann!" Ensontus springt auf, geht unruhig und wild Gestikulierend ein paar Schritte auf und ab. <br />
<br />
"Wenn dem so wäre, hätten es viele böse Menschen auf dieser Welt wirklich sehr einfach!", schnaubt er. "Wir können unmöglich die Tatsachen leugnen, die die aktuelle Rechnung eindeutig ins Negative fallen lassen...! Marvin ist der einzige Mitwissende bei solchen Treffen, nur ihm sind Zeit und Ort bekannt. Sollte ein Meister des Fachs ausgerechnet kurz vor dem Termin und am betreffenden Ort etwa ZUFÄLLIG", er wirft die Arme in die Luft und Armenius schaut rechtzeitig weg, " dort aufgekreuzt und sich über den netten Fang gefreut haben?!" Er lacht nervös. "Und wie soll er ihn erkannt haben? Unser Herr hüllt sich zu solchen Anlässen in dreckige Lumpen!"<br />
<br />
"Wenn Marvin als Einziger davon weiß, wäre er dumm gewesen, die Möglichkeit zu nutzen.", kontert Halmetius trocken, ohne aufzublicken. Einen Augenblick lang sagt niemand etwas. Jeder weiß, dass Marvin oft nicht über die Spitze seines Gladius' hinaus denkt. Armenius seufzt hörbar.<br />
<br />
"Sein Fehlen heute verstärkt den Verdacht.", wirft er ein. Seine Stimme klingt wie immer zentriert und kühl. Daran hatte er lange gefeilt. Innerlich gratuliert er sich zu diesem gelungenen Tagesanfang. "Er muss aufgespürt und überwacht werden." Einen kleinen Schluck Wein nehmend fügt er hinzu: "Überlasst das mir. Ich kenne seine Leute ganz gut. Ihr hingegen solltet euch besser um den ordnungsgemäßen Ablauf der symbolischen Prozession heute kümmern. Ich möchte keine peinlichen Vorkommnisse erleben, verstanden? Mein Vater räumt mit dieser Abreise mit seiner Vergangenheit auf, da darf nur die Sonne ihre Finger im Spiel haben!" Zufrieden nimmt er allgemeines, unterwürfiges Kopfnicken zur Kenntnis. Betont lässig lehnt er sich ein wenig zurück. "Gut. Was gibt es sonst noch zu besprechen?"<br />
<br />
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<br />
Der Moment, kurz bevor die Sinne die Traumwelt verlassen und sich in das Hier und Jetzt begeben: Dieser Augenblick ist es, dem sich nun der Duft Elenas hinzufügt und mich mit dem Gefühl äußersten Glückes erwachen lässt. Einen Augenblicke nehme ich sie mit geschlossenen Augen war, spüre ihre sanfte Haut an mir, ihre Wärme um mich herum. Sanft berühren ihre Lippen meine Stirn und vertreiben die restlichen Geister der Nacht. Langsam kreist ihre Hüfte auf der meinen und ich schlage endlich die Augen auf. Umgeben von ihren blonden Locken blicken ihre dunklen Augen auf mich herab, die Lust steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ich streichle sie und fahre mit meinen Fingerspitzen in gewohnten Linien ihr Körperprofil entlang.<br />
<br />
"Guten Morgen, mein Gebieter", säuselt sie, leicht gepresst. "Du musst meine Ungeduld verzeihen. Das Leinentuch konnte Dein Versprechen einfach nicht verbergen und ich bin...", sie seufzt innig, "... doch so ungeduldig..." Ich lache leise und genieße die wohlige Wärme unserer Liebe. <br />
<br />
Kurze Zeit später lasse ich mir nach einem kurzen Bad von ihr in meine Uniform helfen. Routiniert ziehen ihre schmalen Finger Riemen und Gurte fest. Auf die vielen Jahre unseres gemeinsamen Lebens zurückblickend empfinde ich tiefe Dankbarkeit und muss meinen Blick immer wieder in ihren Augen ruhen lassen. Täusche ich mich, oder ist sie heute besonders aufgeregt? Kein Wunder, denke ich bei mir. Der Imperator würde eine längere Reise antreten, die allgemein als eine aufklärende, im hohen Alter des Mannes erläuternde Maßnahme gepriesen wurde. Im Grunde bedeutete es nichts anderes, als dass er sich in höfische Gesellschaft einer Dame begeben würde, mit der er sich Gerüchten zu Folge in jungen Jahren einmal etwas inniger begeben hatte. Frecheren Gerüchten zu Folge haben sie damals nicht nur Händchen gehalten. Einige gehen sogar soweit zu behaupten, dass dieser Beziehung zueinander auch ein Kind entsprungen wäre. Natürlich sind diese Lügen reiner Frevel, da Armenius' Position als ältester Sohn unanfechtbar ist. Doch leumderische Spekulation ist in der Politik Roms nicht wegzudenken und so wird dieser Tatsache mehr Gewicht beigemessen, als nötig.<br />
<br />
Schmerzlich werde ich mir bewusst, dass mich meine Rolle in diesem öffentlichen Schauspiel viele Wochen von meiner Frau fernhalten würde. Fortan würde ich jeden Schritt meines alten Freundes, dem wichtigsten Mann des Reiches, an dessen Seite begleiten. Mein Leib wäre wie immer seine Versicherung vor dem vorzeitigen Tode. Mehr als 20 Jahre ist es nun her, als er mich zu seinem ersten Vertrauten machte.<br />
<br />
Bevor ich unser Haus verlasse, tausche ich noch innige Küsse und noch innigere Versprechen mit Elena. Mein Gesicht zeigt bereits die professionelle Maske eines unerschütterlichen Mannes.<br />
<br />
"Die unruhige See vermisst ihren Anker schon jetzt...", flüstert sie mir noch ins Ohr. Ein Grinsen kämpft mit meiner Mimik aus Stein. <br />
<br />
Erst als ich den Palast erreiche und Aufstellung beziehe, wird mir der Widerspruch in ihren Worten bewusst. Klang es in ihrem Munde nicht doch ziemlich endgültig...?<br />
<br />
Eine bekannte Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. "Marvin! Bei den Göttern, da bist Du ja endlich!" Temmanus, Zeremonienmeister, viel zu schnell für die vielen Stufen unter ihm, kommt auf mich zugeflogen. Er wirkt vollkommen aufgebracht. Alarmiert greife ich automatisch zum Gladius an meiner Seite. "Was ist denn los, mein König der Zeremonie?" rufe ich belustigt zurück, um meine Anspannung zu überspielen. Außer Atem kommt er vor mir zum stehen und bringt seine Gewänder wieder in Ordnung.<br />
<br />
"Der Sohn unseres Herren persönlich ist auf der Suche nach Dir. Du musst ihn nur knapp verpasst haben..." Temmanus runzelt die Stirn. "Eigentlich merkwürdig, er ist doch eben erst..."<br />
<br />
"Was ist denn los?", unterbreche ich ihn ungeduldig. Wenn Armenius etwas wichtig war, dann hieß es meist nichts Gutes. Mein Gegenüber schaut mich überrascht an.<br />
<br />
"Sag bloß', Du weißt es noch nicht?" ruft er mit einem kurzen Blick zu den Göttern über uns. "Dein Freund, der vermaledeite Imperator höchstpersönlich, ist in der Nacht angegriffen worden!" Er packt meine Schultern und meine Rüstung klappert ein wenig. "Angegriffen!! Während er sich wiedermal außerhalb geschäftlich traf. Mit einem Dolch, bei den Göttern!"<br />
<br />
"Beruhige Dich, Temmanus!" Ich streife seine Arme von meinen Schultern und nehme ihn mir stattdessen zur Seite. Angegriffen hieß nicht getötet. Mit gedämpfter Stimme rede ich nun ernst auf ihn ein. "Das kann unmöglich sein. Er nennt mir immer genau Zeit und Ort seiner Ausflüge. Ich habe nichts davon gewusst. Warum wurde ich nicht informiert?"<br />
<br />
"K.. keine Ahnung...!" Temmanus zuckt verzweifelt mit den Schultern. "Ich hätte gedacht, dass Du der Erste wärst, den man informieren würde."<br />
<br />
"Hätte man. Wenn nicht schon dieses Treffen nicht äußerst merkwürdig wäre." Tiefe Sorge krallt sich in meinem Herz fest. Wenn Er mich nicht informiert hat, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder Er wollte nicht, dass ich im Bilde bin, oder der Ausflug war nicht Seine eigene Entscheidung gewesen. Dass bis jetzt niemand den Weg zu mir gefunden hatte, ließ darauf schließen, dass mich jemand aus dem engsten Kreise der Verantwortlichen absichtlich außen vor ließ. "Wo ist er jetzt?", flüstere ich gedämpft und mit Seitenblicken auf vorbeieilende Personen. "Wie ist sein Zustand?"<br />
<br />
Temmanus lacht heiser auf. "Woher soll ich das wissen? Er wurde augenblicklich isoliert und keiner kommt zu Ihm rein oder raus. Bei den Göttern, wahrscheinlich hinterfragt man zurzeit sogar die Luft, die Er atmet." Er strafft seine Schultern. "Tut mir leid, Marvin. Ich kann hier nicht weiter mit Dir spekulieren. Sieh' zu, dass Du Deinen Hintern aus diesem Mist manövrierst und vor allem sorge dafür, dass meine Zeremonie heute nicht platzt!!" Und schon stolpert er weiter in Richtung Tempel. Einen Augenblick sehe ich ihm mit tiefen Sorgenfalten im Gesicht nach, dann geht ein Ruck durch meine Eingeweide und ich stürme in voller Montur die Treppe hinauf. Temmanus mochte nicht wissen, wo der Imperator verwahrt wurde, doch ich kenne die militärischen Strichlisten. Wenige Sekunden später stehe ich schweißgebadet vor einer massiven Tür, bewacht von drei Soldaten in voller Rüstung und mit Speeren. Ich mache Anstalten, die Tür zu öffnen, als mich einer von ihnen grob zurückhält. Ungläubig wende ich mich ihm zu und will meiner Empörung ob der Rangverletzung Luft machen, als der Typ mir kühl zuvorkommt.<br />
<br />
"Anweisung von Armenius selbst. Niemand darf durch. Auch Ihr nicht, Hauptmann." Er grinst verschmitzt und fügt hinzu. "Besonders ihr nicht."<br />
<br />
Einen kurzen Moment lang habe ich das Gefühl, meine Sicht würde sich tunnelartig nur auf die sich bewegenden Lippen dieses Kerls beschränken. Dann macht etwas in mir ein Geräusch wie ein brechender, trockener Zweig.<br />
<br />
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<br />
Der Imperator erkennt die Stimme seines Freundes auch durch die massive Tür sofort. Trotz der enormen Schmerzen in seiner rechten Seite richtet er sich ein wenig in den großen Kissen des ausladenden Bettes auf und zwingt seine Mimik dazu, entspannt und sorgenfrei zu wirken. Auch unter diesen Umständen gelingt es ihm wie immer sehr überzeugend. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Wachen nur provisorisch die Tür schützen würden. Sein Sohn hatte im Hinblick auf Marvin noch viel zu lernen. Zum Glück war er rechtzeitig mit der Besprechung an seinem Bett fertig geworden. Die Sache ist kompliziert.<br />
<br />
Eine Erschütterung lässt kleine Holzsplitter vom Türrahmen rieseln. Der zweite Schlag ist so heftig, dass das Schloss ein empörtes Kreischen von sich gibt. Einen Moment später zersplittert es, die Tür schwingt auf und kracht an die Wand. Hindurch fliegt im hohen Bogen ein Mann in Rüstung. Ohne Zweifel einer der Soldaten. Wimmernd rappelt sich der junge Mann auf und weicht rückwärts in den Raum zurück. Durch die Tür tritt nun Marvin, tiefe Zornesröte im Gesicht. Sein Gesicht wendet sich dem Imperator zu und große Erleichterung entspannt es nahezu augenblicklich wieder.<br />
<br />
"Raus, Rotzbengel!" pöbelt er noch in Richtung des Soldaten, welcher klappernd die Beine in die Hand nimmt. Marvin tritt alsdann an das Bett heran und lässt sich auf ein Knie nieder. Große Reue zeichnet sein Gesicht. Aber Marvin ist kein guter Schauspieler, weshalb dem Imperator auch die gebändigte Wut eines hintergangenen Kindes auffällt. "Mein Gebieter. Verzeiht mir mein Versagen. Ich finde keine Worte für das Glück, welches ich ob Eurer augenscheinlichen Unversehrtheit empfinde."<br />
<br />
"Marvin." Der Imperator lächelt ein professionelles, gütiges Lächeln. "Du hättest wenigstens anklopfen können. Steh' doch bitte auf, also wirklich." Der grobschlächtige Mann kann die vielen Fragen nicht aus seinem Gesicht heraushalten, räuspert sich und nimmt Habachtstellung ein. Trotz dass sie seit vielen Jahren Freunde waren, hatten sie zwischen sich stets die nötige Distanz der Unantastbarkeit gewahrt. "Gut dass Du hier bist. Deinem Fehlen heute Nacht entnehme ich, dass meine letzten Worte Dich nicht erreicht haben. Und weiter, dass sie stattdessen eine falsche Person erreichten." Er mustert das Gesicht des Hauptmanns. War sein Freund nervös? Die Mimik verriet erstaunlich wenig, Marvin schien wütender als gedacht.<br />
<br />
"Mein Gebieter, ich..."<br />
<br />
"Verschone mich, Marvin", unterbricht er ihn. "Was Du sagst, ändert nichts daran, was bereits geschehen ist." Er seufzt, fühlt sich so müde... "Ich bin den Göttern dankbar, dass sie mich verschont haben. Warum auch immer sie das tun. Meine oberste Priorität ist nun, Gerüchte zu vermeiden. Ich werde die Reise antreten. Was geschehen ist, ist nur noch Lüge."<br />
<br />
"Ja, Herr." Marvin nickt. Vermutlich hatte er nichts anderes erwartet. 20 Jahre hin oder her, man lernt sich kennen. Würde genau das den Plan gefährden...?<br />
<br />
"Gehe nun. Sorge dafür, dass keine weiteren Dolche den Weg in mich finden. Ich habe wirklich andere Interessen, als wie ein Hund abgestochen zu werden." Marvin nickt erneut und wendet sich zum gehen, wobei er penibel den verstreuten Teilen des Türrahmens ausweicht. "Marvin...", setzt er noch hinzu...<br />
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"... eines noch, für den Weg:"<br />
Ich halte inne, ohne mich umzudrehen. "Traue nicht Deinen Augen, suche die Wahrheit im Herzen." Na toll. Neben unbeantworteten Fragen - die ich immer gehasst habe - jetzt auch noch kluge Sprüche. Die lange Freundschaft scheint ihm wohl zu Kopf zu steigen. Still fluchend verlasse ich den Raum, werfe finstere Blicke auf die verbliebenen Wachen vor der Tür, und mache mich auf den Weg nach draußen. Ich habe noch jede Menge Leute zu konstruieren.<br />
<br />
Stunden später: Es ist bereits Nachmittag und die Sonne brennt erbarmungslos alles nieder, was nicht irgendwie vor ihr geschützt ist. In mir ist nach und nach die Gewissheit herangereift, dass mir wegen dieser Sache mehr Aufmerksamkeit gezollt wird, als mir lieb sein kann. Die zwei mich verfolgenden Kapuzenleute machen ihre Arbeit eher schlecht als recht. Doch auch sind die Blicke von Ensontus und die sicher freundschaftlich gemeinten Kommentare von Halmetias äußerst alarmierend. Ich werde verdächtigt. Ausgerechnet ich stand im Verdacht, den Imperator ans Leder zu wollen. Man hielt mich augenscheinlich für dümmer, als ich bisher gedacht hatte. Unter anderen Umständen hätte mir das zum Vorteil gereicht, doch die Beweislage war erdrückend. Wie konnte die Information, die jahrzehntelang sicher zu mir herangetragen worden war, diesmal in den falschen Rachen gekommen sein?<br />
<br />
Mit knirschenden Zähnen verfolge ich, wie die Prozession Aufstellung bezieht. Natürlich hat Temmanus alles ganz genau durchgeplant und der klapprige Mann gibt sich alle Mühe, diesen Plan auch umgesetzt zu sehen. Den ganzen Tag schon war er hin- und her gerannt, hatte die Position von Gestecken korrigiert, Leute anders aufgestellt, sich über meine Männer aufgeregt, die nun aber überall und voll gerüstet in der Nähe stehen mussten - auch wenn nicht zu seiner Dekoration passend. Langsam nimmt die ganze Sache Gestalt an und ich begebe mich endlich an meinen Platz, im zweiten Drittel des Feierzuges, eingeschlossen von lockeren Reihen meiner Männer, gemischt mit freien Plätzen für die hohen Adligen. An meiner Seite ist auf dem Boden mit Kreide ein Lorbeerkranz gezeichnet. Hier würde der Imperator selbst Position beziehen und genau hier bleibe ich stehen und warte.<br />
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Die Sicht ist perfekt. Die Gasse unter ihr präsentiert sich ihr in einer wunderbaren Kurve. Hier würde die Menschenmenge zu Langsamkeit gezwungen und unübersichtlich werden. Die Häuser hatten allesamt mehr als ein Stockwerk und viele, viele Fenster. Sie hätte an jedem von ihnen lauern können.<br />
<br />
Das hölzerne Wunderwerk in ihren Händen hat nichts mehr mit dem kalten Eisen gemein, welches sie wenige Stunden zuvor mit rasendem Herzen in einem Busch entsorgt hatte. Es muss ein Vermögen wert sein und sie kann regelrecht fühlen, wie der Wert dieser Waffe einen sicheren Tod garantierte. Scham überkommt sie plötzlich wie ein Schauer. Sie hatte mehr gewagt, als sie verantworten kann und hatte versagt. Nun  bedient sie sich eines geschenkten Werkzeugs, dass sie nicht verdient hat und welches ihre Unfähigkeit kaschieren würde.<br />
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Doch was tut man nicht alles für die Liebe? Geduldig macht sie es sich bequem und sucht ihre Gedanken zu betäuben.<br />
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Hektik kommt auf, doch ich widerstehe der Versuchung, mich suchend umzusehen. Er ist immer pünktlich. Als sich der Zug langsam in Bewegung setzt bin ich daher wenig überrascht, seine Präsenz neben mir zu spüren. Sie hatten die Prozession aus Menschen auf dem Vorplatz des Palastes zusammengebaut. Nun würden wir geschlossen den Platz verlassen, uns ein paar hundert Meter durch die Straßen des Adligenviertels bewegen und uns daraufhin in die engeren Gassen der Mittelständler einfädeln. Das würde die Zeit sein, in der ich keinen Augenblick auch nur blinzeln durfte. Es wird kein Wort gesprochen, nur die Musikanten tönen sowohl am Anfang als auch am Ende des Zuges eine muntere, abenteuerlustige Weise. Der Imperator auf seiner letzten Reise, dieses Mal in die Vergangenheit, mit dem Ziel der reifen Läuterung. Die Dame seines Aufenthalts konnte sich wohl kaum mehr Aufmerksamkeit gewiss sein. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.<br />
<br />
Endlos langsam bahnt sich die empfindliche und bis an die Zähne bewachte Menschengruppe einen äußerst penibel erdachten Weg durch die Stadt. Die großen Häuser werden nach und nach ein wenig kleiner, scheinen sich mehr und mehr zu ducken und an Glanz zu verlieren. Schließlich passieren wir das Tor zur grauen Zone, wie ich sie gerne nenne. Die beiden großen Flügel aus massiver Eiche liegen fest verankert in einer alten, nicht weniger massiven Steinmauer. Sie sind mit hunderten von Blumensträußen und Gestecken geschmückt, Frauen in weißen und roten Gewändern säumen die Brustwehr darüber und streuen Blütenblätter auf die Hindurch schreitenden. Schon von hier aus kann ich die erregte Menge des Volkes dahinter hören. Sie jubeln und grölen, blasen Sinn und Zweck dieses ganzen Spektakels zu seiner gewünschten Größe auf und verpassen der Aktion die nötige Selbstverständlichkeit, um nicht lächerlich zu erscheinen. Schon passiere ich an der Seite des Imperators das Mauerwerk und als wir wieder in den Sonnenschein treten ist es, als brandete ein Meer aus Lärm und zuckenden Menschenkörpern an die Absperrungen längs unseres Weges. Unwillkürlich legt sich ein dünner Schweißfilm auf meine Stirn und mein Blick streift zügig und gewohnt penibel von links nach rechts und wieder zurück.<br />
<br />
Die Straße verengt sich langsam zu einer Gasse, die Menge rückt spürbar näher und teilweise trennt uns nur eine Armlänge der absperrenden Soldaten von den ausgestreckten Händen des Volkes. Weitere Blumen und andere Symbole der Fruchtbarkeit und Versöhnung regnen auf uns herab. In meinem Blickfeld liegen Häuserfassaden mit beunruhigend vielen Fenstern, scharfe Schatten säumen Hauseingänge und Dachterrassen. Ich habe derlei öffentliche Präsentationen schon immer verabscheut. Sie provozieren das Unvermeidliche und bieten tausende Möglichkeiten für die bösartigen Menschen dieser Welt. Doch wie heißt es so schön: Das Volk kennt nur, was ihm nah ist. Doch ich bin äußerst gut vorbereitet. Nahezu 150 hocheffiziente Männer habe ich in einem lückenlosen Netz in und um den Zug herum verteilt. Ein Drittel von ihnen bewegt sich in zivil unter und hinter der wogenden Menge, der Rest läuft Schulter an Schulter mit den priorisierten Personen im Zug selbst mit.<br />
<br />
Die Sicht nach Vorn wird durch eine langgestreckte Biegung der Gasse versperrt. Der Zug staut sich unmerklich und ich bedeute den Aufstellungen hinter mir, langsamer zu werden. Die Blasmusik wird blechern von den hohen Wänden der Häuser zurückgeworfen, die nun dicht an dicht den Weg säumen. Die helle Farbe der Mauern wirft das Sonnenlicht zurück und blendet heimtückisch. Mein Blick ist unablässig auf die Fenster gerichtet. Mehrere sind geöffnet und überall lehnen sich Menschen daraus hervor um einen expliziten Blick zu genießen. Gerade taxiere ich erneut die die Situation weiter vorn in der Prozession, als ein Aufblitzen in einem der Fenster auf einen Schlag alle meine Muskeln anspannt. Innerhalb eines Sekundenbruchteils mache ich einen halben Schritt vor den Imperator und packe Ihn unsichtbar für die Menge hinter meinem Rücken am Handgelenk, zwinge Ihn so hinter mich. Einige meiner Leute haben meine Blickrichtung sofort erkannt und bewegen sich auf den betreffenden Hauseingang zu. Die Prozession fährt fort, ohne dass meine Unruhe weiter erkannt wird. Unverwandt blicke ich auf das Fenster. Ist dort nicht eine Silhouette, ein Schatten zu sehen? Die Soldaten verschwinden unauffällig im Inneren des Hauses. Prompt verschwindet der Schatten. Meine Leute würden jeden sofort festnehmen, der sich nun aus dem Haus absetzte. Nach und nach würden sie daraufhin die Wohnungen durchsuchen und die Liste der Gefangenen unverblümt erweitern. Wenn das hier alles vorbei ist, würde ich sie mir alle der Reihe nach in aller Ruhe zu Gemüte führen. Nackt, um Gnade windelnd und geschändet.<br />
<br />
Zunehmend entspannter trete ich wieder an die Seite meiner Schutzperson und riskiere einen Blick in Dessen Gesicht. Sein rigoros geschmückter Helm wirft tiefe Schatten auf Seine Züge dennoch erkenne ich darin mehr Angst, als ich meinem Freund zugemutet hätte. Und plötzlich erstarre ich mitten in der Bewegung. In einer Welle des größten Entsetzens bemerke ich nun, dass mein Herr nach Luft ringt und im nächsten Augenblick einen Sturzbach aus Blut über Seine golden schimmernde Rüstung erbricht. Gerade noch kann ich nach Ihm greifen, als auch schon seine Beine nachgeben. Schlaff fällt sein Körper in meine Arme, sein Kopfschmuck rollt zu Boden und verteilt Blüten und Federn auf lehmigen Boden. Ein schockiertes Stöhnen geht durch die Menge um uns herum und nahezu sofort ist die Prozession in Auflösung begriffen. Entsetzte Schreie und laute Kommandos sind zu hören, doch ich kann den Blick nicht heben. Zu Stein erstarrt ist mein Körper und meine Seele. All die vielen Jahre habe ich mein Leben für Seines geben wollen, doch innerhalb eines Augenblicks habe ich meine Chance verpasst. Ich habe sie verstreichen lassen und mein ältester Freund, der mächtigste Mann des Reiches, hat mit Seinem Leben dafür bezahlt.<br />
<br />
Eine unbestimmte Panik ergreift mich. Unfähig, logische Gedanken zu fassen, springe ich auf, hebe den toten Körper empor und setze unseren Weg fort. Er würde seine Reise antreten. Er würde nicht weichen. Auch nicht vor dem Tode. Es lebe der Imperator!<br />
<br />
Schreckensbleich weicht die Menge vor mir zurück, bildet eine Schneise, stetig wandelnd, mir immer ein paar Schritte voraus. Ich bemerke nicht die salzigen Tränen, die den Staub auf meinem Gesicht in dunkelgraue Rinnsale der Trauer verwandeln. Mir entgehen die gepressten Mienen meiner Männer, unschlüssig, ob sie mich zurückhalten oder wandeln lassen sollten. Unter meiner mächtigen Rüstung erbebt mein Körper, wird vom Schluchzen geschüttelt. Weiter trage ich meinen alten Freund, weiter, immer weiter. Noch einen Schritt, es kann nicht mehr weit sein. Noch einen Schritt...<br />
<br />
Als mich besinnungslose Schwärze zu umnebeln beginnt, und meine Beine nachzugeben scheinen, schält sich ein vertrautes Gesicht aus der Finsternis. "Marvin", flüstert Elenas Stimme. "Mein Gebieter. Lass' ihn gehen. Komm' mit mir. Alles wird gut."<br />
<br />
<br />
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<br />
<br />
Der Moment, kurz bevor die Sinne die Traumwelt verlassen und sich in das Hier und Jetzt begeben: Dieser Augenblick ist es, der sich mir nun als der wahrhaftige Albtraum zeigt. Das, worin ich erwache, ist die Gegenwart und sie zeugt von einem Geschehnis, welches nie hätte passieren dürfen. Ich spüre die Angst eines Kleinkindes in mir, bin unfähig, die Augen zu öffnen. Der Duft Elenas jedoch ist bei mir, ich spüre ihre Nähe, als wäre es wieder der heutige Morgen. Nun küsst sie sanft meinen Mund und ich blinzle trotz allem: Kerzenschein, ein vertrautes Zimmer. Wir sind daheim. Es ist Abend.<br />
<br />
"Ich..." beginne ich leise, "... ich kann das nicht ertragen, Elena...! Wie konnte das passieren? Wie konnte es nur??" Verzweifelt vergrabe ich mein Gesicht in den Händen. Die Tränen scheinen versiegt, in mir herrscht bleierne Leere.<br />
<br />
"Geliebter Schatz..." Elena. Sie sitzt neben mir auf der Bettkannte und reinigt mit einem feuchten Leinentuch mein Gesicht, wofür sie meine Hände fortnimmt und mir in die Augen sieht. "Du konntest nichts dafür, Dich trifft keine Schuld. Du konntest Dich nur auf eine Gefahr zurzeit konzentrieren." Sanft lächelnd tupft sie über mein Gesicht. "Mache Dir keine Vorwürfe, mein Gebieter. Dein alter Freund verdankte Dir bereits nahezu ein halbes Leben der besten Sicherheit. Es war nur eine Frage der Zeit...! Du hast getan, was getan werden konnte. Er wird Dir auf ewig dankbar sein."<br />
<br />
Ich unterdrücke den Widerwillen, den ihre Worte in mir hervorrufen. Noch bin ich nicht in der Lage, sie zu akzeptieren. Sein Tod war nur möglich gewesen, weil mein Körper nicht dort war, wo er hingehörte: Nämlich zwischen den Imperator und... Ja, was eigentlich? Hatte ihn jemand erstochen? "Elena... weißt Du zufällig, wie er..." meine Stimme bricht, als steckte ich ihm tiefsten Stimmenbruch.<br />
<br />
"Den Gerüchten nach zu urteilen, war es ein Armbrustbolzen. Gefeuert aus einer Waffe höchster Qualität. Nur so soll es möglich gewesen sein, die Rüstung des Imperators zu durchdringen." Sie blickt mir ernst in die Augen. "Eine Armbrust kann man nicht aufhalten, Marvin. Ist der Bolzen unterwegs, helfen die schärfsten Sinne nicht mehr." Sie schüttelt sanft den Kopf. "Du hattest keine Möglichkeit, Geliebter."<br />
<br />
Gequält wende ich mich ab. Ihre Worte klingen nach Verrat an meinen Werten, doch mit großer Wut spüre ich, dass sie recht hat. Moderne Waffen übertrumpften die Fähigkeiten eines menschlichen Körpers und übertrafen den geschultesten Sinn um Längen. Graue, schwere Resignation packt mich tief im Herzen und ich sinke kraftlos in mein Kissen zurück.<br />
<br />
"Es ist vorbei, mein geliebter Mond, meine Sterne." flüstere ich tonlos.<br />
<br />
<br />
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<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Der Imperator ist tot. Es lebe der Imperator!</span><br />
<br />
Diese Worte sind so mächtig, dass ihm ein Schauer über den Rücken läuft. Der alte Mann muss unwillkürlich grinsen, was wirklich außerordentlich selten geschieht. Sein Sohn hatte getobt, geschrien und geflucht. Er hatte ihm mit den Fäusten gedroht und sich vor dem zügig einberufenen Geheimrat vollständig zum Narren gemacht. Armenius war noch jung und herrschte mehr über seinen Verstand, denn über sein Herz. Man konnte nur Überlegungen darüber anstellen, warum er mehr erzürnt als erleichtert war, seinen Vater noch lebend zu sehen. Obwohl er sich schnell gefangen und seinen Ausbruch als Ausdruck seines unendlichen Schreckens ob dieses Vorfalls hingestellt hatte.<br />
<br />
Schnell tritt er in den Schatten eines Hauseingangs, blickt nochmals prüfend die in der späten Dämmerung des Abends daliegenden Straße hoch und runter, und verschwindet dann in dem Gebäude. Etwas ungeübt entledigt er sich seines schäbigen Umhangs und hängt ihn an einen Haken neben der Tür. Dann lauscht er angestrengt. Nichts ist zu hören, weshalb er sich weiter ins Innere des Hauses vorarbeitet. Kochstube und Wohnzimmer sind verlassen und dunkel, der Kamin liegt kalt und finster da. Der alte Mann glaubt oben an der Treppe ein schwaches Licht auszumachen und beginnt den Aufstieg. Vorfreude macht sich in ihm breit, und auch ein wenig Sorge. Sein alter Freund würde stinkwütend sein und sich vermutlich verraten fühlen. Doch er würde schnell sehen, dass nicht umsonst mit seinen Gefühlen gespielt wurde.<br />
<br />
Die knarzenden Stufen der alten Treppe mussten ihn verraten haben, denn plötzlich ist eine Frauenstimme zu hören und kurz darauf nähert sich jemand mit einer Kerze. Er hat die letzte Stufe noch nicht erreicht, als sein Blick auf die Frau trifft, welche mit dem Licht herbeieilt. Freundlich lächelnd winkt er ein wenig verlegen Elena zu. Sie pflegte ihn stets bei seinen Besuchen zu empfangen.<br />
<br />
"Sei gegrüßt, Ele..." setzt er an, doch hält verdattert inne. Elena stößt einen erstickten Schrei aus, ihr Gesicht hat die Farbe von Kalk angenommen, die Kerze fällt ihr aus der Hand und es wird stockdunkel. Er kann unsichere Schritte hören, die sich von ihm entfernen. Unschlüssig bleibt er stehen und flucht leise in die Finsternis hinein. "Du hättest es doch wissen müssen... schleichst hier als Geist eines vermeintlich Toten umher..." Er lässt resigniert seine Schultern hängen und wartet. Nicht weit entfernt ist nun der gedämpfte Bariton von Marvin zu hören. Er scheint sich aus einem Bett herauszuarbeiten, es ertönt hastiges Rascheln von Kleidung und das schabende Geräusch von Stahl auf Stahl. Die Situation wird ihm langsam unangenehm.<br />
<br />
"Wer ist dort?", tönt es nun.<br />
<br />
"Marvin, ich bin es. Dein Herr und Gebieter. Ich muss Dir etwas erzählen, hörst Du?" Keine Antwort. Angestrengt horcht er in die Dunkelheit. Hört er wirklich so schlecht? "Erinnerst Du Dich noch, was ic..." Mit einem Mal wird er von den Füßen gerissen und hart an die nächste Wand geworfen. Der Aufprall presst die Luft aus seinen Lungen, im selben Moment wird er an der Wand empor gedrückt, sodass seine Füße im Leeren strampeln. Er spürt heißen Atem auf seinem Gesicht.<br />
<br />
"Der Imperator ist tot, *piep*.", knurrt Marvin und packt ihn zusätzlich an der Gurgel, dass ihm Sehen und Hören vergeht. Mühsam ringt der alte Mann nach Luft, zerrt vergebens an den rohrartigen Unterarmen des Hauptmanns. Elena entzündet anscheinend wieder eine Kerze, denn schwaches Licht enthüllt den Hass und die Wut in Marvins Gesichtszügen.<br />
<br />
"Suche.... die... Wahrheit... im....." mit letzter Kraft presst er das letzte Wort durch seinen Hals. "... Herzen!! Arghl..."<br />
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<br />
"Woher zum Teufel..." entfährt es mir keuchend. Ich will diesen Idioten den Hals umdrehen, doch etwas in mir zögert. Diese Worte hatte mir mein alter Freund doch... Wie kann der Verrückte hier denn davon wissen? <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Traue nicht Deinen Augen...</span>, zitiert mein Gedächtnis. Ich schaue nochmals in das Gesicht des sterbenden Imperators auf der offenen Straße. Blut quillt aus seinem Mund. Ich sehe den Imperator im Bett, noch am selben Tag. Hatten am Fenster nicht Krücken gestanden? Gehhilfen für jemanden, der nicht richtig laufen kann...<br />
<br />
Mit einem Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Es erscheint mir plötzlich alles so sonnenklar, dass ich augenblicklich lachen muss. Lachen vor Erleichterung und einem Anflug von Ironie. Natürlich war der Imperator nicht ermordet worden.<br />
<br />
Gestorben war ein Doppelgänger. Ich war dem ältesten Trick der Welt anheimgefallen.<br />
<br />
Was auch bedeutet, dass ich in diesen Moment den Imperator an einer Wand in meinem Treppenhaus erwürge. Ebenso schockiert wie auch erleichtert löse ich meinen Griff, doch statt gierig Luft zu holen, sich den Hals zu reiben und mir zu sagen, dass ich ein Idiot bin, kippt der alte Mann vornüber und reißt mich zu Boden. Vollkommen verwirrt starre ich in das leblose, schmerzverzerrte Gesicht meines Freundes. Was ging hier vor? Panisch schiebe ich ihn von mir und richte mich auf. Elena steht mit schneeweißem Gesicht und weit aufgerissen Augen vor mir. Ihre Hand ist über und über mit Blut besudelt. Langsam tropft es auf den toten Mann zwischen uns herab, in dessen linker Brust bis zum Schaft ein Dolch steckt. Entsetztes Schweigen herrscht einige Augenblick vor, dann platzt mir der Kragen.<br />
<br />
"Was, bei allen Teufeln dieser Welt, hast Du getan?!", brülle ich los und packe sie an den Schultern. "Wie kannst Du nur den Imperator abstechen?? Hast Du eigentlich eine Ahnung, was das für uns und die Welt bedeutet? Hast Du ÜBERHAUPT EINE AHNUNG?!?" Bebend vor Zorn schüttle ich die zierliche Frau, bis sie hysterisch zu weinen anfängt.<br />
<br />
"Ich habe es doch nur für Dich getan, oh Du dummer lieber Arsch!!", sie befreit sich aus meinem Griff und streckt ihre Hände nach meinem Gesicht aus. Verwirrt weiche ich etwas zurück. "Verstehst Du es denn nicht, mein Gebieter?" Elenas Stimme zittert vor Aufregung. "Armenius! Er wollte Dich hintergehen! Und nur ich konnte ihn überzeugen, von dem Teufelsplan abzulassen!" Sie lächelte verschwörerisch und zugleich zutiefst verängstigt. "Weil ich dich doch Liebe, Marvin! Ich liebe Dich!"<br />
<br />
"Lass' von mir, Elena! Was ist los mit Dir?!", rufe ich und schlage ihre Hände weg. Nichts ergibt mehr Sinn. "Was faselst Du da von Liebe und Hinterhalt? Bist Du übergeschnappt oder was?" Nur mühsam gelingt es mir, aufkeimenden Wahnsinn zu unterdrücken und lasse den Blick noch einmal durch den Raum gleiten. "Wir müssen das hier aufräumen...", plätschert es stammelnd aus mir heraus. "Wenn das hier jemand sieht, dann..." Ich blicke Elena in die Augen und spüre sofort, dass etwas Gewaltiges hier nicht stimmt. Ihre Mimik hat sich vollkommen gewandelt, um ihren Mund spielt ein hämisches Grinsen, in Ihren Augen steht Wut und eine gefährliche Vorfreude auf etwas Böses. Erschrocken weiche ich zurück, etwas Kaltes berührt mich im Nacken und ich fahre wie von der Tarantel gestochen herum.<br />
<br />
"Sieh' an, sieh' an... was haben wir denn hier, Herr Hauptmann?" Armenius‘ Stimme pellt sich aus dem Zwielicht, noch bevor seine überhebliche Visage zu sehen ist. Die Spitze seines Gladius' ist auf meine Kehle gerichtet. Ich höre mich überrascht aufkeuchen und hebe automatisch leicht die Hände.<br />
<br />
"Armenius! Was um aller Welt machst Du denn hier...?"<br />
<br />
"Aber Marvin...!", der Sohn des Imperators lässt in gespielter Empörung eine Augenbraue hochschnellen. "Es ist meine Aufgabe, für die Sicherheit meiner Familie zu Sorgen! Gerade Du müsstest das doch wissen." Er scheint in seinem Schauspiel ganz aufzugehen, doch ich bin zu gelähmt, um mich ihm zu entziehen. Nun wirft er einen Blick auf seinen toten Vater und reißt betont erschrocken die Augen auf. "Doch was muss ich hier sehen? Mein Vater, der Herrscher des Reiches, tot, getränkt in seinem eigenen Blut! Welche Schmach." Er ändert gekonnt seine Mimik und blickt mir unheilvoll in die Augen. "Ermordet. Hinterhältig erstochen."<br />
<br />
"Armenius, jetzt hör' mir doch erst mal zu, es ist nicht so wie..." höre ich mich heiser sagen, doch er unterbricht mich mit einer Handbewegung.<br />
<br />
"Schweige, Hauptmann. Oder sollte ich sagen: Mörder?", er lacht gehässig, umrundet mich und die Leiche zu unseren Füßen, wohl bedacht, nicht in die Blutlache zu treten. Ich sehe mit Entsetzen und tiefster Ungläubigkeit, wie Elena sich an seinen Hals schmiegt und er sie innig küsst, ohne seine Schwertspitze einen Augenblick sinken zu lassen. Demonstrativ fährt seine freie Linke über ihren Busen und durch ihr loses Haar. Sie lacht entzückt und erwidert sein Spiel, wobei sie mir vernichtende Blicke zuwirft. Armenius lässt alsdann von ihr ab und wendet sich wieder mir zu. In diesen beschämenden Momenten hatte ich mich keinen Zentimeter rühren können. Draußen kommt jetzt Lärm auf, es klingt als wäre ein Soldatenkommando drauf und dran, in mein Haus einzudringen. Glas geht klirrend zu Bruch, Rufe dringen zu uns herauf.<br />
<br />
"So kann es gehen, Marvin. Altes Eisen wird irgendwann brüchig und muss neuem Metall weichen." Armenius streichelt versonnen Elenas Hüfte, und hebt sein Schwert ein wenig in einer allumfassenden Geste. "Du bist verrostetes, altes Eisen, Marvin. Ich persönlich jedoch zähle mich nicht dazu. Unmöglich die Vorstellung, dass diese *piep* von Vergangenheitsbewältigung meinem Vater die Idee eines älteren Sohnes einpflanzen könnte! Ein Thronerbe, der wahrer sein würde als ich, Armenius!" Er wird wieder ernst, sein Blick wandert zu seinem Vater. "Nein, so etwas kann nicht geschehen. Die Dinge müssen ihren vorbestimmten Lauf nehmen, das Land braucht klare Strukturen! Doch er wollte nicht hören." Für einen kurzen Moment entgleitet ihm die Kontrolle über seine Stimme. "Du wolltest ja nicht hören, Vater! Nicht! Hören!" Er brüllt die letzten Worte förmlich und tritt mit einem Fuß nach der Leiche. Im nächsten Augenblick hat er sich wieder gefangen und heftet seinen Blick erneut auf mich. Irgendwo unten zersplittert eine Tür und Kochgeschirr wird scheppernd auf dem Boden ausgeleert.<br />
<br />
Ich muss es versuchen. "Armenius. Ich kann Deinen Schmerz verstehen...! Ich flehe Dich an... sage mir, was ich tun kann! Verschone meine Frau und mache mit mir, was Du willst!". Sehr wohl bemerke ich das Flackern in Elenas Blick. Ist es ein Schauspiel? Ist es etwa trotz alledem Angst?<br />
<br />
"Ha ha! Das ist wirklich äußerst ritterlich von Dir, Du Trottel.", lacht Armenius keckernd. "Doch weißt Du... nachdem Deine kleine Hübsche hier ihren ersten Anschlag auf meinen Vater so jämmerlich vergeigt hat...", er stößt sie von sich, "... und sie beim zweiten Mal nur einen DOPPELGÄNGER erwischte und außerdem mit zu viel Wissen über mich hervorging..." <br />
<br />
Ich erkenne sofort die typische Bewegung seines Schwertarms. "Nein, Armenius!" brülle ich, doch zu spät. <br />
<br />
"... kann ich sie einfach nicht mehr ausstehen!" Mit einem feuchten Ratschen fährt seine Klinge mitten durch den Brustkorb Elenas. Sofort entweicht ihr Atem in einem letzten Seufzer, ihr Blick liegt gläsern und trauernd auf mir. Wie ein Stein fällt sie zu Boden. <br />
<br />
Armenius seufzt tragisch und wischt sein Schwert am Ärmel seines Vaters sauber. "Weißt Du, Marvin...", er schaut zu mir hoch, ganz der weise Lehrer vor einer Kleinkinderschulklasse. Gähnende Taubheit macht sich in meiner Seele breit. "... sie war eine sehr ehrbare Frau. Hat sie Dir erzählt, dass sie mit ihren Attentaten Dein Leben retten wollte? Das hoffe ich doch sehr, jetzt wo sie tot ist. Siehst Du, eigentlich wollte ich Dich einfach als Mörder meines Vaters arrangieren...", er grinst breit. "... Du kennst die Methoden. Jedenfalls - sie überzeugte mich, stattdessen sie auszusenden, damit sie die Aufgabe ohne Hinweise auf Dich erledigen könnte. Ein anonymer Auftragsmörder sozusagen. Die Idee gefiel mir und ich ließ mich in vielen Nächten mit ihr davon überzeugen." Er steht seufzend auf. "Doch tragisch, tragisch... sie hat es versaut. Mein Vater hat den Braten gerochen und hinter meinem Rücken einen Doppelgänger eingesetzt. Nun wusste er mit Sicherheit, dass nicht Du der Verdächtige bist." Armenius breitet die Arme aus, als träfe ihn keine Schuld. "Ich musste handeln! Natürlich wollte mein Vater Dich möglichst bald über diesen miesen Plan aufklären, weshalb ich ihm hierher folgte. Wie praktisch kam mir da der Aberglaube Deiner Frau zu Gute. Sie muss im Anblick eines tot geglaubten die Fassung verloren haben!" Er lacht leise und schüttelt den Kopf. "Wenn das nicht eine Fügung des Schicksals ist! Jedenfalls blieb mir die unangenehme Arbeit erspart." Er deutet auf die Mordwaffe im Leibe des Imperators. "Erkennst Du die Klinge? Ja, Marvin, es ist Deine. Dein Plan war wirklich ausgereift und all die Jahre hast Du auf diesen Moment gewartet."<br />
<br />
Getrappel von vielen schweren Männern ist nun auf der Treppe zu hören. Armenius richtet sich zu voller Größe auf, zeigt mit dem Schwert auf meinen Kopf und brüllt: "Elender Verräter und Mörder! Festsetzen, im Namen des Imperators!"<br />
<br />
Mehrere gerüstete Männer fixieren meine Arme. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Das war es dann wohl. Ruhe in Frieden, Elena. Was tut man nicht alles für die Liebe...</span> denke ich noch, bevor mir jemand mit einem Schlag auf den Hinterkopf das Bewusstsein nimmt.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Auf Messers Schneide – Der große Tag [Bibliothekar Vanner]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7545.html</link>
			<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 22:53:20 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7545.html</guid>
			<description><![CDATA[Auf Messers Schneide – Der große Tag<br />
<br />
Tag 1:<br />
<br />
Ah, die Sonne, endlich reichen ihre warmen und sommerlichen Strahlen über die sanften grünen Hügel und die roten Dächer Roms hinweg auf meinen zarten Körper herab. Zärtlich streichelt das Licht langsam mit Fortdauer der Zeit und Stück für Stück von meiner obersten Spitze bis hinab, ganz zu meinem untersten Ende. So lange habe ich gewartet auf diesen Tag, auf diese Stunde, auf diesen Moment. Morgen endlich werde ich mir die Gunst des Imperators sichern. Tag für Tag habe ich hart an mir gearbeitet, keinen Weg unversucht gelassen mein großes Ziel zu erlangen. All das bunte Treiben der anderen und die zahllosen Verlockungen des Lebens ignoriert nur um endlich die Chance zu erhalten. <br />
Wahrlich zahllos waren die Möglichkeiten die mir geboten waren, hätte ich bloß eine davon genutzt, so stünde ich jetzt nicht hier, in Mitten der großen und farbenprächtigen Blumen, den Sträuchern, den Bäumen und den Farnen im weitläufigen Garten zu Ehren des großen Imperators und würde nicht versuchen jenes, mein Ziel zu erreichen. Kein Tag und keine Nacht verging an dem nicht irgendeiner dieser verrückten bunten Vögel versuchte mich mit seinen zahlreichen und gefährlichen Waffen zu verunstalten oder mich vor dem Imperator schlecht aussehen zu lassen. Auch diese kleinen gierigen Nager, mit ihren spitzen Schneidezähnen und den großen Ohren konnte ich letztlich mit viel Mühe vertreiben. Am härtesten war sicher jener Tag, an dem diese Bande von Wildschweinen auf brutalste Weise und ohne Rücksicht auf andere zu nehmen, über mich herfiel und mich zu Boden drückte sowie schließlich doch unter stärkstem Widerstand meinerseits in die Knie zwang. Doch auch damals habe ich nicht aufgegeben, habe mich langsam wieder hochgearbeitet, mir Stück für Stück, Blatt um Blatt, Wassertropfen um Wassertropfen von den anderen, die in der Zwischenzeit meinen Platz eingenommen hatten oder dies versuchten, zurückgeholt was eigentlich schon immer mir gehörte. Der Platz an der Sonne, ganz oben über all den anderen nur mehr den großen Imperator über oder neben mir. Dort hin werde ich es schaffen, denn dorthin gehöre ich. Nur noch wenige Tage, dann ist meine Stunde gekommen und mein Ziel erreicht. So stimm ich also ein in mein jährlich’ Abendlied:<br />
	„Heute wachs ich, morgen blüh ich,<br />
	übermorgen steh ich neben des Imperators Thron!<br />
	Ach, wie gut dass niemand weiß,<br />
	dass ich Fuchsia heiß!“<br />
<br />
Tag 2:<br />
<br />
Ein neuer Tag, abermals steigt die Sonne über die sieben Hügel und die großen prächtigen Marmorbauten Roms hinweg, hoch hinauf auf das Firmament, von wo sie ihre warmen Strahlen sendet. Heute endlich werde ich erblühen, ich spüre es tief im Inneren, dass es endlich so weit ist. Dann endlich werde ich nicht mehr hinter den anderen großen und farbenprächtigen Blumen, Sträuchern, Bäumen und Farnen im weitläufigen Park des großen Imperators zurückstehen. Dieser wird nun auch endlich mich mit voller Bewunderung überhäufen, er wird gar nicht anders können, als es zu tun. Keine dieser exotischen Möchtegerns wird mich diesmal aus dem Rennen um den besten Platz werfen. Doch so lange die sommerliche Sonne noch nicht ihre ganze Kraft entfaltet hat und so lange der Imperator noch nicht erschienen ist, werde ich meine Blütenblätter lieber nur ganz langsam und nicht zur Gänze öffnen, um sie nur ja nicht zu früh der Umgebung Preis zugeben und somit zu verhindern, dass die Blütenblätter später farblos wirken.<br />
Die Fanfaren kündigen es bereits an, jeden Augenblick wird der Imperator die marmorne und im Sonnenlicht gleißend Helle Treppe herabsteigen und sich jede einzelne dieser Versager ansehen, letztlich wird er zu mir kommen und wissen, dass er mit mir die richtige Wahl treffen wird. So dann also langsam die letzten Farbstoffe in die bereits duftenden Blüten und die kräftig grünen Blätter transportieren. Jetzt steht es also auf Messers Schneide, wird er mir seine Beachtung schenken oder aber werde ich vergehen ohne jene. Pflanze um Pflanze rückt er vorwärts, Stück um Stück vergrößern sich damit meine Chancen, doch ist dies überhaupt noch einen Zweifel wert? Gleich steht er vor mir, ein letztes Mal noch alles geben und dann ein Leben lang neben dem Imperator strahlen.<br />
<br />
Es ist vollbracht, der große und gütige Imperator hat mich erwählt. Der wahre und richtige Sieger dieses Bewerbes wurde gekürt und keiner kann mir diesen Triumph mehr nehmen. So dann werde ich nun ein letztes Mal hier im Garten ruhen um Morgen ein neues Gewand, eine neue Position und die beste Versorgung zu erhalten.<br />
<br />
<br />
Tag 3:<br />
<br />
Ein weiterer Tag, die Sonne steht hoch und dennoch möchte sie tief herabsinken um lieber den Gebrüdern „Wolke“ mit ihrem Trauerregen den Platz zu überlassen. <br />
„Verzeiht mein Herr dass ich euch störe, eure von euch erwählte Pflanze, sie ist nicht mehr. Sie ist wohl durch ihren Übereifer verwelkt und verdorrt. Es scheint als sei der gestrige Tag ihr prächtigster und zugleich ihr letzter gewesen. Doch kann es auch sein, dass Venus über ihre Schönheit erzürnt gewesen, und dies arme Pflänzchen deswegen durch Apollo oder Ceres bestrafen ließ. Gleichwohl war es mit Sicherheit der Will der Götter, der das Lebensende herbeiführte. Ihr Leben stand wohl auf Messers Schneide und obwohl sie stark schien, fiel sie in die Tiefe.“]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Auf Messers Schneide – Der große Tag<br />
<br />
Tag 1:<br />
<br />
Ah, die Sonne, endlich reichen ihre warmen und sommerlichen Strahlen über die sanften grünen Hügel und die roten Dächer Roms hinweg auf meinen zarten Körper herab. Zärtlich streichelt das Licht langsam mit Fortdauer der Zeit und Stück für Stück von meiner obersten Spitze bis hinab, ganz zu meinem untersten Ende. So lange habe ich gewartet auf diesen Tag, auf diese Stunde, auf diesen Moment. Morgen endlich werde ich mir die Gunst des Imperators sichern. Tag für Tag habe ich hart an mir gearbeitet, keinen Weg unversucht gelassen mein großes Ziel zu erlangen. All das bunte Treiben der anderen und die zahllosen Verlockungen des Lebens ignoriert nur um endlich die Chance zu erhalten. <br />
Wahrlich zahllos waren die Möglichkeiten die mir geboten waren, hätte ich bloß eine davon genutzt, so stünde ich jetzt nicht hier, in Mitten der großen und farbenprächtigen Blumen, den Sträuchern, den Bäumen und den Farnen im weitläufigen Garten zu Ehren des großen Imperators und würde nicht versuchen jenes, mein Ziel zu erreichen. Kein Tag und keine Nacht verging an dem nicht irgendeiner dieser verrückten bunten Vögel versuchte mich mit seinen zahlreichen und gefährlichen Waffen zu verunstalten oder mich vor dem Imperator schlecht aussehen zu lassen. Auch diese kleinen gierigen Nager, mit ihren spitzen Schneidezähnen und den großen Ohren konnte ich letztlich mit viel Mühe vertreiben. Am härtesten war sicher jener Tag, an dem diese Bande von Wildschweinen auf brutalste Weise und ohne Rücksicht auf andere zu nehmen, über mich herfiel und mich zu Boden drückte sowie schließlich doch unter stärkstem Widerstand meinerseits in die Knie zwang. Doch auch damals habe ich nicht aufgegeben, habe mich langsam wieder hochgearbeitet, mir Stück für Stück, Blatt um Blatt, Wassertropfen um Wassertropfen von den anderen, die in der Zwischenzeit meinen Platz eingenommen hatten oder dies versuchten, zurückgeholt was eigentlich schon immer mir gehörte. Der Platz an der Sonne, ganz oben über all den anderen nur mehr den großen Imperator über oder neben mir. Dort hin werde ich es schaffen, denn dorthin gehöre ich. Nur noch wenige Tage, dann ist meine Stunde gekommen und mein Ziel erreicht. So stimm ich also ein in mein jährlich’ Abendlied:<br />
	„Heute wachs ich, morgen blüh ich,<br />
	übermorgen steh ich neben des Imperators Thron!<br />
	Ach, wie gut dass niemand weiß,<br />
	dass ich Fuchsia heiß!“<br />
<br />
Tag 2:<br />
<br />
Ein neuer Tag, abermals steigt die Sonne über die sieben Hügel und die großen prächtigen Marmorbauten Roms hinweg, hoch hinauf auf das Firmament, von wo sie ihre warmen Strahlen sendet. Heute endlich werde ich erblühen, ich spüre es tief im Inneren, dass es endlich so weit ist. Dann endlich werde ich nicht mehr hinter den anderen großen und farbenprächtigen Blumen, Sträuchern, Bäumen und Farnen im weitläufigen Park des großen Imperators zurückstehen. Dieser wird nun auch endlich mich mit voller Bewunderung überhäufen, er wird gar nicht anders können, als es zu tun. Keine dieser exotischen Möchtegerns wird mich diesmal aus dem Rennen um den besten Platz werfen. Doch so lange die sommerliche Sonne noch nicht ihre ganze Kraft entfaltet hat und so lange der Imperator noch nicht erschienen ist, werde ich meine Blütenblätter lieber nur ganz langsam und nicht zur Gänze öffnen, um sie nur ja nicht zu früh der Umgebung Preis zugeben und somit zu verhindern, dass die Blütenblätter später farblos wirken.<br />
Die Fanfaren kündigen es bereits an, jeden Augenblick wird der Imperator die marmorne und im Sonnenlicht gleißend Helle Treppe herabsteigen und sich jede einzelne dieser Versager ansehen, letztlich wird er zu mir kommen und wissen, dass er mit mir die richtige Wahl treffen wird. So dann also langsam die letzten Farbstoffe in die bereits duftenden Blüten und die kräftig grünen Blätter transportieren. Jetzt steht es also auf Messers Schneide, wird er mir seine Beachtung schenken oder aber werde ich vergehen ohne jene. Pflanze um Pflanze rückt er vorwärts, Stück um Stück vergrößern sich damit meine Chancen, doch ist dies überhaupt noch einen Zweifel wert? Gleich steht er vor mir, ein letztes Mal noch alles geben und dann ein Leben lang neben dem Imperator strahlen.<br />
<br />
Es ist vollbracht, der große und gütige Imperator hat mich erwählt. Der wahre und richtige Sieger dieses Bewerbes wurde gekürt und keiner kann mir diesen Triumph mehr nehmen. So dann werde ich nun ein letztes Mal hier im Garten ruhen um Morgen ein neues Gewand, eine neue Position und die beste Versorgung zu erhalten.<br />
<br />
<br />
Tag 3:<br />
<br />
Ein weiterer Tag, die Sonne steht hoch und dennoch möchte sie tief herabsinken um lieber den Gebrüdern „Wolke“ mit ihrem Trauerregen den Platz zu überlassen. <br />
„Verzeiht mein Herr dass ich euch störe, eure von euch erwählte Pflanze, sie ist nicht mehr. Sie ist wohl durch ihren Übereifer verwelkt und verdorrt. Es scheint als sei der gestrige Tag ihr prächtigster und zugleich ihr letzter gewesen. Doch kann es auch sein, dass Venus über ihre Schönheit erzürnt gewesen, und dies arme Pflänzchen deswegen durch Apollo oder Ceres bestrafen ließ. Gleichwohl war es mit Sicherheit der Will der Götter, der das Lebensende herbeiführte. Ihr Leben stand wohl auf Messers Schneide und obwohl sie stark schien, fiel sie in die Tiefe.“]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Simon says? - Der Imperator sagt, wo es lang geht! [Amaran]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7544.html</link>
			<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 18:55:38 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7544.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Simon says? - Der Imperator sagt, wo es lang geht!</span><br />
<br />
Ihr wollt wissen wer ich bin? Ich bin niemand. Meinen Namen kennt nur ein Mensch. Die, die ihn erfahren, sterben kurz darauf. Ich bin ein Mörder. Ein Schläger. Der Mann für das Grobe. Jene, die für mich arbeiten, nennen mich einfach nur "Capo". Und genauso werdet ihr mich jetzt auch nennen. Aber ich sehe bereits, euch interessiert vielmehr, wer der Mann ist, hinter dem ich stehe. Der Mann, der dort sitzt. Auf seinem Thron. Beobachtet von all den Männern in ihren weißen Gewändern mit den roten Schärpen. Er ist der EINE. Mein Herr. Mein Meister. Mein Mentor. Mein Imperator. Er delegiert. Er befiehlt. Ich führe aus. Er herrscht. Ich töte.<br />
<br />
"Mein Herr, dieser Mann dort, er heißt Lucius Brasius. Er war beteiligt, an dieser unsinnigen Geschichte. Ihr wisst schon. Dieser Vorschlag von Demokratie und Fortschritt. Von Freiheit und Unabhängigkeit. Er wollte seine eigene Familie gründen - ohne euch zu fragen, mein Imperator.", flüstere ich dem EINEN in das Ohr. Er nickt. Spricht. Leise; sehr leise. Kaum hörbar sind seine Worte. Aber doch versteht ihn jeder. Denn Angst lähmt jeden in seiner Nähe. Angst sorgt für Ruhe und Ordnung. Und so kann es jeder hören: "Schenke ihm ein Anwesen am Tiber. Nahe den Steinbrüchen Roms." Lucius Brasius atmet erleichtert auf. Ein Lächeln verlässt sein Gesicht. In seinen Augen ist er sicher. Der Imperator hat ihm verziehen. Ihn begnadigt. Brasius' Freunde applaudieren. Auch sie sind erleichtert. Und ich? Nun, ich lächle ebenso, wie all die anderen. Doch im Gegensatz zu ihnen bin ich kein Narr. Kein leichtgläubiger, hirnloser Geist. Nein, ich verstehe meinen Imperator. Weiß genau, was er von mir erwartet. Und ich weiß, ich werde ihn nicht enttäuschen. Er ist Jupiter, und ich sein Schwert. Die personifizierte Rache. Das bin ich. Das ist meine Aufgabe. Mein Leben.<br />
<br />
Es ist Nacht. Im Tiber spiegelt sich der Mond. Einzelne Sterne prangen bereits am Firmament. Brasius steht neben mir. Wie noch während der Konsultation mit dem EINEN lächelt er. Doch sein Lächeln ist längst verzerrt. Eigentlich sogar gebrochen. Vielleicht lächelt er noch immer, weil er nicht anders kann. Möglicherweise ist er auch nur dem Wahnsinn anheim gefallen. Oder dieses breite, hässliche Grinsen geht einfach nicht aus seiner Visage, weil meine Mannen ihm eben dieses Lächeln mit Nadel und Faden ins Gesicht genäht hatten. Er sollte den Fährmann fröhlich antreffen, wenn er hinüber gehen würde. Leicht klopfe ich ihm auf die Schulter. "Hier ist dein Anwesen: der Tiber selbst!", sage ich zu ihm und schaue zu meinen Schlägern. "Ja, Capo, wir sind so weit". Ich nicke. Feinster, römischer Marmor ist an die Füße von Brasius gebunden. Genüsslich verspeise ich eine Orange. Meine Leute werfen ihn in den Fluss. Ein Schrei hallt durch die Nacht. Ängstlich verzerrt, durch den platschenden Aufschlag zerrissen. Wieder einer weniger. Auf Befehl des Imperators.<br />
<br />
Meine Schläger - meine Blutgierigen - begleiten mich. Die Nacht ist bereits so weit vorgeschritten, wie sie es nur eben kann und so dunkel, dass man seine eigene Hand kaum mehr erkennen kann. Fackeln haben wir nicht dabei. Wir müssen möglichst lange unerkannt bleiben. Solange es nur geht. Aber nicht nur ich und die fünf Männer an meiner Seite sind zu dieser Zeit in Rom unterwegs. An mehreren Orten tauchen kleine Gruppen zwielichtiger Gestalten auf. An mehreren Orten in Rom wird nun das Gleiche passieren: Tür aufbrechen - Hauswachen und Diener abschlachten - in das Schlafgemach der Senatoren eindringen - das Präsent den Opfern zu werfen - sie es sich ansehen lassen - sie verstehen lassen - dann das Blutbad beenden - Feuer legen.<br />
Ich verlasse mit meinen Männern die Villa. Aus der Küche habe ich eine Orange mitgenommen (ich liebe Orangen!). Flammen lodern bereits und lecken über das gesamte Gebäude. Ein Feuer. Doch Rom erstrahlt in dieser Nacht. Immer mehr und mehr Feuer werden sichtbar. Immer mehr und mehr Familien sind nun ausgelöscht. Auf Befehl des Imperators.<br />
<br />
Am nächsten Tag fragen sich Freunde, Verwandte und Nachbarn nicht das erste Mal, "Wo ist mein Leben?" - Morgens, halb zehn in Rom! Doch sie werden nichts sagen. Keine Fragen stellen. Denn sie wissen, der schwarze Mann, er ist nicht weit. Anders kennt man mich und meine Mordgesellen nicht: Wir agieren in der Nacht, in der Dunkelheit. Nicht hörbar. Nicht sichtbar. Und wenn doch, so sieht man stets nur die wehenden, schwarzen Umhänge. Unsere Gesichter sind in den Schatten von Kapuzen zu finden. Wir sind die Mordschergen des EINEN. Seine 'Schwarzen Männer'. Der leibhaftige Tod. Wer uns sucht, der wird uns finden. Oder wir finden ihn. Auf Befehl des Imperators.<br />
<br />
Mein Herr und Meister ist zufrieden mit meiner Arbeit. Wie immer. Ich erhalte eine zusätzliche Aufwandsentschädigung, schließlich konnte ich mal wieder eine Nacht lang nicht schlafen. Ich verneige mich. Bedanke mich. Trete wieder hinter den EINEN. Bin ruhig. Warte auf den nächsten Befehl. Der kommt auch prompt: Er will etwas Obst. Jetzt. Sofort. Ich hole eine Orange hervor, die ich in der Nacht erst in der Villa der Barzinius' mitgenommen hatte. Mein Messer gleitet aus seiner Scheide. Durchbohrt das Fleisch. Flüssigkeit tritt hervor. Der Imperator macht große Augen. Es gefällt ihm, wie ich die Frucht zerstöre. Langsam führe ich ein Stück Orange auf der Klinge zu seinem Mund. Grinsend schlägt er die Zähne hinein. Ich lächle. Wieder durchbohrt mein Messer das zarte Fleisch. Zerstört. Der Lebenssaft tritt hervor. Er versucht zu schreien. Aber seine Kehle ist durchtrennt. Scheinbar gefällt ihm diese Prozedur nicht so gut.<br />
<br />
Ihr wollt wirklich wissen, wer ich bin? Ich bin der EINE!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Simon says? - Der Imperator sagt, wo es lang geht!</span><br />
<br />
Ihr wollt wissen wer ich bin? Ich bin niemand. Meinen Namen kennt nur ein Mensch. Die, die ihn erfahren, sterben kurz darauf. Ich bin ein Mörder. Ein Schläger. Der Mann für das Grobe. Jene, die für mich arbeiten, nennen mich einfach nur "Capo". Und genauso werdet ihr mich jetzt auch nennen. Aber ich sehe bereits, euch interessiert vielmehr, wer der Mann ist, hinter dem ich stehe. Der Mann, der dort sitzt. Auf seinem Thron. Beobachtet von all den Männern in ihren weißen Gewändern mit den roten Schärpen. Er ist der EINE. Mein Herr. Mein Meister. Mein Mentor. Mein Imperator. Er delegiert. Er befiehlt. Ich führe aus. Er herrscht. Ich töte.<br />
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"Mein Herr, dieser Mann dort, er heißt Lucius Brasius. Er war beteiligt, an dieser unsinnigen Geschichte. Ihr wisst schon. Dieser Vorschlag von Demokratie und Fortschritt. Von Freiheit und Unabhängigkeit. Er wollte seine eigene Familie gründen - ohne euch zu fragen, mein Imperator.", flüstere ich dem EINEN in das Ohr. Er nickt. Spricht. Leise; sehr leise. Kaum hörbar sind seine Worte. Aber doch versteht ihn jeder. Denn Angst lähmt jeden in seiner Nähe. Angst sorgt für Ruhe und Ordnung. Und so kann es jeder hören: "Schenke ihm ein Anwesen am Tiber. Nahe den Steinbrüchen Roms." Lucius Brasius atmet erleichtert auf. Ein Lächeln verlässt sein Gesicht. In seinen Augen ist er sicher. Der Imperator hat ihm verziehen. Ihn begnadigt. Brasius' Freunde applaudieren. Auch sie sind erleichtert. Und ich? Nun, ich lächle ebenso, wie all die anderen. Doch im Gegensatz zu ihnen bin ich kein Narr. Kein leichtgläubiger, hirnloser Geist. Nein, ich verstehe meinen Imperator. Weiß genau, was er von mir erwartet. Und ich weiß, ich werde ihn nicht enttäuschen. Er ist Jupiter, und ich sein Schwert. Die personifizierte Rache. Das bin ich. Das ist meine Aufgabe. Mein Leben.<br />
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Es ist Nacht. Im Tiber spiegelt sich der Mond. Einzelne Sterne prangen bereits am Firmament. Brasius steht neben mir. Wie noch während der Konsultation mit dem EINEN lächelt er. Doch sein Lächeln ist längst verzerrt. Eigentlich sogar gebrochen. Vielleicht lächelt er noch immer, weil er nicht anders kann. Möglicherweise ist er auch nur dem Wahnsinn anheim gefallen. Oder dieses breite, hässliche Grinsen geht einfach nicht aus seiner Visage, weil meine Mannen ihm eben dieses Lächeln mit Nadel und Faden ins Gesicht genäht hatten. Er sollte den Fährmann fröhlich antreffen, wenn er hinüber gehen würde. Leicht klopfe ich ihm auf die Schulter. "Hier ist dein Anwesen: der Tiber selbst!", sage ich zu ihm und schaue zu meinen Schlägern. "Ja, Capo, wir sind so weit". Ich nicke. Feinster, römischer Marmor ist an die Füße von Brasius gebunden. Genüsslich verspeise ich eine Orange. Meine Leute werfen ihn in den Fluss. Ein Schrei hallt durch die Nacht. Ängstlich verzerrt, durch den platschenden Aufschlag zerrissen. Wieder einer weniger. Auf Befehl des Imperators.<br />
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Meine Schläger - meine Blutgierigen - begleiten mich. Die Nacht ist bereits so weit vorgeschritten, wie sie es nur eben kann und so dunkel, dass man seine eigene Hand kaum mehr erkennen kann. Fackeln haben wir nicht dabei. Wir müssen möglichst lange unerkannt bleiben. Solange es nur geht. Aber nicht nur ich und die fünf Männer an meiner Seite sind zu dieser Zeit in Rom unterwegs. An mehreren Orten tauchen kleine Gruppen zwielichtiger Gestalten auf. An mehreren Orten in Rom wird nun das Gleiche passieren: Tür aufbrechen - Hauswachen und Diener abschlachten - in das Schlafgemach der Senatoren eindringen - das Präsent den Opfern zu werfen - sie es sich ansehen lassen - sie verstehen lassen - dann das Blutbad beenden - Feuer legen.<br />
Ich verlasse mit meinen Männern die Villa. Aus der Küche habe ich eine Orange mitgenommen (ich liebe Orangen!). Flammen lodern bereits und lecken über das gesamte Gebäude. Ein Feuer. Doch Rom erstrahlt in dieser Nacht. Immer mehr und mehr Feuer werden sichtbar. Immer mehr und mehr Familien sind nun ausgelöscht. Auf Befehl des Imperators.<br />
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Am nächsten Tag fragen sich Freunde, Verwandte und Nachbarn nicht das erste Mal, "Wo ist mein Leben?" - Morgens, halb zehn in Rom! Doch sie werden nichts sagen. Keine Fragen stellen. Denn sie wissen, der schwarze Mann, er ist nicht weit. Anders kennt man mich und meine Mordgesellen nicht: Wir agieren in der Nacht, in der Dunkelheit. Nicht hörbar. Nicht sichtbar. Und wenn doch, so sieht man stets nur die wehenden, schwarzen Umhänge. Unsere Gesichter sind in den Schatten von Kapuzen zu finden. Wir sind die Mordschergen des EINEN. Seine 'Schwarzen Männer'. Der leibhaftige Tod. Wer uns sucht, der wird uns finden. Oder wir finden ihn. Auf Befehl des Imperators.<br />
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Mein Herr und Meister ist zufrieden mit meiner Arbeit. Wie immer. Ich erhalte eine zusätzliche Aufwandsentschädigung, schließlich konnte ich mal wieder eine Nacht lang nicht schlafen. Ich verneige mich. Bedanke mich. Trete wieder hinter den EINEN. Bin ruhig. Warte auf den nächsten Befehl. Der kommt auch prompt: Er will etwas Obst. Jetzt. Sofort. Ich hole eine Orange hervor, die ich in der Nacht erst in der Villa der Barzinius' mitgenommen hatte. Mein Messer gleitet aus seiner Scheide. Durchbohrt das Fleisch. Flüssigkeit tritt hervor. Der Imperator macht große Augen. Es gefällt ihm, wie ich die Frucht zerstöre. Langsam führe ich ein Stück Orange auf der Klinge zu seinem Mund. Grinsend schlägt er die Zähne hinein. Ich lächle. Wieder durchbohrt mein Messer das zarte Fleisch. Zerstört. Der Lebenssaft tritt hervor. Er versucht zu schreien. Aber seine Kehle ist durchtrennt. Scheinbar gefällt ihm diese Prozedur nicht so gut.<br />
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Ihr wollt wirklich wissen, wer ich bin? Ich bin der EINE!]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Erfahrungen [Rael_Steinbrecher]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7520.html</link>
			<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 21:31:22 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7520.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Erfahrungen</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Lederhosen sind einfach besser.</span><br />
<br />
Ich seufzte, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Die Sonne war im Untergang begriffen und mein Blick schweifte immer wieder auf die Welt vor dem Fenster. Eine Sehnsucht bemächtigte sich meiner, als ich mir das rege Treiben in den Gassen, den Straßen Roms vorstellte. Frauen, die ihre Kinder auf den Hüften wiegten, während sie auf den Märkten ihre Waren feil boten. Männer, die sich im Armdrücken maßen und zotige Witze erzählten. Kinder, die mit Steinen ihre Kräfte erprobten. Wer kann die Kiesel am weitesten werfen? <br />
<br />
Die Sonne kitzelte in meinen Augen. Sie stand mittlerweile so tief, dass sie mir direkt ins Gesicht schien. Ich seufzte abermals, konnte die Stimmen in meinem Inneren nicht mehr verhöhnen, gar verneinen. Stimmen, die voller Sehnsucht von Freiheit kündeten und förmlich danach schrien auszubrechen aus dem Alltag, dem Trott, dem Gefängnis der eigenen vier Wände. Mein Blick fiel auf das Schriftstück vor mir, welches ich gerade begonnen hatte abzuschreiben. Dies war eine meiner Aufgaben und ich tat mich schwer damit sie an jemand anderen zu übertragen. Ich tat mich insgesamt schwer damit die Zügel aus der Hand zu geben und der eine oder andere machte sicherlich Witze darüber. Hinter vorgehaltener Hand, versteht sich. Mir war es jedoch egal. Ich war bemüht meine Arbeit gut zu machen.<br />
<br />
Doch heute würde ich nichts mehr zustande bringen. Die Unruhe, die mich erfasst hatte, ließ mich mit dem Fuß wippen. Ein Räuspern neben mir ließ mich aufblicken und dem vorwurfsvollen Blick meines Lehrers begegnen. Widerstrebend wanderte mein Blick zurück auf das Pergament vor mir. Ich umfasste den Federkiel fester und stellte mir vor, wie es wäre, hier auszubrechen und die Welt dort draußen besser kennen zu lernen. Doch war ich hier gefangen in einem goldenen Käfig. Zu Höherem erkoren mußte ich lernen und meine Lehrer waren unerbittlich. Respektvoll, jedoch sehr strikt in der Einhaltung der Regeln. Ihrer Regeln - keine davon entsprach meinen Vorstellungen, aber ich wurde nicht gefragt. <br />
<br />
Ich senkte meinen Kopf, suchte um Ruhe, um Konzentration und drängte die Bilder von bildhübschen Frauen in dünnen Stoffen, die in einer Taverne zu lauter Musik tanzten zurück. Ja, nur zu gerne würde ich ausbrechen. Doch meine Aufgabe war eine andere. Für mich würde ein Abenteuer außerhalb dieses Hauses so gut wie nie ein Teil meiner Existenz sein. Dies hier war mein Leben. <br />
<br />
Voller Verbitterung konzentrierte ich mich auf den Text, den ich übersetzen sollte und machte mich abermals an die Arbeit, als ich den Federkiel in die Tinte tunkte und tat mein Bestes, die lateinische Arbeit ins italienisch zu übersetzen. Nach gefühlten Stunden konnte ich endlich das Tintenfass zuschrauben und den Federkiel zum trocknen beiseite legen. Ein vom Herzen kommender Seufzer erfasste mich, ebenso die Erleichterung für heute fertig zu sein. Mein Lehrer klopfte mir aufmunternd auf die Schultern und brummelte etwas von, dass heute genug getan sein. Ich war entlassen und konnte mich nun zum Essen auf mein Zimmer zurückziehen. Endlich allein, endlich…<br />
<br />
Ich schüttelte den Kopf, als ich leisen Schrittes die langen Gänge des Hauses entlang schritt. Es war ruhig, das gesamte Haus war in Aufruhr für die beginnenden Festtage morgen. Die feierliche Eröffnung der Gladiatorenspiele stand kurz bevor und ich hoffte, dass ich dabei sein durfte. Ob Vater es mir erlauben würde? Ich hoffte es, wußte jedoch, dass diese Hoffnung sich nur sehr schwer erfüllen würde. Doch hatte ich nicht ein Recht auf die Welt dort draußen? Nur lernen und bilden füllte mich einfach nicht aus. Ich war mittlerweile ein Mann, kein Kind mehr, welchem man derartige Vorschriften machen konnte. Ich war in den letzten Jahren in die Höhe geschossen und hatte dank eines unerbittlichen Trainings sogar ein breites Kreuz entwickelt, die mich zu einem stattlichen … Mann … machten. Ich war zwar erst 17 an Jahren, doch gab es andere, die in meinem Alter bereits eine Familie hatten und weitaus mehr Verantwortung trugen.<br />
<br />
Mein Gewand raschelte, als ich um die Ecke bog. Sogleich schob ich mich in eine der dunkleren Nischen und verbarg mich vor den Blicken der beiden Männer, die mir entgegen kamen. Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch oder sonstige Tändeleien der Beiden. Ihr Getue widerte mich an. Ich wollte Ehrlichkeit, ehrliche Gefühle und ehrliche Worte. Ich hielt den Atem an, als sie in Hörreichweite kamen. Von einem Tanzabend im „Der grüne Boden“ war die Rede. Eine Taverne Roms, die bekannt war für ihre ausschweifenden Tanzabende. <br />
<br />
Ein, zwei Gedankengänge lang dauerte es und mein Entschluss stand fest. Ich würde mich heute davonschleichen und das wahre Leben Roms kennenlernen. Es war an der Zeit, dass ich meine Flügel ausbreitete und dem Nest davon flog. Es war an der Zeit, dass ich meine eigenen Erfahrungen machte. Als die beiden Männer verschwunden waren, trat ich aus meinem Versteck heraus und rannte schnellen Fußes zu meinem Zimmer. Schwungvoll riss ich die Tür auf, begab mich zu meinem Ankleidezimmer und suchte die einfachste, schäbigste Kleidung heraus, die ich finden konnte. Überzeugt von meiner Verkleidung holte ich einen dunklen Umhang heraus, von dem ich sorgsam die Insignien des Hauses entfernte. <br />
<br />
Ich wollte inkognito gehen. Ich wollte um meinetwillen gemocht werden und nicht um der Verbindung zu diesem Hause willen. Vor Aufregung pochte mein Herz bis zum Hals und ich betrachtete meine „Verkleidung“ im Spiegel und drehte mich kurz um mich selbst. Die Haare ordentlich gekämmt, brachte ich mit einer Handbewegung durcheinander und nickte mit freudig erregten Augen meinem Spiegelbild zu. Endlich wieder beschwingt, fühlte ich das Leben durch meinen Körper fließen. Ja, ich würde das Leben kennenlernen. Heute Nacht würde ich einfach nur ich sein und niemand sonst.<br />
<br />
Ungesehen von den Wachen huschte ich durch eine der hinteren Türen. Mit Adrenalin gepeitschtem Körper schlich ich lautlos von dannen und ließ mein Leben und das Haus hinter mir. Ein Lachen perlte von meinen Lippen und mit beschwingten Schritten eilte ich davon. Ich hatte keinerlei Ahnung wo sich „Der grüne Boden“ befand, nahm mir jedoch vor diesen heute unbedingt zu besuchen. Ich wollte sehen, was die Männer an einem normalen Abend wie diesem machten und wollte mit ihnen tun, was normale Männer eben so taten. <br />
<br />
Die Apathie, die mich den ganzen Tag erfasst hatte, war wie weggewischt, als ich Männer wie Frauen nach dem Weg fragte. Ihre befremdlichen Blicke ignorierte ich, ich tat so, als käme ich von außerhalb und ließ mich auf ihre Wegbeschreibung hin zum „Grünen Boden“ lotsen. Den Geschmack des einfachen Biers schon auf den Lippen schmeckend, genoss ich den Anblick der geschmückten Gassen und Läden, die sich ebenfalls auf die Festspiele vorbereiteten, wie es jeder in Rom tat. Ich blickte lachend in die Gesichter von Männern und Frauen, sah Freundlichkeit, Glück und Freude. Ich sah nicht die Armut in den Seitengassen oder gar die Bettler an den Straßenecken, die Banden von Kindern, die die reichen unwissenden Reisenden um ihr Geld erleichterten. Ich war blind für die Krankheit, die Alten und Gebrechlichen. Ich war einfach zu sehr gefangen in meinem Traum von Rom, von meiner Vorstellung, wie Rom sein sollte, als ich endlich die Gasse erreichte, in der „Der grüne Boden“ zu finden sein sollte. <br />
<br />
Einmal tief durchatmend stieß ich die Tür auf und betrat ein brodelndes Fass von Energie, Menschen, Gerüchen und Geräuschen. Mit einem Lächeln auf den Lippen hüllte ich mich etwas fester in meinen Umhang und ignorierte gekonnt die plötzliche Stille, die sich im Schankraum breit machte. Ich blickte mich suchend um, erhaschte einen Blick auf leicht bekleidete Tänzerinnen, die nur mit Schleier bekleidet ihrem Tanz und der Musik erlagen und sich normalerweise wohl in lasziver Weise bewegten. Doch auch sie hatten ihren Tanz jäh unterbrochen, um mich anzustarren. Ich warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter. <span style="color: blue;" class="mycode_color">“Habt ihr noch nie einen normalen Römer in euren Reihen gesehen, werte Damen und Herren?“</span>, fragte ich mutig in die Runde und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ja, heute war ich mutig. Heute würde ich das Leben genießen – außerhalb der Mauern, außerhalb des Hauses.<br />
<br />
Die Unterhaltungen setzten langsam wieder ein, als die Menschen in der Taverne wieder ihren Tätigkeiten nachgingen und erleichtert stellte ich fest, dass ich nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens stand. Natürlich fiel mir nicht auf, dass ein jeder mich beobachtete und sich einen Reim darauf zu machen versuchte, was in drei Gottes Namen ich hier wollte oder woher ich kam. Doch ich war im siebten Himmel und schlenderte nun betont lässig zum Tresen und bestellte ein Bier. Der Wirt blickte mich mit einer hoch gezogenen Augenbraue an. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Das was Du willst hab‘ ich nich‘. Ich hab‘ nur einfaches!“</span>, brummte der Wirt bärbeißig hinter seinem bereits ergrauten Bart. Es schien fast so, als würde er sein Getränk entschuldigen, doch es genügte mir. <span style="color: blue;" class="mycode_color">“Dann erlaube ich mir, dass zu nehmen, was der Herr neben mir zu trinken gedenkt!“</span>, sprach ich voller Übermut, deutete auf den Kerl neben mir und ließ meinen Blick durch die Taverne schweifen. <br />
<br />
Die Frauen begannen wieder zu tanzen und mein Blick blieb an ihren weichen, warmen Leibern hängen, die sich zur Musik einer einfachen Flöte wiegten. Noch niemals hatte ich solche Bewegungen gesehen, noch niemals hatte ich solche Frauen gesehen, geschweige denn so viel nackte Haut. Diese Schleier verbargen einiges, offenbarten jedoch vieles. Ja, mein Ausreißer heute hatte sich zumindest schon einmal gelohnt, als ich merkte wie mein Blut hitzig durch meinen Körper zu kreisen begann. Von ihrem Anblick betört griff ich zu meiner Bestellung, die der Wirt inzwischen auf den Tresen gestellt hatte und kippte das kleine Glas auf einmal hinunter. Ich begann zu Husten, als der Alkohol heiß und brennend meine Kehle hinunter in meinen Magen rann. Lachend hieb mir der Mann neben mir auf den Rücken. Um den Husten zu mildern und gebeutelt von den Schlägen taumelte ich ein, zwei Schritte vom Tresen weg, bevor ich wieder einen festen Stand hatte. <br />
<br />
Meine Augen tränten und in meinem Magen breitete sich eine wohlige Wärme aus. Ich krächzte etwas Unverständliches und wischte mir verstohlen die Tränen aus den Augenwinkeln. So sah also das Leben des einfachen Mannes aus, dachte ich mir, als mich mit einem Mal etwas in die Seite stach. Ich juchzte wie ein Mädchen, wollte beiseite springen, als mich feste Arme von zwei wild aussehenden Kerlen umfassten und mich mit Mordlust in den Augen anblickten. Ihr Geruch ließ mich fast die Besinnung verlieren und hüllte mich ein mit einem Gestank nach Alkohol, Schweiß und anderen Ausscheidungen, die ich mir noch nicht mal vorstellen konnte. <br />
<br />
<span style="color: green;" class="mycode_color">“Komm mit Bursche. Nun wird abgerechnet!“</span>, flüsterte mir der Größere von beiden ins Ohr, wobei ich die schwarzen Stumpen sehen konnte, die mal Zähne gewesen waren. Der faulige Mundgeruch, der mir entgegenschlug, nahm mir den Atem und mein Blick wanderte langsam hinab zu dem Dolch, der sich in meine empfindliche Seite bohrte. Ich spürte durch die leichte Kleidung, wie die Spitze meine Haut durchbohrte und ein warmes Rinnsal an Blut meine Hüfte hinunter rann. Ich war in Schwierigkeiten und ich wußte es. Mit blassem Gesicht und weit aufgerissenen Augen wartete ich darauf, was nun passieren würde. Ich war wie gelähmt, vergaß eine jede Lektion, die ich für den Kampf gelernt hatte. Noch niemals hatte es jemand gewagt, Hand an mich zu legen oder mich gar zu bedrohen. Ich war angekommen im echten Rom und ich fragte mich, ob ich heil aus dieser Sache wieder heraus kommen würde.<br />
<span style="color: green;" class="mycode_color">“Nun beweg dich schon. Vor die Tür, dann klären wir das dort!“</span>, nuschelte der Kleine und schob mich mit seinem Mittäter Richtung Ausgang, wo uns die Leute hier ohne nachzudenken Platz machten. Vielleicht wussten sie, was mit mir passierte, vielleicht auch nicht. Jedoch würde sich niemand den beiden in den Weg stellen. Einem jeden war sein eigenes Leben lieb und teuer. Niemand wagte es, sein Eigenes für einen verwöhnten reichen Schnösel aufs Spiel zu setzen, der dumm genug war sich in eine der zwielichtigen Tavernen Roms zu verirren. Was würden sie lachen wenn sie wüssten, dass ich mir bewusst diese Taverne ausgesucht hatte, weil ich erfahren wollte, wie die einfachen Leute Roms tickten. <br />
<br />
Angst bemächtigte sich meiner, als die Tür der Taverne hinter mir krachend ins Schloss fiel und die beiden Kerle mich weiter und weiter in die scheinbar dunkelsten Gassen Roms zerrten. Sie machten sich keinerlei Mühe unauffällig zu arbeiten, mussten sie auch nicht. Niemand hielt sie auf. Niemand rief nach der Stadtwache. Niemand interessierte sich für das Dreiergespann, welches unterschiedlicher nicht sein könnte. Die zwei Kerle, ungewaschen, ungepflegt, gezeichnet vom harten Leben auf den Straßen und der feine Schnösel, gehüllt in die feinsten Gewänder ohne jegliches Gebrauchzeichen, das fein geschnittene Gesicht und den grazilen Fingern, die keinerlei Schwielen aufwiesen. Auch wenn sie auffielen, so sagte doch niemand etwas und ich wusste, dass meine Möglichkeiten niemals hätten schlechter aussehen können. Panik erfasste mich, beschleunigte meinen Herzschlag, ließ mein Blut durch den Körper rasen und betäubte meinen Kopf. Zu keinem klaren Gedanken war ich fähig, zu keiner Kampfhandlung in der Lage. Ich hatte alles vergessen.<br />
<br />
Endlich in der verlassensten Gasse angekommen, die die beiden Halunken sich ausgesucht hatten, drängten sie mich mit dem Messer an eine Mauer. Den Dolch an der Kehle funkelte mich der Große triumphierend an. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Ich weiß wer Du bist. Ich habe Dich gesehen!“</span>, grinste er mich zahnlos an und mir wurde heiß und kalt zugleich. Ich war erledigt. Ich war so was von erledigt. Der Kleine nickte zustimmend, ballte die Fäuste und begann mit seiner „Arbeit“. Dies war das Handwerk, welches die beiden als Profis ausübten und systematisch begannen sie mich auseinander zu nehmen und verteilten Schläge und Tritte. Vor Schmerzen gekrümmt brach ich zusammen, spürte Stellen meines Körpers, die ich niemals zu vor auch nur als existierend in Betracht gezogen hatte. Geifernd nahmen sie mir die Geldkatze ab, lachten, verhöhnten mich, während ich versuchte, taumelnd auf die Beine zu kommen. Ich wollte nicht aufgeben. Ich würde….<br />
<br />
Mit einem Gurgeln ging der Große zu Boden. Ein Blutschwall ergoss sich aus seinem Mund, während er zusammenklappte wie ein Taschenmesser. Der Kleine wirbelte herum, sah sich einem Schatten gegenüber und versuchte sogleich sein Glück im Angriff. Vor meinen Augen entbrannte ein Kampf, während der Kleine mit Kraft versuchte die Schläge abzuwehren, die der neue Angreifer austeilte. Ein ungleicher Kampf, bei dem der Kleine nach einigen Schlägen mit einem Hieb auf seinen Solarplexus und kurz darauf in die Eier keuchend zu Boden ging. Der neue Angreifer beugte sich über ihn, nahm meine Geldkatze an sich und warf sie mir mit einer fließenden Bewegung zu. Unfähig, mich zu rühren, prallte sie an meiner Brust ab und fiel zu Boden.<br />
<br />
Sie trat ins Licht und meine Augen weiteten sich. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Sie!</span> Mein Angreifer war eine Frau und sie reichte mir eine Hand, um mir aufzuhelfen. Ausdruckslose Augen blickten mich an, die für einen kurzen Moment Sorge verhießen. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Hier, lass Dir helfen.“</span>, sprach sie mit heiserer Stimme. Mein Blick wanderte ihren Körper hinab, während sie mir aufhalf aus der dreckigen Pfütze aufzustehen, in die ich gesunken war. Ich stank inzwischen genauso wie meine Umgebung, doch das interessierte mich nicht. Ihre schlanke Gestalt, muskulös, in Lederhose und weißes Hemd gehüllt ließ meinen Mund trocken werden. Sie schien eine Kämpferin zu sein und das was ich sah gefiel mir. Nicht gefiel mir, dass ich eben zusammengeschlagen worden war und sie meine Retterin war. <span style="color: blue;" class="mycode_color">“Ich scheine heute kein Glück zu haben.“</span> Ein Räuspern. <span style="color: blue;" class="mycode_color">„Danke, dass Du mir zu Hilfe geeilt bist.“</span>, fügte ich mit gebrochener Stimme hinzu. <br />
<br />
Sie grinste breit und zwinkerte mir zu, als sie mir aufhalf. Meine Hand in ihrer fühlte sich gut an und ein Prickeln durchfuhr meinen Körper. Eben noch gebadet in Schmerz, fühlte ich ihn nun noch an Stellen, von denen ich bis bisher nur die Engel hatte singen hören. Hoffentlich würde ich noch Kinder zeugen können. Meine absurden Gedanken abschüttelnd folgte ich ihr, als sie mich am Ärmel durch die Gassen zog. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Komm, bevor die Stadtwache kommt und unbequeme Fragen stellt! Ich habe keine Lust, den Rest der Nacht in einer Zelle zu verbringen. Du doch auch nicht, oder?“</span>, flüsterte sie, als sie mich durch das Labyrinth von Gassen und Straßen führte. Erst als die Helligkeit zunahm, bedingt durch die Straßenbeleuchtung, atmete ich tief durch und zwang sie mit einer Handbewegung zum halten. <br />
<br />
Wusste sie wer ich war? Fragend ließ ich den Blick über sie gleiten, doch sie zeigte keinerlei Erkennen. Ich humpelte und rieb mir den Magen, der immer noch empfindlich schmerzte. Doch ich war soweit unbeschadet aus dieser Gasse entflohen. Auch wenn ich nicht mehr so jungfräulich war, wie vorher. Ich hatte meine erste Schlägerei, meinen ersten Kampf auf der Straße hinter mich gebracht und ein Lachen stieg meine Kehle hinauf, um sich den Weg nach außen zu bahnen. Ihr Blick lag auf mir und ihr Grinsen wurde breiter. Sie klopfte mir leicht auf die Schulter und zwinkerte mir zu, so dass meine Hormone abermals aufkochten. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Das war nen Spaß, hm? Du lebst wohl gerne gefährlich.“</span> Ihr Blick hing abschätzend auf mir. <span style="color: red;" class="mycode_color">“...das gefällt mir.“</span>, lachte sie heiser und ließ ihre grünen Augen weiter über meinen Körper gleiten. <br />
<br />
Würde sie ihn nun erkennen? War nun alles vorbei? Doch sie veränderte ihr Verhalten nicht und blickte ihn einfach nur interessiert an. Ich atmete tief durch und konnte die Wärme ihres Körpers spüren, als sie näher an mich herantrat. Ihre Hand wanderte zu meiner aufgeplatzten Unterlippe und wischte das Blut dort beiseite, welches sie augenzwinkernd ableckte. Sie zwinkernde anscheinend gerne. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Ja, du gefällst mir.“</span>, flüsterte sie, während ihr Blick Verheißung und Erfüllung zugleich verhieß. Mein Blut preschte durch meine Adern, doch ich wusste, dass ich meinen geschundenen Körper erst einmal Ruhe gönnen mußte, bevor ich dem brodelnden Begehren nachgehen konnte. Ich hoffte darauf, dass dies ein Abenteuer wäre, welches ich ein anderes Mal erleben durfte. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, jeder Schlag dröhnte wie Glocken in meinem Schädel.<br />
<br />
<span style="color: blue;" class="mycode_color">“Du hast mich gerettet. Das hätte niemand anderes getan. Scheinbar hatte ich mehr Glück als Verstand, dass Du zufällig in der Gasse vorbei gekommen bist.“</span>, sprach ich heiser und blickte sie heißblütig an. Sie lachte laut, knuffte mich in die Schulter und schwieg. Sie setzte ihren Weg fort und ich bewegte mich automatisch neben ihr. Nebeneinander schritten wir durch die Nacht und schwiegen. Ihr Blick wachsam, während meiner immer wieder zu ihrer Silhouette wanderte. Sicherlich hatte ich meine Lektion gelernt, doch ich war mir sicher, dass ... Ich schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Langsam ließ der Schock nach und ich realisierte, was heute Nacht alles hätte passieren können. Die beiden Gesetzeslosen hätten mich töten, mich abstechen können wie ein Schwein und niemand wäre mir zu Hilfe geeilt. Ich wäre in meinem Blut liegend in einer Gosse elendig verreckt und kein Hahn hätte nach mir gekräht. Solange, bis mein Verschwinden bemerkt worden wäre und mein Haus Land und Leute in Bewegung gesetzt hätten, um mich zu finden. Und anschließend meinen Tod am Volk zu rächen.<br />
<br />
Ich hing meinen Gedanken nach, bemerkte weder den Weg, noch die Umgebung. Meine Begleitung, diese Frau, deren Schönheit nicht von dieser Welt sein konnte, ließ meine Aufmerksamkeit jedoch schnell wieder zu ihr zurückkehren. Ich konnte ihrem Anblick einfach nicht widerstehen. Ihre grün funkelnden Augen fingen meinen Blick ein ums andere Mal ein, zwinkerten mir fröhlich und aufmunternd zu. Irgendwann hielt sie mich an den Schultern fest und blickte mir bestimmt in die Augen, während sich ein breites Grinsen in ihrem Gesicht zeigte. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Wir sind da, mein Lieber. Ich hoffe jedoch, dass dies nicht das letzte Mal war, das wir uns gesehen haben. Ich hoffe auf noch weitere ... interessante ... Nächte mit Dir, also enttäusche mich nicht!“</span> <br />
<br />
Ihre Worte ließen meine Wangen in tiefes Purpurrot eintauchen und mein Herz setzte einen Moment lang aus, um dann in einem schnellen Stakkato wieder los zu preschen. Verwirrt blickte ich mich um. Wo waren wir? Blinzelnd erkannte ich den Palast und mein Mund wurde trocken, während mein Blick langsam zu dem geheimen Eingang wanderte, den ich vor nicht langer Zeit genommen hatte, um dem Alltag zu entkommen. Stetig wanderten meine Augen zu ihrem wissenden Blick, der ebenfalls dort ruhte, und bevor ich den Mund aufmachen konnte, legte sie mir einen Finger auf die Lippen und hieß mich still zu sein. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Ich habe Dir heute das Leben gerettet, Imperator. Dafür schuldest Du mir etwas und ich gedenke darauf zurück zu kommen... auf die eine oder andere Weise.“</span> Ihr Blick veränderte sich, wurde ernst. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Doch sei nie wieder so nachlässig in Bezug auf Deine Sicherheit. Rufe mich, wenn Du einen Beschützer brauchst. Geh jedoch niemals, niemals wieder allein. Du riskierst Dein Leben und beraubtest uns fast der Führung unseres Landes. Versprich es mir. Tu es mir zu Liebe! Rufe nach Sajah.“</span>, sprach sie schnell und eindringlich.<br />
<br />
Ich nickte, und hatte das Gefühl, mein Herz wäre stehengeblieben und ich würde sogleich den Tod des Erkennens sterben. Suchend glitt mein Blick über ihr Gesicht, als sie sprach und ich nickte abermals. Sie hatte Recht, ich war töricht gewesen und ich hatte einen unverzeihlichen Fehler gemacht. Einen Fehler, der mich selbst und viele Unschuldige das Leben hätte kosten können. Mit meiner Reaktion zufrieden kehrte das Grinsen wieder auf ihr Gesicht zurück, während sie sich drehte, mir einen Klapser auf den Hintern gab und dann mit einem überaus weiblichen Lachen wie durch Magie im Dunkeln der Nacht verschwand. <br />
<br />
Der Imperator hatte eine Lektion gelernt und der kleine Junge in ihm rieb sich nun unbewusst die Stelle seines Allerwertesten, welches sie berührt hatte. Ja, diese Nacht hatte einiges auf den Kopf gestellt und mein Leben durcheinander gewirbelt. Sicherlich anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber einer Sache war ich mir mehr als deutlich bewusst: Ich war verliebt. Mit einem Grinsen auf den Lippen begab ich mich durch den Geheimgang zurück in den Palast und zurück in mein Leben. Doch dieser Ausreißer würde sicherlich nicht der letzte dieser Art gewesen sein. Sajah würde mir dabei behilflich sein, mich erwachsen dem Leben zu stellen und ein guter Herrscher Roms und seiner Lande zu werden. <br />
<br />
Zuallererst würde ich sämtliche dunklen Gassen erleuchten und ein Ädikt erlassen, welches alle Frauen Roms dazu zwang derartige Lederhosen zu tragen. Das Leben war wirklich wundervoll, wenn man der Imperator war.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Erfahrungen</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Lederhosen sind einfach besser.</span><br />
<br />
Ich seufzte, konnte keinen klaren Gedanken fassen. Die Sonne war im Untergang begriffen und mein Blick schweifte immer wieder auf die Welt vor dem Fenster. Eine Sehnsucht bemächtigte sich meiner, als ich mir das rege Treiben in den Gassen, den Straßen Roms vorstellte. Frauen, die ihre Kinder auf den Hüften wiegten, während sie auf den Märkten ihre Waren feil boten. Männer, die sich im Armdrücken maßen und zotige Witze erzählten. Kinder, die mit Steinen ihre Kräfte erprobten. Wer kann die Kiesel am weitesten werfen? <br />
<br />
Die Sonne kitzelte in meinen Augen. Sie stand mittlerweile so tief, dass sie mir direkt ins Gesicht schien. Ich seufzte abermals, konnte die Stimmen in meinem Inneren nicht mehr verhöhnen, gar verneinen. Stimmen, die voller Sehnsucht von Freiheit kündeten und förmlich danach schrien auszubrechen aus dem Alltag, dem Trott, dem Gefängnis der eigenen vier Wände. Mein Blick fiel auf das Schriftstück vor mir, welches ich gerade begonnen hatte abzuschreiben. Dies war eine meiner Aufgaben und ich tat mich schwer damit sie an jemand anderen zu übertragen. Ich tat mich insgesamt schwer damit die Zügel aus der Hand zu geben und der eine oder andere machte sicherlich Witze darüber. Hinter vorgehaltener Hand, versteht sich. Mir war es jedoch egal. Ich war bemüht meine Arbeit gut zu machen.<br />
<br />
Doch heute würde ich nichts mehr zustande bringen. Die Unruhe, die mich erfasst hatte, ließ mich mit dem Fuß wippen. Ein Räuspern neben mir ließ mich aufblicken und dem vorwurfsvollen Blick meines Lehrers begegnen. Widerstrebend wanderte mein Blick zurück auf das Pergament vor mir. Ich umfasste den Federkiel fester und stellte mir vor, wie es wäre, hier auszubrechen und die Welt dort draußen besser kennen zu lernen. Doch war ich hier gefangen in einem goldenen Käfig. Zu Höherem erkoren mußte ich lernen und meine Lehrer waren unerbittlich. Respektvoll, jedoch sehr strikt in der Einhaltung der Regeln. Ihrer Regeln - keine davon entsprach meinen Vorstellungen, aber ich wurde nicht gefragt. <br />
<br />
Ich senkte meinen Kopf, suchte um Ruhe, um Konzentration und drängte die Bilder von bildhübschen Frauen in dünnen Stoffen, die in einer Taverne zu lauter Musik tanzten zurück. Ja, nur zu gerne würde ich ausbrechen. Doch meine Aufgabe war eine andere. Für mich würde ein Abenteuer außerhalb dieses Hauses so gut wie nie ein Teil meiner Existenz sein. Dies hier war mein Leben. <br />
<br />
Voller Verbitterung konzentrierte ich mich auf den Text, den ich übersetzen sollte und machte mich abermals an die Arbeit, als ich den Federkiel in die Tinte tunkte und tat mein Bestes, die lateinische Arbeit ins italienisch zu übersetzen. Nach gefühlten Stunden konnte ich endlich das Tintenfass zuschrauben und den Federkiel zum trocknen beiseite legen. Ein vom Herzen kommender Seufzer erfasste mich, ebenso die Erleichterung für heute fertig zu sein. Mein Lehrer klopfte mir aufmunternd auf die Schultern und brummelte etwas von, dass heute genug getan sein. Ich war entlassen und konnte mich nun zum Essen auf mein Zimmer zurückziehen. Endlich allein, endlich…<br />
<br />
Ich schüttelte den Kopf, als ich leisen Schrittes die langen Gänge des Hauses entlang schritt. Es war ruhig, das gesamte Haus war in Aufruhr für die beginnenden Festtage morgen. Die feierliche Eröffnung der Gladiatorenspiele stand kurz bevor und ich hoffte, dass ich dabei sein durfte. Ob Vater es mir erlauben würde? Ich hoffte es, wußte jedoch, dass diese Hoffnung sich nur sehr schwer erfüllen würde. Doch hatte ich nicht ein Recht auf die Welt dort draußen? Nur lernen und bilden füllte mich einfach nicht aus. Ich war mittlerweile ein Mann, kein Kind mehr, welchem man derartige Vorschriften machen konnte. Ich war in den letzten Jahren in die Höhe geschossen und hatte dank eines unerbittlichen Trainings sogar ein breites Kreuz entwickelt, die mich zu einem stattlichen … Mann … machten. Ich war zwar erst 17 an Jahren, doch gab es andere, die in meinem Alter bereits eine Familie hatten und weitaus mehr Verantwortung trugen.<br />
<br />
Mein Gewand raschelte, als ich um die Ecke bog. Sogleich schob ich mich in eine der dunkleren Nischen und verbarg mich vor den Blicken der beiden Männer, die mir entgegen kamen. Ich hatte keine Lust auf ein Gespräch oder sonstige Tändeleien der Beiden. Ihr Getue widerte mich an. Ich wollte Ehrlichkeit, ehrliche Gefühle und ehrliche Worte. Ich hielt den Atem an, als sie in Hörreichweite kamen. Von einem Tanzabend im „Der grüne Boden“ war die Rede. Eine Taverne Roms, die bekannt war für ihre ausschweifenden Tanzabende. <br />
<br />
Ein, zwei Gedankengänge lang dauerte es und mein Entschluss stand fest. Ich würde mich heute davonschleichen und das wahre Leben Roms kennenlernen. Es war an der Zeit, dass ich meine Flügel ausbreitete und dem Nest davon flog. Es war an der Zeit, dass ich meine eigenen Erfahrungen machte. Als die beiden Männer verschwunden waren, trat ich aus meinem Versteck heraus und rannte schnellen Fußes zu meinem Zimmer. Schwungvoll riss ich die Tür auf, begab mich zu meinem Ankleidezimmer und suchte die einfachste, schäbigste Kleidung heraus, die ich finden konnte. Überzeugt von meiner Verkleidung holte ich einen dunklen Umhang heraus, von dem ich sorgsam die Insignien des Hauses entfernte. <br />
<br />
Ich wollte inkognito gehen. Ich wollte um meinetwillen gemocht werden und nicht um der Verbindung zu diesem Hause willen. Vor Aufregung pochte mein Herz bis zum Hals und ich betrachtete meine „Verkleidung“ im Spiegel und drehte mich kurz um mich selbst. Die Haare ordentlich gekämmt, brachte ich mit einer Handbewegung durcheinander und nickte mit freudig erregten Augen meinem Spiegelbild zu. Endlich wieder beschwingt, fühlte ich das Leben durch meinen Körper fließen. Ja, ich würde das Leben kennenlernen. Heute Nacht würde ich einfach nur ich sein und niemand sonst.<br />
<br />
Ungesehen von den Wachen huschte ich durch eine der hinteren Türen. Mit Adrenalin gepeitschtem Körper schlich ich lautlos von dannen und ließ mein Leben und das Haus hinter mir. Ein Lachen perlte von meinen Lippen und mit beschwingten Schritten eilte ich davon. Ich hatte keinerlei Ahnung wo sich „Der grüne Boden“ befand, nahm mir jedoch vor diesen heute unbedingt zu besuchen. Ich wollte sehen, was die Männer an einem normalen Abend wie diesem machten und wollte mit ihnen tun, was normale Männer eben so taten. <br />
<br />
Die Apathie, die mich den ganzen Tag erfasst hatte, war wie weggewischt, als ich Männer wie Frauen nach dem Weg fragte. Ihre befremdlichen Blicke ignorierte ich, ich tat so, als käme ich von außerhalb und ließ mich auf ihre Wegbeschreibung hin zum „Grünen Boden“ lotsen. Den Geschmack des einfachen Biers schon auf den Lippen schmeckend, genoss ich den Anblick der geschmückten Gassen und Läden, die sich ebenfalls auf die Festspiele vorbereiteten, wie es jeder in Rom tat. Ich blickte lachend in die Gesichter von Männern und Frauen, sah Freundlichkeit, Glück und Freude. Ich sah nicht die Armut in den Seitengassen oder gar die Bettler an den Straßenecken, die Banden von Kindern, die die reichen unwissenden Reisenden um ihr Geld erleichterten. Ich war blind für die Krankheit, die Alten und Gebrechlichen. Ich war einfach zu sehr gefangen in meinem Traum von Rom, von meiner Vorstellung, wie Rom sein sollte, als ich endlich die Gasse erreichte, in der „Der grüne Boden“ zu finden sein sollte. <br />
<br />
Einmal tief durchatmend stieß ich die Tür auf und betrat ein brodelndes Fass von Energie, Menschen, Gerüchen und Geräuschen. Mit einem Lächeln auf den Lippen hüllte ich mich etwas fester in meinen Umhang und ignorierte gekonnt die plötzliche Stille, die sich im Schankraum breit machte. Ich blickte mich suchend um, erhaschte einen Blick auf leicht bekleidete Tänzerinnen, die nur mit Schleier bekleidet ihrem Tanz und der Musik erlagen und sich normalerweise wohl in lasziver Weise bewegten. Doch auch sie hatten ihren Tanz jäh unterbrochen, um mich anzustarren. Ich warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter. <span style="color: blue;" class="mycode_color">“Habt ihr noch nie einen normalen Römer in euren Reihen gesehen, werte Damen und Herren?“</span>, fragte ich mutig in die Runde und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ja, heute war ich mutig. Heute würde ich das Leben genießen – außerhalb der Mauern, außerhalb des Hauses.<br />
<br />
Die Unterhaltungen setzten langsam wieder ein, als die Menschen in der Taverne wieder ihren Tätigkeiten nachgingen und erleichtert stellte ich fest, dass ich nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens stand. Natürlich fiel mir nicht auf, dass ein jeder mich beobachtete und sich einen Reim darauf zu machen versuchte, was in drei Gottes Namen ich hier wollte oder woher ich kam. Doch ich war im siebten Himmel und schlenderte nun betont lässig zum Tresen und bestellte ein Bier. Der Wirt blickte mich mit einer hoch gezogenen Augenbraue an. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Das was Du willst hab‘ ich nich‘. Ich hab‘ nur einfaches!“</span>, brummte der Wirt bärbeißig hinter seinem bereits ergrauten Bart. Es schien fast so, als würde er sein Getränk entschuldigen, doch es genügte mir. <span style="color: blue;" class="mycode_color">“Dann erlaube ich mir, dass zu nehmen, was der Herr neben mir zu trinken gedenkt!“</span>, sprach ich voller Übermut, deutete auf den Kerl neben mir und ließ meinen Blick durch die Taverne schweifen. <br />
<br />
Die Frauen begannen wieder zu tanzen und mein Blick blieb an ihren weichen, warmen Leibern hängen, die sich zur Musik einer einfachen Flöte wiegten. Noch niemals hatte ich solche Bewegungen gesehen, noch niemals hatte ich solche Frauen gesehen, geschweige denn so viel nackte Haut. Diese Schleier verbargen einiges, offenbarten jedoch vieles. Ja, mein Ausreißer heute hatte sich zumindest schon einmal gelohnt, als ich merkte wie mein Blut hitzig durch meinen Körper zu kreisen begann. Von ihrem Anblick betört griff ich zu meiner Bestellung, die der Wirt inzwischen auf den Tresen gestellt hatte und kippte das kleine Glas auf einmal hinunter. Ich begann zu Husten, als der Alkohol heiß und brennend meine Kehle hinunter in meinen Magen rann. Lachend hieb mir der Mann neben mir auf den Rücken. Um den Husten zu mildern und gebeutelt von den Schlägen taumelte ich ein, zwei Schritte vom Tresen weg, bevor ich wieder einen festen Stand hatte. <br />
<br />
Meine Augen tränten und in meinem Magen breitete sich eine wohlige Wärme aus. Ich krächzte etwas Unverständliches und wischte mir verstohlen die Tränen aus den Augenwinkeln. So sah also das Leben des einfachen Mannes aus, dachte ich mir, als mich mit einem Mal etwas in die Seite stach. Ich juchzte wie ein Mädchen, wollte beiseite springen, als mich feste Arme von zwei wild aussehenden Kerlen umfassten und mich mit Mordlust in den Augen anblickten. Ihr Geruch ließ mich fast die Besinnung verlieren und hüllte mich ein mit einem Gestank nach Alkohol, Schweiß und anderen Ausscheidungen, die ich mir noch nicht mal vorstellen konnte. <br />
<br />
<span style="color: green;" class="mycode_color">“Komm mit Bursche. Nun wird abgerechnet!“</span>, flüsterte mir der Größere von beiden ins Ohr, wobei ich die schwarzen Stumpen sehen konnte, die mal Zähne gewesen waren. Der faulige Mundgeruch, der mir entgegenschlug, nahm mir den Atem und mein Blick wanderte langsam hinab zu dem Dolch, der sich in meine empfindliche Seite bohrte. Ich spürte durch die leichte Kleidung, wie die Spitze meine Haut durchbohrte und ein warmes Rinnsal an Blut meine Hüfte hinunter rann. Ich war in Schwierigkeiten und ich wußte es. Mit blassem Gesicht und weit aufgerissenen Augen wartete ich darauf, was nun passieren würde. Ich war wie gelähmt, vergaß eine jede Lektion, die ich für den Kampf gelernt hatte. Noch niemals hatte es jemand gewagt, Hand an mich zu legen oder mich gar zu bedrohen. Ich war angekommen im echten Rom und ich fragte mich, ob ich heil aus dieser Sache wieder heraus kommen würde.<br />
<span style="color: green;" class="mycode_color">“Nun beweg dich schon. Vor die Tür, dann klären wir das dort!“</span>, nuschelte der Kleine und schob mich mit seinem Mittäter Richtung Ausgang, wo uns die Leute hier ohne nachzudenken Platz machten. Vielleicht wussten sie, was mit mir passierte, vielleicht auch nicht. Jedoch würde sich niemand den beiden in den Weg stellen. Einem jeden war sein eigenes Leben lieb und teuer. Niemand wagte es, sein Eigenes für einen verwöhnten reichen Schnösel aufs Spiel zu setzen, der dumm genug war sich in eine der zwielichtigen Tavernen Roms zu verirren. Was würden sie lachen wenn sie wüssten, dass ich mir bewusst diese Taverne ausgesucht hatte, weil ich erfahren wollte, wie die einfachen Leute Roms tickten. <br />
<br />
Angst bemächtigte sich meiner, als die Tür der Taverne hinter mir krachend ins Schloss fiel und die beiden Kerle mich weiter und weiter in die scheinbar dunkelsten Gassen Roms zerrten. Sie machten sich keinerlei Mühe unauffällig zu arbeiten, mussten sie auch nicht. Niemand hielt sie auf. Niemand rief nach der Stadtwache. Niemand interessierte sich für das Dreiergespann, welches unterschiedlicher nicht sein könnte. Die zwei Kerle, ungewaschen, ungepflegt, gezeichnet vom harten Leben auf den Straßen und der feine Schnösel, gehüllt in die feinsten Gewänder ohne jegliches Gebrauchzeichen, das fein geschnittene Gesicht und den grazilen Fingern, die keinerlei Schwielen aufwiesen. Auch wenn sie auffielen, so sagte doch niemand etwas und ich wusste, dass meine Möglichkeiten niemals hätten schlechter aussehen können. Panik erfasste mich, beschleunigte meinen Herzschlag, ließ mein Blut durch den Körper rasen und betäubte meinen Kopf. Zu keinem klaren Gedanken war ich fähig, zu keiner Kampfhandlung in der Lage. Ich hatte alles vergessen.<br />
<br />
Endlich in der verlassensten Gasse angekommen, die die beiden Halunken sich ausgesucht hatten, drängten sie mich mit dem Messer an eine Mauer. Den Dolch an der Kehle funkelte mich der Große triumphierend an. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Ich weiß wer Du bist. Ich habe Dich gesehen!“</span>, grinste er mich zahnlos an und mir wurde heiß und kalt zugleich. Ich war erledigt. Ich war so was von erledigt. Der Kleine nickte zustimmend, ballte die Fäuste und begann mit seiner „Arbeit“. Dies war das Handwerk, welches die beiden als Profis ausübten und systematisch begannen sie mich auseinander zu nehmen und verteilten Schläge und Tritte. Vor Schmerzen gekrümmt brach ich zusammen, spürte Stellen meines Körpers, die ich niemals zu vor auch nur als existierend in Betracht gezogen hatte. Geifernd nahmen sie mir die Geldkatze ab, lachten, verhöhnten mich, während ich versuchte, taumelnd auf die Beine zu kommen. Ich wollte nicht aufgeben. Ich würde….<br />
<br />
Mit einem Gurgeln ging der Große zu Boden. Ein Blutschwall ergoss sich aus seinem Mund, während er zusammenklappte wie ein Taschenmesser. Der Kleine wirbelte herum, sah sich einem Schatten gegenüber und versuchte sogleich sein Glück im Angriff. Vor meinen Augen entbrannte ein Kampf, während der Kleine mit Kraft versuchte die Schläge abzuwehren, die der neue Angreifer austeilte. Ein ungleicher Kampf, bei dem der Kleine nach einigen Schlägen mit einem Hieb auf seinen Solarplexus und kurz darauf in die Eier keuchend zu Boden ging. Der neue Angreifer beugte sich über ihn, nahm meine Geldkatze an sich und warf sie mir mit einer fließenden Bewegung zu. Unfähig, mich zu rühren, prallte sie an meiner Brust ab und fiel zu Boden.<br />
<br />
Sie trat ins Licht und meine Augen weiteten sich. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Sie!</span> Mein Angreifer war eine Frau und sie reichte mir eine Hand, um mir aufzuhelfen. Ausdruckslose Augen blickten mich an, die für einen kurzen Moment Sorge verhießen. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Hier, lass Dir helfen.“</span>, sprach sie mit heiserer Stimme. Mein Blick wanderte ihren Körper hinab, während sie mir aufhalf aus der dreckigen Pfütze aufzustehen, in die ich gesunken war. Ich stank inzwischen genauso wie meine Umgebung, doch das interessierte mich nicht. Ihre schlanke Gestalt, muskulös, in Lederhose und weißes Hemd gehüllt ließ meinen Mund trocken werden. Sie schien eine Kämpferin zu sein und das was ich sah gefiel mir. Nicht gefiel mir, dass ich eben zusammengeschlagen worden war und sie meine Retterin war. <span style="color: blue;" class="mycode_color">“Ich scheine heute kein Glück zu haben.“</span> Ein Räuspern. <span style="color: blue;" class="mycode_color">„Danke, dass Du mir zu Hilfe geeilt bist.“</span>, fügte ich mit gebrochener Stimme hinzu. <br />
<br />
Sie grinste breit und zwinkerte mir zu, als sie mir aufhalf. Meine Hand in ihrer fühlte sich gut an und ein Prickeln durchfuhr meinen Körper. Eben noch gebadet in Schmerz, fühlte ich ihn nun noch an Stellen, von denen ich bis bisher nur die Engel hatte singen hören. Hoffentlich würde ich noch Kinder zeugen können. Meine absurden Gedanken abschüttelnd folgte ich ihr, als sie mich am Ärmel durch die Gassen zog. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Komm, bevor die Stadtwache kommt und unbequeme Fragen stellt! Ich habe keine Lust, den Rest der Nacht in einer Zelle zu verbringen. Du doch auch nicht, oder?“</span>, flüsterte sie, als sie mich durch das Labyrinth von Gassen und Straßen führte. Erst als die Helligkeit zunahm, bedingt durch die Straßenbeleuchtung, atmete ich tief durch und zwang sie mit einer Handbewegung zum halten. <br />
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Wusste sie wer ich war? Fragend ließ ich den Blick über sie gleiten, doch sie zeigte keinerlei Erkennen. Ich humpelte und rieb mir den Magen, der immer noch empfindlich schmerzte. Doch ich war soweit unbeschadet aus dieser Gasse entflohen. Auch wenn ich nicht mehr so jungfräulich war, wie vorher. Ich hatte meine erste Schlägerei, meinen ersten Kampf auf der Straße hinter mich gebracht und ein Lachen stieg meine Kehle hinauf, um sich den Weg nach außen zu bahnen. Ihr Blick lag auf mir und ihr Grinsen wurde breiter. Sie klopfte mir leicht auf die Schulter und zwinkerte mir zu, so dass meine Hormone abermals aufkochten. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Das war nen Spaß, hm? Du lebst wohl gerne gefährlich.“</span> Ihr Blick hing abschätzend auf mir. <span style="color: red;" class="mycode_color">“...das gefällt mir.“</span>, lachte sie heiser und ließ ihre grünen Augen weiter über meinen Körper gleiten. <br />
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Würde sie ihn nun erkennen? War nun alles vorbei? Doch sie veränderte ihr Verhalten nicht und blickte ihn einfach nur interessiert an. Ich atmete tief durch und konnte die Wärme ihres Körpers spüren, als sie näher an mich herantrat. Ihre Hand wanderte zu meiner aufgeplatzten Unterlippe und wischte das Blut dort beiseite, welches sie augenzwinkernd ableckte. Sie zwinkernde anscheinend gerne. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Ja, du gefällst mir.“</span>, flüsterte sie, während ihr Blick Verheißung und Erfüllung zugleich verhieß. Mein Blut preschte durch meine Adern, doch ich wusste, dass ich meinen geschundenen Körper erst einmal Ruhe gönnen mußte, bevor ich dem brodelnden Begehren nachgehen konnte. Ich hoffte darauf, dass dies ein Abenteuer wäre, welches ich ein anderes Mal erleben durfte. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, jeder Schlag dröhnte wie Glocken in meinem Schädel.<br />
<br />
<span style="color: blue;" class="mycode_color">“Du hast mich gerettet. Das hätte niemand anderes getan. Scheinbar hatte ich mehr Glück als Verstand, dass Du zufällig in der Gasse vorbei gekommen bist.“</span>, sprach ich heiser und blickte sie heißblütig an. Sie lachte laut, knuffte mich in die Schulter und schwieg. Sie setzte ihren Weg fort und ich bewegte mich automatisch neben ihr. Nebeneinander schritten wir durch die Nacht und schwiegen. Ihr Blick wachsam, während meiner immer wieder zu ihrer Silhouette wanderte. Sicherlich hatte ich meine Lektion gelernt, doch ich war mir sicher, dass ... Ich schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Langsam ließ der Schock nach und ich realisierte, was heute Nacht alles hätte passieren können. Die beiden Gesetzeslosen hätten mich töten, mich abstechen können wie ein Schwein und niemand wäre mir zu Hilfe geeilt. Ich wäre in meinem Blut liegend in einer Gosse elendig verreckt und kein Hahn hätte nach mir gekräht. Solange, bis mein Verschwinden bemerkt worden wäre und mein Haus Land und Leute in Bewegung gesetzt hätten, um mich zu finden. Und anschließend meinen Tod am Volk zu rächen.<br />
<br />
Ich hing meinen Gedanken nach, bemerkte weder den Weg, noch die Umgebung. Meine Begleitung, diese Frau, deren Schönheit nicht von dieser Welt sein konnte, ließ meine Aufmerksamkeit jedoch schnell wieder zu ihr zurückkehren. Ich konnte ihrem Anblick einfach nicht widerstehen. Ihre grün funkelnden Augen fingen meinen Blick ein ums andere Mal ein, zwinkerten mir fröhlich und aufmunternd zu. Irgendwann hielt sie mich an den Schultern fest und blickte mir bestimmt in die Augen, während sich ein breites Grinsen in ihrem Gesicht zeigte. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Wir sind da, mein Lieber. Ich hoffe jedoch, dass dies nicht das letzte Mal war, das wir uns gesehen haben. Ich hoffe auf noch weitere ... interessante ... Nächte mit Dir, also enttäusche mich nicht!“</span> <br />
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Ihre Worte ließen meine Wangen in tiefes Purpurrot eintauchen und mein Herz setzte einen Moment lang aus, um dann in einem schnellen Stakkato wieder los zu preschen. Verwirrt blickte ich mich um. Wo waren wir? Blinzelnd erkannte ich den Palast und mein Mund wurde trocken, während mein Blick langsam zu dem geheimen Eingang wanderte, den ich vor nicht langer Zeit genommen hatte, um dem Alltag zu entkommen. Stetig wanderten meine Augen zu ihrem wissenden Blick, der ebenfalls dort ruhte, und bevor ich den Mund aufmachen konnte, legte sie mir einen Finger auf die Lippen und hieß mich still zu sein. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Ich habe Dir heute das Leben gerettet, Imperator. Dafür schuldest Du mir etwas und ich gedenke darauf zurück zu kommen... auf die eine oder andere Weise.“</span> Ihr Blick veränderte sich, wurde ernst. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Doch sei nie wieder so nachlässig in Bezug auf Deine Sicherheit. Rufe mich, wenn Du einen Beschützer brauchst. Geh jedoch niemals, niemals wieder allein. Du riskierst Dein Leben und beraubtest uns fast der Führung unseres Landes. Versprich es mir. Tu es mir zu Liebe! Rufe nach Sajah.“</span>, sprach sie schnell und eindringlich.<br />
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Ich nickte, und hatte das Gefühl, mein Herz wäre stehengeblieben und ich würde sogleich den Tod des Erkennens sterben. Suchend glitt mein Blick über ihr Gesicht, als sie sprach und ich nickte abermals. Sie hatte Recht, ich war töricht gewesen und ich hatte einen unverzeihlichen Fehler gemacht. Einen Fehler, der mich selbst und viele Unschuldige das Leben hätte kosten können. Mit meiner Reaktion zufrieden kehrte das Grinsen wieder auf ihr Gesicht zurück, während sie sich drehte, mir einen Klapser auf den Hintern gab und dann mit einem überaus weiblichen Lachen wie durch Magie im Dunkeln der Nacht verschwand. <br />
<br />
Der Imperator hatte eine Lektion gelernt und der kleine Junge in ihm rieb sich nun unbewusst die Stelle seines Allerwertesten, welches sie berührt hatte. Ja, diese Nacht hatte einiges auf den Kopf gestellt und mein Leben durcheinander gewirbelt. Sicherlich anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber einer Sache war ich mir mehr als deutlich bewusst: Ich war verliebt. Mit einem Grinsen auf den Lippen begab ich mich durch den Geheimgang zurück in den Palast und zurück in mein Leben. Doch dieser Ausreißer würde sicherlich nicht der letzte dieser Art gewesen sein. Sajah würde mir dabei behilflich sein, mich erwachsen dem Leben zu stellen und ein guter Herrscher Roms und seiner Lande zu werden. <br />
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Zuallererst würde ich sämtliche dunklen Gassen erleuchten und ein Ädikt erlassen, welches alle Frauen Roms dazu zwang derartige Lederhosen zu tragen. Das Leben war wirklich wundervoll, wenn man der Imperator war.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Ich, Chrystel, vom Blute der Monegario [Priscylla]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7519.html</link>
			<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 12:37:15 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7519.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Auf Messers Schneide</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">1. Das Papier</span><br />
Dieses Papier... Ich knüllte es zusammen, meine Finger gruben sich in die Holzfasern. Das Gefühl, welches mich dabei überkam, war überwältigend. Meine Fingernägel suchten nach Falten, in die sie greifen konnten, um das Große Ganze zu zerreißen, das herrliche Geräusch der Zerstörung zu hören, die Schnipsel mit den Augen davon flattern zu sehen und dabei Genugtuung zu empfinden. Sie fanden diese Falten...<br />
Aber sie übten keine Kraft aus, rissen es nicht in Stücke, tausende und abertausende. Meine Augen sahen keinen bleichen Papierregen, mit Sprenkeln von Tusche gezeichnet, meine Ohren missten das absolute Geräusch der Befreiung. Das Geschriebene konnte nicht zurück genommen werden, denn nicht meine Hand hatte es verfasst, nicht mein Kopf hatten die Zeilen erdacht.<br />
Wütend und doch erleichtert die Zerstörung nicht zugelassen zu haben... Was war nur mit mir los?<br />
Ich zog vorsichtig die Falten der Wut auseinander, glättete das Papier auf meinem Kopfkissen, die beschriebene Seite nach unten. Nein, die Schmach es noch einmal zu lesen tat ich mir nicht an.<br />
Meine Finger strichen fast zärtlich über das Papier, die Fasern, den Entscheidungsträger über mich. Das Papier hatte etwas erregendes an sich, jedes Papier. Es war schlicht, es war einfach. Und doch war es teuer und nur von denen begehrt, die mit ihm umzugehen wussten. Es verströmte einen Geruch, der mit nichts zu vergleichen war außer mit... Papier. Es streichelte die Haut auf eine zärtliche und doch durch die Fasern rau unterbrochene Art. Das Geräusch einer Feder auf dem Papier bedeutete meinen Ohren höchsten Genuss. Mein Blick konnte sich in den Maserungen und Fasermustern von Papier verlieren. Es fing mich mit all meinen Sinnen auf eine sinnliche, herbe und auch erotische Art.<br />
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Papier<br />
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Es war kostbarer als Damast und Seide, als Rubin und Gold, als Perlen und Rouge. All das, was meinen Körper zierte, gäbe ich nur gerne her, wenn ich das letzte Stück Papier der Welt dafür bekäme und mit der letzten Tusche ein paar Sätze schreiben dürfte. Ich würde ihm schreiben, würde ihm schreiben, dass...<br />
Doch nein, ich würde abwarten. Abwarten, was der heutige Abend mir bringen würde, abwarten, ob ich den heutigen Abend überleben würde. Denn das war es, was am allerwichtigsten war. Das war es, was dieses Papier in meinen Händen, unter meinen streichelnden Fingern sagte, das war es, was man mit Papier anstellen konnte.<br />
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Das leichte Pochen riss mich aus den Gedanken. Ich schob das Papier unter das Kissen, stand auf und glättete meine Röcke. Rot wie Blut der Unterrock, der frech durch einen Schlitz von der Hüfte abwärts durch das Perlenbestickte Kleid lugte, schwarz wie die Nacht der Rock des Kleides, die Perlen wie Sterne funkelnd darauf. Schwarz... Das war die Farbe, die mein Leben dominierte, die meines Vaters und meines Vatervaters Wappenfarbe war. Schwarz wie mein Herz gewesen, bis ich diesen einen Mann traf, schwarz wie das Blut der Familie Monegario, meiner Familie.<br />
Die Zofe betrat den Raum, den Kopf gesenkt. Sie kündete meinen Cousin an, Luca. Er hatte mich von der Academia Arcana abgeholt und er war mein Begleiter für den heutigen Abend. Dass mein Bruder mich nicht zu sich bat war mir Recht. An seiner Seite und der seiner Frau hätte ich es nicht ausgehalten. Ich würde schon neben ihm sitzen müssen während des Festes, doch den kompletten Abend mit ihm zu verbringen, nein. Er war mein Fleisch und Blut, meines Vaters Kind, meiner toten Mutter Sohn. Und doch würde er mich zu seinen Gunsten verschachern, war ganz erzogen im Sinne meiner habgierigen Tante Isidora.<br />
Doch steckte hinter Lucas Freundlichkeit vielleicht gar mein Bruder Angelo? Oder, schlimmer noch, Tante Isidora? War er eine der vielen Puppen in diesen Spiel der Macht? Aber nein, er war unter meinem Stand. Er war nicht anerkannt, er war ein Bastard. Er war ein Nichts in der Hierarchie der Familia, niemand, der um meine Hand anhalten durfte, nicht so lange mein Vater noch lebte. Und das tat er. Mehr schlecht als recht, ans Bett gefesselt durch Husten und Fieber, durch Schwäche. Aber er lebte. Und das hieß vor allem: Mein Bruder durfte nicht über mich entscheiden, noch lag mein Leben in meines Vaters Hand und er hatte grausam genug gezeigt, dass ich nicht meiner selbst Herrin war. Er war es, der mich an die Academia geschickt hatte, nachdem ich zwanzig Jahre meines Lebens damit verbracht hatte ihm nach zu eifern, ihm eine perfekte Tochter zu werden, die genauso versiert im Handel war wie er selbst, vielleicht gar besser. Ich hatte versucht das Patriarchat zu durchbrechen, mich als Erstgeborene unabdingbar zu machen, mir meinen Platz als Erste der Familie zu sichern, vor meinem jüngeren Bruder und auch vor den Geschwistern meines Vaters. Und dann kam dieser verfluchte Tag vor zwei Jahren, an dem meine arcane Begabung entdeckt wurde. Ich wurde umgehend an die einzige Adresse gesandt, die eine Ausbildung in der Scientia Magica, der Wissenschaft der Magie anbot. Diese Academia war meine zwangsläufige Heimat geworden, in der ich mich mit meinen um vieles jüngeren Mitschülern arrangiert hatte und nebst Klassenbester auch unabdingbare Kraft für die Spectabilitaet, dem Leiter der Academia geworden war. Als Einzige, die in der Buchführung gelehrt war und als Einzige, die das Alter erreicht hatte, das den Handel mit jeglichen Dingen erlaubte, war ich von der einfachen Scolaria ganz nebenbei zu Secretaria aufgestiegen. Eine Ehre, die wohl nie einem Schüler in die Hände hätte fallen dürfen... Wenn nicht mein Vater ein nahmhafter Gönner der arcanen Kunst wäre.<br />
Doch meine Gedanken verschwendete ich besser nicht. Mit dem Augenaufschlag, in dem ich Luca gestattete mich zur Feierlichkeit zu führen, begann das Spiel. Das Spiel um mein Leben.<br />
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Er erwartete mich in der großen Halle, trug bereits seine Augen unter der Maske verborgen. Ich spürte die perlenbesetzte Spitze auf meiner Gesichshaut und die Schnüre in meiner Frisur, auch ich war maskiert. Es war zum Maskenball geladen.<br />
Mit der Linken nahm ich, das Haupt zum Gruße neigend, seine angebotene Hand, in der Rechten trug ich den Fächer. Jetzt diente er mir einfach dazu, mir ein wenig kühle Luft zuzufächern, später würde er als Mittel zur Verständigung dienen. Die Lingua der Fächer, die hohe Kunst sich nonverbal zu unterhalten, allein über die Nutzung des Holzgerippes, bezogen mit feinster Spitze, war in meiner Heimat kultiviert worden, diente den hohen Familien zur Verständigung. Eine Verständigung, die die Besatzer nicht belauschen konnten.<br />
Luca fächerte ebenfalls, auf seinen Lippen ein freundliches Lächeln. Seine Verbeugung war tief, ehrerbietig. Er wusste um seinen Stand in der Familie.<br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">2. Familienbande</span><br />
Im Rahmen der großen Prozession betraten wir den Saal. Mein Blick eilte zu dem Tisch der Gastgeber, den Besatzern meiner schönen Heimatstadt. Die Gerüchte, die in den letzten Tagen die Gassen der Stadt mit Raunen und Flüstern erfüllt hatten, bewahrheiteten sich: Der Imperator selbst war zugegen. Dazu gehörte eine gute Portion Mut, denn diese Stadt, so gefolgsam sie seit der Besetzung und der sofortigen Unterwerfung unter die neuen Herrscher war, war ein Risiko für den Imperator. Der Blutzoll, den er an das Umland gezahlt hatte war hoch. Zudem hatte man mir an der Academia zugetragen, dass der Imperator nur noch wenige Tage Freude an der Stadt Ularia haben würde. Und wenn man das im fünf Reisetage weit entfernten Faradicia, der Stadt in der die Academia ihre Räumlichkeiten besaß und die sich sußerhalb des Imperiums befand, schon wusste, dann war zu erwarten, dass etwas Wahres an dem Gerücht war... ebenso wie an jenem, dass der Imperator selbst auf dem Ball erscheinen würde.<br />
Während wir in angemessenem Tempo an den beiden Familien vorbeischritten, die neben uns geladen waren, musterte ich kurz die Gesichter unter den Masken. Rot war die Farbe der Familia Foscari. Sie war ebenso zugegen wie das Weiß der Familia Barbarigo. Doch während ich vor den Familienhäuptern der Familia Foscari noch einen leichten Knicks machte, die Foscaria waren nach uns die mächtigste Familie Ularias, sah ich die Familienführung der Familia Barbarigo nicht offen an. Sie waren an siebenter Stelle der machtvollen Familien und hatten nicht viel zu sagen. Einzig ihre Matriarchin war durch einen unglücklichen Zustand zur Meisterin des Stadtrates ernannt worden. Doch wie ich meine Tante Isidora einschätzte, würde die überhebliche Barbarigio in dieser Nacht ihren letzten Atemzug tun.<br />
Diese Überlegung warf meinen Blick nach vorne. Als erster schritt mein Bruder, das stellvertretende Familienoberhaupt, führte den Einzug unserer Familie an. An seiner Seite seine Frau, eine schwache Person von unscheinbarem Äußerem, der das Schwarz unserer Familie nicht gut zum viel zu bleichen Gesicht stand. Danach diejenige, die wohl eigentlich die Fäden unserer Familia in der Hand hielt: Tante Isidora Monegario. An ihrer Seite schritt ihre älteste Tochter. Der Mann meiner Tante hatte vor einigen Jahren einen plötzlichen Tod gefunden, der in meinen Augen bis heute nicht geklärt war. Doch man fragte besser nicht, welcher Giftmischer in wessen Lohn die Hände im Spiel hatte, wenn jemand von hohem Rang starb in Ularia. Hatte Tante Isidora vielleicht den Brief geschrieben? Wollte sie mein Leben in den Händen des Imperators vergehen sehen? Konnte sie das wollen, wo nach vielen Generationen nun endlich jemand die Gabe der Magie in sich trug und zum Nutzen der Familia ausgebildet wurde? Konnte sie wirklich meinen Tod wollen?<br />
Mich überlief es kalt. Tante Isidora war alles zuzutrauen. Sie würde nicht das erste Mal einen Mord innerhalb der Familia verschulden. Und nun, da mein Vater schwach und mein Bruder unter ihren Fittichen war, hatte letztlich sie die Macht. Dass mein Bruder in erster Reihe schritt war eine Formaila, lästig aber den Traditionen der Familie geschuldet. Egal wie groß die Macht meiner Tante war, an dem Patriarchat der Monegarios würde selbst sie nichts ändern können.<br />
Angelo, mein Bruder, hielt eine kurze aber herzliche Dankesrede vor dem Imperator. Dass wir zu dem Fest geladen worden waren war eine großzügige Geste des Herrschers über das größte Reich der Erde, doch hätte er uns nicht geladen, wäre seine Macht innerhalb der Stadt untergraben gewesen. Die mächtigste Familia der Stadt nicht zu laden wäre ein Affront gegen das System gewesen. Meiner Familia unterstanden fast ein Viertel der Bevölkerung. Wer nicht vom Blute einer der großen Familien war, musste sich dem Schutz einer diesen Familien unterstellen, um überhaupt ein florierendes Geschäft führen zu können. An der Fassade eines jeden Hauses konnte man dem Anstrich ablesen, welche Familie Patron für die Bewohner war. Es war kaum verwunderlich, dass unter zwanzig Häusern wohl zwischen fünf Fassaden mit schwarzem Stuck verziert waren.<br />
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Die Worte meines Bruders und die leise gesprochene Antwort des Imperators, des goldenen Wolfes, konnte ich nicht verstehen. Das maskierte Gesicht mit den markanten Zügen an Nase, Wangen und Kinn jedoch, mit dem schmalen, herb-männlichen Lippen und dem harten Lächeln eines Heerführers zeigte mir an, dass dieser Mann nicht bloß in Sagen Großes vollbrachte. Er war ein Mann mit Prinzipien, ein Mann der Herrschaft, ein Mann, der über Leben und Tod bestimmte. Er war ein Mann, der die Magie verbannt hatte und jegliche Form der Ausübung strafte. Der Wink seiner Hand reichte, um die Wolfsgarde, seine Leibwache, ein Urteil vollstrecken zu lassen. Auf das Wirken von Magie stand der Tod in den Flammen, in dem Feuer der Läuterung, auf dass der Sünder nach dem reinigenden Bad in den leckenden Zungen des Ingis, der Flammae seine Ruhe im Hades finde, unter dem Schutz der fürsorgenden Götter. Die Magie selbst, so der Imperator in einem Manifestum, sei Ausgeburt eines Gottes, der von den anderen seiner Art geschmäht würde, eines ausgestoßenen Gottes, der die Sterblichen mittels bösartiger Verführung in Form der Magica ihre Seelen entreiße. Eben deswegen sei es wichtig einen Maleficus Arcana, dem magischen Übeltäter die Seele zu reinigen, damit einzig die Götter im Nachleben über das Unendliche des Sterblichen entscheiden könnten und nicht ein Nicht-Gott. Was für ein ausgegorener Unsinn, welch lachhafter Versuch die eigene Phobie vor Magie zu rechtfertigen. Doch, so einer meiner Lehrer, verlache nicht die Angst eines Mächtigen, es könnte dein letztes Lachen sein.<br />
So schritt ich an der Seite Lucas am Imperator vorbei, knickste tief und senkte mein Haupt. In meinen Augen sollte der goldene Wolf nicht einen Hauch von Schuld lesen können, denn schuldig war ich nicht.<br />
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Der Tisch der Familia Monegario stand am weitesten von der Empore entfernt, auf der die Besatzer Platz genommen hatten. Auch waren wir am weitesten vom Tanzparkett entfernt. Doch das mochte mich nicht stören. Ich genoss an der Seite Angelos das köstliche Mahl und Luca zu meiner Linken unterhielt mich. Er war ein angenehmer Zeitgenosse, von hohem Wuchse und mit einer ihm eigenen Anmut. Wahrscheinlich hatte er die Erziehung Tante Isidoras genossen, war sein Vater, mein Onkel, doch oft auf Reisen und galt seit einigen Jahren gar als verschollen.<br />
In meiner Unruhe jedoch versuchte ich immer wieder einen Blick auf Isidora zu erhaschen. Sie saß am Nachbartisch und ließ sich von ihren vielen Töchtern unterhalten. Viel erfahren konnte ich so gewiss nicht. So sicher wie zu Anfang war ich mir auch nicht mehr, ob sie die Zeilen geschrieben hatte. In ihnen wurde mir einiges vorgeworfen: Mord an frisch Geborenen wurde mir vorgeworfen, meine Waffe die Magie. An diesem Abend des Festes würden die letzten Beweise geliefert und der Imperator informiert, so der Absender des Schriftstückes. Dass mein letzter Atemzug damit getan sei war nur noch eine Klausel, denn wenn der Imperator von meiner Potentia Arcana erführe, dessen war ich gewiss, würde ich ohnehin brennen.<br />
Ich hatte überlegt gar nicht zu erscheinen und gleich wieder zur Academia abzureisen als mich der Brief erreichte. Doch das hätte mich erst recht verdächtig gemacht. Zudem war der Maskenball die einzige Möglichkeit herauszufinden, wer der Autor der Zeilen war. Ich würde ihm das nicht durchgehen lassen, würde einen Weg finden ihn hinzurichten, hinrichten zu lassen, egal wer er war...<br />
Doch das gestaltete sich schwierig. Der Kontakt zu den Mitgliedern der anderen Familien war aufgrund der Tradition untersagt und mir stand auch nicht der Sinn danach mich mit niederem Pöbel zu unterhalten. Nein, meine Suche war auf den engen Kreis meiner eigenen Familie beschränkt. Nur jemand von meinem eigenen Fleisch und Blut konnte derart dreist sein mir so zu drohen. Nur jemand aus meiner eigenen Familie hatte diesen Brief unbemerkt in mein Zimmer bringen lassen können...<br />
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Ehe meine Gedanken sich den potentiellen Tätern zuwenden konnten, also allen anwesenden und nicht anwesenden Mitgliedern meiner eigenen Familie, rief der Herold zum ersten Tanze auf. Es war die 'Pavane der Ehre', die schwarz-weiß getanzt wurde: Die Familia Monegario tanzte mit der Familia Barbarigo zusammen. Natürlich tanzte niemand von uns direkt mit einem der niederen Barbarigos sondern mit dem eigenen Partner, jedoch mochte der Tanz an ein Miteinander denken lassen, wenn man von der Empore herabsah auf die tanzenden Paare. Die klaren Strukturen wurden von keinem unterbrochen und der Wechseln von Schwarz und Weiß machten den Tanz optisch mehr als Ansehnlich.<br />
Bei dem Tanz fiel mir auf, wie sicher Cousin Luca in den Schritten war. Anderen Tänzern merkte man zwar ebenfalls keine Schnitzer an, jedoch erwies sich Luca als der beste Tänzer auf dem Parkett, seine Eleganz und Anmut war bei keinem anderen Herrn zu finden. Die Damen schlugen sich allemale besser im Gesamten betrachtet. Ich war mehr als froh, dass ich einen guten Tänzer als Begleiter hatte, freute mich gar auf die noch folgenden Tänze. Diese Hohstimmung wurde noch bestätigt als mein Bruder nebst Frau bei einem Schritt beide in die verkehrte Richtung tanzten. Wenn Vater zugegen gewesen wäre hätte dies ein Nachspiel gehabt...<br />
„... musste von Briefen erfahren“, hörte ich noch neben meinem Ohr geflüstert. Mein Blick hastete von meinem Bruder zu dem Sprecher dieser Worte: Cousin Luca.<br />
„Was für Briefe denn?“, fragte ich leise. Mein Herz jedoch raste, schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen, während ich die Ronde vollendete und neben ihm zu Stehen kam. War er derjenige...?<br />
„Die Briefe, die du jeden Mond absendest mit Ziel Corvalia!“, raunte er leise, während er in acht Simples um mich herum schritt, ganz dem Schritt des Tanzes angepasst.<br />
Meine Gedanken jagten einander. Es gab solche Briefe, ich schrieb sie einem Scolarius einer Academia in einem weit entfernten Reiche nahe Teutonia. In Corvalia befand sich ein Arcanes Institut, mit dem meine Academia regen Kontakt unterhielt. Im Winter hatte ein Austausch stattgefunden, wo uns eine Delegation des Instituts besucht hatte. Einer der Scolarii hatte mein Interesse geweckt und es zu Begehren und einer noch tiefer empfundenen Hingabe ausweiten können in seinen Briefen, die wir seit dem gewechselt hatten. Niccolo Foliero sein Name. Wenn ich an ihn dachte, hüpfte mein Herz erfreut und mich sehnte nach den nächsten Zeilen, die ich von seiner Hand geschrieben lesen konnte. Erst vor wenigen Tagen hatte mich sein letzter Brief erreicht und sogleich hatte ich mich daran gemacht ihm zu antworten, hatte schon einen guten Teil meines Antwortschreibens zu Papier gebracht, als mich Cousin Luca abholte.<br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">3. Erpressung</span><br />
Die 'Pavane der Ehre' endete und die 'Regina India' wurde von den Spielleuten aufgespielt. Bei diesem Tanz tanzt man innerhalb einer Vierergruppe, einem Karree, so dass private Gespräche bis auf wenige kurze Momente unterbunden wurden... es sei denn man legt Wert darauf, dass das andere Paar von dem Gespräch etwas mitbekommt. Dies war in meinem Fall nicht so und ich wollte erst recht nicht dem arroganten Spross der Familie Barbarigio und seiner Frau, die mit Luca und mir das Karree bildeten, Informationen über mich in die Hände spielten. Immer wieder konnte ich Luca mustern, doch seine Züge verrieten nichts. Er hatte sich perfekt unter Kontrolle.<br />
Es waren viele Takte der Unruhe, die mir die Luft zum atmen nahmen. Jetzt erst merkte ich, wie eng das Korsett geschürt war.: Für einen schnellen Tanz weit genug aber für innere Aufruhr zu eng. Selbst der weite Rock schien meine Beine zu fesseln. Selbst das Collier, das auf meinem Dekollete lag, schien mir die Kehle zuzuschnüren, selbst die Maske aus Spitze schien meinen Kopf einzuklemmen.<br />
Was bezweckte Luca damit? Wusste er wirklich von den Briefen an und von Niccolo? Wollte er meinen Bruder durch mich erpressen? War er etwa derjenige, von dem ich den Drohbrief erhalten hatte?<br />
Die 'Regina India' dauerte und dauerte, sie schien zu lang. Und doch blieb mir kaum Zeit meine Gedanken zu ordnen, es blieb gar keine Zeit. Ich merkte erst viel zu spät, dass ich bei dem Wechsel ins neue Karree dem ersten Offizier des Imperators gegenüberstand. Ich knickste in meinen Gedanken so tief, wie ich es bei Luca tat... der Offizier schien erfreut. Bislang hatten ihn Monegari'sche Frauen wohl eher mit steifen Knicksen bedacht und nicht mit formvollendeten, tiefen Knicksen, die im besten Falle gar einen Blick auf den Busenansatz erhaschen ließen. Ich hingegen hatte eben so gegrüßt, wie ich es bei einem Familienmitglied tat, tief und voller Eleganz. Seine Verbeugung fiel entsprechend etwas stärker aus. Luca stand fast steif vor der Dame des Offiziers. Seine Blicke maßen mich, ich spürte sie wie heißes Eisen auf meinen frei liegenden Schulterblättern. Zeit zum Überlegen blieb nicht, der Offizier legte seine Hand gegen meine zur Ronde und ich ging den eingeschlagenen Weg weiter. Nun einen Rückzieher zu machen hätte eine Brüskierung sondergleichen bedeutet. Wenn der Imperator mich noch nicht unter Beobachtung hatte, dann bestimmt spätestens nach einem Schnitzer. Diesen wollte ich aber gerade ausbügeln.<br />
Mit heißer Haut und fahlem Gefühl absolvierte ich lächelnd und mit der absoluten Beherrschung des Tanzes die Schritte, die ich mit dem Offizier zu tanzen hatte. Dann wandte ich meinen Blick zu Luca, der mit der Besatzungsfrau recht steif umging. Ich sah ihr an, dass sie sich mehr als unwohl fühlte, dass sie ihren Mann mit vorwurfsvollem Blick maß, dass sie diese Ablehnung nicht erwartet hatte und nun ihn dafür verantwortlich machte. Sie tat mir fast ein bisschen Leid, war sie doch Gefangene einer Gesellschaft wie ich und wie alle anderen in diesem Saal. Selbst der Imperator, der goldene Wolf, war Gefangener der Ideale. Er musste der unnahbare Herrscher sein, er musste der vollendete Gastgeber sein, der das Spiel der Intrige beherrschte und es in Wahrheit nicht tat. Er musste seine Augen allüberall haben und jede Bewegung sehen, jedes Fächeln eines Fächers registrieren, interpretieren und sich merken. Er konnte das gar nicht schaffen, es sei denn er hatte Zuträger in den großen Familien...<br />
Meine Hoffnung diesen Abend zu überleben schwand in weite Ferne. Wie konnte ich meinen Kopf nur aus dieser Schlinge ziehen?<br />
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Als der Tanz zu Ende war, stand ich wieder vor Luca und er lächelte mich an.<br />
„Werte Cousine Chrystel, ich ahne dass es dich nach einem Spaziergang an der frischen Luft sehnt. Gerne begleite ich dich.“, sprach er höflich zu mir.<br />
Mehr als nicken konnte ich nicht. Er führte mich langsam nach draußen, legte mir fürsorglich meinen Schal um die Schultern. Zwar hatte mein Kleid lange Ärmel doch die Schultern waren frei. Woher er in der kurzen Zeit den Schal genommen hatte, lag er doch zuvor über der Lehne meines Stuhles, weit entfernt vom Tanzparkett, interessierte mich nur gering. Trotz der kalten Luft, die mich in der Fühjahrsnacht empfing, fächerte ich mit dem Fächer. Eine in der Sprache versierter Zuschauer konnte daraus lesen, dass ich zutiefst aufgewühlt war. Luca war ein solcher Zuschauer. Er führte mich in den Park des Anwesens. Anfangs waren da noch andere Paare, denen es nach frischer Luft dürstete doch schließlich waren wir zwei alleine und die Laternen waren nicht mehr all zu nah.<br />
Ich blieb stehen, sah zurück zum offenen Portal, von dem wir kamen. Ich mochte eine Meisterin der Täuschung gewesen sein bevor ich an die Academia verbannt wurde, doch es waren zwei Jahre ins Land gezogen, in denen ich meine Familie nicht gesehen hatte und mich mit ihrer Intriganz nicht hatte messen können. Vieles hatte ich verlernt, was mir nun zu Gute hätte kommen können...<br />
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Ich sah in Lucas braune Augen, mein Herz raste im Galopp, mein Atem war schwer und mir war heiß und kalt zugleich. Er lächelte sachte, fast freundlich aber eine Spur zu hinterhältig.<br />
„Cousine Chrystel, warum so verstockt? Ich dachte innerhalb der Familia vertraut man sich!?“, fragte er in gefährlich leiser Stimme.<br />
Mir versagte es meine Stimme und ich machte meinen Mund wieder zu, klappte den Fächer rasch zusammen, klappte ihn wieder auf, schob ihn wieder zusammen: 'Du bist grausam'<br />
Er las meine Worte und legte mir eine Hand auf den Arm. Der Fächer fiel kraftlos herab, nur noch gehalten durch die Perlenschnur, die mit meinem Armband verbunden war. Ich hatte Angst vor ihm. Machtvoll genug war ich bei weitem nicht, um ihm auf magischem Wege zu begegnen wenn er mir nun Gewalt antun würde. Da er mich um zwei Kopfgrößen überragte, hätte ich mich nicht einmal körperlich effektiv zur Wehr setzen können. So blickte ich trotzig in seine Augen, forderte ihn heraus mir das zu sagen, das anzutun, wofür er mich hierher entführt hatte. Ich rechnete damit, dass die Wolfsgarde aus den Büschen stürmte und mich vor den Imperator zerrte, ich rechnete mit allem...<br />
„Cousine Chrystel. Du bist mein Weg in die Familia!“, sagte er schlicht. Ich verstand nicht.<br />
„Ich weiß, dein Vater hätte dies zu entscheiden oder gar dein Bruder. Doch lass es uns so darstellen als sei es Liebe!“, er nahm zärtlich meine Hand in seine.<br />
„Luca... Was... ich...“, ich bekam keinen zusammenhängenden Satz heraus. Seine Worte verwirrten mich, trieben mein Herz zu einem noch schnelleren Schlag. Ich spürte, wie etwas kühles über meinen Finger strich, über ihn glitt. Luca schloss seine Hand um meine und hob sie dann an, um den Ring zu küssen, den er mir übergestreift hatte. Seine Lippen formten leise dabei Worte: „Heirate mich. Andernfalls gebe ich die Briefe von Niccolo an deinen Vater, deinen Bruder und Tante Isidora weiter!“<br />
Eine so zärtliche Geste, solch harte Worte. Sie waren wie Schläge in mein Gesicht, trafen mich hart, schleuderten mich zurück. Ich riss meine Hand aus seiner und rannte, rannte weg von ihm, rannte weg vom Licht, tiefer in den Garten. Die Fingernägel, die sich in meine Handballen gruben schmerzten so sehr, dass ich die Tränen zurück halten konnte. Ich hielt erst an, als ich völlig außer Atem war. Da ich schon zuvor nur flach hatte atmen können, war dies recht bald schon, nur wenige Duzend Schritte von dem Anfangsort meiner Flucht entfernt. Cousin Luca war schon da, war hinter mir und legte seine Hand auf meine Schulter.<br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">4. Eine Entscheidung</span><br />
„Überlege es dir gut, Chrystel. Wer weiß was die drei mit den Briefen anfangen würden und was dann mit Niccolo passieren würde!“, mahnte mich die Stimme meines Cousins. Ich hasste ihn, hasste ihn aus tiefster Seele, mit all dem was ich war und was mich ausmachte. Und dennoch drehte ich mich um, hoffte ihn mit meinem Blick töten zu können. Doch er lächelte nur überheblich.<br />
„Woher weißt du...?“, zischte ich wütend, verzweifelt.<br />
Er schob seine Hand in eine verborgene Tasche seines aus schwarzem und blutrotem Stoff gefertigtem Wamses und holte ein Papier hervor. Feines Papier mit zarten Fasern, einer Maserung, die einmalig war. Ich konnte auf die Distanz riechen, dass in Lavendelrauch getrocknet war. Es war Papier von der Schöpfergilde in Faradicia, der Gilde, bei der ich mein Papier zu kaufen pflegte. Als er die Seiten vorsichtig auseinander faltete, sah ich die geschwungene, steile Schrift, die meine Hand verließ, wenn ich eine Feder auf Papier setzte. Es war mein noch nicht abgeschickter Brief an Niccolo. Ich hatte die Torheit besessen ihm meine Liebe zu gestehen... und das Papier in meiner Kammer in der Academia zu verstecken. Luca musste ihn gefunden haben als er die Kammer durchsucht hatte... in der Zeit, in der ich mich bei der Spectabilitaet für meinen Urlaub abgemeldet hatte.<br />
„Du...“, setzte ich wütend an. Eine harsche Bewegung seiner Hand ließ mich verstummen. Seine Worte waren kalt und berechnend, nicht mehr gespielt sanft und gutmütig: „Du bist die Erstgeborene der Haupterblinie und erlaubst dir eine Liebschaft mit einem Fremden, einem, der nicht unter dem Protektorat der Familia steht? Und du willst mir jetzt ernsthaft Vorwürfe machen? Überleg dir lieber mehrfach, ob du das wirklich willst. Ich biete dir immernoch an, dass wir es wie wahre Liebe aussehen lassen können. Dein Bruder hätte gewiss nichts gegen eine Bindung zwischen uns und dein Vater... nunja, viele Tage hat er ja nicht mehr. Ich gebe dir Zeit bis zur 'Folia', dann werde ich dich zum Tanz auffordern und du teilst mir deine Entscheidung mit!“<br />
Damit wandte er sich um und verließ mich.<br />
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Welch hartes Los. Die 'Folia' war der Tanz, den ich über alles liebte. Mehr als jeder andere Tanz hatte dieser wunderbare Paartanz mich gefesselt und eingenommen. Mit den richtigen Partner getanzt und geführt von liebender Hand war es der Traum der Götter. Mit Niccolo hatte ich ihn  getanzt. Er hatte ihn perfekt beherrscht, hatte ihn tanzen können wie ein Liebesgott und in seinen Armen war ich geschwebt wie eine Nymphe in der Umarmung eines Baumes, wie die Muse in der Hand des Künstlers, wie die Geliebte in der Hand des Liebhabers. Und doch hatte ich erst vor wenigen Tagen den Mut gefunden Niccolo meine Leibe in einem Brief zu gestehen, der seinen Adressaten nie erreichen würde weil Luca diesen Brief in Händen hielt. Und weswegen wollte Luca eine Bindung mit mir? Er war ein Bastard und erst mit einer Heirat in den höchsten Kreis der Familie würde er anerkannt. Wer weiß, vielleicht würde er dann der Patriarch werden. Mich überging die Erbfolge, doch wenn mein Bruder zu Schaden kam? Würde mein Mann, wenn er von Erblinienblut gezeugt war, dann nicht eine gute Wahl sein? Mir war danach zu Mute mich weinend in die tiefste Ecke des Parks zu verkriechen, ja mich von der Brücke in den Teich zu stürzen und zu hoffen, dass er tief genug zum ertrinken war.<br />
Meine Füße trugen mich zu eben jeder angedachten Brücke und ich lehnte mich gegen das Geländer, blickte sehnsuchtsvoll in die Tiefen des Gewässers. Das Antlitz des Mondes schaute zurück und sah mich an, auf eine sanfte, umsorgende Art. Leichter Wellenschlag ließ das Rund sich verformen und mich anblinzeln, anzwinkern und dann wieder voll und ohne Wellen anblicken. Woher die Wellen kamen, ich wusste es nicht. Ihre Bewegung hielt mich gefangen, lockte mich. Wie schön es doch wäre mich diesen Wellen hingeben zu können, meine Haut an sie zu schmiegen, sie mit meinem Haar spielen zu lassen. Die Hitze würde meinen Körper verlassen und ich fände Ruhe in dem Gewässer des Parks. Es würde mich dorthin tragen, wo der Fährmann die Seelen der Verstorbenen über die sieben Flüsse schifft und mich nicht loslassen, bis ich das Ufer des Hades erreicht hätte.<br />
Die im Sommer blühenden Rosen des Sees würden meiner Gedenken, das Wasser würde auf ihnen perlen wie Tränen auf den Wangen der Trauernden, das Spiel des Windes auf dem Wasser, das kräuseln der Wellen wären das Trauerlied für meinen frühen Abschied von der Welt. Das Rauschen der Bäume am Ufer wär der Chor, dessen Klage zu den Göttern dringen würde. Jeden Abend würden die Sterne mich decken, der Mond mich wiegen.<br />
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Schritte klangen auf dem Holz der Brücke, langsam, bedächtig.<br />
Ich wendete mich ab, wollte alleine sein. Bis zur 'Folia' hatte er mir Zeit gegeben. Wieso kam er jetzt wieder? Verzweifelt schloss ich meine Augen und wünschte so sehr, sterben zu können. Das, was wie ein Graus gewirkt hatte zu Beginn des Abends schien mir jetzt Erlösung: An diesem Abend den Hades zu betreten, geläutert von all den Erpressungen und Intrigen meines Lebens.<br />
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Ein leises Hüsteln ließ mich aufmerken. Es war nicht Luca, der hinter mir stand. Langsam und auf das Schlimmste gefasst wandte ich mich um. Angelo, mein Bruder, stand dort, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Er musterte mich mit einem Blick, den ich bei ihm noch nie wahrgenommen hatte. Mein kleiner Bruder schätzte meinen Wert ein, wie wichtig war ich ihm?<br />
Ich eilte die paar Schritte zu ihm und ergriff seine Hände. Eine ungewohnte Geste, hasste ich ihn doch seit Jahren. Er war das Schoßtier von Tante Isidora, wurde benutzt für ihre Zwecke. War er hier, dann in ihrem Auftrag. Vielleicht wusste er über ihre Machenschaften Bescheid? Das war die eine Gelegenheit, auf die ich den ganzen Abend gehofft hatte... Auch wenn anderes meine Aufmerksamkeit beansprucht, meine Pläne zu Nichte gemacht hatte.<br />
„Angelo, mein Bruderherz! Gestatte mir eine Frage und antworte ehrlich, ich bitte ich aus tiefstem Herzen, für dein und mein Seelenheil!“, reif ich leise aus und schluckte all die Pein, die mir auf der Zunge lag. Nein, ich wollte nicht sterben.<br />
Mein Bruder war verdutzt. Er hatte wohl mit vielem gerechnet und auch mit vielem nicht gerechnet aber diese Tat war genau das, was er gar nicht hatte voraussehen können, ja die ich selbst nicht hatte voraussehen können. Seine tiefe Stimme, der unseres Vaters sehr ähnlich, versprach Dinge, die er nicht gesagt hätte, hätte er Zeit gehabt, Zeit zum überlegen und abwägen. „Chrystel, liebste Schwester. Ich verspreche es dir!“<br />
Das musste ich nutzen. Jetzt war die Gelegenheit herauszufinden, ob er hinter dem Drohbrief steckte. „Alvaro, würdest du mir je schaden? Würdest du mir schaden können auf übelste Weise?“, fragte ich vorsichtig. Ihn nach dem Drohbrief zu fragen traute ich mich nicht. Wenn er ihn nicht geschrieben hatte, hätte ich ihm Dinge in die Hand gelegt, die er besser nie in die Hände bekam.<br />
Er maß mich mit vorsichtigen Blicken, ließ sich mit seiner Antwort Zeit, zu viel Zeit. „Ich kann dir nicht schaden, Schwester. Doch die Familia geht über alle anderen Bindungen, das weißt du ja!“<br />
Ich fiel in das selbst gegrabene Loch der Verzweiflung. Seine Antwort war keine und doch war sie eine. Er hatte taktieren gelernt, konnte selbst denken. Vielleicht war er nicht mehr die Puppe Tante Isidoras, vielleicht hatte er sich vorsichtig aus dem Netz der Spinne lösen können, vielleicht hatte ihm die Ehe mit seiner verschüchterten Frau doch wohl getan, obwohl auch diese Ehe...<br />
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Seine Finger strichen sanft über meine, ich hatte die Bewegung kaum wahrgenommen. Doch nun stockten sie und der Daumen tastete nach. Seine Augen lösten sich von meinem Gesicht, wanderten zu meinen Fingern.<br />
„Blutroter Rubin, fast schwarz“, sagte er mit anerkennender Stimme, sein Blick wanderte wieder hoch, traf den meinen und bohrte sich in meine Augen. „Chrystel, von wem hast du den Ring?“, fragte er vorsichtig aber bestimmt. „Ich hoffe du hast dich nicht mit dem ersten Offizier der Wolfsgarde getroffen...“ Die Schärfe seiner Worte ließ mich zusammen zucken. Was hatte er alles gesehen? Wer hatte meinen Fehler beim Tanzen sonst noch bemerkt? Was für gerüchte über mich gingen unter den Anwesenden um?<br />
Ich schüttelte den Kopf, heftiger als notwendig. Ich versuchte all die schlechten Sachen, die an diesem Tag passiert waren hinfort zu schütteln, doch Erfolg war dem Vorhaben nicht beschieden. Ich hörte eine Stimme in meinem Kopf rumoren: „Nein, nein, Cousin Angelo. Deiner Schwester Herz und meines sind in Liebe einander zugeflogen und ich schenkte ihr den Ring als Kundgabe meines Begehrens und in Aussprache meines Verlobungswunsches...“<br />
Ich wandte mich um, es war wie ein Alptraum. Ich war gefangen zwischen Ängsten und Panik, zwischen schlechten Menschen und Niedertracht. Cousin Luca, der Bastard meines Onkels, stand hinter mir und hielt mir seine Hand hin.<br />
„Darf ich Bitten, Chrystel!? Die Folia wird aufgespielt!“]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Auf Messers Schneide</span><br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">1. Das Papier</span><br />
Dieses Papier... Ich knüllte es zusammen, meine Finger gruben sich in die Holzfasern. Das Gefühl, welches mich dabei überkam, war überwältigend. Meine Fingernägel suchten nach Falten, in die sie greifen konnten, um das Große Ganze zu zerreißen, das herrliche Geräusch der Zerstörung zu hören, die Schnipsel mit den Augen davon flattern zu sehen und dabei Genugtuung zu empfinden. Sie fanden diese Falten...<br />
Aber sie übten keine Kraft aus, rissen es nicht in Stücke, tausende und abertausende. Meine Augen sahen keinen bleichen Papierregen, mit Sprenkeln von Tusche gezeichnet, meine Ohren missten das absolute Geräusch der Befreiung. Das Geschriebene konnte nicht zurück genommen werden, denn nicht meine Hand hatte es verfasst, nicht mein Kopf hatten die Zeilen erdacht.<br />
Wütend und doch erleichtert die Zerstörung nicht zugelassen zu haben... Was war nur mit mir los?<br />
Ich zog vorsichtig die Falten der Wut auseinander, glättete das Papier auf meinem Kopfkissen, die beschriebene Seite nach unten. Nein, die Schmach es noch einmal zu lesen tat ich mir nicht an.<br />
Meine Finger strichen fast zärtlich über das Papier, die Fasern, den Entscheidungsträger über mich. Das Papier hatte etwas erregendes an sich, jedes Papier. Es war schlicht, es war einfach. Und doch war es teuer und nur von denen begehrt, die mit ihm umzugehen wussten. Es verströmte einen Geruch, der mit nichts zu vergleichen war außer mit... Papier. Es streichelte die Haut auf eine zärtliche und doch durch die Fasern rau unterbrochene Art. Das Geräusch einer Feder auf dem Papier bedeutete meinen Ohren höchsten Genuss. Mein Blick konnte sich in den Maserungen und Fasermustern von Papier verlieren. Es fing mich mit all meinen Sinnen auf eine sinnliche, herbe und auch erotische Art.<br />
<br />
Papier<br />
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Es war kostbarer als Damast und Seide, als Rubin und Gold, als Perlen und Rouge. All das, was meinen Körper zierte, gäbe ich nur gerne her, wenn ich das letzte Stück Papier der Welt dafür bekäme und mit der letzten Tusche ein paar Sätze schreiben dürfte. Ich würde ihm schreiben, würde ihm schreiben, dass...<br />
Doch nein, ich würde abwarten. Abwarten, was der heutige Abend mir bringen würde, abwarten, ob ich den heutigen Abend überleben würde. Denn das war es, was am allerwichtigsten war. Das war es, was dieses Papier in meinen Händen, unter meinen streichelnden Fingern sagte, das war es, was man mit Papier anstellen konnte.<br />
<br />
Das leichte Pochen riss mich aus den Gedanken. Ich schob das Papier unter das Kissen, stand auf und glättete meine Röcke. Rot wie Blut der Unterrock, der frech durch einen Schlitz von der Hüfte abwärts durch das Perlenbestickte Kleid lugte, schwarz wie die Nacht der Rock des Kleides, die Perlen wie Sterne funkelnd darauf. Schwarz... Das war die Farbe, die mein Leben dominierte, die meines Vaters und meines Vatervaters Wappenfarbe war. Schwarz wie mein Herz gewesen, bis ich diesen einen Mann traf, schwarz wie das Blut der Familie Monegario, meiner Familie.<br />
Die Zofe betrat den Raum, den Kopf gesenkt. Sie kündete meinen Cousin an, Luca. Er hatte mich von der Academia Arcana abgeholt und er war mein Begleiter für den heutigen Abend. Dass mein Bruder mich nicht zu sich bat war mir Recht. An seiner Seite und der seiner Frau hätte ich es nicht ausgehalten. Ich würde schon neben ihm sitzen müssen während des Festes, doch den kompletten Abend mit ihm zu verbringen, nein. Er war mein Fleisch und Blut, meines Vaters Kind, meiner toten Mutter Sohn. Und doch würde er mich zu seinen Gunsten verschachern, war ganz erzogen im Sinne meiner habgierigen Tante Isidora.<br />
Doch steckte hinter Lucas Freundlichkeit vielleicht gar mein Bruder Angelo? Oder, schlimmer noch, Tante Isidora? War er eine der vielen Puppen in diesen Spiel der Macht? Aber nein, er war unter meinem Stand. Er war nicht anerkannt, er war ein Bastard. Er war ein Nichts in der Hierarchie der Familia, niemand, der um meine Hand anhalten durfte, nicht so lange mein Vater noch lebte. Und das tat er. Mehr schlecht als recht, ans Bett gefesselt durch Husten und Fieber, durch Schwäche. Aber er lebte. Und das hieß vor allem: Mein Bruder durfte nicht über mich entscheiden, noch lag mein Leben in meines Vaters Hand und er hatte grausam genug gezeigt, dass ich nicht meiner selbst Herrin war. Er war es, der mich an die Academia geschickt hatte, nachdem ich zwanzig Jahre meines Lebens damit verbracht hatte ihm nach zu eifern, ihm eine perfekte Tochter zu werden, die genauso versiert im Handel war wie er selbst, vielleicht gar besser. Ich hatte versucht das Patriarchat zu durchbrechen, mich als Erstgeborene unabdingbar zu machen, mir meinen Platz als Erste der Familie zu sichern, vor meinem jüngeren Bruder und auch vor den Geschwistern meines Vaters. Und dann kam dieser verfluchte Tag vor zwei Jahren, an dem meine arcane Begabung entdeckt wurde. Ich wurde umgehend an die einzige Adresse gesandt, die eine Ausbildung in der Scientia Magica, der Wissenschaft der Magie anbot. Diese Academia war meine zwangsläufige Heimat geworden, in der ich mich mit meinen um vieles jüngeren Mitschülern arrangiert hatte und nebst Klassenbester auch unabdingbare Kraft für die Spectabilitaet, dem Leiter der Academia geworden war. Als Einzige, die in der Buchführung gelehrt war und als Einzige, die das Alter erreicht hatte, das den Handel mit jeglichen Dingen erlaubte, war ich von der einfachen Scolaria ganz nebenbei zu Secretaria aufgestiegen. Eine Ehre, die wohl nie einem Schüler in die Hände hätte fallen dürfen... Wenn nicht mein Vater ein nahmhafter Gönner der arcanen Kunst wäre.<br />
Doch meine Gedanken verschwendete ich besser nicht. Mit dem Augenaufschlag, in dem ich Luca gestattete mich zur Feierlichkeit zu führen, begann das Spiel. Das Spiel um mein Leben.<br />
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Er erwartete mich in der großen Halle, trug bereits seine Augen unter der Maske verborgen. Ich spürte die perlenbesetzte Spitze auf meiner Gesichshaut und die Schnüre in meiner Frisur, auch ich war maskiert. Es war zum Maskenball geladen.<br />
Mit der Linken nahm ich, das Haupt zum Gruße neigend, seine angebotene Hand, in der Rechten trug ich den Fächer. Jetzt diente er mir einfach dazu, mir ein wenig kühle Luft zuzufächern, später würde er als Mittel zur Verständigung dienen. Die Lingua der Fächer, die hohe Kunst sich nonverbal zu unterhalten, allein über die Nutzung des Holzgerippes, bezogen mit feinster Spitze, war in meiner Heimat kultiviert worden, diente den hohen Familien zur Verständigung. Eine Verständigung, die die Besatzer nicht belauschen konnten.<br />
Luca fächerte ebenfalls, auf seinen Lippen ein freundliches Lächeln. Seine Verbeugung war tief, ehrerbietig. Er wusste um seinen Stand in der Familie.<br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">2. Familienbande</span><br />
Im Rahmen der großen Prozession betraten wir den Saal. Mein Blick eilte zu dem Tisch der Gastgeber, den Besatzern meiner schönen Heimatstadt. Die Gerüchte, die in den letzten Tagen die Gassen der Stadt mit Raunen und Flüstern erfüllt hatten, bewahrheiteten sich: Der Imperator selbst war zugegen. Dazu gehörte eine gute Portion Mut, denn diese Stadt, so gefolgsam sie seit der Besetzung und der sofortigen Unterwerfung unter die neuen Herrscher war, war ein Risiko für den Imperator. Der Blutzoll, den er an das Umland gezahlt hatte war hoch. Zudem hatte man mir an der Academia zugetragen, dass der Imperator nur noch wenige Tage Freude an der Stadt Ularia haben würde. Und wenn man das im fünf Reisetage weit entfernten Faradicia, der Stadt in der die Academia ihre Räumlichkeiten besaß und die sich sußerhalb des Imperiums befand, schon wusste, dann war zu erwarten, dass etwas Wahres an dem Gerücht war... ebenso wie an jenem, dass der Imperator selbst auf dem Ball erscheinen würde.<br />
Während wir in angemessenem Tempo an den beiden Familien vorbeischritten, die neben uns geladen waren, musterte ich kurz die Gesichter unter den Masken. Rot war die Farbe der Familia Foscari. Sie war ebenso zugegen wie das Weiß der Familia Barbarigo. Doch während ich vor den Familienhäuptern der Familia Foscari noch einen leichten Knicks machte, die Foscaria waren nach uns die mächtigste Familie Ularias, sah ich die Familienführung der Familia Barbarigo nicht offen an. Sie waren an siebenter Stelle der machtvollen Familien und hatten nicht viel zu sagen. Einzig ihre Matriarchin war durch einen unglücklichen Zustand zur Meisterin des Stadtrates ernannt worden. Doch wie ich meine Tante Isidora einschätzte, würde die überhebliche Barbarigio in dieser Nacht ihren letzten Atemzug tun.<br />
Diese Überlegung warf meinen Blick nach vorne. Als erster schritt mein Bruder, das stellvertretende Familienoberhaupt, führte den Einzug unserer Familie an. An seiner Seite seine Frau, eine schwache Person von unscheinbarem Äußerem, der das Schwarz unserer Familie nicht gut zum viel zu bleichen Gesicht stand. Danach diejenige, die wohl eigentlich die Fäden unserer Familia in der Hand hielt: Tante Isidora Monegario. An ihrer Seite schritt ihre älteste Tochter. Der Mann meiner Tante hatte vor einigen Jahren einen plötzlichen Tod gefunden, der in meinen Augen bis heute nicht geklärt war. Doch man fragte besser nicht, welcher Giftmischer in wessen Lohn die Hände im Spiel hatte, wenn jemand von hohem Rang starb in Ularia. Hatte Tante Isidora vielleicht den Brief geschrieben? Wollte sie mein Leben in den Händen des Imperators vergehen sehen? Konnte sie das wollen, wo nach vielen Generationen nun endlich jemand die Gabe der Magie in sich trug und zum Nutzen der Familia ausgebildet wurde? Konnte sie wirklich meinen Tod wollen?<br />
Mich überlief es kalt. Tante Isidora war alles zuzutrauen. Sie würde nicht das erste Mal einen Mord innerhalb der Familia verschulden. Und nun, da mein Vater schwach und mein Bruder unter ihren Fittichen war, hatte letztlich sie die Macht. Dass mein Bruder in erster Reihe schritt war eine Formaila, lästig aber den Traditionen der Familie geschuldet. Egal wie groß die Macht meiner Tante war, an dem Patriarchat der Monegarios würde selbst sie nichts ändern können.<br />
Angelo, mein Bruder, hielt eine kurze aber herzliche Dankesrede vor dem Imperator. Dass wir zu dem Fest geladen worden waren war eine großzügige Geste des Herrschers über das größte Reich der Erde, doch hätte er uns nicht geladen, wäre seine Macht innerhalb der Stadt untergraben gewesen. Die mächtigste Familia der Stadt nicht zu laden wäre ein Affront gegen das System gewesen. Meiner Familia unterstanden fast ein Viertel der Bevölkerung. Wer nicht vom Blute einer der großen Familien war, musste sich dem Schutz einer diesen Familien unterstellen, um überhaupt ein florierendes Geschäft führen zu können. An der Fassade eines jeden Hauses konnte man dem Anstrich ablesen, welche Familie Patron für die Bewohner war. Es war kaum verwunderlich, dass unter zwanzig Häusern wohl zwischen fünf Fassaden mit schwarzem Stuck verziert waren.<br />
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Die Worte meines Bruders und die leise gesprochene Antwort des Imperators, des goldenen Wolfes, konnte ich nicht verstehen. Das maskierte Gesicht mit den markanten Zügen an Nase, Wangen und Kinn jedoch, mit dem schmalen, herb-männlichen Lippen und dem harten Lächeln eines Heerführers zeigte mir an, dass dieser Mann nicht bloß in Sagen Großes vollbrachte. Er war ein Mann mit Prinzipien, ein Mann der Herrschaft, ein Mann, der über Leben und Tod bestimmte. Er war ein Mann, der die Magie verbannt hatte und jegliche Form der Ausübung strafte. Der Wink seiner Hand reichte, um die Wolfsgarde, seine Leibwache, ein Urteil vollstrecken zu lassen. Auf das Wirken von Magie stand der Tod in den Flammen, in dem Feuer der Läuterung, auf dass der Sünder nach dem reinigenden Bad in den leckenden Zungen des Ingis, der Flammae seine Ruhe im Hades finde, unter dem Schutz der fürsorgenden Götter. Die Magie selbst, so der Imperator in einem Manifestum, sei Ausgeburt eines Gottes, der von den anderen seiner Art geschmäht würde, eines ausgestoßenen Gottes, der die Sterblichen mittels bösartiger Verführung in Form der Magica ihre Seelen entreiße. Eben deswegen sei es wichtig einen Maleficus Arcana, dem magischen Übeltäter die Seele zu reinigen, damit einzig die Götter im Nachleben über das Unendliche des Sterblichen entscheiden könnten und nicht ein Nicht-Gott. Was für ein ausgegorener Unsinn, welch lachhafter Versuch die eigene Phobie vor Magie zu rechtfertigen. Doch, so einer meiner Lehrer, verlache nicht die Angst eines Mächtigen, es könnte dein letztes Lachen sein.<br />
So schritt ich an der Seite Lucas am Imperator vorbei, knickste tief und senkte mein Haupt. In meinen Augen sollte der goldene Wolf nicht einen Hauch von Schuld lesen können, denn schuldig war ich nicht.<br />
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Der Tisch der Familia Monegario stand am weitesten von der Empore entfernt, auf der die Besatzer Platz genommen hatten. Auch waren wir am weitesten vom Tanzparkett entfernt. Doch das mochte mich nicht stören. Ich genoss an der Seite Angelos das köstliche Mahl und Luca zu meiner Linken unterhielt mich. Er war ein angenehmer Zeitgenosse, von hohem Wuchse und mit einer ihm eigenen Anmut. Wahrscheinlich hatte er die Erziehung Tante Isidoras genossen, war sein Vater, mein Onkel, doch oft auf Reisen und galt seit einigen Jahren gar als verschollen.<br />
In meiner Unruhe jedoch versuchte ich immer wieder einen Blick auf Isidora zu erhaschen. Sie saß am Nachbartisch und ließ sich von ihren vielen Töchtern unterhalten. Viel erfahren konnte ich so gewiss nicht. So sicher wie zu Anfang war ich mir auch nicht mehr, ob sie die Zeilen geschrieben hatte. In ihnen wurde mir einiges vorgeworfen: Mord an frisch Geborenen wurde mir vorgeworfen, meine Waffe die Magie. An diesem Abend des Festes würden die letzten Beweise geliefert und der Imperator informiert, so der Absender des Schriftstückes. Dass mein letzter Atemzug damit getan sei war nur noch eine Klausel, denn wenn der Imperator von meiner Potentia Arcana erführe, dessen war ich gewiss, würde ich ohnehin brennen.<br />
Ich hatte überlegt gar nicht zu erscheinen und gleich wieder zur Academia abzureisen als mich der Brief erreichte. Doch das hätte mich erst recht verdächtig gemacht. Zudem war der Maskenball die einzige Möglichkeit herauszufinden, wer der Autor der Zeilen war. Ich würde ihm das nicht durchgehen lassen, würde einen Weg finden ihn hinzurichten, hinrichten zu lassen, egal wer er war...<br />
Doch das gestaltete sich schwierig. Der Kontakt zu den Mitgliedern der anderen Familien war aufgrund der Tradition untersagt und mir stand auch nicht der Sinn danach mich mit niederem Pöbel zu unterhalten. Nein, meine Suche war auf den engen Kreis meiner eigenen Familie beschränkt. Nur jemand von meinem eigenen Fleisch und Blut konnte derart dreist sein mir so zu drohen. Nur jemand aus meiner eigenen Familie hatte diesen Brief unbemerkt in mein Zimmer bringen lassen können...<br />
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Ehe meine Gedanken sich den potentiellen Tätern zuwenden konnten, also allen anwesenden und nicht anwesenden Mitgliedern meiner eigenen Familie, rief der Herold zum ersten Tanze auf. Es war die 'Pavane der Ehre', die schwarz-weiß getanzt wurde: Die Familia Monegario tanzte mit der Familia Barbarigo zusammen. Natürlich tanzte niemand von uns direkt mit einem der niederen Barbarigos sondern mit dem eigenen Partner, jedoch mochte der Tanz an ein Miteinander denken lassen, wenn man von der Empore herabsah auf die tanzenden Paare. Die klaren Strukturen wurden von keinem unterbrochen und der Wechseln von Schwarz und Weiß machten den Tanz optisch mehr als Ansehnlich.<br />
Bei dem Tanz fiel mir auf, wie sicher Cousin Luca in den Schritten war. Anderen Tänzern merkte man zwar ebenfalls keine Schnitzer an, jedoch erwies sich Luca als der beste Tänzer auf dem Parkett, seine Eleganz und Anmut war bei keinem anderen Herrn zu finden. Die Damen schlugen sich allemale besser im Gesamten betrachtet. Ich war mehr als froh, dass ich einen guten Tänzer als Begleiter hatte, freute mich gar auf die noch folgenden Tänze. Diese Hohstimmung wurde noch bestätigt als mein Bruder nebst Frau bei einem Schritt beide in die verkehrte Richtung tanzten. Wenn Vater zugegen gewesen wäre hätte dies ein Nachspiel gehabt...<br />
„... musste von Briefen erfahren“, hörte ich noch neben meinem Ohr geflüstert. Mein Blick hastete von meinem Bruder zu dem Sprecher dieser Worte: Cousin Luca.<br />
„Was für Briefe denn?“, fragte ich leise. Mein Herz jedoch raste, schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen, während ich die Ronde vollendete und neben ihm zu Stehen kam. War er derjenige...?<br />
„Die Briefe, die du jeden Mond absendest mit Ziel Corvalia!“, raunte er leise, während er in acht Simples um mich herum schritt, ganz dem Schritt des Tanzes angepasst.<br />
Meine Gedanken jagten einander. Es gab solche Briefe, ich schrieb sie einem Scolarius einer Academia in einem weit entfernten Reiche nahe Teutonia. In Corvalia befand sich ein Arcanes Institut, mit dem meine Academia regen Kontakt unterhielt. Im Winter hatte ein Austausch stattgefunden, wo uns eine Delegation des Instituts besucht hatte. Einer der Scolarii hatte mein Interesse geweckt und es zu Begehren und einer noch tiefer empfundenen Hingabe ausweiten können in seinen Briefen, die wir seit dem gewechselt hatten. Niccolo Foliero sein Name. Wenn ich an ihn dachte, hüpfte mein Herz erfreut und mich sehnte nach den nächsten Zeilen, die ich von seiner Hand geschrieben lesen konnte. Erst vor wenigen Tagen hatte mich sein letzter Brief erreicht und sogleich hatte ich mich daran gemacht ihm zu antworten, hatte schon einen guten Teil meines Antwortschreibens zu Papier gebracht, als mich Cousin Luca abholte.<br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">3. Erpressung</span><br />
Die 'Pavane der Ehre' endete und die 'Regina India' wurde von den Spielleuten aufgespielt. Bei diesem Tanz tanzt man innerhalb einer Vierergruppe, einem Karree, so dass private Gespräche bis auf wenige kurze Momente unterbunden wurden... es sei denn man legt Wert darauf, dass das andere Paar von dem Gespräch etwas mitbekommt. Dies war in meinem Fall nicht so und ich wollte erst recht nicht dem arroganten Spross der Familie Barbarigio und seiner Frau, die mit Luca und mir das Karree bildeten, Informationen über mich in die Hände spielten. Immer wieder konnte ich Luca mustern, doch seine Züge verrieten nichts. Er hatte sich perfekt unter Kontrolle.<br />
Es waren viele Takte der Unruhe, die mir die Luft zum atmen nahmen. Jetzt erst merkte ich, wie eng das Korsett geschürt war.: Für einen schnellen Tanz weit genug aber für innere Aufruhr zu eng. Selbst der weite Rock schien meine Beine zu fesseln. Selbst das Collier, das auf meinem Dekollete lag, schien mir die Kehle zuzuschnüren, selbst die Maske aus Spitze schien meinen Kopf einzuklemmen.<br />
Was bezweckte Luca damit? Wusste er wirklich von den Briefen an und von Niccolo? Wollte er meinen Bruder durch mich erpressen? War er etwa derjenige, von dem ich den Drohbrief erhalten hatte?<br />
Die 'Regina India' dauerte und dauerte, sie schien zu lang. Und doch blieb mir kaum Zeit meine Gedanken zu ordnen, es blieb gar keine Zeit. Ich merkte erst viel zu spät, dass ich bei dem Wechsel ins neue Karree dem ersten Offizier des Imperators gegenüberstand. Ich knickste in meinen Gedanken so tief, wie ich es bei Luca tat... der Offizier schien erfreut. Bislang hatten ihn Monegari'sche Frauen wohl eher mit steifen Knicksen bedacht und nicht mit formvollendeten, tiefen Knicksen, die im besten Falle gar einen Blick auf den Busenansatz erhaschen ließen. Ich hingegen hatte eben so gegrüßt, wie ich es bei einem Familienmitglied tat, tief und voller Eleganz. Seine Verbeugung fiel entsprechend etwas stärker aus. Luca stand fast steif vor der Dame des Offiziers. Seine Blicke maßen mich, ich spürte sie wie heißes Eisen auf meinen frei liegenden Schulterblättern. Zeit zum Überlegen blieb nicht, der Offizier legte seine Hand gegen meine zur Ronde und ich ging den eingeschlagenen Weg weiter. Nun einen Rückzieher zu machen hätte eine Brüskierung sondergleichen bedeutet. Wenn der Imperator mich noch nicht unter Beobachtung hatte, dann bestimmt spätestens nach einem Schnitzer. Diesen wollte ich aber gerade ausbügeln.<br />
Mit heißer Haut und fahlem Gefühl absolvierte ich lächelnd und mit der absoluten Beherrschung des Tanzes die Schritte, die ich mit dem Offizier zu tanzen hatte. Dann wandte ich meinen Blick zu Luca, der mit der Besatzungsfrau recht steif umging. Ich sah ihr an, dass sie sich mehr als unwohl fühlte, dass sie ihren Mann mit vorwurfsvollem Blick maß, dass sie diese Ablehnung nicht erwartet hatte und nun ihn dafür verantwortlich machte. Sie tat mir fast ein bisschen Leid, war sie doch Gefangene einer Gesellschaft wie ich und wie alle anderen in diesem Saal. Selbst der Imperator, der goldene Wolf, war Gefangener der Ideale. Er musste der unnahbare Herrscher sein, er musste der vollendete Gastgeber sein, der das Spiel der Intrige beherrschte und es in Wahrheit nicht tat. Er musste seine Augen allüberall haben und jede Bewegung sehen, jedes Fächeln eines Fächers registrieren, interpretieren und sich merken. Er konnte das gar nicht schaffen, es sei denn er hatte Zuträger in den großen Familien...<br />
Meine Hoffnung diesen Abend zu überleben schwand in weite Ferne. Wie konnte ich meinen Kopf nur aus dieser Schlinge ziehen?<br />
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Als der Tanz zu Ende war, stand ich wieder vor Luca und er lächelte mich an.<br />
„Werte Cousine Chrystel, ich ahne dass es dich nach einem Spaziergang an der frischen Luft sehnt. Gerne begleite ich dich.“, sprach er höflich zu mir.<br />
Mehr als nicken konnte ich nicht. Er führte mich langsam nach draußen, legte mir fürsorglich meinen Schal um die Schultern. Zwar hatte mein Kleid lange Ärmel doch die Schultern waren frei. Woher er in der kurzen Zeit den Schal genommen hatte, lag er doch zuvor über der Lehne meines Stuhles, weit entfernt vom Tanzparkett, interessierte mich nur gering. Trotz der kalten Luft, die mich in der Fühjahrsnacht empfing, fächerte ich mit dem Fächer. Eine in der Sprache versierter Zuschauer konnte daraus lesen, dass ich zutiefst aufgewühlt war. Luca war ein solcher Zuschauer. Er führte mich in den Park des Anwesens. Anfangs waren da noch andere Paare, denen es nach frischer Luft dürstete doch schließlich waren wir zwei alleine und die Laternen waren nicht mehr all zu nah.<br />
Ich blieb stehen, sah zurück zum offenen Portal, von dem wir kamen. Ich mochte eine Meisterin der Täuschung gewesen sein bevor ich an die Academia verbannt wurde, doch es waren zwei Jahre ins Land gezogen, in denen ich meine Familie nicht gesehen hatte und mich mit ihrer Intriganz nicht hatte messen können. Vieles hatte ich verlernt, was mir nun zu Gute hätte kommen können...<br />
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Ich sah in Lucas braune Augen, mein Herz raste im Galopp, mein Atem war schwer und mir war heiß und kalt zugleich. Er lächelte sachte, fast freundlich aber eine Spur zu hinterhältig.<br />
„Cousine Chrystel, warum so verstockt? Ich dachte innerhalb der Familia vertraut man sich!?“, fragte er in gefährlich leiser Stimme.<br />
Mir versagte es meine Stimme und ich machte meinen Mund wieder zu, klappte den Fächer rasch zusammen, klappte ihn wieder auf, schob ihn wieder zusammen: 'Du bist grausam'<br />
Er las meine Worte und legte mir eine Hand auf den Arm. Der Fächer fiel kraftlos herab, nur noch gehalten durch die Perlenschnur, die mit meinem Armband verbunden war. Ich hatte Angst vor ihm. Machtvoll genug war ich bei weitem nicht, um ihm auf magischem Wege zu begegnen wenn er mir nun Gewalt antun würde. Da er mich um zwei Kopfgrößen überragte, hätte ich mich nicht einmal körperlich effektiv zur Wehr setzen können. So blickte ich trotzig in seine Augen, forderte ihn heraus mir das zu sagen, das anzutun, wofür er mich hierher entführt hatte. Ich rechnete damit, dass die Wolfsgarde aus den Büschen stürmte und mich vor den Imperator zerrte, ich rechnete mit allem...<br />
„Cousine Chrystel. Du bist mein Weg in die Familia!“, sagte er schlicht. Ich verstand nicht.<br />
„Ich weiß, dein Vater hätte dies zu entscheiden oder gar dein Bruder. Doch lass es uns so darstellen als sei es Liebe!“, er nahm zärtlich meine Hand in seine.<br />
„Luca... Was... ich...“, ich bekam keinen zusammenhängenden Satz heraus. Seine Worte verwirrten mich, trieben mein Herz zu einem noch schnelleren Schlag. Ich spürte, wie etwas kühles über meinen Finger strich, über ihn glitt. Luca schloss seine Hand um meine und hob sie dann an, um den Ring zu küssen, den er mir übergestreift hatte. Seine Lippen formten leise dabei Worte: „Heirate mich. Andernfalls gebe ich die Briefe von Niccolo an deinen Vater, deinen Bruder und Tante Isidora weiter!“<br />
Eine so zärtliche Geste, solch harte Worte. Sie waren wie Schläge in mein Gesicht, trafen mich hart, schleuderten mich zurück. Ich riss meine Hand aus seiner und rannte, rannte weg von ihm, rannte weg vom Licht, tiefer in den Garten. Die Fingernägel, die sich in meine Handballen gruben schmerzten so sehr, dass ich die Tränen zurück halten konnte. Ich hielt erst an, als ich völlig außer Atem war. Da ich schon zuvor nur flach hatte atmen können, war dies recht bald schon, nur wenige Duzend Schritte von dem Anfangsort meiner Flucht entfernt. Cousin Luca war schon da, war hinter mir und legte seine Hand auf meine Schulter.<br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">4. Eine Entscheidung</span><br />
„Überlege es dir gut, Chrystel. Wer weiß was die drei mit den Briefen anfangen würden und was dann mit Niccolo passieren würde!“, mahnte mich die Stimme meines Cousins. Ich hasste ihn, hasste ihn aus tiefster Seele, mit all dem was ich war und was mich ausmachte. Und dennoch drehte ich mich um, hoffte ihn mit meinem Blick töten zu können. Doch er lächelte nur überheblich.<br />
„Woher weißt du...?“, zischte ich wütend, verzweifelt.<br />
Er schob seine Hand in eine verborgene Tasche seines aus schwarzem und blutrotem Stoff gefertigtem Wamses und holte ein Papier hervor. Feines Papier mit zarten Fasern, einer Maserung, die einmalig war. Ich konnte auf die Distanz riechen, dass in Lavendelrauch getrocknet war. Es war Papier von der Schöpfergilde in Faradicia, der Gilde, bei der ich mein Papier zu kaufen pflegte. Als er die Seiten vorsichtig auseinander faltete, sah ich die geschwungene, steile Schrift, die meine Hand verließ, wenn ich eine Feder auf Papier setzte. Es war mein noch nicht abgeschickter Brief an Niccolo. Ich hatte die Torheit besessen ihm meine Liebe zu gestehen... und das Papier in meiner Kammer in der Academia zu verstecken. Luca musste ihn gefunden haben als er die Kammer durchsucht hatte... in der Zeit, in der ich mich bei der Spectabilitaet für meinen Urlaub abgemeldet hatte.<br />
„Du...“, setzte ich wütend an. Eine harsche Bewegung seiner Hand ließ mich verstummen. Seine Worte waren kalt und berechnend, nicht mehr gespielt sanft und gutmütig: „Du bist die Erstgeborene der Haupterblinie und erlaubst dir eine Liebschaft mit einem Fremden, einem, der nicht unter dem Protektorat der Familia steht? Und du willst mir jetzt ernsthaft Vorwürfe machen? Überleg dir lieber mehrfach, ob du das wirklich willst. Ich biete dir immernoch an, dass wir es wie wahre Liebe aussehen lassen können. Dein Bruder hätte gewiss nichts gegen eine Bindung zwischen uns und dein Vater... nunja, viele Tage hat er ja nicht mehr. Ich gebe dir Zeit bis zur 'Folia', dann werde ich dich zum Tanz auffordern und du teilst mir deine Entscheidung mit!“<br />
Damit wandte er sich um und verließ mich.<br />
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Welch hartes Los. Die 'Folia' war der Tanz, den ich über alles liebte. Mehr als jeder andere Tanz hatte dieser wunderbare Paartanz mich gefesselt und eingenommen. Mit den richtigen Partner getanzt und geführt von liebender Hand war es der Traum der Götter. Mit Niccolo hatte ich ihn  getanzt. Er hatte ihn perfekt beherrscht, hatte ihn tanzen können wie ein Liebesgott und in seinen Armen war ich geschwebt wie eine Nymphe in der Umarmung eines Baumes, wie die Muse in der Hand des Künstlers, wie die Geliebte in der Hand des Liebhabers. Und doch hatte ich erst vor wenigen Tagen den Mut gefunden Niccolo meine Leibe in einem Brief zu gestehen, der seinen Adressaten nie erreichen würde weil Luca diesen Brief in Händen hielt. Und weswegen wollte Luca eine Bindung mit mir? Er war ein Bastard und erst mit einer Heirat in den höchsten Kreis der Familie würde er anerkannt. Wer weiß, vielleicht würde er dann der Patriarch werden. Mich überging die Erbfolge, doch wenn mein Bruder zu Schaden kam? Würde mein Mann, wenn er von Erblinienblut gezeugt war, dann nicht eine gute Wahl sein? Mir war danach zu Mute mich weinend in die tiefste Ecke des Parks zu verkriechen, ja mich von der Brücke in den Teich zu stürzen und zu hoffen, dass er tief genug zum ertrinken war.<br />
Meine Füße trugen mich zu eben jeder angedachten Brücke und ich lehnte mich gegen das Geländer, blickte sehnsuchtsvoll in die Tiefen des Gewässers. Das Antlitz des Mondes schaute zurück und sah mich an, auf eine sanfte, umsorgende Art. Leichter Wellenschlag ließ das Rund sich verformen und mich anblinzeln, anzwinkern und dann wieder voll und ohne Wellen anblicken. Woher die Wellen kamen, ich wusste es nicht. Ihre Bewegung hielt mich gefangen, lockte mich. Wie schön es doch wäre mich diesen Wellen hingeben zu können, meine Haut an sie zu schmiegen, sie mit meinem Haar spielen zu lassen. Die Hitze würde meinen Körper verlassen und ich fände Ruhe in dem Gewässer des Parks. Es würde mich dorthin tragen, wo der Fährmann die Seelen der Verstorbenen über die sieben Flüsse schifft und mich nicht loslassen, bis ich das Ufer des Hades erreicht hätte.<br />
Die im Sommer blühenden Rosen des Sees würden meiner Gedenken, das Wasser würde auf ihnen perlen wie Tränen auf den Wangen der Trauernden, das Spiel des Windes auf dem Wasser, das kräuseln der Wellen wären das Trauerlied für meinen frühen Abschied von der Welt. Das Rauschen der Bäume am Ufer wär der Chor, dessen Klage zu den Göttern dringen würde. Jeden Abend würden die Sterne mich decken, der Mond mich wiegen.<br />
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Schritte klangen auf dem Holz der Brücke, langsam, bedächtig.<br />
Ich wendete mich ab, wollte alleine sein. Bis zur 'Folia' hatte er mir Zeit gegeben. Wieso kam er jetzt wieder? Verzweifelt schloss ich meine Augen und wünschte so sehr, sterben zu können. Das, was wie ein Graus gewirkt hatte zu Beginn des Abends schien mir jetzt Erlösung: An diesem Abend den Hades zu betreten, geläutert von all den Erpressungen und Intrigen meines Lebens.<br />
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Ein leises Hüsteln ließ mich aufmerken. Es war nicht Luca, der hinter mir stand. Langsam und auf das Schlimmste gefasst wandte ich mich um. Angelo, mein Bruder, stand dort, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Er musterte mich mit einem Blick, den ich bei ihm noch nie wahrgenommen hatte. Mein kleiner Bruder schätzte meinen Wert ein, wie wichtig war ich ihm?<br />
Ich eilte die paar Schritte zu ihm und ergriff seine Hände. Eine ungewohnte Geste, hasste ich ihn doch seit Jahren. Er war das Schoßtier von Tante Isidora, wurde benutzt für ihre Zwecke. War er hier, dann in ihrem Auftrag. Vielleicht wusste er über ihre Machenschaften Bescheid? Das war die eine Gelegenheit, auf die ich den ganzen Abend gehofft hatte... Auch wenn anderes meine Aufmerksamkeit beansprucht, meine Pläne zu Nichte gemacht hatte.<br />
„Angelo, mein Bruderherz! Gestatte mir eine Frage und antworte ehrlich, ich bitte ich aus tiefstem Herzen, für dein und mein Seelenheil!“, reif ich leise aus und schluckte all die Pein, die mir auf der Zunge lag. Nein, ich wollte nicht sterben.<br />
Mein Bruder war verdutzt. Er hatte wohl mit vielem gerechnet und auch mit vielem nicht gerechnet aber diese Tat war genau das, was er gar nicht hatte voraussehen können, ja die ich selbst nicht hatte voraussehen können. Seine tiefe Stimme, der unseres Vaters sehr ähnlich, versprach Dinge, die er nicht gesagt hätte, hätte er Zeit gehabt, Zeit zum überlegen und abwägen. „Chrystel, liebste Schwester. Ich verspreche es dir!“<br />
Das musste ich nutzen. Jetzt war die Gelegenheit herauszufinden, ob er hinter dem Drohbrief steckte. „Alvaro, würdest du mir je schaden? Würdest du mir schaden können auf übelste Weise?“, fragte ich vorsichtig. Ihn nach dem Drohbrief zu fragen traute ich mich nicht. Wenn er ihn nicht geschrieben hatte, hätte ich ihm Dinge in die Hand gelegt, die er besser nie in die Hände bekam.<br />
Er maß mich mit vorsichtigen Blicken, ließ sich mit seiner Antwort Zeit, zu viel Zeit. „Ich kann dir nicht schaden, Schwester. Doch die Familia geht über alle anderen Bindungen, das weißt du ja!“<br />
Ich fiel in das selbst gegrabene Loch der Verzweiflung. Seine Antwort war keine und doch war sie eine. Er hatte taktieren gelernt, konnte selbst denken. Vielleicht war er nicht mehr die Puppe Tante Isidoras, vielleicht hatte er sich vorsichtig aus dem Netz der Spinne lösen können, vielleicht hatte ihm die Ehe mit seiner verschüchterten Frau doch wohl getan, obwohl auch diese Ehe...<br />
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Seine Finger strichen sanft über meine, ich hatte die Bewegung kaum wahrgenommen. Doch nun stockten sie und der Daumen tastete nach. Seine Augen lösten sich von meinem Gesicht, wanderten zu meinen Fingern.<br />
„Blutroter Rubin, fast schwarz“, sagte er mit anerkennender Stimme, sein Blick wanderte wieder hoch, traf den meinen und bohrte sich in meine Augen. „Chrystel, von wem hast du den Ring?“, fragte er vorsichtig aber bestimmt. „Ich hoffe du hast dich nicht mit dem ersten Offizier der Wolfsgarde getroffen...“ Die Schärfe seiner Worte ließ mich zusammen zucken. Was hatte er alles gesehen? Wer hatte meinen Fehler beim Tanzen sonst noch bemerkt? Was für gerüchte über mich gingen unter den Anwesenden um?<br />
Ich schüttelte den Kopf, heftiger als notwendig. Ich versuchte all die schlechten Sachen, die an diesem Tag passiert waren hinfort zu schütteln, doch Erfolg war dem Vorhaben nicht beschieden. Ich hörte eine Stimme in meinem Kopf rumoren: „Nein, nein, Cousin Angelo. Deiner Schwester Herz und meines sind in Liebe einander zugeflogen und ich schenkte ihr den Ring als Kundgabe meines Begehrens und in Aussprache meines Verlobungswunsches...“<br />
Ich wandte mich um, es war wie ein Alptraum. Ich war gefangen zwischen Ängsten und Panik, zwischen schlechten Menschen und Niedertracht. Cousin Luca, der Bastard meines Onkels, stand hinter mir und hielt mir seine Hand hin.<br />
„Darf ich Bitten, Chrystel!? Die Folia wird aufgespielt!“]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Ein Tag im Leben des Imperators [Tsu_Sera]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7493.html</link>
			<pubDate>Sun, 06 Jun 2010 12:30:22 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7493.html</guid>
			<description><![CDATA[Auf Messers Schneide: Ein Tag im Leben des Imperators<br />
<br />
Wie ein Meer aus schwarzen Engeln sehe ich die Wolken auf mich zukommen. Der Donner, ihr Siegesschrei, hallt durch die Mauern der Festung. Die Blitze, ihre Waffe, erleuchten den Himmel. Ich sehe die Meute auf die Mauern zustürmen. Mit Feuer und Hass greifen sie die letzten Soldaten des Reiches an. Die wenigen, die mir treu blieben, haben keine Chance. Ihre Leichen werden geschändet. <br />
Das Ende meiner Herrschaft ist gekommen. Doch liegt es an mir, wie ich es beende. Lass ich mich vom Hass der Meute zerreißen, den Hass, den ich überall die Jahre mit Angst und Schrecken nährte? Oder aber soll ich mir selbst das Leben nehmen?<br />
Die Engel haben meine Festung erreicht. Er ist mitten unter ihnen. Auch wenn ich ihn kaum erkennen kann, so sehe ich doch seine Freude. Ich wende mich vom Fenster ab. Und da sitzt er auch schon an meinem Tisch. <br />
<br />
Noch vor wenigen Stunden saß ich dort, aß mein Abendbrot und dachte darüber nach, was mir der nächste Tag bringen sollte. <br />
<br />
Er hat seine Sense dabei. In alten Schauermärchen erzählte man sich, dass sie die Seelen seiner Opfer verschlang. In seinen Händen liegt ein Schwert. Mein Schwert. Wie viele Leben habe ich einst damit beendet? Damals in meinen jungen Jahren kämpfte ich wie ein Berserker auf den Schlachtfeldern. Niemand wurde von meiner Klinge verschont. Noch jetzt sehe ich ihre Arme, ihre Gedärme, wie sie sich auf dem Boden sammelten und als in einen Sumpf auf Blut und Knochen wandelten. <br />
Seine Absichten sind mir bewusst. Zu sehen, wie ich das letzte Mal mit der Klinge töte, begehrt sein Herz.<br />
<br />
Jetzt noch nicht, sag ich mir. Schau wieder raus. Schau zu meinem brennenden Imperium. Denke an die glorreichen Jahre.<br />
Zeiten, wo das Volk mich anbettelt, ich solle sie beschützen. Soll wie ein Berserker die Feinde in die Flucht schlagen. Soll einen Sumpf aus Blut und Knochen erschaffen.<br />
<br />
Nun sind diese Zeiten vorbei. Nun ist die Zeit gekommen, wo alle Lichter für mich sterben. Und kein Gott wird sich mir erbarmen. Denn sie schickten mir ihren Engel.<br />
<br />
Ich nehme mein Schwert. Gehe zum Spiegel. Er steht hinter mir. Die Freude in seinem Gesicht scheint ins Unendliche zu steigen. Ich halte die Spitze meines Schwerts an die Brust. Schaue ein letzten Mal in das Gesicht. Das Gesicht des Imperators. Mein Gesicht......<br />
<br />
Ich breche zusammen. Das Schwert fällt auf den Boden. Ich weine, bettle den Engel an. Wieso ich? All die Jahre tat ich nur das Beste für das Volk. WARUM? Ich war das, was sie von mir verlangten. Und nun soll ich für sie sterben?<br />
<br />
Er schaut runter zu mir. Keine Freude mehr zu sehen. <br />
<br />
Ich komme wieder zu mir, schreie voller Hass. Nein, nicht heute, nicht jetzt. Niemals werde ich meine Macht kampflos hergeben. Niemals, hörst du?!<br />
<br />
Ich fülle es in mir. Die Wut, meine Macht, wie sie aufsteigt. Sie gibt mir neuen Mut. Nicht zu überleben, nein zu töten.<br />
<br />
Die Meute, sieh ist in der Festung. Man hört sie die Treppen hoch stürmen. Ich gehe zu meinem Schrank, dort wo meine Rüstung ruht. Ein letztes Mal werde ich sie tragen. Ein letztes Mal werde ich ein Berserker sein. Ein letztes Mal ein Sumpf aus Blut und Knochen.<br />
<br />
Mein Blut;<br />
Meine Knochen.<br />
<br />
Sie hämmern gegen die Tür zum meinem Gemach. Ich atme ruhig. Ziehe die letzten Teile meiner Rüstung an. Der Engel reicht mir mein Schwert. <br />
<br />
Schaue auf die Tür. <br />
<br />
Höre die Meute. <br />
<br />
Der Engel steht hinter mir. Ich bin bereit, bereit zu sterben, bereit für Blut und Knochen.<br />
<br />
Das Schloss lässt nach, mehr und mehr. Die Tür springt auf. Ich sehe ihre Gesichter. Hass, Zorn, Wut und die Lust auf mehr Tod sagen sie mir. Nun bin ich es, der sich freut. Nun bin ich der Engel, der mit seiner Sense die Seelen seiner Opfer verschlingt. <br />
<br />
Ich zerhacke ihre Gesichter, trenne Glieder ab, ramme mein Schwert in ihre Brust. Ihr Blut spritzt in mein Gesicht. Es nährt mich, nährt meine Wut, nährt den Engel in mir. Doch sind es zu viele. Sie entreißen mir mein Schwert. Ein Schlag auf meinen Schädel......<br />
<br />
Finsternis..... ewig Finsternis<br />
Ist es schon vorbei...? <br />
<br />
Nein!<br />
<br />
Ich werde wach. Sehe verschwommene Gesichter. Langsam wird alles klar. Die Meute, sie stehen alle um mich herum. Haben Fackeln in der Hand. Unter ihnen steht er, der Engel. Er schaut auf mich. Er freut sich wieder. <br />
<br />
Ich fühle die Hitze der Fackeln in meinem Gesicht. Fühle die Wut und die Mordlust der Menschen. Ein Mann tritt nach vorne. Er ist kräftig gebaut. Er ist ein Berserker wie ich. Er ist ihr neuer Imperator. <br />
<br />
Der Mann kommt zu mir.<br />
Hat ein Messer in der Hand.<br />
Schreit was von Freiheit.<br />
<br />
Ich sehe ihn, den Engel. Es scheint als wäre er in der Schneide des Messers. <br />
<br />
Der Mann hält mir das Messer an den Hals. <br />
<br />
Der Engel nimmt mit seiner Sense zum aus Schlag. <br />
<br />
Die Gesichter der Meute werden wieder verschwommen. Warmes Blut läuft über meinen Körper.<br />
<br />
Dann wieder Finsternis.....ewig Finsternis....]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Auf Messers Schneide: Ein Tag im Leben des Imperators<br />
<br />
Wie ein Meer aus schwarzen Engeln sehe ich die Wolken auf mich zukommen. Der Donner, ihr Siegesschrei, hallt durch die Mauern der Festung. Die Blitze, ihre Waffe, erleuchten den Himmel. Ich sehe die Meute auf die Mauern zustürmen. Mit Feuer und Hass greifen sie die letzten Soldaten des Reiches an. Die wenigen, die mir treu blieben, haben keine Chance. Ihre Leichen werden geschändet. <br />
Das Ende meiner Herrschaft ist gekommen. Doch liegt es an mir, wie ich es beende. Lass ich mich vom Hass der Meute zerreißen, den Hass, den ich überall die Jahre mit Angst und Schrecken nährte? Oder aber soll ich mir selbst das Leben nehmen?<br />
Die Engel haben meine Festung erreicht. Er ist mitten unter ihnen. Auch wenn ich ihn kaum erkennen kann, so sehe ich doch seine Freude. Ich wende mich vom Fenster ab. Und da sitzt er auch schon an meinem Tisch. <br />
<br />
Noch vor wenigen Stunden saß ich dort, aß mein Abendbrot und dachte darüber nach, was mir der nächste Tag bringen sollte. <br />
<br />
Er hat seine Sense dabei. In alten Schauermärchen erzählte man sich, dass sie die Seelen seiner Opfer verschlang. In seinen Händen liegt ein Schwert. Mein Schwert. Wie viele Leben habe ich einst damit beendet? Damals in meinen jungen Jahren kämpfte ich wie ein Berserker auf den Schlachtfeldern. Niemand wurde von meiner Klinge verschont. Noch jetzt sehe ich ihre Arme, ihre Gedärme, wie sie sich auf dem Boden sammelten und als in einen Sumpf auf Blut und Knochen wandelten. <br />
Seine Absichten sind mir bewusst. Zu sehen, wie ich das letzte Mal mit der Klinge töte, begehrt sein Herz.<br />
<br />
Jetzt noch nicht, sag ich mir. Schau wieder raus. Schau zu meinem brennenden Imperium. Denke an die glorreichen Jahre.<br />
Zeiten, wo das Volk mich anbettelt, ich solle sie beschützen. Soll wie ein Berserker die Feinde in die Flucht schlagen. Soll einen Sumpf aus Blut und Knochen erschaffen.<br />
<br />
Nun sind diese Zeiten vorbei. Nun ist die Zeit gekommen, wo alle Lichter für mich sterben. Und kein Gott wird sich mir erbarmen. Denn sie schickten mir ihren Engel.<br />
<br />
Ich nehme mein Schwert. Gehe zum Spiegel. Er steht hinter mir. Die Freude in seinem Gesicht scheint ins Unendliche zu steigen. Ich halte die Spitze meines Schwerts an die Brust. Schaue ein letzten Mal in das Gesicht. Das Gesicht des Imperators. Mein Gesicht......<br />
<br />
Ich breche zusammen. Das Schwert fällt auf den Boden. Ich weine, bettle den Engel an. Wieso ich? All die Jahre tat ich nur das Beste für das Volk. WARUM? Ich war das, was sie von mir verlangten. Und nun soll ich für sie sterben?<br />
<br />
Er schaut runter zu mir. Keine Freude mehr zu sehen. <br />
<br />
Ich komme wieder zu mir, schreie voller Hass. Nein, nicht heute, nicht jetzt. Niemals werde ich meine Macht kampflos hergeben. Niemals, hörst du?!<br />
<br />
Ich fülle es in mir. Die Wut, meine Macht, wie sie aufsteigt. Sie gibt mir neuen Mut. Nicht zu überleben, nein zu töten.<br />
<br />
Die Meute, sieh ist in der Festung. Man hört sie die Treppen hoch stürmen. Ich gehe zu meinem Schrank, dort wo meine Rüstung ruht. Ein letztes Mal werde ich sie tragen. Ein letztes Mal werde ich ein Berserker sein. Ein letztes Mal ein Sumpf aus Blut und Knochen.<br />
<br />
Mein Blut;<br />
Meine Knochen.<br />
<br />
Sie hämmern gegen die Tür zum meinem Gemach. Ich atme ruhig. Ziehe die letzten Teile meiner Rüstung an. Der Engel reicht mir mein Schwert. <br />
<br />
Schaue auf die Tür. <br />
<br />
Höre die Meute. <br />
<br />
Der Engel steht hinter mir. Ich bin bereit, bereit zu sterben, bereit für Blut und Knochen.<br />
<br />
Das Schloss lässt nach, mehr und mehr. Die Tür springt auf. Ich sehe ihre Gesichter. Hass, Zorn, Wut und die Lust auf mehr Tod sagen sie mir. Nun bin ich es, der sich freut. Nun bin ich der Engel, der mit seiner Sense die Seelen seiner Opfer verschlingt. <br />
<br />
Ich zerhacke ihre Gesichter, trenne Glieder ab, ramme mein Schwert in ihre Brust. Ihr Blut spritzt in mein Gesicht. Es nährt mich, nährt meine Wut, nährt den Engel in mir. Doch sind es zu viele. Sie entreißen mir mein Schwert. Ein Schlag auf meinen Schädel......<br />
<br />
Finsternis..... ewig Finsternis<br />
Ist es schon vorbei...? <br />
<br />
Nein!<br />
<br />
Ich werde wach. Sehe verschwommene Gesichter. Langsam wird alles klar. Die Meute, sie stehen alle um mich herum. Haben Fackeln in der Hand. Unter ihnen steht er, der Engel. Er schaut auf mich. Er freut sich wieder. <br />
<br />
Ich fühle die Hitze der Fackeln in meinem Gesicht. Fühle die Wut und die Mordlust der Menschen. Ein Mann tritt nach vorne. Er ist kräftig gebaut. Er ist ein Berserker wie ich. Er ist ihr neuer Imperator. <br />
<br />
Der Mann kommt zu mir.<br />
Hat ein Messer in der Hand.<br />
Schreit was von Freiheit.<br />
<br />
Ich sehe ihn, den Engel. Es scheint als wäre er in der Schneide des Messers. <br />
<br />
Der Mann hält mir das Messer an den Hals. <br />
<br />
Der Engel nimmt mit seiner Sense zum aus Schlag. <br />
<br />
Die Gesichter der Meute werden wieder verschwommen. Warmes Blut läuft über meinen Körper.<br />
<br />
Dann wieder Finsternis.....ewig Finsternis....]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Brief eines Verzweifelten [Aine]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7490.html</link>
			<pubDate>Thu, 03 Jun 2010 13:53:57 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7490.html</guid>
			<description><![CDATA[Ecthelion, geschätzter Freund,<br />
<br />
mein lieber Freund, ich hoffe, du erhältst diese, meine Nachricht nicht zu spät und erreicht dich, bevor man mich in der Arena den wilden Tieren zum Fraß vorwirft. Denn du allein bist meine letzte Hoffnung, da du einer der wenigen bist, der ein gutes Wort für mich einlegen und somit mein fürchterliches Schicksal wenden kann.<br />
Zuerst lass dir sagen, dass ich halbtot im Kerker des Imperatorenpalastes sitze. Nicht durch meine eigene Schuld, nein, Verquickung unglücklicher Umstände waren es, die mich in diese missliche Lage gebracht haben und die mich seit geschlagenen drei Tagen und drei Nächten in einem unwürdigen Loch darben lassen<br />
Du wirst dich sicher fragen, was der Grund meines unglückseligen Schicksals ist, wo du mich doch als einen steten Liebling der Fortuna kennst. Nun, so lass dir sagen, dass mein Unglück bereits vor einem Mond begann, an jenem Tag, an dem ich des Imperators Tochter zum ersten Mal erblickte.<br />
<br />
Du kennst sie, du bist ihr bestimmt schon viele Male begegnet und ich muss dir nicht erst sagen, dass sie als eine echte Tochter der Venus gelten kann. Ihre Schönheit war es, die mich blendete und dich mich zu einem Opfer des Amors machte, der genau in diesem Moment, als sie an mir vorüberging, mich mit einem seiner unseligen Pfeile beschoss.<br />
<br />
Oh, was habe ich seitdem gelitten, was habe ich an sie gedacht und was musste ich mir alles einfallen lassen, damit ich mich endlich wieder an ihrem Anblick weiden konnte. Aber mit Recht wirst du dir sagen, dass mir das sicherlich gelungen ist, wo ich auf reichliche Erfahrung zurückblicken kann, was das Verführen von Frauen betrifft.<br />
<br />
Nun, mein lieber Ecthelion, natürlich es ist mir gelungen, ihre Aufmerksamkeit, ja sogar ihre Liebe und Neugierde zu erlangen. Dies jetzt genauestens auszuführen, ist keine Zeit, aber lass dir gesagt sein, dass ich ihr Versprechen erhielt, sie in einer bestimmten Nacht besuchen zu dürfen.<br />
<br />
Und damit begann mein Unglück.<br />
<br />
Wie mit ihr verabredet traf ich bei Vollmond am Palast ein. Ach, hätte sie nur den Tag gewählt, ich jedenfalls hätte es getan, aber ich war so trunken vor Liebe und Vorfreude, dass mir jede Nacht und jeder Platz für unsere erste, richtige Zusammenkunft, recht gewesen wäre.<br />
<br />
Nie zuvor war ich im Palast unseres Imperators gewesen, was ein Fehler von mir war, denn ich muss dir gestehen, ich habe mich alsbald heillos darin verlaufen. So viele Säulengänge, Säle und Räume und Atrien habe ich noch nie in einem Haus erblickt und wenn sie zu durchlaufen schon bei Tag gewiss schwierig ist – bei Nacht und selbst bei Mondschein noch viel mehr.<br />
Ich irrte somit umher, schlich mich wie ein Dieb von einer Säule zur anderen, zum einem Raum zum nächsten und suchte meine Angebetete, die mir nur gesagt hatte, sie würde in ihrem persönlichen Atrium auf mich warten.<br />
<br />
Nun, du weißt, Atrien gibt es im Palast viele und auf der Suche nach dem richtigen traf ich zwei mir fremde Männer. Auch sie schienen sich verlaufen zu haben, denn sie wisperten miteinander und stritten darum, welchen Weg einzuschlagen denn der richtige wäre.<br />
<br />
Geehrter Ecthelion, ich war drauf und dran, die beiden Männer zu fragen, ob sie mir nicht den Weg zu den persönlichen Schlafräumen der schönsten Tochter des ganzen römischen Reichs weisen konnten. Nun, ich tat es nicht, denn obwohl ich mir wie ein Idiot vorkam, war ich nicht bereit, dies auch vor mir völlig Fremden zuzugeben. Trotzdem stellte ich mich in die Nähe einer Säule – derer gab es wahrlich genug – in der Hoffnung, sie würden verraten, wo sie hinwollten und hätten sie den Weg zu den persönlichen Räumen der Kaiserin gesucht – nun, ich wäre mitgegangen, denn ich wusste, in der Nähe war meine Angebetete zu finden. Aber wie erschrocken war ich, als ich hören musste, dass nicht die Schlafgemächer der Kaiserin ihr Ziel war, nein, die des Imperators wollten sie aufsuchen und allein diese Tatsache verursachten mir so einen Schock, dass ich erschrocken nach Luft schnappte.<br />
<br />
Der Imperator, ein Anhänger der griechischen Liebe? – Das zu glauben fiel mir schwer und während ich noch versuchte meiner Gedanken Herr zu werden, hatte einer der beiden Männer mein Atmen gehört und sprang zu mir herzu, um mir sogleich ein Messer unter das Kinn zu halten.<br />
Ich bin wahrlich kein Feigling und weiß mich sehr wohl zu wehren, aber in dieser Nacht war ich auf ein anderes Geplänkel aus und trug somit kein Dolch mit mir. Es war deshalb ein Leichtes, mich zu überrumpeln.<br />
<br />
„Sag mir, Freund…“ flüsterte der ohne Dolch mir zu, „wohin geht es zum Imperator? Und wehe, du machst einen Mucks, sonst sticht dich mein Freund hier ab und lässt dich zwischen diesen verdammten Säulen verbluten.“<br />
<br />
„Seltsame Freunde hat der Imperator“, dachte ich. Aber es war nicht die erste, missliche Lage meines Lebens und so schwor ich, dass ich sie zu den Schlafgemächern des Imperators bringen würde, wenn man mir nur das Messer von meiner Kehle nähme.<br />
<br />
Die beiden gingen auf meinen Vorschlag ein und obwohl ich selbst nicht wusste, wohin ich mich wenden sollte, begann ich die Männer durch den Palast zu führen. Das war nicht das Schlechteste, denn Fortuna war mit mir, geleitete sie mich doch direkt in coquina, die voll von allerlei Gerätschaften war: Töpfe, Schüsseln, Messer, wohlduftende Kräuter und an der Wand hängende Schinken – alles war vorhanden, um den Hunger des Imperators zu befriedigen. Und vor allem standen dort viele der großen Tonkrüge herum, was sich mir zum Vorteil erwies, denn sobald ich die coquina betreten hatte, versteckte ich mich hinter einer dieser Vorratsbehälter.<br />
<br />
Du vergisst nicht, dass nur der Mond zu den Fenstern hinein schien? – Da die beiden Fremden erst einige Schritte nach mir die Schwelle übertraten, bemerkten sie meine List zu spät und bemerkten nicht, wie ich mich hinter dem Krug zusammenkauerte. Anstatt aber, dass sie mich in der coquina suchten, rannten sie zu der zweiten Tür hinaus, welche zu dem Kräutergarten in einen kleinen Hof führte.<br />
<br />
Ich wusste, sie würden irgendwann zurückkommen und so stieg ich eilends IN den großen Krug hinein. Kein Quentchen zu spät, denn sobald ich das getan hatte, bemerkten die Männer ihren Irrtum und kehrten in die coquina zurück.<br />
<br />
Geehrter Ecthelion, du kannst mir glauben, mir schlug das Herz bis zum Hals hinauf. Ich wagte kaum zu atmen, geschweige denn, mich zu bewegen. Aber wieder war Fortuna auf meiner Seite, denn die Männer suchten die coquina nur oberflächlich ab und verließen sie dann auf den Weg, auf dem wir sie betreten hatten.<br />
Ich blieb noch eine Weile im Krug sitzen. Einmal zur Sicherheit und dann, weil ich in einer Konsistenz steckte, welches den morastigen Ufern des Tibers ähnelte. Zwar roch es nach einer Mischung aus Schwein, Kräuter und Oliven, aber es war so zäh, dass ich mich nur noch mit Mühe daraus befreien konnte.<br />
Es gelang mir unter Mühen, verlustierte dabei aber eine Sandale, die mit aller Wahrscheinlichkeit immer noch im Krug steckt und dem Imperator hoffentlich nicht zum Mahle gereicht wird.<br />
<br />
Ich war die Männer nun los, aber zu welchem Preis: Meine Toga sah aus, als hätte ich mich auf einer Schweineschwarte gewälzt und ich roch, als wäre ich selbst eines – garniert mit Oliven und einem ganzen Kräutergarten. Mir wurde bewusst, dass ich so meiner Schönen nicht unter die Augen treten konnte, weshalb ich mich auf die Suche nach einem Brunnen machte, den ich sogleich im schon erwähnten Kräutergarten der coquina fand.<br />
<br />
Ich entkleidete mich und wusch mich notdürftig. Währenddessen überlegte ich, wo ich nun eine saubere Toga herbekam, schließlich wollte ich meiner Angebeteten nicht gleich nackend gegenübertreten.<br />
Während ich so am Brunnen stand, betraten zwei Sklavinnen den Garten. Zu meinem Glück schnatterten sie wie Gänse und ich bemerkte sie, bevor sie mich entdeckten, weshalb es mir möglich war, mich hinter einem großen Strauch Rosmarin zu verstecken.<br />
<br />
Die Sklavinnen aber entdeckten meine völlig verschmutzte Toga und obwohl sie sich deren Herkunft nicht erklären konnten, nahmen sie sie mit.<br />
Meine Sorge um meine Toga war ich somit ledig. Dafür stand ich nun ohne Kleidung im Kräutergarten des Imperators. Nackt, wie die Götter mich schufen.<br />
Was also tun? – da die beiden Sklavinnen nicht durch die coquina, sondern durch eine andere Pforte den Garten betreten hatte, folgte ich ihnen nach in der Hoffnung, ich würde ein Handtuch oder etwas ähnliches finden, um meine Blöße bedecken zu können.<br />
Ich huschte also den beiden Frauen hinterher, immer in der Hoffnung, sie würden sich nicht umdrehen und ich würde keinem begegnen. Und wirklich, meine Hoffnung trog mich nicht, die Weiber führten mich geradewegs in einem Raum, in der viele Kleidertruhen standen. Sobald die Weiber gegangen waren, trat ich zu einer der Truhen, wo ich das erstbeste Stück Stoff herauszog. Hauptsache, so dachte ich in diesem Moment, es kleidete mich.<br />
<br />
Wie ich schon beim einkleiden jedoch feststellte, war mein Fund aber mitnichten eine Toga, sondern das Weibergewand einer Sklavin. Es umzutauschen war jedoch zu spät, denn die beiden Sklavinnen kehrten zurück.<br />
Das Geschrei, das sie bei meinem Anblick anstimmten, vertrieb mich aus der Kleiderkammer und ließ mich durch mehrere Räume fliehen, wobei eines dazu gedacht war, große Leinen zu trocknen.<br />
Ich aber sah die Leinentücher zu spät und rannte mitten in eines hinein, geriet ins Stolpern und verwickelte mich so unglückselig darin, dass es mir über Kopf und Schulter und den ganzen Leib reichte. Da die beiden Weiber aber mir noch auf dem Fuß waren humpelte ich, eingewickelt in das Leintuch in den nächsten Trakt und von dort aus geriet ich in einen offenen, von Säulen getragenen Gang.<br />
Dort glaubte ich mich in Sicherheit, denn die Furien ließen endlich ab von mir. Aber nein, als Nächstes erlaubte sich das Schicksal einen schlechten Scherz mit mir, denn im Gang traf ich zwei alte Bekannte: die griechischen Liebhaber des Imperators.<br />
<br />
Doch dieses Mal zeigte sich die Nacht als meine Freundin und obwohl ich eben noch das mich umwickelnde Leintuch verflucht hatte, geriet es mir jetzt zum Vorteil: die Männer erkannten mich nicht, hielten mich sogar für ein Weib. Ich gehe davon aus, dass sie mein Leinen für ein pallium hielten und da ich sie nicht eines Besseren belehren wollte, sprach ich zu ihnen mit Fistelstimme, als sie mich nach einem Mann in einer Toga fragten.<br />
Ich verneinte eine Begegnung mit meiner Person wohl zu energisch und ein schlechter Schauspieler muss ich obendrein sein - anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich von den beiden Männern nun doch erkannt wurde und sie sogleich meinten, mir wieder mit dem Dolch drohen zu müssen.<br />
<br />
Wieder war es mir zur Flucht geraten. Aber dieses Mal konnte ich mich zeitgleich meines Leinen befreien, so dass ich ihnen erneut entkam.<br />
Ich weiß nicht, wohin ich mich wandte. Eine Treppe hinauf, oder auch zwei, durch mehrere offene Gänge hindurch und dann durch viele Räume. Bis ich auf den Mann traf, den ich zu sehen mir als letztes gewünscht hatte: den Vater meiner Schönen.<br />
Er hielt mich an und fragte, wer ich sei. Ich stellte mich unwissend und ihm als einen Diener seines Gastes vor (ich ging davon aus, dass er einige unter seinem Dacht beherbergte) was er glaubte. Mein Schreck war jedoch groß, als er mich im nächsten Moment fragte, ob ich einen Mann gesehen hätte, der sich durch den Palast schleichen sollte. Dieser Mann, so sagte der Imperator, befände sich nämlich auf den Weg zu seiner Tochter und wenn ich ihm helfen würde, besagten Amandus zu finden, würde mir reicher Lohn winken.<br />
<br />
Mein lieber Freund, der Ton des Imperators ließ keine Fantasie offen, was er mit dem Liebhaber seiner Tochter anstellen würde, würde er ihn zu fassen bekommen. Jupiter mochte wissen, woher er von dem Stelldichein seiner Tochter wusste, ich jedenfalls wasche meiner Hände in Unschuld – über meine Lippen war kein Laut über dieses Treffen gekommen.<br />
Jedenfalls schulde ich meiner Erfahrung im Umgang betrogener Ehemänner Dankbarkeit, die mich kühl und besonnen handeln ließ und die mich dem Imperator glaubend machten, ich wüsste nicht, wo ich sei.<br />
Damit verabschiedete ich mich eiligst vom Imperator und eilte wieder die Treppe hinab, mit dem Gedanken, mein Stelldichein mit meiner Schönen auf später zu verschieben. Doch kaum war ich die Treppe hinuntergegangen, empfing mich dort das Geschrei der Furien aus der Kleiderkammer und das wiederum trieb mich die Treppe erneut hinauf, hinein in das erstbeste Zimmer.<br />
<br />
An dieser Stelle muss ich erst einmal innehalten. Denn unglaubliches passierte mir dort. Ich, der ich ein Liebling der Venus bin und ein steter Bewunderer von schönen Frauen, geriet in eine Hölle sondergleichen. In den Alptraum eines jeden jungen Mannes und in eine Situation, über die zu schweigen ich dich bitte<br />
Ich hatte das Schlafgemach einer zahnlosen, alten Vettel betreten.<br />
Stelle dir bitte folgendes Szenario vor: Ich trat an das Bett, von wo sich ein Weib, das gewiss schon mein Vater als seine Großmutter bezeichnet hätte, zwischen den Laken erhob. Das allein wäre nicht weiter tragisch gewesen, aber als die Alte meiner Person gewahr wurde, fing sie nicht etwa das schreien an, nein, sie reckte ihre Arme zu mir auf und sabberte etwas von endlich und Adonis und erhörte Gebete, sowie weitere Wörter, die zu wiederholen mir widerstrebt.<br />
Die Alte ergriff mein Gewand und sie begann mich auf ihr Lager zu ziehen. Die Kraft aller verzweifelten Frauen musste in ihr gesteckt haben, denn beinahe wäre es ihr gelungen. Ich aber entriss mich ihr, indem ich aus dem Gewand schlüpfte.<br />
Da stand ich schon wieder nackend da. Am Bett der Alten, die sogleich nach mir greifen und aufs Bett ziehen wollte und die bestimmt unsägliches von mir verlangt hätte, wenn ich nicht davongeeilt wäre.<br />
<br />
Hatte Fortuna mich vollends verlassen? Ich befürchtete es bereits, bis ich nach einigem Umherirren eine weitere Kleidertruhe fand, die obwohl groß und reichlich geschmückt, offen stand. Ihr entnahm ich eine Toga, die ich sogleich und erfreut anlegte, glaubte ich mich doch endlich wieder am Ziel meiner Träume – ordentlich gekleidet könnte ich so meiner Angebeteten unter die Augen treten, würde ich ihr Atrium nur endlich finden.<br />
<br />
Ja, ich glaubte wieder am Ziel zu sein, aber die Schicksalsgöttin ist ein grausames Weib. Denn ich hatte nicht irgendeine Toga aus der Truhe gezogen, sondern die des Imperators. Nicht, dass sie mir nicht gut zu Gesicht stände, aber sobald ich, ordentlich gekleidet, durch den Palast eilte, wurde mir der Weg eine weiteres Mal von den Fremden verstellt, die sich sichtlich freuten, endlich den Imperator gefunden zu haben.<br />
<br />
Du wirst dich erinnern, dass ich sie weiter oben als griechische Liebesdiener benannt hatte. Nun, das stellte sich als ein großer Irrtum heraus, denn nicht das Bett des Imperators war ihr Ziel dieser Nacht gewesen, nein ihre Absicht war eine ganz andere.<br />
Sobald sie mich erblickt und anhand der Toga als Imperator klassifiziert hatten, zogen der eine wieder sein mir bereits bekanntes Messer und stieß es mir fast bis zum Heft in den Leib. Dabei rief er etwas wie: „Freiheit aller freien Reiche!“ und noch irgendeinen Blödsinn, den zu verstehen ich in diesem Moment nicht gewillt war.<br />
<br />
Nur, den genauen Wortlaut kann ich dir leider nicht wiedergeben, denn mir drohten im gleichen Moment die Sinne zu schwinden. Ich weiß nur noch, wie ich durch den Palast stolperte, während die Meuchler entflohen und entschwanden.<br />
Halbtot geriet ich erneut in die coquina und da ich meinte, mich verteidigen zu müssen, griff ich nach dem ersten, länglich aussehenden Gegenstand, der mir ins Auge fiel, um es als Waffe zu gebrauchen.<br />
Ich glaubte dies wirklich, denn hinter mir erhob sich großes Geschrei und ich drehte mich um, um mein schwindendes Leben zu verteidigen. Etwas, was mir schwerlich gelingen würde, denn ich hatte in meiner Eile nichts anderes zur Hand genommen als eine Rhabarberstange. Mir gegenüber stand jedoch die Wache des Palastes plus des Imperators selbst, der bei meinem Anblick keineswegs in Freude ausbrach.<br />
<br />
Ach, welche Not, welche Scham. Man nahm mich fest und warf mich in den Kerker, wo ich nun wegen Diebstahls und Beschädigung der imperalistischen Festtagsrobe und einer Rhabarberstange darben muss. Mich, einen angesehenen Mann aus dem Senat von Rom und Führer einer ganzen Allianz, die bis weit über die Grenzen hinaus bekannt ist.<br />
<br />
Du siehst also mein Unglück, weißt von meiner Unschuld und bist meine einzige Hoffnung. Auf Knien flehe ich zu dir, mich aus dem Kerker zu befreien, damit ich weder meiner Verletzung erlegen noch mich den wilden Tieren stellen muss.<br />
Nenn mir deinen Lohn, sollte es mir möglich sein, ihn zu bezahlen, ich will es tun.<br />
<br />
Mit dem demutsvollsten Grüßen<br />
<br />
Amandus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Ecthelion, geschätzter Freund,<br />
<br />
mein lieber Freund, ich hoffe, du erhältst diese, meine Nachricht nicht zu spät und erreicht dich, bevor man mich in der Arena den wilden Tieren zum Fraß vorwirft. Denn du allein bist meine letzte Hoffnung, da du einer der wenigen bist, der ein gutes Wort für mich einlegen und somit mein fürchterliches Schicksal wenden kann.<br />
Zuerst lass dir sagen, dass ich halbtot im Kerker des Imperatorenpalastes sitze. Nicht durch meine eigene Schuld, nein, Verquickung unglücklicher Umstände waren es, die mich in diese missliche Lage gebracht haben und die mich seit geschlagenen drei Tagen und drei Nächten in einem unwürdigen Loch darben lassen<br />
Du wirst dich sicher fragen, was der Grund meines unglückseligen Schicksals ist, wo du mich doch als einen steten Liebling der Fortuna kennst. Nun, so lass dir sagen, dass mein Unglück bereits vor einem Mond begann, an jenem Tag, an dem ich des Imperators Tochter zum ersten Mal erblickte.<br />
<br />
Du kennst sie, du bist ihr bestimmt schon viele Male begegnet und ich muss dir nicht erst sagen, dass sie als eine echte Tochter der Venus gelten kann. Ihre Schönheit war es, die mich blendete und dich mich zu einem Opfer des Amors machte, der genau in diesem Moment, als sie an mir vorüberging, mich mit einem seiner unseligen Pfeile beschoss.<br />
<br />
Oh, was habe ich seitdem gelitten, was habe ich an sie gedacht und was musste ich mir alles einfallen lassen, damit ich mich endlich wieder an ihrem Anblick weiden konnte. Aber mit Recht wirst du dir sagen, dass mir das sicherlich gelungen ist, wo ich auf reichliche Erfahrung zurückblicken kann, was das Verführen von Frauen betrifft.<br />
<br />
Nun, mein lieber Ecthelion, natürlich es ist mir gelungen, ihre Aufmerksamkeit, ja sogar ihre Liebe und Neugierde zu erlangen. Dies jetzt genauestens auszuführen, ist keine Zeit, aber lass dir gesagt sein, dass ich ihr Versprechen erhielt, sie in einer bestimmten Nacht besuchen zu dürfen.<br />
<br />
Und damit begann mein Unglück.<br />
<br />
Wie mit ihr verabredet traf ich bei Vollmond am Palast ein. Ach, hätte sie nur den Tag gewählt, ich jedenfalls hätte es getan, aber ich war so trunken vor Liebe und Vorfreude, dass mir jede Nacht und jeder Platz für unsere erste, richtige Zusammenkunft, recht gewesen wäre.<br />
<br />
Nie zuvor war ich im Palast unseres Imperators gewesen, was ein Fehler von mir war, denn ich muss dir gestehen, ich habe mich alsbald heillos darin verlaufen. So viele Säulengänge, Säle und Räume und Atrien habe ich noch nie in einem Haus erblickt und wenn sie zu durchlaufen schon bei Tag gewiss schwierig ist – bei Nacht und selbst bei Mondschein noch viel mehr.<br />
Ich irrte somit umher, schlich mich wie ein Dieb von einer Säule zur anderen, zum einem Raum zum nächsten und suchte meine Angebetete, die mir nur gesagt hatte, sie würde in ihrem persönlichen Atrium auf mich warten.<br />
<br />
Nun, du weißt, Atrien gibt es im Palast viele und auf der Suche nach dem richtigen traf ich zwei mir fremde Männer. Auch sie schienen sich verlaufen zu haben, denn sie wisperten miteinander und stritten darum, welchen Weg einzuschlagen denn der richtige wäre.<br />
<br />
Geehrter Ecthelion, ich war drauf und dran, die beiden Männer zu fragen, ob sie mir nicht den Weg zu den persönlichen Schlafräumen der schönsten Tochter des ganzen römischen Reichs weisen konnten. Nun, ich tat es nicht, denn obwohl ich mir wie ein Idiot vorkam, war ich nicht bereit, dies auch vor mir völlig Fremden zuzugeben. Trotzdem stellte ich mich in die Nähe einer Säule – derer gab es wahrlich genug – in der Hoffnung, sie würden verraten, wo sie hinwollten und hätten sie den Weg zu den persönlichen Räumen der Kaiserin gesucht – nun, ich wäre mitgegangen, denn ich wusste, in der Nähe war meine Angebetete zu finden. Aber wie erschrocken war ich, als ich hören musste, dass nicht die Schlafgemächer der Kaiserin ihr Ziel war, nein, die des Imperators wollten sie aufsuchen und allein diese Tatsache verursachten mir so einen Schock, dass ich erschrocken nach Luft schnappte.<br />
<br />
Der Imperator, ein Anhänger der griechischen Liebe? – Das zu glauben fiel mir schwer und während ich noch versuchte meiner Gedanken Herr zu werden, hatte einer der beiden Männer mein Atmen gehört und sprang zu mir herzu, um mir sogleich ein Messer unter das Kinn zu halten.<br />
Ich bin wahrlich kein Feigling und weiß mich sehr wohl zu wehren, aber in dieser Nacht war ich auf ein anderes Geplänkel aus und trug somit kein Dolch mit mir. Es war deshalb ein Leichtes, mich zu überrumpeln.<br />
<br />
„Sag mir, Freund…“ flüsterte der ohne Dolch mir zu, „wohin geht es zum Imperator? Und wehe, du machst einen Mucks, sonst sticht dich mein Freund hier ab und lässt dich zwischen diesen verdammten Säulen verbluten.“<br />
<br />
„Seltsame Freunde hat der Imperator“, dachte ich. Aber es war nicht die erste, missliche Lage meines Lebens und so schwor ich, dass ich sie zu den Schlafgemächern des Imperators bringen würde, wenn man mir nur das Messer von meiner Kehle nähme.<br />
<br />
Die beiden gingen auf meinen Vorschlag ein und obwohl ich selbst nicht wusste, wohin ich mich wenden sollte, begann ich die Männer durch den Palast zu führen. Das war nicht das Schlechteste, denn Fortuna war mit mir, geleitete sie mich doch direkt in coquina, die voll von allerlei Gerätschaften war: Töpfe, Schüsseln, Messer, wohlduftende Kräuter und an der Wand hängende Schinken – alles war vorhanden, um den Hunger des Imperators zu befriedigen. Und vor allem standen dort viele der großen Tonkrüge herum, was sich mir zum Vorteil erwies, denn sobald ich die coquina betreten hatte, versteckte ich mich hinter einer dieser Vorratsbehälter.<br />
<br />
Du vergisst nicht, dass nur der Mond zu den Fenstern hinein schien? – Da die beiden Fremden erst einige Schritte nach mir die Schwelle übertraten, bemerkten sie meine List zu spät und bemerkten nicht, wie ich mich hinter dem Krug zusammenkauerte. Anstatt aber, dass sie mich in der coquina suchten, rannten sie zu der zweiten Tür hinaus, welche zu dem Kräutergarten in einen kleinen Hof führte.<br />
<br />
Ich wusste, sie würden irgendwann zurückkommen und so stieg ich eilends IN den großen Krug hinein. Kein Quentchen zu spät, denn sobald ich das getan hatte, bemerkten die Männer ihren Irrtum und kehrten in die coquina zurück.<br />
<br />
Geehrter Ecthelion, du kannst mir glauben, mir schlug das Herz bis zum Hals hinauf. Ich wagte kaum zu atmen, geschweige denn, mich zu bewegen. Aber wieder war Fortuna auf meiner Seite, denn die Männer suchten die coquina nur oberflächlich ab und verließen sie dann auf den Weg, auf dem wir sie betreten hatten.<br />
Ich blieb noch eine Weile im Krug sitzen. Einmal zur Sicherheit und dann, weil ich in einer Konsistenz steckte, welches den morastigen Ufern des Tibers ähnelte. Zwar roch es nach einer Mischung aus Schwein, Kräuter und Oliven, aber es war so zäh, dass ich mich nur noch mit Mühe daraus befreien konnte.<br />
Es gelang mir unter Mühen, verlustierte dabei aber eine Sandale, die mit aller Wahrscheinlichkeit immer noch im Krug steckt und dem Imperator hoffentlich nicht zum Mahle gereicht wird.<br />
<br />
Ich war die Männer nun los, aber zu welchem Preis: Meine Toga sah aus, als hätte ich mich auf einer Schweineschwarte gewälzt und ich roch, als wäre ich selbst eines – garniert mit Oliven und einem ganzen Kräutergarten. Mir wurde bewusst, dass ich so meiner Schönen nicht unter die Augen treten konnte, weshalb ich mich auf die Suche nach einem Brunnen machte, den ich sogleich im schon erwähnten Kräutergarten der coquina fand.<br />
<br />
Ich entkleidete mich und wusch mich notdürftig. Währenddessen überlegte ich, wo ich nun eine saubere Toga herbekam, schließlich wollte ich meiner Angebeteten nicht gleich nackend gegenübertreten.<br />
Während ich so am Brunnen stand, betraten zwei Sklavinnen den Garten. Zu meinem Glück schnatterten sie wie Gänse und ich bemerkte sie, bevor sie mich entdeckten, weshalb es mir möglich war, mich hinter einem großen Strauch Rosmarin zu verstecken.<br />
<br />
Die Sklavinnen aber entdeckten meine völlig verschmutzte Toga und obwohl sie sich deren Herkunft nicht erklären konnten, nahmen sie sie mit.<br />
Meine Sorge um meine Toga war ich somit ledig. Dafür stand ich nun ohne Kleidung im Kräutergarten des Imperators. Nackt, wie die Götter mich schufen.<br />
Was also tun? – da die beiden Sklavinnen nicht durch die coquina, sondern durch eine andere Pforte den Garten betreten hatte, folgte ich ihnen nach in der Hoffnung, ich würde ein Handtuch oder etwas ähnliches finden, um meine Blöße bedecken zu können.<br />
Ich huschte also den beiden Frauen hinterher, immer in der Hoffnung, sie würden sich nicht umdrehen und ich würde keinem begegnen. Und wirklich, meine Hoffnung trog mich nicht, die Weiber führten mich geradewegs in einem Raum, in der viele Kleidertruhen standen. Sobald die Weiber gegangen waren, trat ich zu einer der Truhen, wo ich das erstbeste Stück Stoff herauszog. Hauptsache, so dachte ich in diesem Moment, es kleidete mich.<br />
<br />
Wie ich schon beim einkleiden jedoch feststellte, war mein Fund aber mitnichten eine Toga, sondern das Weibergewand einer Sklavin. Es umzutauschen war jedoch zu spät, denn die beiden Sklavinnen kehrten zurück.<br />
Das Geschrei, das sie bei meinem Anblick anstimmten, vertrieb mich aus der Kleiderkammer und ließ mich durch mehrere Räume fliehen, wobei eines dazu gedacht war, große Leinen zu trocknen.<br />
Ich aber sah die Leinentücher zu spät und rannte mitten in eines hinein, geriet ins Stolpern und verwickelte mich so unglückselig darin, dass es mir über Kopf und Schulter und den ganzen Leib reichte. Da die beiden Weiber aber mir noch auf dem Fuß waren humpelte ich, eingewickelt in das Leintuch in den nächsten Trakt und von dort aus geriet ich in einen offenen, von Säulen getragenen Gang.<br />
Dort glaubte ich mich in Sicherheit, denn die Furien ließen endlich ab von mir. Aber nein, als Nächstes erlaubte sich das Schicksal einen schlechten Scherz mit mir, denn im Gang traf ich zwei alte Bekannte: die griechischen Liebhaber des Imperators.<br />
<br />
Doch dieses Mal zeigte sich die Nacht als meine Freundin und obwohl ich eben noch das mich umwickelnde Leintuch verflucht hatte, geriet es mir jetzt zum Vorteil: die Männer erkannten mich nicht, hielten mich sogar für ein Weib. Ich gehe davon aus, dass sie mein Leinen für ein pallium hielten und da ich sie nicht eines Besseren belehren wollte, sprach ich zu ihnen mit Fistelstimme, als sie mich nach einem Mann in einer Toga fragten.<br />
Ich verneinte eine Begegnung mit meiner Person wohl zu energisch und ein schlechter Schauspieler muss ich obendrein sein - anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich von den beiden Männern nun doch erkannt wurde und sie sogleich meinten, mir wieder mit dem Dolch drohen zu müssen.<br />
<br />
Wieder war es mir zur Flucht geraten. Aber dieses Mal konnte ich mich zeitgleich meines Leinen befreien, so dass ich ihnen erneut entkam.<br />
Ich weiß nicht, wohin ich mich wandte. Eine Treppe hinauf, oder auch zwei, durch mehrere offene Gänge hindurch und dann durch viele Räume. Bis ich auf den Mann traf, den ich zu sehen mir als letztes gewünscht hatte: den Vater meiner Schönen.<br />
Er hielt mich an und fragte, wer ich sei. Ich stellte mich unwissend und ihm als einen Diener seines Gastes vor (ich ging davon aus, dass er einige unter seinem Dacht beherbergte) was er glaubte. Mein Schreck war jedoch groß, als er mich im nächsten Moment fragte, ob ich einen Mann gesehen hätte, der sich durch den Palast schleichen sollte. Dieser Mann, so sagte der Imperator, befände sich nämlich auf den Weg zu seiner Tochter und wenn ich ihm helfen würde, besagten Amandus zu finden, würde mir reicher Lohn winken.<br />
<br />
Mein lieber Freund, der Ton des Imperators ließ keine Fantasie offen, was er mit dem Liebhaber seiner Tochter anstellen würde, würde er ihn zu fassen bekommen. Jupiter mochte wissen, woher er von dem Stelldichein seiner Tochter wusste, ich jedenfalls wasche meiner Hände in Unschuld – über meine Lippen war kein Laut über dieses Treffen gekommen.<br />
Jedenfalls schulde ich meiner Erfahrung im Umgang betrogener Ehemänner Dankbarkeit, die mich kühl und besonnen handeln ließ und die mich dem Imperator glaubend machten, ich wüsste nicht, wo ich sei.<br />
Damit verabschiedete ich mich eiligst vom Imperator und eilte wieder die Treppe hinab, mit dem Gedanken, mein Stelldichein mit meiner Schönen auf später zu verschieben. Doch kaum war ich die Treppe hinuntergegangen, empfing mich dort das Geschrei der Furien aus der Kleiderkammer und das wiederum trieb mich die Treppe erneut hinauf, hinein in das erstbeste Zimmer.<br />
<br />
An dieser Stelle muss ich erst einmal innehalten. Denn unglaubliches passierte mir dort. Ich, der ich ein Liebling der Venus bin und ein steter Bewunderer von schönen Frauen, geriet in eine Hölle sondergleichen. In den Alptraum eines jeden jungen Mannes und in eine Situation, über die zu schweigen ich dich bitte<br />
Ich hatte das Schlafgemach einer zahnlosen, alten Vettel betreten.<br />
Stelle dir bitte folgendes Szenario vor: Ich trat an das Bett, von wo sich ein Weib, das gewiss schon mein Vater als seine Großmutter bezeichnet hätte, zwischen den Laken erhob. Das allein wäre nicht weiter tragisch gewesen, aber als die Alte meiner Person gewahr wurde, fing sie nicht etwa das schreien an, nein, sie reckte ihre Arme zu mir auf und sabberte etwas von endlich und Adonis und erhörte Gebete, sowie weitere Wörter, die zu wiederholen mir widerstrebt.<br />
Die Alte ergriff mein Gewand und sie begann mich auf ihr Lager zu ziehen. Die Kraft aller verzweifelten Frauen musste in ihr gesteckt haben, denn beinahe wäre es ihr gelungen. Ich aber entriss mich ihr, indem ich aus dem Gewand schlüpfte.<br />
Da stand ich schon wieder nackend da. Am Bett der Alten, die sogleich nach mir greifen und aufs Bett ziehen wollte und die bestimmt unsägliches von mir verlangt hätte, wenn ich nicht davongeeilt wäre.<br />
<br />
Hatte Fortuna mich vollends verlassen? Ich befürchtete es bereits, bis ich nach einigem Umherirren eine weitere Kleidertruhe fand, die obwohl groß und reichlich geschmückt, offen stand. Ihr entnahm ich eine Toga, die ich sogleich und erfreut anlegte, glaubte ich mich doch endlich wieder am Ziel meiner Träume – ordentlich gekleidet könnte ich so meiner Angebeteten unter die Augen treten, würde ich ihr Atrium nur endlich finden.<br />
<br />
Ja, ich glaubte wieder am Ziel zu sein, aber die Schicksalsgöttin ist ein grausames Weib. Denn ich hatte nicht irgendeine Toga aus der Truhe gezogen, sondern die des Imperators. Nicht, dass sie mir nicht gut zu Gesicht stände, aber sobald ich, ordentlich gekleidet, durch den Palast eilte, wurde mir der Weg eine weiteres Mal von den Fremden verstellt, die sich sichtlich freuten, endlich den Imperator gefunden zu haben.<br />
<br />
Du wirst dich erinnern, dass ich sie weiter oben als griechische Liebesdiener benannt hatte. Nun, das stellte sich als ein großer Irrtum heraus, denn nicht das Bett des Imperators war ihr Ziel dieser Nacht gewesen, nein ihre Absicht war eine ganz andere.<br />
Sobald sie mich erblickt und anhand der Toga als Imperator klassifiziert hatten, zogen der eine wieder sein mir bereits bekanntes Messer und stieß es mir fast bis zum Heft in den Leib. Dabei rief er etwas wie: „Freiheit aller freien Reiche!“ und noch irgendeinen Blödsinn, den zu verstehen ich in diesem Moment nicht gewillt war.<br />
<br />
Nur, den genauen Wortlaut kann ich dir leider nicht wiedergeben, denn mir drohten im gleichen Moment die Sinne zu schwinden. Ich weiß nur noch, wie ich durch den Palast stolperte, während die Meuchler entflohen und entschwanden.<br />
Halbtot geriet ich erneut in die coquina und da ich meinte, mich verteidigen zu müssen, griff ich nach dem ersten, länglich aussehenden Gegenstand, der mir ins Auge fiel, um es als Waffe zu gebrauchen.<br />
Ich glaubte dies wirklich, denn hinter mir erhob sich großes Geschrei und ich drehte mich um, um mein schwindendes Leben zu verteidigen. Etwas, was mir schwerlich gelingen würde, denn ich hatte in meiner Eile nichts anderes zur Hand genommen als eine Rhabarberstange. Mir gegenüber stand jedoch die Wache des Palastes plus des Imperators selbst, der bei meinem Anblick keineswegs in Freude ausbrach.<br />
<br />
Ach, welche Not, welche Scham. Man nahm mich fest und warf mich in den Kerker, wo ich nun wegen Diebstahls und Beschädigung der imperalistischen Festtagsrobe und einer Rhabarberstange darben muss. Mich, einen angesehenen Mann aus dem Senat von Rom und Führer einer ganzen Allianz, die bis weit über die Grenzen hinaus bekannt ist.<br />
<br />
Du siehst also mein Unglück, weißt von meiner Unschuld und bist meine einzige Hoffnung. Auf Knien flehe ich zu dir, mich aus dem Kerker zu befreien, damit ich weder meiner Verletzung erlegen noch mich den wilden Tieren stellen muss.<br />
Nenn mir deinen Lohn, sollte es mir möglich sein, ihn zu bezahlen, ich will es tun.<br />
<br />
Mit dem demutsvollsten Grüßen<br />
<br />
Amandus]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Du kannst Deinem Schicksal nicht entrinnen [Traumtaenzer]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7489.html</link>
			<pubDate>Thu, 03 Jun 2010 13:52:33 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7489.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Zufluchstort der Armen, Siechen, Ausgestossenen, Verfluchten, Zentrum der Ohnmacht- nahe den Katakomben an der Via Appia, ausserhalb Roms Mauern im Süden der Porta Appia</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Wolken jagen über das volle Antliz der hell strahlenden Göttin am Himmel, gepeitscht von jenen Winden, die mich hilflos an den Boden fesseln. Ich kann mich nicht bewegen, ich kann nicht schreien, ich kann meine Blicke nicht abwenden, als blutrote Tränen der Göttin Augen verlassen und gen Boden tropfen. Es werden der Tränen mehr und mehr, eine wahre Sturzflut ergiesst sich aus den Wolken, wogt als Meer aus Blut am Boden, rollt auf mich zu. Ich kämpfe mit aller Kraft, versuche mein Haupt zu heben, doch die Flut steigt, erreicht meinen Mund, schlägt über meinem Haupt zusammen...</span><br />
<br />
Der Schlaf flieht mich, der Albtraum entschwindet, doch an dessen Stelle kommen die Erinnerungen, während meine weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit starren. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Der Klang der von den Frauen geschlagenen Trommeln, während die Männer zu Ehren der Mondgöttin tanzen, der ihr geweihte Dolch senkt sich, zeichnet ein blutiges Muster in meine Haut, um ihr zu Ehren ein Blutopfer zu bringen. Schmerz ist mir fremd, ich vermag diesen nicht zu spüren... die schrillen Schreie, die die Trommeln übertönen, die in Metall gepanzerten bleichen Dämonen, die den stählernen Tod in die Reihen der Meinigen bringen...<br />
Ich stürze mich brüllend auf sie, wie auch die Männer meines Volkes, wir sind Krieger, wir kennen keine Furcht, auch nicht vor jenen Dämonen, die uns überrascht haben. Ihre Nadelstiche spüre ich nicht, kämpfe mit Dolch, Händen, Füssen, Zähnen, doch es sind deren gar viele, sie verstricken mich in Netze, die sie geschickt zu handhaben wissen, verdammen mich zur Reglosigkeit, schlagen meine Arme und Beine in Eisen... Ihre über mich gebeugten Gesichter zeigen Wut, gepaart mit Entsetzen, denn ich habe viele der ihren getötet oder verstümmelt. Sie lassen mich ihren racheerfüllten Zorn spüren, jeden Einzelnen meines Volkes, der noch lebt, ob Mann oder Frau oder Kind, bringen sie zu mir und zaubern ihnen ein blutrotes Lächeln in den Hals, Blut, dass sich über mich ergiesst. Ich flehe schreiend "Nicht die Frauen, Nicht die Kinder!", doch vergeblich. Ich versinke in einem Meer von Blut, bis gnädige Dunkelheit mich umhüllt...</span><br />
<br />
Ich starre in die Dunkelheit, lasse die Erinnerungen sich zur Ruhe begeben. Seit jenem Tage ist meine Stimme nur noch ein heiseres Flüstern, zu schreien vermag ich ebensowenig, wie des Körpers Schmerzen wahrzunehmen ich in der Lage bin. Die Schmerzen, die meine Seele quälen, peinigen mich dafür um so mehr, Tag für Tag, Nacht für Nacht! Ich fürchte die Dunkelheit nicht, sondern heisse sie als Freund willkommen. Ich kleide mich an, vervollständige meine Ausrüstung, die ich heute Nacht benötige, und verlasse meine bescheidene Behausung. Das volle Antlitz der Mondgöttin zeigt sich im sternenklaren Himmel, ihr Anblick ist trotz des Fluches, den sie über mich verhängte, mir Trost und Hoffnung zugleich. Meine Blicke wandern weiter gen Roms Hügel, zu jenem unter ihnen, auf dem jener residiert, der heute Nacht meines Messers Schneide zu erwarten hat- es wird gewiss für diesen eine Überraschung werden!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Heimstatt der Adligen, Priester, Senatoren und von den Göttern Begünstigten, Mittelpunkt der Macht- Hügel des Palatinums, im Zentrum von Rom</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Das Licht des Vollmonds umschmeichelt Dich, doch Du kannst Dich nicht bewegen, silbern glänzende Fäden fesseln Dich an Deine luxuriöse Sitzgelegenheit. Deine weit aufgerissenen Augen spiegeln sich im kalten Stahl des Dolches vor Deinem Gesicht, Du keuchst erstickt, als des Messers Schneide sich qualvoll langsam, als wollte sie jeden Moment Deiner panischen Angst auskosten, Deinem Hals nähert. Du willst Dein Kinn auf die Brust pressen, doch musst mit Entsetzen feststellen, dass Dein Haupt sich stattdessen zu recken beginnt, als ob Deine Kehle den Dolch als Freund willkommen zu heissen gedenkt!<br />
Du siehst in der Ferne einen Giganten, schneeweiss sein krauses Haar, bleich wie der Tod dessen Haut, blutrot dessen Tätowierungen, wie auch dessen Augen, nahen- Dein schreiendes Flehen um Hilfe gilt diesem, doch vergebens...<br />
Der Dolch wandert erneut in das Blickfeld Deiner Augen, des Messers Schneide mit Blut befleckt, im kalten Stahl siehst Du Dich blutrot lächeln. Deine Hände tasten nach Deiner Kehle, versuchen, die Blutung zu stillen, doch es gelingt Dir nicht- das Blut steigt wie die Flut an der Küste, Du schnappst verzweifelt nach Luft, versuchst, an der Oberfläche zu bleiben, doch Dein Kampf ist vergebens, Du versinkst in den roten Fluten...</span><br />
<br />
Mit einem Schrei schreckst Du aus dem Schlafe hoch, Du bist schweissgebadet, Dein Atem gleicht einem gepressten Röcheln. Deine Blicke irren durch Dein luxuriöses Schlafgemach, dessen zahlreiche flackernden Lichtquellen Schatten erzeugen, Schatten, in denen Du versuchst, Bedrohliches zu entdecken. Du vermagst keine Gefahr zu sehen, doch dies beruhigt Dich nicht. Dein Traum hat eine Bedeutung, Du bist Dir da gewiss. Dein rasendes Herz übertönt jedes Geräusch, dem Du lauschen könntest, Deine Unruhe steigert sich, denn Du spürst deutlich, dass in dieser Nacht etwas anders ist, anders als in anderen Nächten zuvor. Dein Mund fühlt sich staubtrocken an, Du krächzt mit kaum wahrnehmbarer Stimme Dein Ersuchen nach Wein, den man Dir kredenzen möge.<br />
Mit einem Male wird Dir der Grund Deines Unbehagens überdeutlich klar- immer, wenn Dich düstere Träume plagten, war das Erste, dass Du nach dem Erwachen zu Gesicht bekommen hast, das besorgte Gesicht Deines Leibsklaven, dessen Frage "Befindet sich der Imperator wohl?" Dir galt. Raelis, Leibsklave des Imperators, für alle jene, die Dir nicht nahestehen, getreuester aller Prätorianer, die Rolle eines Sklaven spielend, nur Eingeweihten bekannt. Es ist das erste Mal, dass Du erwachst, ohne Raelis ueber Dich gebeugt zu sehen!<br />
Deine rechte Hand wandert zum linken Unterarm, Du hörst deutlich in Deiner Erinnerung Raelis Stimme <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Imperator dies ist ein Freund! Tragt ihn immer bei Euch, ob im Bade oder im Schlaf, vergesst ihn niemals!"</span> Deine Hand ergreift den Dolch, zieht diesen aus der Scheide. Vorsichtig näherst Du Dich dem Fussende Deiner Bettstatt, denn zu Deinen Füssen pflegt Raelis zu ruhen...  <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Auf der Via Appia, auf dem Wege nach Rom zum Portia Appia, der Aurelian Mauer sich nähernd</span><br />
<br />
Meine blossen Füsse ertasten die Pflastersteine der Via Appia, ich nähere mich einem der Tore, die den Zugang zu Rom kontrollieren. Des Nächtens sind diese verschlossen, doch dieses Tor heute Nacht wird mir offen stehen- dies ist gewiss!<br />
Ich vernehme ein Wimmern, es klingt nach einem jungen Mädchen. Dumpfes Klatschen lässt mich an Schläge denken, die das Wimmern erklären könnten. Ich lasse mich von meinen Ohren leiten, sehe abseits der Strasse jene Gestalt, die ein hageres, in schmutzige Lumpen gekleidetes Mädchen, die sich verzweifelt wehrt, zu Boden zwingt... Das Mädchen kenne ich, nicht ihren Namen, denn Namen vermag ich mir nicht zu merken. Ihre Augen sind vom Grüne des Grases, ihre Haare erstrahlenen in flammenden Rot, das Leuchten ihrer Seele liess mich ihr den Namen geben, der mir angemessen erscheint- Gottesanbeterin!<br />
Der Mann ist mir nicht vertraut, doch werde mich ihm vorstellen- meine eine Hand ergreift diesen im Schritt- ich höre, wie sein Atem stockt-, meine andere Hand umfasst seinen Nacken, ich erhebe ihn über mich, um ihn dann gen Boden zu schmettern. Die Luft entflieht pfeifend seinen Lungen, hilflos liegt er auf dem Rücken vor mir, nach Luft ringend. Ich beuge mich zu ihm hinab, flüstere mit heiserer Stimme "Keine Frauen, Keine Kinder!". Ich bin gnädig und breche ihm nur seine beiden Daumen...<br />
Meine Blicke gelten dem Mädchen, dessen Blicke nur dem Dolche, den der Unglückselige aufgrund meines Eingreifens verloren hat. Ich setze meinen Weg zufrieden fort, ich war gnädig, Gottesanbeterin ist dies mitnichten, wie hinter mir erklingendess Flehen und Schreien bezeugen. Dieser Mann wird nimmermehr Frauen und Kinder belästigen!<br />
Das Porta Appia, Zugang zu Rom, ragt vor mir in des Vollmonds Schatten auf. Es öffnet sich, wie von mir erwartet. Die Prätorianer, die mich in Empfang nehmen- sie gehören zu jenen, die eingeweiht sind- bieten mir ihre Begleitung an. Ich lehne dies schroff ab, ich brauche keine Begleitung, um jenen Ort zu erreichen, an dem ich den mir erteilten Auftrag zu erfüllen gedenke!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Hügel des Palatinums, Zentrum der Macht, Palast des Imperators- in dessen Schlafgemach</span><br />
<br />
Deine Hand mit dem Dolche zittert, vorsichtig näherst Du Dich Raelis Lagerstatt. Du wappnest Dich gegen den Anblick, den Du zu sehen erwartest. Du siehst Raelis auf seiner Lagerstatt liegend. Er wirkt friedlich schlafend, doch Du bist Dir gewiss, dass nicht der Schlaf Raelis sanft umklammert. Du beugst Dich zu dessem Antlitz, siehst dessen weit geöffneten Augen, die ins Leere zu starren scheinen. Was sie wohl erblicken mögen? Du weisst es nicht.<br />
Du führst den kalten Stahl Deines Dolches nah an Raelis Lippen, wartest einen Moment, um dann die Klinge zu betrachten. Sie ist beschlagen! Raelis atmet! Du schüttelst ihn sanft an der Schulter, flüsterst seinen Namen, doch kannst keinerlei Reaktion wahrnehmen, die Augen Deines getreuen Dieners starren weiter in die Leere.<br />
Gehetzt wandern Deine Blicke durch Dein Schlafgemach, versuchen, Schatten zu durchdringen, während Du selbst bemüht bist, Deiner wachsenden Angst Einhalt zu gebieten. Dir ist bewusst, welche Stunde nun geschlagen hat, Du wusstest, dass es eines Tages so weit sein würde.<br />
Du wendest Dich dem Eingang zu Deinem Schlafgemach zu. Durch jene Tür ist der Vorraum zu Deinem Domizil zu erreichen, in dem in dieser Nacht Laurelius und Hardius, zwei Deiner getreuen Prätorianer, über Deinen ungestörten Schlaf wachen sollten. Der Schrei, mit dem Du erwacht bist, hätte diese beiden eigentlich alarmieren müssen. Du bewegst Dich gen Zugang zum Vorraum, Du öffnest, den Dolch bereit haltend, die Türe...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Rom, Tal des Kollosseums, das sich im Licht des Vollmondes präsentiert</span><br />
<br />
Meine Füsse tragen mich durch das nächtliche Leben Roms, in dem das Leben pulsiert, und sei es nur, weil all jene Karren Waren transportieren, die am Tage sich auf Edikt des Imperators nicht in den Strassen Roms aufhalten dürfen. Mir gewährt man Platz, sei es aufgrund meiner Grösse oder meines Aussehens, dem verstohlene Blicke gelten, ich spüre diese deutlich.<br />
Vor mir erhebt sich majestätisch das Kolloseum im Licht des Vollmondes, mein Schritt verharrt in dessen Schatten, während die Erinnerungen mich überfallen. Jene Sklavenjäger, die mein Volk massakrierten, wollten meiner habhaft werden, auf dass ich als Attraktion in der Arena die Zuschauer erfreuen möge. Im Training für Gladiatoren sollte ich ihrem Willen unterworfen werden, sie suchten mich mit Brandeisen zu quälen, mit der Peitsche gefügig zu machen, doch ich lachte sie aus. Meiner Seele hatten sie unerträglichen Schmerz zugefügt, als sie die Meinigen metzelten, meinem Körper konnten sie schaden, doch Schmerzen zufügen- das konnten sie nicht, denn mein Körper verspürt keinerlei Schmerz!<br />
Ich unterwarf mich, scheinbar mit gebrochenem Willen, ihrem gewünschten Training, in dem ich lernte, mehr lernte, als ihnen lieb sein konnte und würde!<br />
In der Arena stellte ich mich unter glühender Sonne, die ich hasste, Gegnern, die ich bedauerte. Nur jene mit den Netzen bedauerte ich nicht, ich liess sie blutrot lächeln- und nahm ihnen ihre Daumen! Die genommenen Daumen reckte ich in die Höhe- und die Massen schrien ihre Begeisterung sich aus dem Leibe...<br />
Ich verstand sie nicht, mir erschienen sie als im Geiste krank, unberührt von der Güte, die der Mondgöttin zu eigen ist. Ich gab ihnen, was sie wollten, nahm mir, was ich wollte. Jeder einzelne derer, die mich entführten und die Meinigen schlachteten, war letztendlich mein Gegner in der Arena. Ich liess ihnen ihr Leben, nahm aber ihre Daumen- die ich dem Imperator präsentierte, dessen gehobenen oder gesenkten Daumen ich ignorierte. Ich allein und nicht die tobende Menge oder der Imnperator entschied über Leben oder Tod, wie es mir auch bei meinem Volk zustand. Die zum Leben Verurteilten verloren ihre Daumen, die vom Leben Befreiten lächelten blutrot ohne Daumen...<br />
Sie nannten mich den bleichen Löwen ohne Gnade, doch ich selbst gab mir einen anderen Namen, ich war M'Bongo- der- die- Daumen- nimmt!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Palast des Imperators, in dessen Gemächern, auf dem Wege zu einer bitteren Erkenntnis</span><br />
<br />
Du holst tief Luft, dann wirfst Du Dich, mit der Schulter voran, gegen die Flügeltür Deines Schlafgemaches, die den Weg zum Vorzimmer weist. Mit einem schmerzerfüllten Keuchen rammt Deine linke Schulter die Türe, die sich zu öffnen weigert, etwas scheint diese zu blockieren. Du ignorierst den Schmerz, sammelst Deine Kräfte, stemmst Dich gegen die Flügel, die letztendlich Deinem beharrlichen Einsatz nichts mehr entgegenzusetzen haben.<br />
Du lässt die erhobene Hand mit dem Dolche sinken. Deine Blicke streifen die am Boden liegenden Körper von Laurelius und Hardius, letzterer muss jener gewesen sein, der die Tür blockierte und den Du unter Einsatz all Deiner Kraft hast bewegen können, damit die Flügeltüren Dir Zugang zum Vorzimmer gewähren.<br />
Auch ihre Augen sind weit geöffnet, starren ins Nichts. Diesmal wandern Deine Finger zu deren Hals, tasten nach Puls- dieser ist zu spüren!<br />
Deine Blicke bewegen sich weiter zur nächsten Flügeltüre. Du könntest diese jetzt durchschreiten, versuchen, in den Gängen Deines Palastes, unter Nutzung jener, die nur Dir bekannt sind, Dich von diesem Orte zu entfernen... <br />
Du nimmst den schweren Holzbalken wahr, der den weiteren Weg blockiert. Als Sicherung erschien er Dir sinnvoll, doch jetzt offenbart sich Dir die Ironie derselbigen- jene, die zu Dir gelangen wollten, vermögen dies nur mittels eines Rammbockes, und Du kannst Deine Schlafgemächer nicht verlassen, denn Deine Kräfte reichen nicht aus, um diesen Balken zu entfernen!<br />
Du bist der Imperator, Deinem Willen unterwerfen sich all Deine Untertanen- doch jetzt bist Du allein... allein nur mit einem Dolch als Freund, Dein Schicksal steht auf Messers Schneide!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Rom, Hügel des Palatinums, im Schatten des Palastes des Imperators</span><br />
<br />
Meine Zeiten als Gladiator in der Arena sind staubige Vergangenheit, in der Gegenwart sind andere Dienste gefragt, die ich anzubieten habe. Diese gewähren mir Zugang zu den höchsten Kreisen Roms, doch erfragt werden diese auch von den Ärmsten der Armen, denn meine Künste in der Handhabung eines scharfen Dolches haben sich herumgesprochen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Keine Frauen, keine Kinder</span></span> ist mein Grundsatz, in dieser Ansicht werde ich nicht wanken noch weichen, doch allen anderen werde ich, so es es gewünscht ist und ich den Auftrag annehme, meine Kunst zuteil werden lassen. Ob es jene sind, die dies schon erwarten, oder jene, für die dies überraschend kommt, ist unerheblich- all jenen versichere ich, während ihre Augen sich im kalten Stahl des Dolches vor ihrer Kehle spiegeln, dass es kurz und schmerzlos sein wird. Alles andere wäre nicht professionell!<br />
<br />
Es sind zwei Praetorianer, die jene Türe bewachen, die den geringsten unter den Dienstboten vorbehalten ist. Sie ignorieren mich, wie es mir prophezeit wurde. Im Inneres des Palastes erwarten <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">sie</span> mich schon... Antonius, dessen jugendliches Aussehen dessen Alter Lügen straft, ein Veteran unter den Prätorianern, in der Handhabung des Gladius der Tödlichsten Einer, sei es mit der Rechten oder der Linken oder gar beidhändig mit zwei Gladii zugleich. Maximus, zu dem ich selbst aufschauen muss, in dessen Hand der Gladius als Dolch erscheint, und der mit dem Streitkolben bei seiner Kraft nicht nur den Schild, sondern den Schildarm zertrümmert, der den Schild führt, wie auch den Helm samt den Schädel, den der Helm schützen soll. Claudius, dessen unscheinbare Statur ein jeden Gegner zu täuschen vermag, dieser ist ein Meister in der Handhebung des Speeres, mit dem er den wildesten Eber aufzuspiessen vermag, ein Speer, den er zugleich als Kampfstab erfolgreich zu verwenden versteht. Es sind jene drei Prätorianer, denen der Imperator vorbehaltlos vertraut. Ich muss schmunzeln... der Imperator wird überrascht sein! Sie sind selbst Meister der Tätigkeit, der ich mich mit allem Einsatz widme- doch selbst wenn man sie Meister nennt, vermögen sie niemals mit meiner Kunst sich erfolgreich messen zu können!<br />
Antonius reicht mir ein seidenes Tuch, dessen Inhalt ich sofort enthülle. Stählern blitzt des Messers Schneide, die Schneide eines Dolches, der eines Imperator mehr als würdig ist...<br />
<br />
Ein ersticktes Keuchen ertönt... ich fahre herum, und nicht nur ich... flüsternd gleiten Antonius Gladii aus der Scheide, Maximus Streitkolben verrät sich nur durch einen windähnlichen Hauch, Claudius Bewegungen kann nicht mal ich wahrnehmen. Ich erblicke eine kleine runde dickliche Gestalt, identifiziere diese als <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Clementine, Herrin der Küche des Imperators, Gerüchten zufolge eher gnadenlose Herrscherin über diese Küche!</span>.<br />
Ich erhebe den Dolch in meiner Linken, lasse sie den kalten Stahl erblicken. Mit dem Zeigefinger meiner Rechten streiche ich mir über die Kehle, danach erhebe ich diesen an meine Lippen, während ich den Blick meiner roten Augen nicht von ihr weichen lasse. Sie presst die Faust ihren Rechten in ihren Mund, erstickt ihre Schreie, die Augen vor Entsetzen geweitet- wirft sich plötzlich herum, rennt, rennt, rennt...<br />
<br />
Ich wechsle Blicke mit Antonius, Maximus, Claudius... wir sind uns einig. Was immer sie vorhaben mag, sie wird zu spät sein. Wir lassen sie rennen, denn unser Ziel sind die Gemächer des Imperators, und Nichts und Niemand vermag uns auf diesem Wege aufzuhalten!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Palast des Imperators, Gemächer des Imperators- eine Entscheidung fällt</span><br />
<br />
Du weichst, den Dolch in der Hand, in Dein Schlafgemach zurück. Deine Gedanken rasen, suchen nach einem Ausweg, doch Du drehst Dich im Kreise, die Götter scheinen Dein Schicksal voherbestimmt zu haben.<br />
Du nimmst Platz auf Deinem "Thron", vernimmst in Deiner Erinnerung Raelis Stimme <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Der Thron des Imperators befindet sich dort, wo der Imperator Platz nimmt!</span>. Du wirst Deine Gemächer nicht verlassen, selbst wenn Du es könntest, sondern Dich dem Dir zugedachten Schicksal erhobenen Hauptes zu stellen wissen.<br />
Du weisst, dass <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">sie</span> spätestens im Morgengrauen, wenn der Hahn kräht, kommen werden. Du wirst sie gewiss hören, wenn <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">sie</span> versuchen, zu Dir zu gelangen.<br />
Die Frage, die sich Dir stellt, lautet: Erwartest Du ergeben das Dir zugedachte Schicksal, oder nimmst Du dies in Deine eigenen Hände?<br />
Du betrachtest den Dolch, den kalten Stahl, des scharfen Messers Schneide. Du hast einen Entschluss gefasst, unwiderruflich- Du bist der Imperator und damit der Herr über Dein eigenes Schicksal, Du wirst jener sein, der über des Messers Schneide gebietet!<br />
Deine Entschlossenheit zeigt sich in Deinen Augen, die sich in des Dolches Stahl Dir wie in einem Spiegel präsentieren. Langsam, doch ohne jegliches Zittern, erhebt Deine den Dolch führende Hand diesen gen Deine Kehle, während Du entschlossen Dein Kinn reckst...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Palast des Imperators, auf dem Wege zu dessen Schlafgemach</span><br />
<br />
Ich eile durch die Gänge des Palastes, meine blossen Füsse verursachen kein Geräusch, dass wahrnehmbar wäre. Antonius, Maximus und Claudius folgen mir, der Weg ist ihnen gewiss vertrauter als mir, doch ich habe mir diesen eingeprägt. Wir begegnen Bediensteten wie auch Prätorianern, doch meine Blicke, die ich ihnen widme, lassen diese zurückweichen... niemand wird mich zu behelligen wagen, wenn ich auch noch drei der getreuesten Prätorianer des Imperators hinter mir weiss...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Palast des Imperators, in dessen Schlafgemach- dem Schicksal ausgeliefert</span><br />
<br />
Dein Herz stockt, Entsetzen bemächtigt sich Deiner, als eine Hand mit eisernem Griff Dein Handgelenk umklammert, das Handgelenk jener Hand, die den Dolch zu führen gedachte. Dem Griff kannst Du Dich nicht entwinden, Du starrst in Raelis kalt blickende Augen, während Deine Augen Fragen <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Wer, was, wie, wieso, warum</span> stumm kreischen, Deine Stimme Dir aber den Dienst versagt. Du hörst den Dolche auf den Boden aufschlagen, mit diesem Geräusch entschwindet Deine letzte Hoffnung, Du siehst nur noch Raelis Augen, hörst dessen Stimme <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Glaubt mein Imperator wirklich, seinem Schicksal entrinnen zu können?</span>.<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im Schlafgemach des Imperators- des Messers Schneide wird präsentiert</span><br />
<br />
Vor den Flügeltüren, die in des Imperators Schlafgemach führen, halte ich kurz inne. Sie öffnen sich wie durch Zauberhand, für mich- und gewiss nicht unerwartet. Ich durchschreite diese, die beiden Prätorianer, die mir den Weg öffneten, beeilen sich dienstbeflissen, mir auch jene Tür zu öffnen, die in des Imperators Schlafgemach führt. Ich höre das sanfte Geräusch, mit dem Antonius seine Gladii aus der Scheide zieht, Maximus wird nun gewiss seinen Streitkolben erhoben haben, wie auch Claudius seinen Speer...<br />
Der Imperator sitzt auf einem Stuhl, mir den Rücken zukehrend. Dessen Hände umklammert im stahlhartem Griff Raelis, jener, dem der Imperator vertraute, wie auch jener, der mir jenen Auftrag erteilte, der mich heute Nacht an diesen Ort führt...<br />
<center><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">***</span></strong><br />
Du starrst fragend in Raelis Augen, doch Deine Stimme vermag sich immer noch nicht sich zu artikulieren. Du hörst Schritte, die sich nähern, und Du kennst diese Schritte wie auch jene, die sich in dieser Art Dir nähern. Drei Deiner getreuesten Prätorianer- zumindestens hast Du das bisher geglaubt! Du bist Dir gewiss, dass sie nicht alleine gekommen sind, in ihrer Begleitung wird sich jener befinden, den zu hören Du nicht vermagst, der Dir des Messers Schneide präsentieren wird...<br />
<center><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">***</span></strong><br />
Ich bin in des Imperators Rücken angelangt, rage weit über dessen Haupte, dass auf die Brust sich gesenkt hat. Kalt blicken die Augen des Imperators Leibsklaven, rotglühend erwidern die meinigen dessen Blick. Antonius, Maximus, Claudius... ich wechsle Blicke mit diesen, sie erwidern diese bejahend, sie sind mehr als nur bereit.<br />
Meine Hand, die den Dolch führt, lasse ich in das Blickfeld des Imperators wandern. Mit heiserem Flüstern versichere ich dem Imperator <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Vertraut mir, es wird kurz und schmerzlos sein"</span><br />
Ich lasse den Dolch gen des Imperators Kehle wandern, nicke beifällig, als dieser sein gen Brust geneigtes Haupt trotzig reckt... diese Haltung gilt es meinerseits zu respektieren, ich werde gewiss darauf zu achten wissen, dass der Imperator nichts spüren wird!<br />
<center><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">***</span></strong><br />
Deine geweiteteten Augen spiegeln sich in des Dolches Klinge, Dein Gesicht ist aschfahl, doch noch bleicher ist die Hand, die den Dolch führt, wie auch das Gesicht des hinter Dir Stehenden, das sich Dir undeutlich in der Klinge zeigt. Bleich wie der Tod schimmert die Haut, blutrote Narben bilden ein verwirrendes Muster, gnadenlos blicken rote Augen. Du kannst Deinem Schicksal nicht entrinnen, mit trotziger Etschlossenheit reckst Du das Kinn, erwartest des Messers Schneide...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Räumlichkeiten der Leibsklavinnen des Imperators</span><br />
<br />
In diesen luxuriösen Räumlichkeiten, die in der Ausstattungspracht ihresgleichen suchen, schlummern zahlreiche junge Frauen. Sie entstammen den unterschiedlichsten Provinzen Roms, im Aussehen zeigen sich vielfältige Unterschiede, doch allen gemeinsam ist ihre Jugendlichkeit und eine Attraktivität, die Männer den Verstand verlieren lässt. Die Schlafenden wirken unschuldig und schutzlos, Wachen sind nicht zu erblicken. Doch wehe dem Manne, der diese Gemächer betritt, selbst der Imperator erscheint nicht ohne Vorankündigung- Amazonen sind es, die diese jungen Frauen ausbilden, man munkelt, sie beherrschten die 1001 Wege der Entmannung in höchster Vollendung!<br />
<br />
Die Mädchen schrecken aus dem Schlaf, als Clementine, die Herrin über des Imperators Küche, keuchend in ihre Räumlichkeiten gerannt kommt. Die jungen Frauen haben trotz ihrer Jugend schon viel erlebt, doch nicht eine unter ihnen hat jemals Clementine, die ebenso hoch wie breit von ihrer Statur her wirkt, mit ihrer beeindruckenden Leibesfülle rennen sehen. Fragen prasseln auf Clementine herab, doch diese stammelt immer nur ausser Atem "Der Imperator... Der Imperator wird... Der Imperator ist..."<br />
<br />
Die Mädchen nötigen die Herrin der Küche, sich bequem zu betten, geschickte Hände sorgen dafür, dass diese sich entspannt, Wein wird dieser gereicht, damit sie sich beruhigt. Clementines Atem wird ruhiger, ihre Gesichtsfarbe nimmt den gewohnt rosigen Ton an. Erwartungsvolle Blicke gelten der Herrin der Küche, diese holt tief Luft und beginnt erneut: "Der Imperator wünscht sein Morgenmahl heute früher einzunehmen, in wenigen Minuten. Was steht ihr hier noch herum? Eilt, fliegt, es ist schon fast zu spät!! Der Zorn des Imperators wird keine Grenzen kennen!!!"<br />
<br />
Verblüffung breitet sich in Clementines Gesicht aus, als die Mädchen zu kichern beginnen und ihr versichern, es sei schon alles längst vorbereitet...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im Schlafgemach des Imperators- des Messers Schneide vollendet ihr Werk</span><br />
<br />
Das gepresste Atmen des Imperators ist verstummt, zu hören ist nur noch das Schaben, mit dem die Klinge über des Imperators Wangen, Kinn und Hals fährt, mit einer Schnelligkeit und Gründlichkeit, wie nur ich dies zu bewerkstelligen weiss. Antonius, Maximus und Claudius beobachteten gewiss jede meiner Bewegungen, wie jeden Tag frage ich mich auch heute, sofern ich die Absicht hätte, den Dolch mit des Imperators Blut zu netzen, ob ich schnell genug wäre oder ob doch nicht zuvor Antonius Gladdii mir den dolchführenden Arm vom Leib trennen, Maximus Streitkolben meinen Schädel zerplatzen lässt und Claudius Speerspitze mir das Herz spaltet. Doch widme ich mich nicht lange dieser Vorstellung, sondern versuche mir eher auszumalen, wie dies Imperators Gesicht nun wohl aussehen würde, hätte jener sich tatsächlich selbst rasiert, wie er es beabsichtigt hatte, mit dem Dolch, den er zu seinem Schutz bei sich führt- jenem Dolch, den ich schmiedete, von einer Schärfe, die einen fallenden leichten Schleier durchtrennt. Selbst ich muss innerlich erschauern, es wäre ein blutiges Massaker geworden...<br />
Schmunzelnd lausche ich Raelis tadelnder Stimme, der den Imperator fragt, wie dieser eigentlich hat glauben können, es würde diesem gelingen, ihn, Raelis, und die beiden Prätorianer zu betäuben. Ihn, Raelis, der alle Substanzen kennt, die jemand, der dem Imperator schaden wolle, diesem zu verabreichen gedenke, betäuben zu wollen, um sich selbst zu rasieren, sei wirklich, mit allem Respekt, das Dümmste, was der Imperator sich jemals geleistet habe!<br />
Ich lausche dieser geharnischten Standpauke, die der Imperator wie ein kleiner Junge, der bei einem Streich erwischt wurde, über sich ergehen lässt. Als Raelis verstummt, habe auch ich meine Arbeit vollendet, mein prüfender Blick findet wie üblich nur Makellosigkeit. Ich reiche dem Imperstor den Dolch und trete einen Schritt zurück, spüre, wie Antonius, Maximus und Claudius sich leicht entspannen...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im Schlafgemach des Imperators- dem Schicksal hilflos ausgeliefert</span><br />
<br />
Du musterst Dein Gesicht, das sich Dir im Stahl der Klinge zeigt, nur aus Höflichkeit gegenüber dem Meister der Barbierkunst, Du hast keinerlei Zweifel, dass das Ergebnis wie üblich Dich zufriedenstellt. Du musterst fasziniert des Messers Schneide, wie jeden Tag ist nicht ein Tropfen Blut an dieser zu sehen, Du fragst Dich immer wieder erstaunt, wie ein solch grobschlächtiger wirkender Gigant derart schnell und geschickt einen solchen Dolch für eine Rasur führen kann.<br />
Du hättest es gerne selbst wenigstens einmal versucht, mit eigener Hand ein Werk vollendet, selbst wenn des Messer Schneide gewiss Blut getrunken hätte. Doch es verwundert Dich nicht, dass Raelis Deine Absicht in der ihm eigenen Art vereitelte, Du hast eigentlich nicht erwartet, diesen erfolgreich betäuben zu können. Du gönnst Raelis seinen Triumph, denn Du wirst in einigen Minuten triumphieren und mit eigener Hand beim Morgenmahle Dir aufwarten- Dich dort zu bedienen ist heute die Aufgabe von Phylissa, Diaroma und Estefania, sie werden nach zu kurzer Nacht schläfrig sein, benommen nicht nur vom Schlafmangel, sondern von den Substanzen, die Du ihnen verabreichen lassen hast. Sie werden hilflos mitansehen müssen, wie Du Dir selbst den Wein kredenzt, die Trauben mit eigener Hand zum Munde führst. Du lächelst innerlich, als Du Dir das verblüffte Gesicht von Raelis ausmalst!<br />
Deine Zuversicht entschwindet mit Raelis Worten, die Du vernimmst und mit denen dieser Dich informiert, Phylissa, Diaroma und Estefania seien leider indisponiert, daher würden Dir beim Morgenmahl Eyridike, Melissa und Watange aufwarten. Du stöhnst entsetzt- diese drei sind die flinksten und geschicktesten unter Deinen Dienerinnen, Du vermagst ihnen nicht mal in die Finger zu beissen, wenn sie Dich mit Trauben füttern! Undenkbar, dass es Dir gelingt, Dir selbst das Gewünschte zu ergreifen und zum Munde zu führen!<br />
Du blickst in das unbewegte Gesicht von Raelis, dessen Augen zeigen Dir den Goldenen Käfig, in dem Du gefangen bist- Du kannst Deinem Schicksal nicht entrinnen!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Bleicher Schatten in der Nacht des Vollmondes über Rom</span><br />
<br />
Die Nacht begrüsst mich, wie auch das Antlitz der Mondgöttin. Ein Werk ist vollbracht, bis zum Sonnenaufgang verbleibt mir ausreichend Zeit, mich anderen Taten zu widmen. Mein Mitleid gilt jenem, dessen Legionen den Goldenen Adler als Standarte in die Schlacht führen, der gefangenen ist in seinem goldenen Käfig der Macht, Tag für Tag, Nacht für Nacht.<br />
Ich dagegen bin kein Adler, habe keine Macht, gebiete nicht über Legionen, doch bin ich frei, eine Fledermaus in der Nacht, nicht zu hören, nicht zu sehen, wenn ich es will.<br />
Ich hebe die Arme zur Mondgöttin, heute Nacht ist ihre Nacht, die Nacht, in der M'Bongo der Albino jene jagt, die selber auf der Jagd sind und sich die Schwachen als Opfer auserkoren haben. All jene, die ich finde, werden nur mein heiseres Flüstern "Keine Frauen, keine Kinder" als letzte Worte vernehmen, danach widmen sie der Mondgöttin ein blutrotes Lächeln. Und ich nehme mir ihre Daumen...<br />
Oder sollte ich doch eher den Senator besuchen, dessen Gattin sich wenig erfreut zeigt ob dessen Hang, einen Drei- Tage- Bart spazieren zu führen? Ihre Bitte, ich solle mich dieses Problemes annehmen, unterstrich sie mit einem Beutel, in dem Denari verheissungsvoll klimperten. Der Senator wird wohl kaum Willens sein, meine Dienste in Anspruch zu nehmen, doch werde ich ihn gewiss zu überzeugen wissen. Schliesslich lässt sich bei einer Rasur angenehm plaudern, auch über den Hang des Senators, des Nächtens auf seinen Ausflügen Frauen und Kinder zu quälen. Ich werde ihm meinen Standpunkt <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Keine Frauen, keine Kinder</span> mit des Messers Schneide verdeutlichen, er wird sich glücklich schätzen können, nur den Bart zu verlieren, sofern er sich einsichtig zeigt... wenn nicht, präsentiere ich seiner Witwe die Geschichte seiner Untaten- und seine Daumen!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Zufluchstort der Armen, Siechen, Ausgestossenen, Verfluchten, Zentrum der Ohnmacht- nahe den Katakomben an der Via Appia, ausserhalb Roms Mauern im Süden der Porta Appia</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Wolken jagen über das volle Antliz der hell strahlenden Göttin am Himmel, gepeitscht von jenen Winden, die mich hilflos an den Boden fesseln. Ich kann mich nicht bewegen, ich kann nicht schreien, ich kann meine Blicke nicht abwenden, als blutrote Tränen der Göttin Augen verlassen und gen Boden tropfen. Es werden der Tränen mehr und mehr, eine wahre Sturzflut ergiesst sich aus den Wolken, wogt als Meer aus Blut am Boden, rollt auf mich zu. Ich kämpfe mit aller Kraft, versuche mein Haupt zu heben, doch die Flut steigt, erreicht meinen Mund, schlägt über meinem Haupt zusammen...</span><br />
<br />
Der Schlaf flieht mich, der Albtraum entschwindet, doch an dessen Stelle kommen die Erinnerungen, während meine weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit starren. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Der Klang der von den Frauen geschlagenen Trommeln, während die Männer zu Ehren der Mondgöttin tanzen, der ihr geweihte Dolch senkt sich, zeichnet ein blutiges Muster in meine Haut, um ihr zu Ehren ein Blutopfer zu bringen. Schmerz ist mir fremd, ich vermag diesen nicht zu spüren... die schrillen Schreie, die die Trommeln übertönen, die in Metall gepanzerten bleichen Dämonen, die den stählernen Tod in die Reihen der Meinigen bringen...<br />
Ich stürze mich brüllend auf sie, wie auch die Männer meines Volkes, wir sind Krieger, wir kennen keine Furcht, auch nicht vor jenen Dämonen, die uns überrascht haben. Ihre Nadelstiche spüre ich nicht, kämpfe mit Dolch, Händen, Füssen, Zähnen, doch es sind deren gar viele, sie verstricken mich in Netze, die sie geschickt zu handhaben wissen, verdammen mich zur Reglosigkeit, schlagen meine Arme und Beine in Eisen... Ihre über mich gebeugten Gesichter zeigen Wut, gepaart mit Entsetzen, denn ich habe viele der ihren getötet oder verstümmelt. Sie lassen mich ihren racheerfüllten Zorn spüren, jeden Einzelnen meines Volkes, der noch lebt, ob Mann oder Frau oder Kind, bringen sie zu mir und zaubern ihnen ein blutrotes Lächeln in den Hals, Blut, dass sich über mich ergiesst. Ich flehe schreiend "Nicht die Frauen, Nicht die Kinder!", doch vergeblich. Ich versinke in einem Meer von Blut, bis gnädige Dunkelheit mich umhüllt...</span><br />
<br />
Ich starre in die Dunkelheit, lasse die Erinnerungen sich zur Ruhe begeben. Seit jenem Tage ist meine Stimme nur noch ein heiseres Flüstern, zu schreien vermag ich ebensowenig, wie des Körpers Schmerzen wahrzunehmen ich in der Lage bin. Die Schmerzen, die meine Seele quälen, peinigen mich dafür um so mehr, Tag für Tag, Nacht für Nacht! Ich fürchte die Dunkelheit nicht, sondern heisse sie als Freund willkommen. Ich kleide mich an, vervollständige meine Ausrüstung, die ich heute Nacht benötige, und verlasse meine bescheidene Behausung. Das volle Antlitz der Mondgöttin zeigt sich im sternenklaren Himmel, ihr Anblick ist trotz des Fluches, den sie über mich verhängte, mir Trost und Hoffnung zugleich. Meine Blicke wandern weiter gen Roms Hügel, zu jenem unter ihnen, auf dem jener residiert, der heute Nacht meines Messers Schneide zu erwarten hat- es wird gewiss für diesen eine Überraschung werden!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Heimstatt der Adligen, Priester, Senatoren und von den Göttern Begünstigten, Mittelpunkt der Macht- Hügel des Palatinums, im Zentrum von Rom</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Das Licht des Vollmonds umschmeichelt Dich, doch Du kannst Dich nicht bewegen, silbern glänzende Fäden fesseln Dich an Deine luxuriöse Sitzgelegenheit. Deine weit aufgerissenen Augen spiegeln sich im kalten Stahl des Dolches vor Deinem Gesicht, Du keuchst erstickt, als des Messers Schneide sich qualvoll langsam, als wollte sie jeden Moment Deiner panischen Angst auskosten, Deinem Hals nähert. Du willst Dein Kinn auf die Brust pressen, doch musst mit Entsetzen feststellen, dass Dein Haupt sich stattdessen zu recken beginnt, als ob Deine Kehle den Dolch als Freund willkommen zu heissen gedenkt!<br />
Du siehst in der Ferne einen Giganten, schneeweiss sein krauses Haar, bleich wie der Tod dessen Haut, blutrot dessen Tätowierungen, wie auch dessen Augen, nahen- Dein schreiendes Flehen um Hilfe gilt diesem, doch vergebens...<br />
Der Dolch wandert erneut in das Blickfeld Deiner Augen, des Messers Schneide mit Blut befleckt, im kalten Stahl siehst Du Dich blutrot lächeln. Deine Hände tasten nach Deiner Kehle, versuchen, die Blutung zu stillen, doch es gelingt Dir nicht- das Blut steigt wie die Flut an der Küste, Du schnappst verzweifelt nach Luft, versuchst, an der Oberfläche zu bleiben, doch Dein Kampf ist vergebens, Du versinkst in den roten Fluten...</span><br />
<br />
Mit einem Schrei schreckst Du aus dem Schlafe hoch, Du bist schweissgebadet, Dein Atem gleicht einem gepressten Röcheln. Deine Blicke irren durch Dein luxuriöses Schlafgemach, dessen zahlreiche flackernden Lichtquellen Schatten erzeugen, Schatten, in denen Du versuchst, Bedrohliches zu entdecken. Du vermagst keine Gefahr zu sehen, doch dies beruhigt Dich nicht. Dein Traum hat eine Bedeutung, Du bist Dir da gewiss. Dein rasendes Herz übertönt jedes Geräusch, dem Du lauschen könntest, Deine Unruhe steigert sich, denn Du spürst deutlich, dass in dieser Nacht etwas anders ist, anders als in anderen Nächten zuvor. Dein Mund fühlt sich staubtrocken an, Du krächzt mit kaum wahrnehmbarer Stimme Dein Ersuchen nach Wein, den man Dir kredenzen möge.<br />
Mit einem Male wird Dir der Grund Deines Unbehagens überdeutlich klar- immer, wenn Dich düstere Träume plagten, war das Erste, dass Du nach dem Erwachen zu Gesicht bekommen hast, das besorgte Gesicht Deines Leibsklaven, dessen Frage "Befindet sich der Imperator wohl?" Dir galt. Raelis, Leibsklave des Imperators, für alle jene, die Dir nicht nahestehen, getreuester aller Prätorianer, die Rolle eines Sklaven spielend, nur Eingeweihten bekannt. Es ist das erste Mal, dass Du erwachst, ohne Raelis ueber Dich gebeugt zu sehen!<br />
Deine rechte Hand wandert zum linken Unterarm, Du hörst deutlich in Deiner Erinnerung Raelis Stimme <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Imperator dies ist ein Freund! Tragt ihn immer bei Euch, ob im Bade oder im Schlaf, vergesst ihn niemals!"</span> Deine Hand ergreift den Dolch, zieht diesen aus der Scheide. Vorsichtig näherst Du Dich dem Fussende Deiner Bettstatt, denn zu Deinen Füssen pflegt Raelis zu ruhen...  <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Auf der Via Appia, auf dem Wege nach Rom zum Portia Appia, der Aurelian Mauer sich nähernd</span><br />
<br />
Meine blossen Füsse ertasten die Pflastersteine der Via Appia, ich nähere mich einem der Tore, die den Zugang zu Rom kontrollieren. Des Nächtens sind diese verschlossen, doch dieses Tor heute Nacht wird mir offen stehen- dies ist gewiss!<br />
Ich vernehme ein Wimmern, es klingt nach einem jungen Mädchen. Dumpfes Klatschen lässt mich an Schläge denken, die das Wimmern erklären könnten. Ich lasse mich von meinen Ohren leiten, sehe abseits der Strasse jene Gestalt, die ein hageres, in schmutzige Lumpen gekleidetes Mädchen, die sich verzweifelt wehrt, zu Boden zwingt... Das Mädchen kenne ich, nicht ihren Namen, denn Namen vermag ich mir nicht zu merken. Ihre Augen sind vom Grüne des Grases, ihre Haare erstrahlenen in flammenden Rot, das Leuchten ihrer Seele liess mich ihr den Namen geben, der mir angemessen erscheint- Gottesanbeterin!<br />
Der Mann ist mir nicht vertraut, doch werde mich ihm vorstellen- meine eine Hand ergreift diesen im Schritt- ich höre, wie sein Atem stockt-, meine andere Hand umfasst seinen Nacken, ich erhebe ihn über mich, um ihn dann gen Boden zu schmettern. Die Luft entflieht pfeifend seinen Lungen, hilflos liegt er auf dem Rücken vor mir, nach Luft ringend. Ich beuge mich zu ihm hinab, flüstere mit heiserer Stimme "Keine Frauen, Keine Kinder!". Ich bin gnädig und breche ihm nur seine beiden Daumen...<br />
Meine Blicke gelten dem Mädchen, dessen Blicke nur dem Dolche, den der Unglückselige aufgrund meines Eingreifens verloren hat. Ich setze meinen Weg zufrieden fort, ich war gnädig, Gottesanbeterin ist dies mitnichten, wie hinter mir erklingendess Flehen und Schreien bezeugen. Dieser Mann wird nimmermehr Frauen und Kinder belästigen!<br />
Das Porta Appia, Zugang zu Rom, ragt vor mir in des Vollmonds Schatten auf. Es öffnet sich, wie von mir erwartet. Die Prätorianer, die mich in Empfang nehmen- sie gehören zu jenen, die eingeweiht sind- bieten mir ihre Begleitung an. Ich lehne dies schroff ab, ich brauche keine Begleitung, um jenen Ort zu erreichen, an dem ich den mir erteilten Auftrag zu erfüllen gedenke!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Hügel des Palatinums, Zentrum der Macht, Palast des Imperators- in dessen Schlafgemach</span><br />
<br />
Deine Hand mit dem Dolche zittert, vorsichtig näherst Du Dich Raelis Lagerstatt. Du wappnest Dich gegen den Anblick, den Du zu sehen erwartest. Du siehst Raelis auf seiner Lagerstatt liegend. Er wirkt friedlich schlafend, doch Du bist Dir gewiss, dass nicht der Schlaf Raelis sanft umklammert. Du beugst Dich zu dessem Antlitz, siehst dessen weit geöffneten Augen, die ins Leere zu starren scheinen. Was sie wohl erblicken mögen? Du weisst es nicht.<br />
Du führst den kalten Stahl Deines Dolches nah an Raelis Lippen, wartest einen Moment, um dann die Klinge zu betrachten. Sie ist beschlagen! Raelis atmet! Du schüttelst ihn sanft an der Schulter, flüsterst seinen Namen, doch kannst keinerlei Reaktion wahrnehmen, die Augen Deines getreuen Dieners starren weiter in die Leere.<br />
Gehetzt wandern Deine Blicke durch Dein Schlafgemach, versuchen, Schatten zu durchdringen, während Du selbst bemüht bist, Deiner wachsenden Angst Einhalt zu gebieten. Dir ist bewusst, welche Stunde nun geschlagen hat, Du wusstest, dass es eines Tages so weit sein würde.<br />
Du wendest Dich dem Eingang zu Deinem Schlafgemach zu. Durch jene Tür ist der Vorraum zu Deinem Domizil zu erreichen, in dem in dieser Nacht Laurelius und Hardius, zwei Deiner getreuen Prätorianer, über Deinen ungestörten Schlaf wachen sollten. Der Schrei, mit dem Du erwacht bist, hätte diese beiden eigentlich alarmieren müssen. Du bewegst Dich gen Zugang zum Vorraum, Du öffnest, den Dolch bereit haltend, die Türe...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Rom, Tal des Kollosseums, das sich im Licht des Vollmondes präsentiert</span><br />
<br />
Meine Füsse tragen mich durch das nächtliche Leben Roms, in dem das Leben pulsiert, und sei es nur, weil all jene Karren Waren transportieren, die am Tage sich auf Edikt des Imperators nicht in den Strassen Roms aufhalten dürfen. Mir gewährt man Platz, sei es aufgrund meiner Grösse oder meines Aussehens, dem verstohlene Blicke gelten, ich spüre diese deutlich.<br />
Vor mir erhebt sich majestätisch das Kolloseum im Licht des Vollmondes, mein Schritt verharrt in dessen Schatten, während die Erinnerungen mich überfallen. Jene Sklavenjäger, die mein Volk massakrierten, wollten meiner habhaft werden, auf dass ich als Attraktion in der Arena die Zuschauer erfreuen möge. Im Training für Gladiatoren sollte ich ihrem Willen unterworfen werden, sie suchten mich mit Brandeisen zu quälen, mit der Peitsche gefügig zu machen, doch ich lachte sie aus. Meiner Seele hatten sie unerträglichen Schmerz zugefügt, als sie die Meinigen metzelten, meinem Körper konnten sie schaden, doch Schmerzen zufügen- das konnten sie nicht, denn mein Körper verspürt keinerlei Schmerz!<br />
Ich unterwarf mich, scheinbar mit gebrochenem Willen, ihrem gewünschten Training, in dem ich lernte, mehr lernte, als ihnen lieb sein konnte und würde!<br />
In der Arena stellte ich mich unter glühender Sonne, die ich hasste, Gegnern, die ich bedauerte. Nur jene mit den Netzen bedauerte ich nicht, ich liess sie blutrot lächeln- und nahm ihnen ihre Daumen! Die genommenen Daumen reckte ich in die Höhe- und die Massen schrien ihre Begeisterung sich aus dem Leibe...<br />
Ich verstand sie nicht, mir erschienen sie als im Geiste krank, unberührt von der Güte, die der Mondgöttin zu eigen ist. Ich gab ihnen, was sie wollten, nahm mir, was ich wollte. Jeder einzelne derer, die mich entführten und die Meinigen schlachteten, war letztendlich mein Gegner in der Arena. Ich liess ihnen ihr Leben, nahm aber ihre Daumen- die ich dem Imperator präsentierte, dessen gehobenen oder gesenkten Daumen ich ignorierte. Ich allein und nicht die tobende Menge oder der Imnperator entschied über Leben oder Tod, wie es mir auch bei meinem Volk zustand. Die zum Leben Verurteilten verloren ihre Daumen, die vom Leben Befreiten lächelten blutrot ohne Daumen...<br />
Sie nannten mich den bleichen Löwen ohne Gnade, doch ich selbst gab mir einen anderen Namen, ich war M'Bongo- der- die- Daumen- nimmt!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Palast des Imperators, in dessen Gemächern, auf dem Wege zu einer bitteren Erkenntnis</span><br />
<br />
Du holst tief Luft, dann wirfst Du Dich, mit der Schulter voran, gegen die Flügeltür Deines Schlafgemaches, die den Weg zum Vorzimmer weist. Mit einem schmerzerfüllten Keuchen rammt Deine linke Schulter die Türe, die sich zu öffnen weigert, etwas scheint diese zu blockieren. Du ignorierst den Schmerz, sammelst Deine Kräfte, stemmst Dich gegen die Flügel, die letztendlich Deinem beharrlichen Einsatz nichts mehr entgegenzusetzen haben.<br />
Du lässt die erhobene Hand mit dem Dolche sinken. Deine Blicke streifen die am Boden liegenden Körper von Laurelius und Hardius, letzterer muss jener gewesen sein, der die Tür blockierte und den Du unter Einsatz all Deiner Kraft hast bewegen können, damit die Flügeltüren Dir Zugang zum Vorzimmer gewähren.<br />
Auch ihre Augen sind weit geöffnet, starren ins Nichts. Diesmal wandern Deine Finger zu deren Hals, tasten nach Puls- dieser ist zu spüren!<br />
Deine Blicke bewegen sich weiter zur nächsten Flügeltüre. Du könntest diese jetzt durchschreiten, versuchen, in den Gängen Deines Palastes, unter Nutzung jener, die nur Dir bekannt sind, Dich von diesem Orte zu entfernen... <br />
Du nimmst den schweren Holzbalken wahr, der den weiteren Weg blockiert. Als Sicherung erschien er Dir sinnvoll, doch jetzt offenbart sich Dir die Ironie derselbigen- jene, die zu Dir gelangen wollten, vermögen dies nur mittels eines Rammbockes, und Du kannst Deine Schlafgemächer nicht verlassen, denn Deine Kräfte reichen nicht aus, um diesen Balken zu entfernen!<br />
Du bist der Imperator, Deinem Willen unterwerfen sich all Deine Untertanen- doch jetzt bist Du allein... allein nur mit einem Dolch als Freund, Dein Schicksal steht auf Messers Schneide!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Rom, Hügel des Palatinums, im Schatten des Palastes des Imperators</span><br />
<br />
Meine Zeiten als Gladiator in der Arena sind staubige Vergangenheit, in der Gegenwart sind andere Dienste gefragt, die ich anzubieten habe. Diese gewähren mir Zugang zu den höchsten Kreisen Roms, doch erfragt werden diese auch von den Ärmsten der Armen, denn meine Künste in der Handhabung eines scharfen Dolches haben sich herumgesprochen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Keine Frauen, keine Kinder</span></span> ist mein Grundsatz, in dieser Ansicht werde ich nicht wanken noch weichen, doch allen anderen werde ich, so es es gewünscht ist und ich den Auftrag annehme, meine Kunst zuteil werden lassen. Ob es jene sind, die dies schon erwarten, oder jene, für die dies überraschend kommt, ist unerheblich- all jenen versichere ich, während ihre Augen sich im kalten Stahl des Dolches vor ihrer Kehle spiegeln, dass es kurz und schmerzlos sein wird. Alles andere wäre nicht professionell!<br />
<br />
Es sind zwei Praetorianer, die jene Türe bewachen, die den geringsten unter den Dienstboten vorbehalten ist. Sie ignorieren mich, wie es mir prophezeit wurde. Im Inneres des Palastes erwarten <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">sie</span> mich schon... Antonius, dessen jugendliches Aussehen dessen Alter Lügen straft, ein Veteran unter den Prätorianern, in der Handhabung des Gladius der Tödlichsten Einer, sei es mit der Rechten oder der Linken oder gar beidhändig mit zwei Gladii zugleich. Maximus, zu dem ich selbst aufschauen muss, in dessen Hand der Gladius als Dolch erscheint, und der mit dem Streitkolben bei seiner Kraft nicht nur den Schild, sondern den Schildarm zertrümmert, der den Schild führt, wie auch den Helm samt den Schädel, den der Helm schützen soll. Claudius, dessen unscheinbare Statur ein jeden Gegner zu täuschen vermag, dieser ist ein Meister in der Handhebung des Speeres, mit dem er den wildesten Eber aufzuspiessen vermag, ein Speer, den er zugleich als Kampfstab erfolgreich zu verwenden versteht. Es sind jene drei Prätorianer, denen der Imperator vorbehaltlos vertraut. Ich muss schmunzeln... der Imperator wird überrascht sein! Sie sind selbst Meister der Tätigkeit, der ich mich mit allem Einsatz widme- doch selbst wenn man sie Meister nennt, vermögen sie niemals mit meiner Kunst sich erfolgreich messen zu können!<br />
Antonius reicht mir ein seidenes Tuch, dessen Inhalt ich sofort enthülle. Stählern blitzt des Messers Schneide, die Schneide eines Dolches, der eines Imperator mehr als würdig ist...<br />
<br />
Ein ersticktes Keuchen ertönt... ich fahre herum, und nicht nur ich... flüsternd gleiten Antonius Gladii aus der Scheide, Maximus Streitkolben verrät sich nur durch einen windähnlichen Hauch, Claudius Bewegungen kann nicht mal ich wahrnehmen. Ich erblicke eine kleine runde dickliche Gestalt, identifiziere diese als <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Clementine, Herrin der Küche des Imperators, Gerüchten zufolge eher gnadenlose Herrscherin über diese Küche!</span>.<br />
Ich erhebe den Dolch in meiner Linken, lasse sie den kalten Stahl erblicken. Mit dem Zeigefinger meiner Rechten streiche ich mir über die Kehle, danach erhebe ich diesen an meine Lippen, während ich den Blick meiner roten Augen nicht von ihr weichen lasse. Sie presst die Faust ihren Rechten in ihren Mund, erstickt ihre Schreie, die Augen vor Entsetzen geweitet- wirft sich plötzlich herum, rennt, rennt, rennt...<br />
<br />
Ich wechsle Blicke mit Antonius, Maximus, Claudius... wir sind uns einig. Was immer sie vorhaben mag, sie wird zu spät sein. Wir lassen sie rennen, denn unser Ziel sind die Gemächer des Imperators, und Nichts und Niemand vermag uns auf diesem Wege aufzuhalten!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Palast des Imperators, Gemächer des Imperators- eine Entscheidung fällt</span><br />
<br />
Du weichst, den Dolch in der Hand, in Dein Schlafgemach zurück. Deine Gedanken rasen, suchen nach einem Ausweg, doch Du drehst Dich im Kreise, die Götter scheinen Dein Schicksal voherbestimmt zu haben.<br />
Du nimmst Platz auf Deinem "Thron", vernimmst in Deiner Erinnerung Raelis Stimme <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Der Thron des Imperators befindet sich dort, wo der Imperator Platz nimmt!</span>. Du wirst Deine Gemächer nicht verlassen, selbst wenn Du es könntest, sondern Dich dem Dir zugedachten Schicksal erhobenen Hauptes zu stellen wissen.<br />
Du weisst, dass <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">sie</span> spätestens im Morgengrauen, wenn der Hahn kräht, kommen werden. Du wirst sie gewiss hören, wenn <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">sie</span> versuchen, zu Dir zu gelangen.<br />
Die Frage, die sich Dir stellt, lautet: Erwartest Du ergeben das Dir zugedachte Schicksal, oder nimmst Du dies in Deine eigenen Hände?<br />
Du betrachtest den Dolch, den kalten Stahl, des scharfen Messers Schneide. Du hast einen Entschluss gefasst, unwiderruflich- Du bist der Imperator und damit der Herr über Dein eigenes Schicksal, Du wirst jener sein, der über des Messers Schneide gebietet!<br />
Deine Entschlossenheit zeigt sich in Deinen Augen, die sich in des Dolches Stahl Dir wie in einem Spiegel präsentieren. Langsam, doch ohne jegliches Zittern, erhebt Deine den Dolch führende Hand diesen gen Deine Kehle, während Du entschlossen Dein Kinn reckst...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Palast des Imperators, auf dem Wege zu dessen Schlafgemach</span><br />
<br />
Ich eile durch die Gänge des Palastes, meine blossen Füsse verursachen kein Geräusch, dass wahrnehmbar wäre. Antonius, Maximus und Claudius folgen mir, der Weg ist ihnen gewiss vertrauter als mir, doch ich habe mir diesen eingeprägt. Wir begegnen Bediensteten wie auch Prätorianern, doch meine Blicke, die ich ihnen widme, lassen diese zurückweichen... niemand wird mich zu behelligen wagen, wenn ich auch noch drei der getreuesten Prätorianer des Imperators hinter mir weiss...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Palast des Imperators, in dessen Schlafgemach- dem Schicksal ausgeliefert</span><br />
<br />
Dein Herz stockt, Entsetzen bemächtigt sich Deiner, als eine Hand mit eisernem Griff Dein Handgelenk umklammert, das Handgelenk jener Hand, die den Dolch zu führen gedachte. Dem Griff kannst Du Dich nicht entwinden, Du starrst in Raelis kalt blickende Augen, während Deine Augen Fragen <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Wer, was, wie, wieso, warum</span> stumm kreischen, Deine Stimme Dir aber den Dienst versagt. Du hörst den Dolche auf den Boden aufschlagen, mit diesem Geräusch entschwindet Deine letzte Hoffnung, Du siehst nur noch Raelis Augen, hörst dessen Stimme <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Glaubt mein Imperator wirklich, seinem Schicksal entrinnen zu können?</span>.<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im Schlafgemach des Imperators- des Messers Schneide wird präsentiert</span><br />
<br />
Vor den Flügeltüren, die in des Imperators Schlafgemach führen, halte ich kurz inne. Sie öffnen sich wie durch Zauberhand, für mich- und gewiss nicht unerwartet. Ich durchschreite diese, die beiden Prätorianer, die mir den Weg öffneten, beeilen sich dienstbeflissen, mir auch jene Tür zu öffnen, die in des Imperators Schlafgemach führt. Ich höre das sanfte Geräusch, mit dem Antonius seine Gladii aus der Scheide zieht, Maximus wird nun gewiss seinen Streitkolben erhoben haben, wie auch Claudius seinen Speer...<br />
Der Imperator sitzt auf einem Stuhl, mir den Rücken zukehrend. Dessen Hände umklammert im stahlhartem Griff Raelis, jener, dem der Imperator vertraute, wie auch jener, der mir jenen Auftrag erteilte, der mich heute Nacht an diesen Ort führt...<br />
<center><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">***</span></strong><br />
Du starrst fragend in Raelis Augen, doch Deine Stimme vermag sich immer noch nicht sich zu artikulieren. Du hörst Schritte, die sich nähern, und Du kennst diese Schritte wie auch jene, die sich in dieser Art Dir nähern. Drei Deiner getreuesten Prätorianer- zumindestens hast Du das bisher geglaubt! Du bist Dir gewiss, dass sie nicht alleine gekommen sind, in ihrer Begleitung wird sich jener befinden, den zu hören Du nicht vermagst, der Dir des Messers Schneide präsentieren wird...<br />
<center><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">***</span></strong><br />
Ich bin in des Imperators Rücken angelangt, rage weit über dessen Haupte, dass auf die Brust sich gesenkt hat. Kalt blicken die Augen des Imperators Leibsklaven, rotglühend erwidern die meinigen dessen Blick. Antonius, Maximus, Claudius... ich wechsle Blicke mit diesen, sie erwidern diese bejahend, sie sind mehr als nur bereit.<br />
Meine Hand, die den Dolch führt, lasse ich in das Blickfeld des Imperators wandern. Mit heiserem Flüstern versichere ich dem Imperator <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Vertraut mir, es wird kurz und schmerzlos sein"</span><br />
Ich lasse den Dolch gen des Imperators Kehle wandern, nicke beifällig, als dieser sein gen Brust geneigtes Haupt trotzig reckt... diese Haltung gilt es meinerseits zu respektieren, ich werde gewiss darauf zu achten wissen, dass der Imperator nichts spüren wird!<br />
<center><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">***</span></strong><br />
Deine geweiteteten Augen spiegeln sich in des Dolches Klinge, Dein Gesicht ist aschfahl, doch noch bleicher ist die Hand, die den Dolch führt, wie auch das Gesicht des hinter Dir Stehenden, das sich Dir undeutlich in der Klinge zeigt. Bleich wie der Tod schimmert die Haut, blutrote Narben bilden ein verwirrendes Muster, gnadenlos blicken rote Augen. Du kannst Deinem Schicksal nicht entrinnen, mit trotziger Etschlossenheit reckst Du das Kinn, erwartest des Messers Schneide...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Räumlichkeiten der Leibsklavinnen des Imperators</span><br />
<br />
In diesen luxuriösen Räumlichkeiten, die in der Ausstattungspracht ihresgleichen suchen, schlummern zahlreiche junge Frauen. Sie entstammen den unterschiedlichsten Provinzen Roms, im Aussehen zeigen sich vielfältige Unterschiede, doch allen gemeinsam ist ihre Jugendlichkeit und eine Attraktivität, die Männer den Verstand verlieren lässt. Die Schlafenden wirken unschuldig und schutzlos, Wachen sind nicht zu erblicken. Doch wehe dem Manne, der diese Gemächer betritt, selbst der Imperator erscheint nicht ohne Vorankündigung- Amazonen sind es, die diese jungen Frauen ausbilden, man munkelt, sie beherrschten die 1001 Wege der Entmannung in höchster Vollendung!<br />
<br />
Die Mädchen schrecken aus dem Schlaf, als Clementine, die Herrin über des Imperators Küche, keuchend in ihre Räumlichkeiten gerannt kommt. Die jungen Frauen haben trotz ihrer Jugend schon viel erlebt, doch nicht eine unter ihnen hat jemals Clementine, die ebenso hoch wie breit von ihrer Statur her wirkt, mit ihrer beeindruckenden Leibesfülle rennen sehen. Fragen prasseln auf Clementine herab, doch diese stammelt immer nur ausser Atem "Der Imperator... Der Imperator wird... Der Imperator ist..."<br />
<br />
Die Mädchen nötigen die Herrin der Küche, sich bequem zu betten, geschickte Hände sorgen dafür, dass diese sich entspannt, Wein wird dieser gereicht, damit sie sich beruhigt. Clementines Atem wird ruhiger, ihre Gesichtsfarbe nimmt den gewohnt rosigen Ton an. Erwartungsvolle Blicke gelten der Herrin der Küche, diese holt tief Luft und beginnt erneut: "Der Imperator wünscht sein Morgenmahl heute früher einzunehmen, in wenigen Minuten. Was steht ihr hier noch herum? Eilt, fliegt, es ist schon fast zu spät!! Der Zorn des Imperators wird keine Grenzen kennen!!!"<br />
<br />
Verblüffung breitet sich in Clementines Gesicht aus, als die Mädchen zu kichern beginnen und ihr versichern, es sei schon alles längst vorbereitet...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im Schlafgemach des Imperators- des Messers Schneide vollendet ihr Werk</span><br />
<br />
Das gepresste Atmen des Imperators ist verstummt, zu hören ist nur noch das Schaben, mit dem die Klinge über des Imperators Wangen, Kinn und Hals fährt, mit einer Schnelligkeit und Gründlichkeit, wie nur ich dies zu bewerkstelligen weiss. Antonius, Maximus und Claudius beobachteten gewiss jede meiner Bewegungen, wie jeden Tag frage ich mich auch heute, sofern ich die Absicht hätte, den Dolch mit des Imperators Blut zu netzen, ob ich schnell genug wäre oder ob doch nicht zuvor Antonius Gladdii mir den dolchführenden Arm vom Leib trennen, Maximus Streitkolben meinen Schädel zerplatzen lässt und Claudius Speerspitze mir das Herz spaltet. Doch widme ich mich nicht lange dieser Vorstellung, sondern versuche mir eher auszumalen, wie dies Imperators Gesicht nun wohl aussehen würde, hätte jener sich tatsächlich selbst rasiert, wie er es beabsichtigt hatte, mit dem Dolch, den er zu seinem Schutz bei sich führt- jenem Dolch, den ich schmiedete, von einer Schärfe, die einen fallenden leichten Schleier durchtrennt. Selbst ich muss innerlich erschauern, es wäre ein blutiges Massaker geworden...<br />
Schmunzelnd lausche ich Raelis tadelnder Stimme, der den Imperator fragt, wie dieser eigentlich hat glauben können, es würde diesem gelingen, ihn, Raelis, und die beiden Prätorianer zu betäuben. Ihn, Raelis, der alle Substanzen kennt, die jemand, der dem Imperator schaden wolle, diesem zu verabreichen gedenke, betäuben zu wollen, um sich selbst zu rasieren, sei wirklich, mit allem Respekt, das Dümmste, was der Imperator sich jemals geleistet habe!<br />
Ich lausche dieser geharnischten Standpauke, die der Imperator wie ein kleiner Junge, der bei einem Streich erwischt wurde, über sich ergehen lässt. Als Raelis verstummt, habe auch ich meine Arbeit vollendet, mein prüfender Blick findet wie üblich nur Makellosigkeit. Ich reiche dem Imperstor den Dolch und trete einen Schritt zurück, spüre, wie Antonius, Maximus und Claudius sich leicht entspannen...<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im Schlafgemach des Imperators- dem Schicksal hilflos ausgeliefert</span><br />
<br />
Du musterst Dein Gesicht, das sich Dir im Stahl der Klinge zeigt, nur aus Höflichkeit gegenüber dem Meister der Barbierkunst, Du hast keinerlei Zweifel, dass das Ergebnis wie üblich Dich zufriedenstellt. Du musterst fasziniert des Messers Schneide, wie jeden Tag ist nicht ein Tropfen Blut an dieser zu sehen, Du fragst Dich immer wieder erstaunt, wie ein solch grobschlächtiger wirkender Gigant derart schnell und geschickt einen solchen Dolch für eine Rasur führen kann.<br />
Du hättest es gerne selbst wenigstens einmal versucht, mit eigener Hand ein Werk vollendet, selbst wenn des Messer Schneide gewiss Blut getrunken hätte. Doch es verwundert Dich nicht, dass Raelis Deine Absicht in der ihm eigenen Art vereitelte, Du hast eigentlich nicht erwartet, diesen erfolgreich betäuben zu können. Du gönnst Raelis seinen Triumph, denn Du wirst in einigen Minuten triumphieren und mit eigener Hand beim Morgenmahle Dir aufwarten- Dich dort zu bedienen ist heute die Aufgabe von Phylissa, Diaroma und Estefania, sie werden nach zu kurzer Nacht schläfrig sein, benommen nicht nur vom Schlafmangel, sondern von den Substanzen, die Du ihnen verabreichen lassen hast. Sie werden hilflos mitansehen müssen, wie Du Dir selbst den Wein kredenzt, die Trauben mit eigener Hand zum Munde führst. Du lächelst innerlich, als Du Dir das verblüffte Gesicht von Raelis ausmalst!<br />
Deine Zuversicht entschwindet mit Raelis Worten, die Du vernimmst und mit denen dieser Dich informiert, Phylissa, Diaroma und Estefania seien leider indisponiert, daher würden Dir beim Morgenmahl Eyridike, Melissa und Watange aufwarten. Du stöhnst entsetzt- diese drei sind die flinksten und geschicktesten unter Deinen Dienerinnen, Du vermagst ihnen nicht mal in die Finger zu beissen, wenn sie Dich mit Trauben füttern! Undenkbar, dass es Dir gelingt, Dir selbst das Gewünschte zu ergreifen und zum Munde zu führen!<br />
Du blickst in das unbewegte Gesicht von Raelis, dessen Augen zeigen Dir den Goldenen Käfig, in dem Du gefangen bist- Du kannst Deinem Schicksal nicht entrinnen!<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Bleicher Schatten in der Nacht des Vollmondes über Rom</span><br />
<br />
Die Nacht begrüsst mich, wie auch das Antlitz der Mondgöttin. Ein Werk ist vollbracht, bis zum Sonnenaufgang verbleibt mir ausreichend Zeit, mich anderen Taten zu widmen. Mein Mitleid gilt jenem, dessen Legionen den Goldenen Adler als Standarte in die Schlacht führen, der gefangenen ist in seinem goldenen Käfig der Macht, Tag für Tag, Nacht für Nacht.<br />
Ich dagegen bin kein Adler, habe keine Macht, gebiete nicht über Legionen, doch bin ich frei, eine Fledermaus in der Nacht, nicht zu hören, nicht zu sehen, wenn ich es will.<br />
Ich hebe die Arme zur Mondgöttin, heute Nacht ist ihre Nacht, die Nacht, in der M'Bongo der Albino jene jagt, die selber auf der Jagd sind und sich die Schwachen als Opfer auserkoren haben. All jene, die ich finde, werden nur mein heiseres Flüstern "Keine Frauen, keine Kinder" als letzte Worte vernehmen, danach widmen sie der Mondgöttin ein blutrotes Lächeln. Und ich nehme mir ihre Daumen...<br />
Oder sollte ich doch eher den Senator besuchen, dessen Gattin sich wenig erfreut zeigt ob dessen Hang, einen Drei- Tage- Bart spazieren zu führen? Ihre Bitte, ich solle mich dieses Problemes annehmen, unterstrich sie mit einem Beutel, in dem Denari verheissungsvoll klimperten. Der Senator wird wohl kaum Willens sein, meine Dienste in Anspruch zu nehmen, doch werde ich ihn gewiss zu überzeugen wissen. Schliesslich lässt sich bei einer Rasur angenehm plaudern, auch über den Hang des Senators, des Nächtens auf seinen Ausflügen Frauen und Kinder zu quälen. Ich werde ihm meinen Standpunkt <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Keine Frauen, keine Kinder</span> mit des Messers Schneide verdeutlichen, er wird sich glücklich schätzen können, nur den Bart zu verlieren, sofern er sich einsichtig zeigt... wenn nicht, präsentiere ich seiner Witwe die Geschichte seiner Untaten- und seine Daumen!]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Ein Drama in 5 Akten [Dante Impavidus]]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-7486.html</link>
			<pubDate>Wed, 02 Jun 2010 20:10:30 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-7486.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Verfasserin oder Verfasser: Wird an dieser Stelle nach der Abstimmung bekannt gegeben</span><br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt I</span></span></strong><br />
<br />
Ich stand einsam auf einem kleinen Hügel und beobachtete das Treiben des Heeres. Mein Freund Miguel machte sich auf den Weg zu mir.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, der Feldzug läuft wie geplant. Dieses Land sollte schon bald unter der Kontrolle deines Vaters stehen"</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ach Miguel du weisst genauso wie ich, dass die Bewohner dieses Landes keine Chance gegen die Truppen des Imperators hatten. Ich will auf einen richtigen Feldzug, doch Vater treut mir scheinbar nicht genug"</span>, erwiederte ich ein wenig enttäuscht.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Mein Freund, du bist noch jung mache dir keine Sorgen! Der Imperator wird deine Taten zu schätzen wissen und dich entprechend belohnen."</span> Ich hatte meine Zweifel, doch eine Diskussion mit Miguel war genauso sinnlos wie dieser Feldzug, also nickte ich zustimmend und betrachtete wieder das Schlachfeld.<br />
<br />
In Gedanken war ich bei meinem letzten Treffen mit meinem Vater. Ich hatte mir erhofft von ihm endlich mal eine verantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen zu bekommen, doch anstatt mir die Führung des großen Heeres anzuvertrauen, um die Feinde des Imperators zu zerschlagen, hatte er Vincente vorgezogen und mich nur auf einen unbedeutenden Feldzug geschickt. <br />
Vincente und ich, waren schon seit Kindertagen Rivalen. Nur ging es jetzt nicht mehr darum, wer die größten Burgen im Sand baute, sondern um die Gunst bei seinem Vater, dem Imperator.<br />
<br />
Während ich zusammen mit Miguel auf dem Hügel stand, kamen 2 meiner Soldaten mit einer Gefangenen zu mir. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Sir, wir haben die Tochter des hier ansässigen Königshauses gefangenengenommen, wie sollen wir weiter mit ihr verfahren?"</span><br />
Mein Blick blieb an diesem zarten Geschöpf hängen und ich war unfähig ihn wieder abzuwenden. Solche Frauen gab es in seinem Reich nicht, sie hatte etwas exotisches und sah trotzdem so zerbrechlich und verletzlich aus.<br />
"Lasst sie los!" befahl ich den Soldaten, immer noch nicht in der Lage meine Augen von ihr zu nehmen. Die Soldaten taten wie befohlen, doch machten sie keine Anstalten ihr von der Seite zu weichen, so als wäre sie gefährlich.<br />
"Ihr könnt euch nun entfehrnen" Mein Tonfall war bestimmend und duldete keine Widersprüche, und so machten sich die Soldaten wiederwillig wieder zurück auf den Weg zum Schlachfeld.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Mein Name ist Ezio, Sohn des Imperators und ich möchte mich entschuldigen für die Behandlung die euch wiederfahren ist."</span><br />
 Ich sah ihr tief in die Augen und küsste ihre Hand. Ich sah sie erröten und fragte sie nach ihrem Namen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Man nennt mich Carmen"</span>, sagte sie schüchtern.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Carmen, welch wundervoller Name. Hättet ihr vllt Interesse daran mich in unsere Hauptstadt zu begleiten und mir dort Gesellschaft zu leisten?"</span><br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt II</span></span></strong><br />
<br />
Es war nun mehrere Monate her, dass ich zusammen mit Carmen zurück von meinem Feldzug kam. In dieser Zeit hatte sich einiges zugetragen. Ich hatte mich in Carmen verliebt, sie war die wundervollste Frau, die mir jemals begegnet war. Alles an ihr faszinierte mich, ihr Haar, pechschwarz wie die Nacht, ihre Augen, in denen ich mich stundenlang verlieren konnte und ihr Lachen, dass mir jedes mal das Herz erweichte, wenn ich es zu hören bekam. Ich konnte mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich so glücklich war wie zusammen mit Carmen. Zusätzlich erfuhr ich, dass ein wichtiger Feldzug bevorstand und Vincente nicht im Lande war, um ihn zu führen. Es wunderte mich also wenig, als mein Vater mich zu sich rief.<br />
<br />
Er hatte mir befohlen mich zusammen mit dem Heer auf den Weg an die Landesgrenze zu begeben und dort eine Rebellion niederzuschlagen. Morgen würde ich losmaschieren, doch nun war ich auf der Suche nach Carmen. Ich fand sie wie so häufig im Palastgarten. <br />
<br />
Freudig blickte sie auf als sie mich sah.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Liebster, schön dass du zurück bist."</span> Sie fiel mir um den Hals und küsste mich zärtlich.<br />
Ich erwiederte den Kuss unfähig mich von ihr loszureissen. Nach einiger Zeit entfehrnten sich ihre Lippen von meinen und verzogen sich zu dem Lächeln was ich so liebte.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ich habe gute Nachrichten Carmen. Vater lässt mich nun endlich Verantwortung übernehmen und schickt mich aus, um eine Rebellion an der Landesgrenze niederzuschlagen."</span><br />
Das Lächeln auf Carmens Lippen verschwandt so schnell wie es gekommen war.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Liebste mach dir keine Sorgen, ich werde gesund wiederkommen und wenn ich wiederkomme, dann werde ich dich zu meiner Frau nehmen."</span><br />
 Ich nahm ihr Gesicht zwischen meine Hände und küsste sie leidenschaftlich, sie erwiederte zwar den Kuss, doch bemerkte ich eine kleine Träne die an ihrer Wange hinunterlief.<br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt III</span></span></strong><br />
<br />
Es war nicht ganz so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Informationen die mein Vater mir mitgegeben hatte, entsprachen bei meiner Ankunft schon nicht mehr den Gegebenheiten. Die Rebellion hatte sich ausgeweitet, doch mit Hilfe des Heeres und einigen ausgeklügelten Taktiken schaffte ich es, einige Exempel zu statuieren und somit den Großteil der rebellierenden Bevölkerung wieder zur Vernunft zu bringen. <br />
<br />
Momentan waren Teile seines Heeres über die Landesgrenze verteilt und versuchten den restlichen Widerstand zu zerstreuen. Es war nur eine Frage der Zeit, dann würde ich erfolgreich heimkehren und sein Vater würde nicht anders können als meine Leistungen zu loben und mich dauerhaft zu einem seiner bedeutensten Feldheeren zu ernennen.<br />
<br />
Doch als ich zurück kam sollte alles anders kommen. Noch bevor ich dem Palast erreicht hatte kam mir Miguel entgegen, zuerst dachte ich er freue sich nur mich wiederzusehen, doch er wirkte sehr aufgelöst. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Mein Freund, beruhige dich. Erzähle mir was dir so zusetzt"</span>, entgegenete ich ihm.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, dein Vater... Carmen"</span><br />
Mein Herz machte einen Sprung <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Was ist mit ihnen"</span>, ich fasste Miguel an den Schultern und schüttelte ihn. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Sag mir was passiert ist!"</span><br />
Miguel seuftze laut. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Versprech mir nichts Unüberlegtes zu tun."</span> <br />
Ohne mich antworten zu lassen fuhr er for.t <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Dein Vater, hat Carmen zur Frau genommen, als du das Land verlassen hattest. Wie du weisst hat der Imperator ein Anrecht darauf jede Frau des Reiches zu heiraten, und da deine Mutter bei deiner Geburt verstorben ist gilt der König als unverheiratet."</span><br />
<br />
Ich war nicht in der Lage zu antworten, nicht mal einen klaren Gedanken zu fassen. Das alles wirkte wie ein Traum, doch ich würde daraus nicht einfach wieder aufwachen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Sie hatte keine andere Wahl, der Imperator hat ihr damit gedroht, das Königreich ihres Vaters niderbrennen zu lassen und ihren Vater hinzurichten sollte sie sich weigern"</span>, fügte Miguel verzweifelt hinzu. <br />
Doch diese Worte erreichten meine Ohren nicht mehr vollständig.<br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt IV</span></span></strong><br />
<br />
Es war nur wenige Tage her, als ich von meinem Feldzug zurückkam und mich die entsetzliche Nachricht erreichte. Wie in Trance ging ich zu meinem Vater und erstattete Bericht über den gewonnenen Feldzug. Mein Vater zeigte sich begeistert über meine Leistung, doch erwähnte mit keinem Wort Carmen und auch ich vermied es überhaupt an sie zu denken. <br />
<br />
Doch umso mehr ich versuchte die ganze Sache zu verdrängen, umso mehr füllte sich mein Herz mit einer Leere, die sich jeder Beschreibung entzog. Ich aß nur noch sehr wenig und vegetierte mehr vor mich hin als wirklich zu leben. Das bemerkte auch Miguel, der sich mit mir im Palastgarten verabredet hatte.<br />
<br />
Als ich dort ankam verzichtete Miguel auf seine übliche Begrüßung und began sofort zu sprechen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, das kann so nicht weitergehen. Ich weiß es ist fürchterlich was dir passiert ist, aber du kannst so nicht wetermachen."</span> <br />
Ich nickte nur stumm ohne seinen Worten wirklich Beachtung zu schenken.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Versuch doch einmal dich in die Lage deines Vaters zu versetzen, er braucht eine fähige Königin."</span><br />
Die Wut und Verzweifelung die er die letzten Tage so sehr versucht hatte zu unterdrücken sprudelten nur so aus ihm heraus <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ihn verstehen? Bist du noch bei Sinnen Miguel?  Er hat mir das genommen was mir das Liebste war. Er hat mir nie vertraut, als er mich an die Landesgrenze schickte, er wollte mich nur los werden, damit er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. Vermutlich hat er sogar gehofft, dass ich dort mein Leben lasse. Ich hasse ihn, ich wünschte er wäre Tod!"</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, leiser! Wenn das jemand mitbekommt wirst du zum Tode verurteilt und hingerichtet, dass muss dir doch klar sein"</span>, fiel ihm sein Freund ins Wort.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Warum weiterleben, wenn es keinen Lebenssinn mehr gibt Miguel."</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Sag sowas nicht mein Freund!"</span> <br />
Miguel fiel es sichtlich schwer seinen Freund so leiden zu sehen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ich dachte mir schon, dass ich dich nicht überzeugen kann. Deswegen habe ich ein heimliches Treffen mit Carmen organisiert. Sieh dahinten kommt sie schon, aber versprich mir keine Dummheiten zu machen"</span>, fügte er hinzu, bevor er sich umdrehte und den Garten verließ.<br />
<br />
Wie angewurzelt stand ich da und starrte in das mir eigentlich so vertraute Gesicht Carmens, was mir doch irgendwie fremd erschien. In den wenigen Wochen in denen ich sie nicht gesehen hatte, hatte sie sich verändert. Ihr Gesichtsausdruck wirkte kühl und distanziert, jegliche Emotionen waren verschwunden.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Carmen..."</span> ,krächzte ich, den Tränen nahe.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Spar dir deine Worte Ezio, mir fällt es genauso schwer wie dir. Ist dir bewusst welches Risiko dieses Treffen für uns beide ist? Wenn man uns zusammen sieht, bedeutet dass für uns beide den Tod. Beruhige dich Ezio, ich weiß wie du dich fühlst, doch haben wir keine andere Wahl. Wir müssen die Lage aktzeptieren und damit leben. Ich hoffe du verstehst das Ezio!"</span>, sprach Carmen in einem sehr ruhigen Ton. <br />
Ich war nicht in der Lage zu antworten, selbst als Miguel wiederkam und Carmen darum bat sofort den Garten zu verlassen, da einige Diener auf dem Weg hierher waren und sie nicht zusammen sehen durften, brachte ich keinen Ton heraus. Als Carmen ausser Sicht war konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten und brach zusammen.men ausser Sicht war konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten und brach zusammen.<br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt V</span></span></strong><br />
<br />
Ich brauchte einige Tage um wieder zur Normalität zurückzufinden, sofern das überhaupt möglich war. In meinem Kopf gab es nur einen einzigen Schuldigen für die gesamte Situation. Meinen Vater, den Imperator! Er musste bestraft werden, soviel war mir klar. <br />
Miguel riss mich aus meinen Gedanken.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Über was denkst du nach?"</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Wenn Gott ihn nicht bestraft, werde ich es tun."</span><br />
Ich wusste dass ich wirres Zeug redete, doch ich hatte einen Entschluss gefasst, einen den niemand erfahren durfte, doch Miguel war ein langjähriger Freund, gegenüber ihm musste ich meine Gedanken nicht zurückzuhalten.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, was meint du, wen meinst du?"</span><br />
Miguel merkte dass etwas mit mir nicht stimmte.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Er! Er wird es büßen..."</span><br />
Ich ging in meiner Wut vollständig auf, mein Plan stand fest. Der Imperator würde sterben und zwar durch die Hand seines eigenen Sohnes.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio du glühst ja"</span>, Miguel legte die Hand auf meine Stirn. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Du hast Fieberträume, komm lass mich dich in dein Gemach bringen, dort erholst du dich und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus."</span><br />
Es war gut dass Miguel mich nicht ernst nahm, wusste ich doch, dass er sowas niemals zugelassen hätte. Mir war bewusst welche Konsequenzen ein Attentat auf das Leben des Imperators für mich haben konnte, doch es war mir egal, der Sünder musste bestraft werden.<br />
<br />
Ich ließ mich von Miguel zu meinem Zimmer begleiten und legte mich ins Bett. <br />
Doch kurz nachdem Miguel den Raum verlassen hatte, machte ich mich auf den Weg zum Waffenschrank in meinem Zimmer. Ich nahm meine Armbrust und spannte einen Bolzen hinein. Dieser Bolzen würde dem Imperator sein Leben aushauchen. Und wenn Gott es wollen würde könnte ich, der Attentäter, sogar unerkannt fliehen. <br />
<br />
Ich sicherte die Armbrust und schürrte sie mir auf den Rücken, bevor ich einen weiten Mantel anzog um die Armbrust, vor neugierigen Blicken zu verbergen. Ich wusste dass mein Vater zu dieser Zeit des Tages für gewöhnlich einen Kontrollgang durch das Verließ machte. Mit dem Gedanken, dass dies der letzte Kontrollgang des Imperators sein möge, machte mich auf den Weg ins Verließ. <br />
<br />
Dort angekommen, positionierte ich mich im Schatten am Ende eines Ganges, welcher die einzelnen Kerker verband. Mein Vater würde nichtsahnend auf mich zulaufen, vermutlich ohne überhaupt zu erkennen wer ihn dort erwartete. Hier gab es sogar die Möglichkeit zu fliehen, nachdem ich mein Attentat erfolgreich ausgeführt hatte, doch daran verschwendete ich nur wenig Gedanken und gab mich ganz der Wut auf meinen Vater hin, während ich die Armbrust hervorholte und auf mein Opfer wartete.<br />
<br />
Nach einiger Zeit hörte ich Stimmen an der Eingangstür des Ganges und machte mich bereit meinen Bolzen fliegen zu lassen. Ich wüsste dass mein Vater es sich nicht nehmen ließ die Kontrollpatrouille anzuführen, so hatte ich freie Schussbahn von meiner Position am anderen Ende des Ganges aus. Als die Tür aufging und ich die Umrisse einer Gestallt sah, schoß ich ohne zu zögern. Der Bolzen fand sein Ziel und verwundete sein Opfer tödlich. Ich wollte grade umdrehen und fliehen, da vernahm ich die Stimme meines Vaters. Wie konnte das sein? Niemand mit einem Bolzen in der Brust konnte so deutlich sprechen. Ich sah mich um und erkannte den Umriss meines Vaters über einer Gestalt am Boden stehen. Als ich genauer hinsah, sah ich wem mein Bolzen in der Brust steckte. Miguel! Ohne auf meinen eigenen Schutz zu achten rannte ich zu ihm.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Warum?"</span>, brachte ich unter Tränen hervor.<br />
Miguels Gesicht verzog sich vor Schmerz, als er versuchte zu reden<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio ich wollte versuchen dich vor einem Fehler zu bewahren, doch..."</span><br />
Miguels Kopf sakte zur Seite. Er hatte aufgehört zu atmen.<br />
Zornig blickte ich meinen Vater an, der meinem Blick nicht standhalten konnte, hinter ihm sah ich Carmen, die ihre Hände vor dem Mund zusammengeschlagen hatte und weinte.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Carmen es tut mir leid"</span>, mehr konnte ich nicht mehr sagen, denn herrannahenden Wachen schlugen mich nieder und sperrten mich in einen der Kerker. Das letzte an was ich mich erinnern konnte, waren Carmens Schreie und Schluchzen, danach wurde alles Schwarz.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Verfasserin oder Verfasser: Wird an dieser Stelle nach der Abstimmung bekannt gegeben</span><br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt I</span></span></strong><br />
<br />
Ich stand einsam auf einem kleinen Hügel und beobachtete das Treiben des Heeres. Mein Freund Miguel machte sich auf den Weg zu mir.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, der Feldzug läuft wie geplant. Dieses Land sollte schon bald unter der Kontrolle deines Vaters stehen"</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ach Miguel du weisst genauso wie ich, dass die Bewohner dieses Landes keine Chance gegen die Truppen des Imperators hatten. Ich will auf einen richtigen Feldzug, doch Vater treut mir scheinbar nicht genug"</span>, erwiederte ich ein wenig enttäuscht.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Mein Freund, du bist noch jung mache dir keine Sorgen! Der Imperator wird deine Taten zu schätzen wissen und dich entprechend belohnen."</span> Ich hatte meine Zweifel, doch eine Diskussion mit Miguel war genauso sinnlos wie dieser Feldzug, also nickte ich zustimmend und betrachtete wieder das Schlachfeld.<br />
<br />
In Gedanken war ich bei meinem letzten Treffen mit meinem Vater. Ich hatte mir erhofft von ihm endlich mal eine verantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen zu bekommen, doch anstatt mir die Führung des großen Heeres anzuvertrauen, um die Feinde des Imperators zu zerschlagen, hatte er Vincente vorgezogen und mich nur auf einen unbedeutenden Feldzug geschickt. <br />
Vincente und ich, waren schon seit Kindertagen Rivalen. Nur ging es jetzt nicht mehr darum, wer die größten Burgen im Sand baute, sondern um die Gunst bei seinem Vater, dem Imperator.<br />
<br />
Während ich zusammen mit Miguel auf dem Hügel stand, kamen 2 meiner Soldaten mit einer Gefangenen zu mir. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Sir, wir haben die Tochter des hier ansässigen Königshauses gefangenengenommen, wie sollen wir weiter mit ihr verfahren?"</span><br />
Mein Blick blieb an diesem zarten Geschöpf hängen und ich war unfähig ihn wieder abzuwenden. Solche Frauen gab es in seinem Reich nicht, sie hatte etwas exotisches und sah trotzdem so zerbrechlich und verletzlich aus.<br />
"Lasst sie los!" befahl ich den Soldaten, immer noch nicht in der Lage meine Augen von ihr zu nehmen. Die Soldaten taten wie befohlen, doch machten sie keine Anstalten ihr von der Seite zu weichen, so als wäre sie gefährlich.<br />
"Ihr könnt euch nun entfehrnen" Mein Tonfall war bestimmend und duldete keine Widersprüche, und so machten sich die Soldaten wiederwillig wieder zurück auf den Weg zum Schlachfeld.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Mein Name ist Ezio, Sohn des Imperators und ich möchte mich entschuldigen für die Behandlung die euch wiederfahren ist."</span><br />
 Ich sah ihr tief in die Augen und küsste ihre Hand. Ich sah sie erröten und fragte sie nach ihrem Namen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Man nennt mich Carmen"</span>, sagte sie schüchtern.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Carmen, welch wundervoller Name. Hättet ihr vllt Interesse daran mich in unsere Hauptstadt zu begleiten und mir dort Gesellschaft zu leisten?"</span><br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt II</span></span></strong><br />
<br />
Es war nun mehrere Monate her, dass ich zusammen mit Carmen zurück von meinem Feldzug kam. In dieser Zeit hatte sich einiges zugetragen. Ich hatte mich in Carmen verliebt, sie war die wundervollste Frau, die mir jemals begegnet war. Alles an ihr faszinierte mich, ihr Haar, pechschwarz wie die Nacht, ihre Augen, in denen ich mich stundenlang verlieren konnte und ihr Lachen, dass mir jedes mal das Herz erweichte, wenn ich es zu hören bekam. Ich konnte mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich so glücklich war wie zusammen mit Carmen. Zusätzlich erfuhr ich, dass ein wichtiger Feldzug bevorstand und Vincente nicht im Lande war, um ihn zu führen. Es wunderte mich also wenig, als mein Vater mich zu sich rief.<br />
<br />
Er hatte mir befohlen mich zusammen mit dem Heer auf den Weg an die Landesgrenze zu begeben und dort eine Rebellion niederzuschlagen. Morgen würde ich losmaschieren, doch nun war ich auf der Suche nach Carmen. Ich fand sie wie so häufig im Palastgarten. <br />
<br />
Freudig blickte sie auf als sie mich sah.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Liebster, schön dass du zurück bist."</span> Sie fiel mir um den Hals und küsste mich zärtlich.<br />
Ich erwiederte den Kuss unfähig mich von ihr loszureissen. Nach einiger Zeit entfehrnten sich ihre Lippen von meinen und verzogen sich zu dem Lächeln was ich so liebte.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ich habe gute Nachrichten Carmen. Vater lässt mich nun endlich Verantwortung übernehmen und schickt mich aus, um eine Rebellion an der Landesgrenze niederzuschlagen."</span><br />
Das Lächeln auf Carmens Lippen verschwandt so schnell wie es gekommen war.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Liebste mach dir keine Sorgen, ich werde gesund wiederkommen und wenn ich wiederkomme, dann werde ich dich zu meiner Frau nehmen."</span><br />
 Ich nahm ihr Gesicht zwischen meine Hände und küsste sie leidenschaftlich, sie erwiederte zwar den Kuss, doch bemerkte ich eine kleine Träne die an ihrer Wange hinunterlief.<br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt III</span></span></strong><br />
<br />
Es war nicht ganz so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Informationen die mein Vater mir mitgegeben hatte, entsprachen bei meiner Ankunft schon nicht mehr den Gegebenheiten. Die Rebellion hatte sich ausgeweitet, doch mit Hilfe des Heeres und einigen ausgeklügelten Taktiken schaffte ich es, einige Exempel zu statuieren und somit den Großteil der rebellierenden Bevölkerung wieder zur Vernunft zu bringen. <br />
<br />
Momentan waren Teile seines Heeres über die Landesgrenze verteilt und versuchten den restlichen Widerstand zu zerstreuen. Es war nur eine Frage der Zeit, dann würde ich erfolgreich heimkehren und sein Vater würde nicht anders können als meine Leistungen zu loben und mich dauerhaft zu einem seiner bedeutensten Feldheeren zu ernennen.<br />
<br />
Doch als ich zurück kam sollte alles anders kommen. Noch bevor ich dem Palast erreicht hatte kam mir Miguel entgegen, zuerst dachte ich er freue sich nur mich wiederzusehen, doch er wirkte sehr aufgelöst. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Mein Freund, beruhige dich. Erzähle mir was dir so zusetzt"</span>, entgegenete ich ihm.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, dein Vater... Carmen"</span><br />
Mein Herz machte einen Sprung <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Was ist mit ihnen"</span>, ich fasste Miguel an den Schultern und schüttelte ihn. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Sag mir was passiert ist!"</span><br />
Miguel seuftze laut. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Versprech mir nichts Unüberlegtes zu tun."</span> <br />
Ohne mich antworten zu lassen fuhr er for.t <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Dein Vater, hat Carmen zur Frau genommen, als du das Land verlassen hattest. Wie du weisst hat der Imperator ein Anrecht darauf jede Frau des Reiches zu heiraten, und da deine Mutter bei deiner Geburt verstorben ist gilt der König als unverheiratet."</span><br />
<br />
Ich war nicht in der Lage zu antworten, nicht mal einen klaren Gedanken zu fassen. Das alles wirkte wie ein Traum, doch ich würde daraus nicht einfach wieder aufwachen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Sie hatte keine andere Wahl, der Imperator hat ihr damit gedroht, das Königreich ihres Vaters niderbrennen zu lassen und ihren Vater hinzurichten sollte sie sich weigern"</span>, fügte Miguel verzweifelt hinzu. <br />
Doch diese Worte erreichten meine Ohren nicht mehr vollständig.<br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt IV</span></span></strong><br />
<br />
Es war nur wenige Tage her, als ich von meinem Feldzug zurückkam und mich die entsetzliche Nachricht erreichte. Wie in Trance ging ich zu meinem Vater und erstattete Bericht über den gewonnenen Feldzug. Mein Vater zeigte sich begeistert über meine Leistung, doch erwähnte mit keinem Wort Carmen und auch ich vermied es überhaupt an sie zu denken. <br />
<br />
Doch umso mehr ich versuchte die ganze Sache zu verdrängen, umso mehr füllte sich mein Herz mit einer Leere, die sich jeder Beschreibung entzog. Ich aß nur noch sehr wenig und vegetierte mehr vor mich hin als wirklich zu leben. Das bemerkte auch Miguel, der sich mit mir im Palastgarten verabredet hatte.<br />
<br />
Als ich dort ankam verzichtete Miguel auf seine übliche Begrüßung und began sofort zu sprechen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, das kann so nicht weitergehen. Ich weiß es ist fürchterlich was dir passiert ist, aber du kannst so nicht wetermachen."</span> <br />
Ich nickte nur stumm ohne seinen Worten wirklich Beachtung zu schenken.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Versuch doch einmal dich in die Lage deines Vaters zu versetzen, er braucht eine fähige Königin."</span><br />
Die Wut und Verzweifelung die er die letzten Tage so sehr versucht hatte zu unterdrücken sprudelten nur so aus ihm heraus <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ihn verstehen? Bist du noch bei Sinnen Miguel?  Er hat mir das genommen was mir das Liebste war. Er hat mir nie vertraut, als er mich an die Landesgrenze schickte, er wollte mich nur los werden, damit er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. Vermutlich hat er sogar gehofft, dass ich dort mein Leben lasse. Ich hasse ihn, ich wünschte er wäre Tod!"</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, leiser! Wenn das jemand mitbekommt wirst du zum Tode verurteilt und hingerichtet, dass muss dir doch klar sein"</span>, fiel ihm sein Freund ins Wort.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Warum weiterleben, wenn es keinen Lebenssinn mehr gibt Miguel."</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Sag sowas nicht mein Freund!"</span> <br />
Miguel fiel es sichtlich schwer seinen Freund so leiden zu sehen.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ich dachte mir schon, dass ich dich nicht überzeugen kann. Deswegen habe ich ein heimliches Treffen mit Carmen organisiert. Sieh dahinten kommt sie schon, aber versprich mir keine Dummheiten zu machen"</span>, fügte er hinzu, bevor er sich umdrehte und den Garten verließ.<br />
<br />
Wie angewurzelt stand ich da und starrte in das mir eigentlich so vertraute Gesicht Carmens, was mir doch irgendwie fremd erschien. In den wenigen Wochen in denen ich sie nicht gesehen hatte, hatte sie sich verändert. Ihr Gesichtsausdruck wirkte kühl und distanziert, jegliche Emotionen waren verschwunden.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Carmen..."</span> ,krächzte ich, den Tränen nahe.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Spar dir deine Worte Ezio, mir fällt es genauso schwer wie dir. Ist dir bewusst welches Risiko dieses Treffen für uns beide ist? Wenn man uns zusammen sieht, bedeutet dass für uns beide den Tod. Beruhige dich Ezio, ich weiß wie du dich fühlst, doch haben wir keine andere Wahl. Wir müssen die Lage aktzeptieren und damit leben. Ich hoffe du verstehst das Ezio!"</span>, sprach Carmen in einem sehr ruhigen Ton. <br />
Ich war nicht in der Lage zu antworten, selbst als Miguel wiederkam und Carmen darum bat sofort den Garten zu verlassen, da einige Diener auf dem Weg hierher waren und sie nicht zusammen sehen durften, brachte ich keinen Ton heraus. Als Carmen ausser Sicht war konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten und brach zusammen.men ausser Sicht war konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten und brach zusammen.<br />
<br />
<center><span style="font-size: 24pt;" class="mycode_size"><span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Akt V</span></span></strong><br />
<br />
Ich brauchte einige Tage um wieder zur Normalität zurückzufinden, sofern das überhaupt möglich war. In meinem Kopf gab es nur einen einzigen Schuldigen für die gesamte Situation. Meinen Vater, den Imperator! Er musste bestraft werden, soviel war mir klar. <br />
Miguel riss mich aus meinen Gedanken.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Über was denkst du nach?"</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Wenn Gott ihn nicht bestraft, werde ich es tun."</span><br />
Ich wusste dass ich wirres Zeug redete, doch ich hatte einen Entschluss gefasst, einen den niemand erfahren durfte, doch Miguel war ein langjähriger Freund, gegenüber ihm musste ich meine Gedanken nicht zurückzuhalten.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio, was meint du, wen meinst du?"</span><br />
Miguel merkte dass etwas mit mir nicht stimmte.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Er! Er wird es büßen..."</span><br />
Ich ging in meiner Wut vollständig auf, mein Plan stand fest. Der Imperator würde sterben und zwar durch die Hand seines eigenen Sohnes.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio du glühst ja"</span>, Miguel legte die Hand auf meine Stirn. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Du hast Fieberträume, komm lass mich dich in dein Gemach bringen, dort erholst du dich und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus."</span><br />
Es war gut dass Miguel mich nicht ernst nahm, wusste ich doch, dass er sowas niemals zugelassen hätte. Mir war bewusst welche Konsequenzen ein Attentat auf das Leben des Imperators für mich haben konnte, doch es war mir egal, der Sünder musste bestraft werden.<br />
<br />
Ich ließ mich von Miguel zu meinem Zimmer begleiten und legte mich ins Bett. <br />
Doch kurz nachdem Miguel den Raum verlassen hatte, machte ich mich auf den Weg zum Waffenschrank in meinem Zimmer. Ich nahm meine Armbrust und spannte einen Bolzen hinein. Dieser Bolzen würde dem Imperator sein Leben aushauchen. Und wenn Gott es wollen würde könnte ich, der Attentäter, sogar unerkannt fliehen. <br />
<br />
Ich sicherte die Armbrust und schürrte sie mir auf den Rücken, bevor ich einen weiten Mantel anzog um die Armbrust, vor neugierigen Blicken zu verbergen. Ich wusste dass mein Vater zu dieser Zeit des Tages für gewöhnlich einen Kontrollgang durch das Verließ machte. Mit dem Gedanken, dass dies der letzte Kontrollgang des Imperators sein möge, machte mich auf den Weg ins Verließ. <br />
<br />
Dort angekommen, positionierte ich mich im Schatten am Ende eines Ganges, welcher die einzelnen Kerker verband. Mein Vater würde nichtsahnend auf mich zulaufen, vermutlich ohne überhaupt zu erkennen wer ihn dort erwartete. Hier gab es sogar die Möglichkeit zu fliehen, nachdem ich mein Attentat erfolgreich ausgeführt hatte, doch daran verschwendete ich nur wenig Gedanken und gab mich ganz der Wut auf meinen Vater hin, während ich die Armbrust hervorholte und auf mein Opfer wartete.<br />
<br />
Nach einiger Zeit hörte ich Stimmen an der Eingangstür des Ganges und machte mich bereit meinen Bolzen fliegen zu lassen. Ich wüsste dass mein Vater es sich nicht nehmen ließ die Kontrollpatrouille anzuführen, so hatte ich freie Schussbahn von meiner Position am anderen Ende des Ganges aus. Als die Tür aufging und ich die Umrisse einer Gestallt sah, schoß ich ohne zu zögern. Der Bolzen fand sein Ziel und verwundete sein Opfer tödlich. Ich wollte grade umdrehen und fliehen, da vernahm ich die Stimme meines Vaters. Wie konnte das sein? Niemand mit einem Bolzen in der Brust konnte so deutlich sprechen. Ich sah mich um und erkannte den Umriss meines Vaters über einer Gestalt am Boden stehen. Als ich genauer hinsah, sah ich wem mein Bolzen in der Brust steckte. Miguel! Ohne auf meinen eigenen Schutz zu achten rannte ich zu ihm.<br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Warum?"</span>, brachte ich unter Tränen hervor.<br />
Miguels Gesicht verzog sich vor Schmerz, als er versuchte zu reden<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Ezio ich wollte versuchen dich vor einem Fehler zu bewahren, doch..."</span><br />
Miguels Kopf sakte zur Seite. Er hatte aufgehört zu atmen.<br />
Zornig blickte ich meinen Vater an, der meinem Blick nicht standhalten konnte, hinter ihm sah ich Carmen, die ihre Hände vor dem Mund zusammengeschlagen hatte und weinte.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">"Carmen es tut mir leid"</span>, mehr konnte ich nicht mehr sagen, denn herrannahenden Wachen schlugen mich nieder und sperrten mich in einen der Kerker. Das letzte an was ich mich erinnern konnte, waren Carmens Schreie und Schluchzen, danach wurde alles Schwarz.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Abstimmung]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6192.html</link>
			<pubDate>Sat, 16 May 2009 19:58:21 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-6192.html</guid>
			<description><![CDATA[Wie immer gilt das preußische System:<br />
<br />
5 Punkte für den ersten Platz<br />
3 für den zweiten<br />
1 für den dritten<br />
<br />
Viel Spaß dabei :)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Wie immer gilt das preußische System:<br />
<br />
5 Punkte für den ersten Platz<br />
3 für den zweiten<br />
1 für den dritten<br />
<br />
Viel Spaß dabei :)]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Morgen-Grauen (Tirgatao)]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6189.html</link>
			<pubDate>Thu, 14 May 2009 23:25:27 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-6189.html</guid>
			<description><![CDATA[Obwohl die Sonne sich noch hinter dem Horizont versteckte und nur ein rötlicher Schimmer zu sehen war, strömten die Menschen zur Turnierwiese. Gestern erst war hier das große Turnier zu Ende gegangen, doch heute ging es um etwas anderes. Die Leute waren aufgeregt, fast noch aufgeregter als vor dem großen Turnier, und sie tuschelten untereinander über das sogleich stattfindende Ereignis. Vor zwei mit Wappen geschmückten großen Zelten waren edle Schlachtrösser angepflockt, bereits mit kunstvoll bestickter Decke und Turniersattel, und neben den Zelten lehnten mehrere Lanzen in ihren Halterungen. Doch dies waren nicht die üblichen stumpfen Turnierlanzen, nein, diese hatten Spitzen aus poliertem Eisen.<br />
<br />
Ein Mann in den Farben des Burgherrn betrat die Turnierwiese und entrollte langsam ein Pergament, bevor er mit weittragender und wohlklingender Stimme zu verlesen begann.<br />
<br />
<center><span style="font-style: italic;" class="mycode_i"><span style="color: orange;" class="mycode_color">In diesem Duell um die Ehre  treten gegeneinander an<br />
Ritter Regulus von Hohenburg<br />
gegen<br />
Ritter Lucianus von Erlental.<br />
Ritter Regulus steht, als dem Geforderten, die Wahl der Waffen und der Kampfbedingungen zu. Er hat sich für das Tjosten entschieden. Stürzt einer der Ritter vom Pferd, so wird der Kampf zu Fuß mit Schwertern fortgesetzt.<br />
Der Kampf beginnt bei Sonnenaufgang und ist erst beendet, wenn einer der Ritter kampfunfähig auf dem Boden liegt oder sich geschlagen gibt.<br />
Pferd und Ausrüstung des Verlierers gehören dem Gewinner.</span></span></strong><br />
<br />
Das waren weniger Informationen, als den Leuten lieb gewesen wären. Es kursierten mehrere Gerüchte darüber, warum dieses Duell stattfand, doch in einem waren sich alle diese Gerüchte einig: Regulus von Hohenburg, der für seine Trunksucht und seine Weibergeschichten weit über das Gebiet seiner heimatlichen Burg Silberfelsen bekannt war, hatte Lucianus von Erlental in der Öffentlichkeit so schwer beleidigt, dass dieser ihm mit dem Handschuh ins Gesicht geschlagen und Genugtuung gefordert hatte. Nur über die Art der Beleidigung herrschte Uneinigkeit, und niemand schien es genau zu wissen. Mal hieß es, Ritter Regulus hätte Ritter Lucianus’ Ahnen geschmäht, wieder andere meinte, er hätte dem anderen Ritter gar ins Gesicht gespuckt, ganz zu schweigen von den vielen fantasievollen Schimpfnamen, die angeblich im Spiel gewesen sein sollten.<br />
<br />
Tatsache war jedoch, dass sich in Kürze die Erben von zwei der größten Adelsgeschlechter des Reiches im Kampf messen würden. In einem Kampf, der nicht nach Punkten entschieden werden würde, sondern nur durch eine Niederlage im Kampf. Getuschel machte sich breit, denn Ritter Regulus war nicht gerade für sein weiches Herz bekannt. Ein Sieg nach Punkte hätte ihn ja immerhin auch zum Sieger gemacht, jedoch weniger Verletzungsrisiko geborgen als ein Kampf, bei dem der Gegner im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden gezwungen werden musste. Früher waren Beleidigungen gar mit einem Duell bis zum Tod gesühnt worden, doch die Zeiten waren unruhig, die Grenzen nicht mehr völlig sicher und der König hatte es seinen Rittern untersagt, wegen einer Beleidigung bis auf den Tod zu fechten. Er brauchte seine Ritter für den Fall, dass Krieg mit seinen Nachbarn ausbrechen würde, und konnte es sich nicht leisten, sie wegen ein paar unüberlegten Worten sterben zu lassen.<br />
<br />
Beinahe zeitgleich öffneten sich die Klappen der beiden Zelte, und beide Ritter traten in das dämmrige Licht, das die ersten Sonnenstrahlen schenkten. Die Sympathien der Zuschauer wurden überdeutlich, denn überall erschallte nur Lucianus’ Name, und sollten doch einige wenige Menschen Regulus anfeuern, so ging es völlig unter. Beide Ritter ließen sich von ihrem Knappen auf ihr Pferd helfen und sich eine Lanze reichen. Niemand konnte ihre Gesichter sehen, denn die Visiere ihrer Helme waren bereits beim Verlassen des Zeltes heruntergeklappt gewesen, doch beide saßen aufrecht und stolz im Sattel, der Siegeswille in ihrer Haltung deutlich. Beide trugen auf ihrem Schild das Wappen ihrer Familie, und beide setzten ihre Pferde gleichzeitig in Bewegung, um zuerst den anwesenden Burgherren und dessen Frau zu grüßen und anschließend ihre Position am Tilt einzunehmen. <br />
<br />
Und dann begann das Duell und die Menschen hielten den Atem an, als die beiden schweren Schlachtrösser mit donnernden Hufen aufeinander zu galoppierten, ihre Reiter mit den Lanzen zielten, beide mit der Absicht, den Gegner so schnell wie möglich aus dem Sattel zu befördern. Ein Aufatmen der Erleichterung und Enttäuschung gleichzeitig ging durch das Publikum, als beide Lanzen am gegnerischen Schild abglitten, ohne großen Schaden anzurichten. Erleichterung, weil der persönliche Favorit noch im Sattel saß, Enttäuschung, weil gleiches von seinem Gegner gesagt werden konnte. Wieder nahmen beide Ritter Aufstellung, und erneut trieben sie die Pferde an, gebannt beobachtet von allen Anwesenden. Diesmal erklang ein vielstimmiger Schreckensschrei, denn Lucianus’ Lanze war von Regulus’ Schild abgeglitten, doch Regulus’ Waffe hatte auf Lucianus’ Schulter gezielt und der Ritter hatte große Mühe gehabt, der eisernen Spitze im Sattel auszuweichen, ohne vom Pferd zu fallen. Er brauchte einen Moment, um die Gefahr des Sturzes zu bannen und sich zum dritten Durchgang aufzustellen. Doch noch immer drückte seine ganze Haltung Entschlossenheit und Kampfeswillen aus. <br />
<br />
Ein drittes Mal donnerten Hufe über die Wiese und preschten die Ritter aufeinander zu, doch beide Lanzen glitten vom gegnerischen Schild ab. Noch zwei weitere Durchgänge brachten dasselbe Ergebnis, nämlich kein Ergebnis. Beide Ritter saßen noch immer unverletzt im Sattel, die Lanze in der rechten Hand, den Schild am linken Arm. Doch beim sechsten Durchgang begleitete aufbrandendes Jubelgeschrei Regulus’ Sturz aus dem Sattel seines Fuchses. Lucianus’ Lanze hatte ihn so heftig an der linken Schulte getroffen, dass es den Ritter aus dem Sattel gehoben hatte und er noch froh sein konnte, beim Sturz die Steigbügel verloren zu haben, da sein Pferd im Moment des Aufpralls einen Satz nach vorne gemacht hatte und mit verdrehten Augen weitergaloppiert war. Einige der anwesenden Knappen hatten Mühe, das Tier wieder zu beruhigen und einzufangen. Derweil half Regulus’ Knappe seinem Herrn wieder auf die Beine, während Lucianus sich von seinem Knappen aus dem Sattel helfen ließ.<br />
<br />
Die Spannung, die in der Luft lag, war fast mit den Händen greifbar. Man wusste, dass Lucianus sich am vorigen Tag beim Turnier eine Beinverletzung zugezogen hatte, von der noch niemand genau wusste, wie schlimm sie war, und die Leute sahen mit Genugtuung, dass der Ritter kaum hinkte. Dennoch war natürlich nicht auszuschließen, dass das Bein unter größerer Belastung Probleme machen würde. Regulus dagegen hatte einen heftigen Stoß gegen die Schulter erhalten, auch wenn die Lanze nicht durch die Rüstung gedrungen war, und war dann mit dem Rücken auf den Boden geprallt. Auch bei ihm war nicht sicher, wie gut er sich würde bewegen können. Nicht dass sich der Großteil des Publikums auch nur im Geringsten dafür interessiert hätte, in welchem Zustand der Hohenburger war, schließlich standen die meisten auf Lucianus’ Seite. <br />
<br />
Die beiden Ritter gingen mit gezogenen Schwertern aufeinander zu, umkreisten einander, suchten nach Schwächen. Und das Publikum fieberte mit, drückte Daumen, schrie Anfeuerungen. Die Sonne stieg langsam höher, tauchte die Wiese in immer helleres Licht. Zuerst schien es noch, als wollte keiner der beiden Männer den Anfang machen, als würden sie sich nun den Rest des Tages auf diesem Stück Wiese umkreisen, schweigend, lauernd. Wie zwei Raubtiere. Und dann ging es ganz schnell, Schwert klirrte auf Schwert, und noch einmal, dann Schwert gegen Schild, Schwert auf Schwert, und wieder Ruhe. Keiner von beiden hatte einen Treffer landen können, und wieder belauerten sich die Kontrahenten, suchten nach einem Vorteil, einer Lücke in der Verteidigung des jeweils anderen. Und umkreisten sich. Bevor sie wieder aufeinanderprallten, ihre Schwerter und Schilde zum Klingen brachten. Und sich wieder ergebnislos trennten. <br />
<br />
Es war anzunehmen, dass beide inzwischen schwer atmeten, doch ihre Rüstungen gaben nichts preis und die Bewegungen der Männer waren noch immer präzise und kraftvoll. Die Anfeuerungsrufe wurden lauter. Die Menge wollte eine Entscheidung sehen, oder zumindest richtiges Kämpfen, nicht dieses ständige, ereignislose Umschleichen. Ob die beiden Ritter nun trotz ihrer Helme verstanden, was die Menge rief, oder ob sie selbst beschlossen hatten, den Kampf nun endlich zu einem Ende zu bringen, ihre Schwerter prallten heftig aufeinander, die Schläge waren wuchtig, wenn auch anfangs noch ausgeglichen. Mal musste Ritter Lucianus einen Schritt ausweichen, mal wurde der Hohenburger einen Schritt zurückgetrieben. Der Kampf gewann an Härte und an Dynamik, es gab keine Trennung mehr, nur immer neue Attacken, immer neue Versuche, den Gegner zu Fall zu bringen. Der Schild des Erlentalers splitterte unter einem kräftigen Schwerthieb, so dass er nun dieser Verteidigung beraubt war, doch Lucianus ließ sich nicht beirren und teilte weiter Hieb um Hieb aus, die jedoch von Regulus’ Schwert oder Schild abgewehrt wurden. <br />
<br />
Das Publikum verfolgte gebannt das Geschehen auf der Wiese, und doch verstanden sie zuerst nicht, warum beide Ritter mit einem Mal ihre Waffen senkten. Stimmen der Enttäuschung erklangen, Forderungen nach der Fortsetzung des Kampfes. Erst als die Leute das Blut sahen, das zwischen Halsstück und Brustpanzer des Erlentalers hervorquollen, und sahen, wie Ritter Lucianus auf die Knie fiel, das Schwert ihm entglitt und er mit beiden Händen nach seinem Hals griff, wurde der Menge bewusst, dass der Kampf beendet war. Lucianus von Erlental sank vollends zu Boden, lag in seiner schweren Rüstung auf der Seite, die Hände an den Hals gepresst. Und sein Gegner legte sein eigenes Schwert weg, um sich an die Seite seines Gegners zu knien und diesen von seinem Kopf- und Halsschutz zu befreien. <br />
<br />
Wenn die Leute verwundert darüber waren, dass der verachtete Regulus von Hohenburg sich niederkniete, um einem Feind, den er gerade besiegt und zuvor beleidigt hatte, zu helfen, so waren sie von den nun folgenden Ereignissen geschockt. Denn sobald Ritter Regulus das schnell bleich werdende Gesicht seines Feindes entblößt hatte und dessen langes silberblondes Haar über seine Hände fiel, war ein dumpfer, verzerrter Schrei zu hören, bevor sich der Hohenburger den eigenen Helm vom Kopf riss und einen weiteren geradezu unmenschlich anmutenden Schrei ausstieß. Während das Publikum noch verwirrt die langen schwarzen Locken betrachtete, die unter dem Helm zum Vorschein gekommen waren und ganz sicher nicht Regulus von Hohenburg gehören könnten, der hellbraune kurze Haare hatte, ergriff der Ritter das Schwert seines nun leblosen Gegners und zog es sich über die eigene Kehle, worauf er auf dem Körper seines toten Kampfgegners zusammensackte. Sein Blut mischte sich mit dem des Erlentalers und der bereits gerufene und herbeieilende Arzt konnte nur noch den Tod der beiden Männer feststellen. Und die Identität der Männer, die nicht Lucianus von Erlental und Regulus von Hohenburg hießen…]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Obwohl die Sonne sich noch hinter dem Horizont versteckte und nur ein rötlicher Schimmer zu sehen war, strömten die Menschen zur Turnierwiese. Gestern erst war hier das große Turnier zu Ende gegangen, doch heute ging es um etwas anderes. Die Leute waren aufgeregt, fast noch aufgeregter als vor dem großen Turnier, und sie tuschelten untereinander über das sogleich stattfindende Ereignis. Vor zwei mit Wappen geschmückten großen Zelten waren edle Schlachtrösser angepflockt, bereits mit kunstvoll bestickter Decke und Turniersattel, und neben den Zelten lehnten mehrere Lanzen in ihren Halterungen. Doch dies waren nicht die üblichen stumpfen Turnierlanzen, nein, diese hatten Spitzen aus poliertem Eisen.<br />
<br />
Ein Mann in den Farben des Burgherrn betrat die Turnierwiese und entrollte langsam ein Pergament, bevor er mit weittragender und wohlklingender Stimme zu verlesen begann.<br />
<br />
<center><span style="font-style: italic;" class="mycode_i"><span style="color: orange;" class="mycode_color">In diesem Duell um die Ehre  treten gegeneinander an<br />
Ritter Regulus von Hohenburg<br />
gegen<br />
Ritter Lucianus von Erlental.<br />
Ritter Regulus steht, als dem Geforderten, die Wahl der Waffen und der Kampfbedingungen zu. Er hat sich für das Tjosten entschieden. Stürzt einer der Ritter vom Pferd, so wird der Kampf zu Fuß mit Schwertern fortgesetzt.<br />
Der Kampf beginnt bei Sonnenaufgang und ist erst beendet, wenn einer der Ritter kampfunfähig auf dem Boden liegt oder sich geschlagen gibt.<br />
Pferd und Ausrüstung des Verlierers gehören dem Gewinner.</span></span></strong><br />
<br />
Das waren weniger Informationen, als den Leuten lieb gewesen wären. Es kursierten mehrere Gerüchte darüber, warum dieses Duell stattfand, doch in einem waren sich alle diese Gerüchte einig: Regulus von Hohenburg, der für seine Trunksucht und seine Weibergeschichten weit über das Gebiet seiner heimatlichen Burg Silberfelsen bekannt war, hatte Lucianus von Erlental in der Öffentlichkeit so schwer beleidigt, dass dieser ihm mit dem Handschuh ins Gesicht geschlagen und Genugtuung gefordert hatte. Nur über die Art der Beleidigung herrschte Uneinigkeit, und niemand schien es genau zu wissen. Mal hieß es, Ritter Regulus hätte Ritter Lucianus’ Ahnen geschmäht, wieder andere meinte, er hätte dem anderen Ritter gar ins Gesicht gespuckt, ganz zu schweigen von den vielen fantasievollen Schimpfnamen, die angeblich im Spiel gewesen sein sollten.<br />
<br />
Tatsache war jedoch, dass sich in Kürze die Erben von zwei der größten Adelsgeschlechter des Reiches im Kampf messen würden. In einem Kampf, der nicht nach Punkten entschieden werden würde, sondern nur durch eine Niederlage im Kampf. Getuschel machte sich breit, denn Ritter Regulus war nicht gerade für sein weiches Herz bekannt. Ein Sieg nach Punkte hätte ihn ja immerhin auch zum Sieger gemacht, jedoch weniger Verletzungsrisiko geborgen als ein Kampf, bei dem der Gegner im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden gezwungen werden musste. Früher waren Beleidigungen gar mit einem Duell bis zum Tod gesühnt worden, doch die Zeiten waren unruhig, die Grenzen nicht mehr völlig sicher und der König hatte es seinen Rittern untersagt, wegen einer Beleidigung bis auf den Tod zu fechten. Er brauchte seine Ritter für den Fall, dass Krieg mit seinen Nachbarn ausbrechen würde, und konnte es sich nicht leisten, sie wegen ein paar unüberlegten Worten sterben zu lassen.<br />
<br />
Beinahe zeitgleich öffneten sich die Klappen der beiden Zelte, und beide Ritter traten in das dämmrige Licht, das die ersten Sonnenstrahlen schenkten. Die Sympathien der Zuschauer wurden überdeutlich, denn überall erschallte nur Lucianus’ Name, und sollten doch einige wenige Menschen Regulus anfeuern, so ging es völlig unter. Beide Ritter ließen sich von ihrem Knappen auf ihr Pferd helfen und sich eine Lanze reichen. Niemand konnte ihre Gesichter sehen, denn die Visiere ihrer Helme waren bereits beim Verlassen des Zeltes heruntergeklappt gewesen, doch beide saßen aufrecht und stolz im Sattel, der Siegeswille in ihrer Haltung deutlich. Beide trugen auf ihrem Schild das Wappen ihrer Familie, und beide setzten ihre Pferde gleichzeitig in Bewegung, um zuerst den anwesenden Burgherren und dessen Frau zu grüßen und anschließend ihre Position am Tilt einzunehmen. <br />
<br />
Und dann begann das Duell und die Menschen hielten den Atem an, als die beiden schweren Schlachtrösser mit donnernden Hufen aufeinander zu galoppierten, ihre Reiter mit den Lanzen zielten, beide mit der Absicht, den Gegner so schnell wie möglich aus dem Sattel zu befördern. Ein Aufatmen der Erleichterung und Enttäuschung gleichzeitig ging durch das Publikum, als beide Lanzen am gegnerischen Schild abglitten, ohne großen Schaden anzurichten. Erleichterung, weil der persönliche Favorit noch im Sattel saß, Enttäuschung, weil gleiches von seinem Gegner gesagt werden konnte. Wieder nahmen beide Ritter Aufstellung, und erneut trieben sie die Pferde an, gebannt beobachtet von allen Anwesenden. Diesmal erklang ein vielstimmiger Schreckensschrei, denn Lucianus’ Lanze war von Regulus’ Schild abgeglitten, doch Regulus’ Waffe hatte auf Lucianus’ Schulter gezielt und der Ritter hatte große Mühe gehabt, der eisernen Spitze im Sattel auszuweichen, ohne vom Pferd zu fallen. Er brauchte einen Moment, um die Gefahr des Sturzes zu bannen und sich zum dritten Durchgang aufzustellen. Doch noch immer drückte seine ganze Haltung Entschlossenheit und Kampfeswillen aus. <br />
<br />
Ein drittes Mal donnerten Hufe über die Wiese und preschten die Ritter aufeinander zu, doch beide Lanzen glitten vom gegnerischen Schild ab. Noch zwei weitere Durchgänge brachten dasselbe Ergebnis, nämlich kein Ergebnis. Beide Ritter saßen noch immer unverletzt im Sattel, die Lanze in der rechten Hand, den Schild am linken Arm. Doch beim sechsten Durchgang begleitete aufbrandendes Jubelgeschrei Regulus’ Sturz aus dem Sattel seines Fuchses. Lucianus’ Lanze hatte ihn so heftig an der linken Schulte getroffen, dass es den Ritter aus dem Sattel gehoben hatte und er noch froh sein konnte, beim Sturz die Steigbügel verloren zu haben, da sein Pferd im Moment des Aufpralls einen Satz nach vorne gemacht hatte und mit verdrehten Augen weitergaloppiert war. Einige der anwesenden Knappen hatten Mühe, das Tier wieder zu beruhigen und einzufangen. Derweil half Regulus’ Knappe seinem Herrn wieder auf die Beine, während Lucianus sich von seinem Knappen aus dem Sattel helfen ließ.<br />
<br />
Die Spannung, die in der Luft lag, war fast mit den Händen greifbar. Man wusste, dass Lucianus sich am vorigen Tag beim Turnier eine Beinverletzung zugezogen hatte, von der noch niemand genau wusste, wie schlimm sie war, und die Leute sahen mit Genugtuung, dass der Ritter kaum hinkte. Dennoch war natürlich nicht auszuschließen, dass das Bein unter größerer Belastung Probleme machen würde. Regulus dagegen hatte einen heftigen Stoß gegen die Schulter erhalten, auch wenn die Lanze nicht durch die Rüstung gedrungen war, und war dann mit dem Rücken auf den Boden geprallt. Auch bei ihm war nicht sicher, wie gut er sich würde bewegen können. Nicht dass sich der Großteil des Publikums auch nur im Geringsten dafür interessiert hätte, in welchem Zustand der Hohenburger war, schließlich standen die meisten auf Lucianus’ Seite. <br />
<br />
Die beiden Ritter gingen mit gezogenen Schwertern aufeinander zu, umkreisten einander, suchten nach Schwächen. Und das Publikum fieberte mit, drückte Daumen, schrie Anfeuerungen. Die Sonne stieg langsam höher, tauchte die Wiese in immer helleres Licht. Zuerst schien es noch, als wollte keiner der beiden Männer den Anfang machen, als würden sie sich nun den Rest des Tages auf diesem Stück Wiese umkreisen, schweigend, lauernd. Wie zwei Raubtiere. Und dann ging es ganz schnell, Schwert klirrte auf Schwert, und noch einmal, dann Schwert gegen Schild, Schwert auf Schwert, und wieder Ruhe. Keiner von beiden hatte einen Treffer landen können, und wieder belauerten sich die Kontrahenten, suchten nach einem Vorteil, einer Lücke in der Verteidigung des jeweils anderen. Und umkreisten sich. Bevor sie wieder aufeinanderprallten, ihre Schwerter und Schilde zum Klingen brachten. Und sich wieder ergebnislos trennten. <br />
<br />
Es war anzunehmen, dass beide inzwischen schwer atmeten, doch ihre Rüstungen gaben nichts preis und die Bewegungen der Männer waren noch immer präzise und kraftvoll. Die Anfeuerungsrufe wurden lauter. Die Menge wollte eine Entscheidung sehen, oder zumindest richtiges Kämpfen, nicht dieses ständige, ereignislose Umschleichen. Ob die beiden Ritter nun trotz ihrer Helme verstanden, was die Menge rief, oder ob sie selbst beschlossen hatten, den Kampf nun endlich zu einem Ende zu bringen, ihre Schwerter prallten heftig aufeinander, die Schläge waren wuchtig, wenn auch anfangs noch ausgeglichen. Mal musste Ritter Lucianus einen Schritt ausweichen, mal wurde der Hohenburger einen Schritt zurückgetrieben. Der Kampf gewann an Härte und an Dynamik, es gab keine Trennung mehr, nur immer neue Attacken, immer neue Versuche, den Gegner zu Fall zu bringen. Der Schild des Erlentalers splitterte unter einem kräftigen Schwerthieb, so dass er nun dieser Verteidigung beraubt war, doch Lucianus ließ sich nicht beirren und teilte weiter Hieb um Hieb aus, die jedoch von Regulus’ Schwert oder Schild abgewehrt wurden. <br />
<br />
Das Publikum verfolgte gebannt das Geschehen auf der Wiese, und doch verstanden sie zuerst nicht, warum beide Ritter mit einem Mal ihre Waffen senkten. Stimmen der Enttäuschung erklangen, Forderungen nach der Fortsetzung des Kampfes. Erst als die Leute das Blut sahen, das zwischen Halsstück und Brustpanzer des Erlentalers hervorquollen, und sahen, wie Ritter Lucianus auf die Knie fiel, das Schwert ihm entglitt und er mit beiden Händen nach seinem Hals griff, wurde der Menge bewusst, dass der Kampf beendet war. Lucianus von Erlental sank vollends zu Boden, lag in seiner schweren Rüstung auf der Seite, die Hände an den Hals gepresst. Und sein Gegner legte sein eigenes Schwert weg, um sich an die Seite seines Gegners zu knien und diesen von seinem Kopf- und Halsschutz zu befreien. <br />
<br />
Wenn die Leute verwundert darüber waren, dass der verachtete Regulus von Hohenburg sich niederkniete, um einem Feind, den er gerade besiegt und zuvor beleidigt hatte, zu helfen, so waren sie von den nun folgenden Ereignissen geschockt. Denn sobald Ritter Regulus das schnell bleich werdende Gesicht seines Feindes entblößt hatte und dessen langes silberblondes Haar über seine Hände fiel, war ein dumpfer, verzerrter Schrei zu hören, bevor sich der Hohenburger den eigenen Helm vom Kopf riss und einen weiteren geradezu unmenschlich anmutenden Schrei ausstieß. Während das Publikum noch verwirrt die langen schwarzen Locken betrachtete, die unter dem Helm zum Vorschein gekommen waren und ganz sicher nicht Regulus von Hohenburg gehören könnten, der hellbraune kurze Haare hatte, ergriff der Ritter das Schwert seines nun leblosen Gegners und zog es sich über die eigene Kehle, worauf er auf dem Körper seines toten Kampfgegners zusammensackte. Sein Blut mischte sich mit dem des Erlentalers und der bereits gerufene und herbeieilende Arzt konnte nur noch den Tod der beiden Männer feststellen. Und die Identität der Männer, die nicht Lucianus von Erlental und Regulus von Hohenburg hießen…]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Letztes Duell (kikky)]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6188.html</link>
			<pubDate>Thu, 14 May 2009 23:21:39 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-6188.html</guid>
			<description><![CDATA[Letztes Duell<br />
<br />
Das gefrorene Gras knirschte unter ihren Füßen, als sie im ersten kalten Licht der morgendlichen Sonne auf die Wiese vor der Stadt trat. Eine schweigende Menge hatte sich bereits eingefunden, Männer, Frauen, Kinder, deren große Augen verdächtig feucht schimmerten. Nur selten einmal war leises, beinahe andächtiges Flüstern zu hören, meist überdeckt vom Pfeifen eines stürmischen Ostwindes, in dessen Atem Winter mitreiste, und es war beinahe tröstlich, die eisige Luft tief in ihre Lungen zu saugen – und sie lächelte. Es würde kommen, was kommen sollte.<br />
<br />
Die Fläche inmitten der Zuschauer war kreisförmig und klein, kaum sechs Schritt im Durchmesser. Während sie sich ihr näherte, traten die Bürger auseinander, schweigend, besorgt, und bildeten ihr so eine Gasse. Im Augenwinkel sah sie die Hände, die schützend nach ihr ausgestreckt wurden, die spontanen Bewegungen, sie zurückzuhalten, doch bevor man sie berührte, sanken sie wieder hinab. Ein Raunen, Segenssprüche, kleine weiße Winterblumen, die ihr auf den Scheitel und vor die Füße geworfen wurden, wie Tränen, in Kälte erstarrt.<br />
<br />
Wolken jagten über den Himmel, ein schnelles Wechselspiel von Licht und Schatten auf dem überzuckerten Gras und dem Dächermeer in ihrem Rücken. Als sie die Freifläche betrat, tauchte grade der Sonnengott hinter einer Wolke am fernen Horizont wieder auf und malte ein Strahlen auf die vernarbten, alten Wangen. Geblendet schloß sie die Augen, tauchte in das durchscheinende Blutrot ihrer Lider ein. Einige Augenblicke verstrichen, dann erst blinzelte sie wieder, und suchte nach ihm. Ihr Gegner stand ihr bereits gegenüber, ihr genaues Gegenteil – jung, strahlend schön, weiß gekleidet. Der Kontrast war perfekt, so sollte es sein.<br />
<br />
Als der Jüngere und außerdem der Herausfordernde grüßte er sie zuerst, und mit einem huldvollen Kopfnicken nahm sie die Ehrung an. Seine grünen Augen funkelten keck, als er sie musterte – und sie sah sich selbst, gespiegelt in seinem Blick. Der gekrümmte, gebeugte Rücken, die erschlafften Muskeln. Jede Falte, jeder athritische Knoten an ihren Gelenken, besonders an den Händen, wurde ihr schmerzhaft in ihr Bewusstsein gezerrt, und sie verstand das erleichterte Zucken seiner Mundwinkel. Ihre Miene versteinerte. In all den Jahren, nach den vielen Kämpfen, die sie ausgefochten hatte, würde es sie nicht stören, wenn sie dieses Mal unterliegen würde. Es gab einen Teil in ihrer Brust, der längst des zerfallenden Körpers müde war, der die Verantwortung, die einer schweren Last gleich auf ihren Schultern ruhte, abgeben wollte. Vielleicht war er, der dort so unschuldig und jung vor ihr stand, derjenige, der ihr nicht nur die Macht nehmen, sondern auch Erlösung geben würde. Die Götter würden es fügen, wie sie es wünschten.<br />
<br />
Von hinten trat ihr Sekundant an sie heran und reichte ihr den kleinen, niedrigen Schemel, der die traditionelle Kampfhaltung ermöglichte. Dankbar lächelte sie ihm zu, während sie sich darauf niederließ und die Füße vor sich kreuzte, wie es auch ihr Konkurrent nun tat. Neben ihr stellte man die schwarze Holztruhe mit ihrer Waffe ab, doch es war nicht an ihr zu beginnen. Noch einmal schloß sie die Augen, versenkte sich tief in sich hinein. Ruhe, wie das Meer, flüsterte und umschmeichelte ihre Seele, und jeder Atemzug ließ die Konzentration und Andacht tiefer werden. Was sie früher bei solchen Machtproben angetrieben hatte, der Wille, zu herrschen, zu unterwerfen, war schon seit Jahren in den dunklen Tiefen des Verlustes gemeinsam mit jenen ertrunken, die einst sie zu schützen geschworen hatte. Sie alle hatten, sei es durch Gewalt, Krankheit oder Alter die Schleier zu den Göttern durchschritten, und ihr Herz war verwaist, mit jedem Tod starb auch etwas von ihr. Bloße Loyalität zu ihren Bürgern und Bewusstsein ihrer Pflichten ließen sie seitdem jeden Morgen aufstehen, ließen sie arbeiten, regieren und eben diese unvermeidlichen Duelle ausführen, obwohl sie bei jedem hoffte, es möge das letzte sein.<br />
<br />
„Herrin? Seid Ihr bereit?“<br />
<br />
Die Stimme, welche sie aus ihren Gedanken riss, war melodisch und voll, ein warmer Bariton. Unwillkürlich huschte ein Schmunzeln über ihr Gesicht. Immerhin kein Tenor, das war schon ein guter Anfang. Tenöre neigten ihren Erfahrungen nach zur Selbstüberschätzung, und kamen zu früh, sie zu fordern, Bässe hingegen oft zu spät, wenn der Höhepunkt ihrer Kraft schon überschritten war. Vielleicht war dies ein gutes Zeichen.<br />
<br />
„Aye. Ihr seid der Herausforderer, also habt Ihr das Recht des Anfangs. Ich bin gespannt.“<br />
<br />
Nun lächelte auch er, dann erhob er sich und breitete die Arme zum Himmel aus.<br />
<br />
„Aye, so sei es, wie es war und wie es sein wird. Es beginne. Mögen die Götter Weisheit und Inspiration demjenigen senden, der Ihrem Willen nach siegen möge.“<br />
<br />
Nach dieser traditionellen Eröffnungsformel ließ er sich wieder auf seinen Schemel sinken. Von ihren Sekundanten wurde ihr wie ihm nun ein Seitentuch um die Augen gebunden in den jeweils gegenläufigen Farben – ihres war strahlend weiß, seines schwarz.<br />
<br />
Ihre trotz des Alters noch feinen Ohren registrierten das Quietschen des Behältnisses, in welchem seine gewählte Waffe verstaut gewesen war, dann lauschte sie seinem Atem. Er ließ sich Zeit, vermutlich suchten seine nun blinden Hände nach Fehlern und Makeln, die gleich zu Beginn den Kampf entscheiden konnten. Ihre Spannung nahm zu, die wenigen Augenblicke dehnten sich in die Unendlichkeit. Es war nicht nur Furcht vor dem ersten Schlag, dem ersten Angriff, es war auch Neugier. Der Junge war bedachter als es die letzten gewesen waren, und somit versprach der heutige Kampf neben der Anstregung auch Vergnügen – sollte er ein wahrer Künstler sein, würde selbst die Niederlage ein Gewinn sein...<br />
<br />
Luft füllte vernehmlich und tief seine Lungen, und sie machte sich bereit, jede Muskelfaser gespannt. Jeden Fehler musste sie spüren, hören, analysieren, um seine Schwachstellen zu entdecken, und auch, wenn er keine Fehler machte, musste sie seine Perfektion fortsetzen. <br />
<br />
In der Sekunde, bevor er begann, kribbelte ihre Haut, der Wind schien für einen Moment zu verstummen, und dann kam der erste Ton. Er hatte als Waffe eine Viola gewählt, stimmvoll, warm und in der Mittellage, wenngleich kein virtuoses Instrument. Sie lauschte, während sein Bogen über die Seiten fuhr. Es war ein guter Geigenbauer gewesen, der dieser Bratsche ans Licht geholfen hatte, das war ihr rasch klar. Es war ein ungewöhnlich klarer Klang, besonders, und er beherrschte seine Technik gut. Jeder Ton war rein, beinahe so rein, daß es schmerzte, und in seinem Strich lagen Gefühl und Präzision. Das Thema, mit welchem er ihr Duell begann, war zunächst einfach und cantabel, galanter, tanzhafter Stil, wie eine leichte Volksweise aus ländlicher Gegend. Ein Hauch Wehmut schwang in den Seufzern mit, die in feinem pianissimo das ansonsten mezzoforte gespielte Liedchen durchbrachen, doch dann begann er freier, wilder zu spielen. Sein Tempo steigerte sich, der Rhythmus wurde schmaler, kleiner, bis aus dem lyrischen Beginn ein virtuoser, feuriger Freudentanz wurde, mit kühnen intervallsprüngen und trotz des Tempos sauber eingeführten und aufgelösten Dissonanzen.<br />
<br />
Man hätte ihm noch ewig zuhören können. Sie verlor sich nahezu in seiner Musik, und erst, als ihr Knappe ihr die schmale Truhe unter die Hände schob, wurde ihr bewusst, daß sie nun bald parieren musste. Bei Kämpfen, in denen es um mehr als Ehrverteidigung oder einen Streit ging, gab es kein festgelegtes Schema, nach welchem sich die Duellanten abzuwechseln hatte. Es war jedoch eine Frage der Höflichkeit, daß man dem anderen Raum gab, in welchem er sich entfalten konnte – jedoch auch nicht zu viel, wollte man noch Durchführungsspielraum mit den vorgegebenen Motiven haben.<br />
<br />
Ein wenig zitterten ihre Hände, als sie vorsichtig den Deckel abhob und forschend über das glatte Silber strich. Die Scharniere waren in der richtigen Einstellung, das Mundstück angefügt. Sie hob ihr Instrument an die Lippen, lauschte noch einmal konzentriert auf seine Melodieabläufe, dann fiel sie mit ein. Für einige Herzschläge harmonierten die Oboe und die Viola, dann zog er sich zurück, spielte eine öffnende Schlußkadenz und ließ die Bratsche verstummen. Nun war es ihr Angriff.<br />
<br />
Zunächst war sie vorsichtig, spielte in dem harmonischen Rahmen, den er abgesteckt hatte. Sie griff seine Motivik auf, wie eine Reprise, dann wob sie Zwischendominanten, Spannungsfelder und kleine Verfremdungen mit ein. Hier ein wenig verkürzen, dort strecken, bis die harmonischen Wege breit genug waren, um auf ihrem gepflasterten Grunde eine andere Melodie mit einzubringen. Ihr Thema trug sich mit Traurigkeit schwanger, war schwer, müde und alt, und sie spielte es aus, bis sie aus den Zuschauerreihen um den Kampfplatz herum erste Schluchzer vernahm. Nun begann sie zu malen, mit Tönen zu beschreiben, wie aus Trauer Freude und aus Freude Trauer erwachsen kann, doch recht zufrieden war sie mit ihrer Antwort auf ihn nicht. Sie spürte es auch – es war nichts grandioses, was sie zu erwidern gewusst hatte, und so war sie beinahe froh, als sich ihren Oboentönen eine Geigenstimme unterlegte.<br />
<br />
Diesmal hatte er ein Violoncello gewählt, tiefer, ein Instrument für Melancholie und Grundsatzüberlegungen, wie ihr Lehrer es ihr einst vor vielen Jahren dargelegt hatte. Wehmütig dachte sie an den weisen Barden zurück, hörte, wie sich seine Stimme und der Gesang des Cellos im Unterricht vermischten. Er hatte wie niemand sonst, den sie seitdem kennengelernt umd dem sie gelauscht hatte, die Fähigkeit gehabt, die Welt in Musik darzustellen. Doch solche Kunstfertigkeit gab es heute nicht mehr, die Musik verlor sich als bloßes Unterhaltungsmedium im Sog der Zeit. Nicht mehr viele wussten um ihre Macht.<br />
<br />
Mit einem Kopfschütteln holte sie sich zurück in die Gegenwart, versuchte sich zu konzentrieren. Ihr Konkurrent griff ihre Thematik auf, doch war die Traurigkeit, die in der großen Oktave seines Cellos ihren Ausdruck fand, nicht so platt wie ihre, vielschichtiger. Er schwang die Melodie zu strahlenden Bändern, die sie durch ihre Augenbinde in dem Kreis tanzen sah. Es war eindeutig – im Moment lag er vorn.<br />
<br />
Mit den Fingern bedeutete sie ihrem Gehilfen, was sie als nächstes zu spielen wünschte, dann fügte sie sich mit in die Melodie. Ihre Querflöte fügte dem wehmütigen Cellogesang das heitere Liedchen vom Anfang hinzu, und zusammen ließen sie die beiden unterschiedlichen Ideen, diskutieren, sich umkreisen. Manchmal näherten sie sich an, dann wieder entfernten sie sich voneinander. Es war ein Wettstreit, doch es war gleichzeitig Gemeinschaft – zusammen gegeneinander, getrennt vereint. Kontrapunkt und Generalbass, mal orgelpunktisch, mal motettisch, ein schnelles Ringen umd Antäuschen. Immer wieder flochten er oder sie neue Elemente mit ein, brachen aus, immer im Versuch, einen musikalischen Ort zu finden, an den der andere nicht zu folgen vermochte.<br />
<br />
In fliegender Eile wechselten sie die Instrumente, er griff vom Cello zu einer Harfe, woraufhin sie mit einer Violine nachzog. Später erfand sie auf einem Waldhorn ein vollkommen neues, kontrastierendes Thema, welches mit majestätisch-königlicher Strahlkraft die Dunkelheit ihres eigenen Trauermotivs zerschmetterte. Nun funkelten zwischen den sichtbar gewordenen Klangbändern diamantene Sterne in ihrer Mitte, silbrig und rein. Er konterte mit einem auf einem Dudelsack vorgetragenen folkloristischen Motiv, tanzbar und unglaublich eingängig, so daß nach nur wenigen Minuten die Zuschauermenge mit selbst erfundenen Texten einfiel. Notgedrungen passte sie sich ihm dann an, indem sie mit einer Laute akkordische Begleitungen hinzufügte, die sie dann jedoch zunehmend abwandelte, bis er die Harmonik seines Gesangs nicht mehr halten konnte. In diese Phase brach sie mit solistischen Einlagen, nutzte seine kurze Unsicherheit, um mit brillanter Fingerfertigkeit zu beeindrucken. Es gelang ihr, zumindest kurzfristig, doch für diesen kurzen Triumph zahlte sie mit zunehmenden Schmerzen in den Fingergelenken, die ihre Schnelligkeit behinderten. Vielleicht würde es sogar nur dadurch entschieden werden – wer von ihnen beiden die längere Ausdauer besaß, schoß ihr kurz durch den Kopf. Sie hatte schon längst ihr Zeitgefühl verloren, wieviele Stunden sie dort schon kauerten und musizierten, wusste sie nicht mehr.<br />
<br />
<br />
Es musste schon Abend sein, als sie beide zu den letzten Klangmitteln griffen, die sie dabei hatten. Die Kombination war sehr ungewöhnlich, und auch ihre Kreativität hatte deutlich abgenommen. In seinen Händen hielt er ein Glockenspiel, flirrend und hell in den Klängen, während sie zwischen ihren Knien eine kleine exotische Handtrommel eingeklemmt hatte, auf welchem sie mehr oder weniger monotone Rhythmen erzeugte, über welchen er fantasierte. Keiner von ihnen wollte aufgeben, doch waren sie beide am Ende ihrer Kapazitäten. Licht, manifestierte Musik, umreiste sie beide, formte Strudel, Gebilde, Figuren, doch war der Sieger noch immer nicht gekürt, nicht eindeutig. Die Götter hielten sich bedeckt.<br />
<br />
Fast dachte sie, als hätte sie sich geirrt, so leise war die Frage, die über dem weiter klingelnden Glockenspiel an ihr Ohr drang.<br />
<br />
„Herrin, wollen wir gemeinsam zum Ende kommen?“<br />
<br />
Als Antwort ließ sie ihre Schläge langsamer werden, vereinfachte das Metrum, und er spielte eine simple Schlußkadenz. Kurz herrschte Stille, dann hoben sie beide gemeinsam an zu singen, wie es die Tradition verlangte. Ein langsamer Kanzionalsatz, voll Ehrfurcht und Demut zum Lobpreis der Götter. Dort, wo ihre Stimme, durch ihr Alter schon instabil und rau, zu versagen drohte, sprang er noch ein, half ihr, und fügte dann sanft und stützend eine zweite Stimme hinzu, wenn sie zurückgefunden hatte. In ihrer Brust erwachte Sehnsucht, und mit plötzlicher Klarheit wusste sie, daß sie verloren hatte. In dem er sich am Ende zurückstellte, in dem er sie stützte, anstelle ihre Schwäche auszunützen, würde er den Segen der Götter bekommen. Mit dieser Erkenntnis loderte Freude in ihr auf, Erleichterung, einen würdigen Nachfolger gefunden zu haben, und Glück über die Sicherheit, bald im Kreise ihrer Liebsten zu ruhen. Es war an der Zeit.<br />
<br />
Die letzten Töne verklangen dann  gemeinsam, einstimmig. Erst nach einiger Zeit nahmen sich beide ihre Augenbinden ab, schweigend, andächtig. Die Menschen um den Kreis herum saßen, noch verzaubert von dem Konzert, während fern am Horizont der Mond silbern aufging.<br />
<br />
Um sie herum schwand langsam das Leuchten der sichtbaren Musik, doch um ihn blieb es bewahrt, wirbelte und tanzte. Sie blieben sitzen, bewegungslos. Erst, als er allein erstrahlte im Dunkeln der Nacht, erst, als die Schatten sie ebenso verschluckt hatten wie alles andere, ging ein Raunen durch die Zuschauer, ein Zittern. Sie hingegen neigte still den Kopf. Ihr letzter Kampf.<br />
<br />
Mühsam stemmte sie sich auf die Beine, und es dauerte einige Momente, bis sie ihr Gleichgewicht fand und sich sicher war, daß ihre Füße die Last des Körpers tragen konnten. Dann erst ging sie auf ihren Gegner zu, der nun, durch die Musik, auch ihr Gefährte war, und verneigte sich vor ihm. Mit nun wieder ganz ruhigen Händen legte sie die Kette ihres Amtes um seinen Hals, reichte ihm ihre Instrumente, und ließ sich dann vor ihm auf ihr Knie niedersinken. Tiefe Ruhe erfüllte sie, und sie lächelte ihn, in dessen Augen nun Bereuen und Schmerz standen, an.<br />
<br />
„Verzeiht mir, Herrin.“, flüsterte er, und sie lachte leise, ein kleines, silbernes Lachen.<br />
„Es gibt keine Schuld. Ich danke Euch.“<br />
<br />
Ihr Lächeln blieb auf ihren Lippen, als das Schwert ihr Herz durchbohrte. Ihr Körper sank leblos auf den Boden, während er wieder Platz nahm, und weiterspielte, allein – zu ihren Ehren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Letztes Duell<br />
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Das gefrorene Gras knirschte unter ihren Füßen, als sie im ersten kalten Licht der morgendlichen Sonne auf die Wiese vor der Stadt trat. Eine schweigende Menge hatte sich bereits eingefunden, Männer, Frauen, Kinder, deren große Augen verdächtig feucht schimmerten. Nur selten einmal war leises, beinahe andächtiges Flüstern zu hören, meist überdeckt vom Pfeifen eines stürmischen Ostwindes, in dessen Atem Winter mitreiste, und es war beinahe tröstlich, die eisige Luft tief in ihre Lungen zu saugen – und sie lächelte. Es würde kommen, was kommen sollte.<br />
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Die Fläche inmitten der Zuschauer war kreisförmig und klein, kaum sechs Schritt im Durchmesser. Während sie sich ihr näherte, traten die Bürger auseinander, schweigend, besorgt, und bildeten ihr so eine Gasse. Im Augenwinkel sah sie die Hände, die schützend nach ihr ausgestreckt wurden, die spontanen Bewegungen, sie zurückzuhalten, doch bevor man sie berührte, sanken sie wieder hinab. Ein Raunen, Segenssprüche, kleine weiße Winterblumen, die ihr auf den Scheitel und vor die Füße geworfen wurden, wie Tränen, in Kälte erstarrt.<br />
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Wolken jagten über den Himmel, ein schnelles Wechselspiel von Licht und Schatten auf dem überzuckerten Gras und dem Dächermeer in ihrem Rücken. Als sie die Freifläche betrat, tauchte grade der Sonnengott hinter einer Wolke am fernen Horizont wieder auf und malte ein Strahlen auf die vernarbten, alten Wangen. Geblendet schloß sie die Augen, tauchte in das durchscheinende Blutrot ihrer Lider ein. Einige Augenblicke verstrichen, dann erst blinzelte sie wieder, und suchte nach ihm. Ihr Gegner stand ihr bereits gegenüber, ihr genaues Gegenteil – jung, strahlend schön, weiß gekleidet. Der Kontrast war perfekt, so sollte es sein.<br />
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Als der Jüngere und außerdem der Herausfordernde grüßte er sie zuerst, und mit einem huldvollen Kopfnicken nahm sie die Ehrung an. Seine grünen Augen funkelten keck, als er sie musterte – und sie sah sich selbst, gespiegelt in seinem Blick. Der gekrümmte, gebeugte Rücken, die erschlafften Muskeln. Jede Falte, jeder athritische Knoten an ihren Gelenken, besonders an den Händen, wurde ihr schmerzhaft in ihr Bewusstsein gezerrt, und sie verstand das erleichterte Zucken seiner Mundwinkel. Ihre Miene versteinerte. In all den Jahren, nach den vielen Kämpfen, die sie ausgefochten hatte, würde es sie nicht stören, wenn sie dieses Mal unterliegen würde. Es gab einen Teil in ihrer Brust, der längst des zerfallenden Körpers müde war, der die Verantwortung, die einer schweren Last gleich auf ihren Schultern ruhte, abgeben wollte. Vielleicht war er, der dort so unschuldig und jung vor ihr stand, derjenige, der ihr nicht nur die Macht nehmen, sondern auch Erlösung geben würde. Die Götter würden es fügen, wie sie es wünschten.<br />
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Von hinten trat ihr Sekundant an sie heran und reichte ihr den kleinen, niedrigen Schemel, der die traditionelle Kampfhaltung ermöglichte. Dankbar lächelte sie ihm zu, während sie sich darauf niederließ und die Füße vor sich kreuzte, wie es auch ihr Konkurrent nun tat. Neben ihr stellte man die schwarze Holztruhe mit ihrer Waffe ab, doch es war nicht an ihr zu beginnen. Noch einmal schloß sie die Augen, versenkte sich tief in sich hinein. Ruhe, wie das Meer, flüsterte und umschmeichelte ihre Seele, und jeder Atemzug ließ die Konzentration und Andacht tiefer werden. Was sie früher bei solchen Machtproben angetrieben hatte, der Wille, zu herrschen, zu unterwerfen, war schon seit Jahren in den dunklen Tiefen des Verlustes gemeinsam mit jenen ertrunken, die einst sie zu schützen geschworen hatte. Sie alle hatten, sei es durch Gewalt, Krankheit oder Alter die Schleier zu den Göttern durchschritten, und ihr Herz war verwaist, mit jedem Tod starb auch etwas von ihr. Bloße Loyalität zu ihren Bürgern und Bewusstsein ihrer Pflichten ließen sie seitdem jeden Morgen aufstehen, ließen sie arbeiten, regieren und eben diese unvermeidlichen Duelle ausführen, obwohl sie bei jedem hoffte, es möge das letzte sein.<br />
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„Herrin? Seid Ihr bereit?“<br />
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Die Stimme, welche sie aus ihren Gedanken riss, war melodisch und voll, ein warmer Bariton. Unwillkürlich huschte ein Schmunzeln über ihr Gesicht. Immerhin kein Tenor, das war schon ein guter Anfang. Tenöre neigten ihren Erfahrungen nach zur Selbstüberschätzung, und kamen zu früh, sie zu fordern, Bässe hingegen oft zu spät, wenn der Höhepunkt ihrer Kraft schon überschritten war. Vielleicht war dies ein gutes Zeichen.<br />
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„Aye. Ihr seid der Herausforderer, also habt Ihr das Recht des Anfangs. Ich bin gespannt.“<br />
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Nun lächelte auch er, dann erhob er sich und breitete die Arme zum Himmel aus.<br />
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„Aye, so sei es, wie es war und wie es sein wird. Es beginne. Mögen die Götter Weisheit und Inspiration demjenigen senden, der Ihrem Willen nach siegen möge.“<br />
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Nach dieser traditionellen Eröffnungsformel ließ er sich wieder auf seinen Schemel sinken. Von ihren Sekundanten wurde ihr wie ihm nun ein Seitentuch um die Augen gebunden in den jeweils gegenläufigen Farben – ihres war strahlend weiß, seines schwarz.<br />
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Ihre trotz des Alters noch feinen Ohren registrierten das Quietschen des Behältnisses, in welchem seine gewählte Waffe verstaut gewesen war, dann lauschte sie seinem Atem. Er ließ sich Zeit, vermutlich suchten seine nun blinden Hände nach Fehlern und Makeln, die gleich zu Beginn den Kampf entscheiden konnten. Ihre Spannung nahm zu, die wenigen Augenblicke dehnten sich in die Unendlichkeit. Es war nicht nur Furcht vor dem ersten Schlag, dem ersten Angriff, es war auch Neugier. Der Junge war bedachter als es die letzten gewesen waren, und somit versprach der heutige Kampf neben der Anstregung auch Vergnügen – sollte er ein wahrer Künstler sein, würde selbst die Niederlage ein Gewinn sein...<br />
<br />
Luft füllte vernehmlich und tief seine Lungen, und sie machte sich bereit, jede Muskelfaser gespannt. Jeden Fehler musste sie spüren, hören, analysieren, um seine Schwachstellen zu entdecken, und auch, wenn er keine Fehler machte, musste sie seine Perfektion fortsetzen. <br />
<br />
In der Sekunde, bevor er begann, kribbelte ihre Haut, der Wind schien für einen Moment zu verstummen, und dann kam der erste Ton. Er hatte als Waffe eine Viola gewählt, stimmvoll, warm und in der Mittellage, wenngleich kein virtuoses Instrument. Sie lauschte, während sein Bogen über die Seiten fuhr. Es war ein guter Geigenbauer gewesen, der dieser Bratsche ans Licht geholfen hatte, das war ihr rasch klar. Es war ein ungewöhnlich klarer Klang, besonders, und er beherrschte seine Technik gut. Jeder Ton war rein, beinahe so rein, daß es schmerzte, und in seinem Strich lagen Gefühl und Präzision. Das Thema, mit welchem er ihr Duell begann, war zunächst einfach und cantabel, galanter, tanzhafter Stil, wie eine leichte Volksweise aus ländlicher Gegend. Ein Hauch Wehmut schwang in den Seufzern mit, die in feinem pianissimo das ansonsten mezzoforte gespielte Liedchen durchbrachen, doch dann begann er freier, wilder zu spielen. Sein Tempo steigerte sich, der Rhythmus wurde schmaler, kleiner, bis aus dem lyrischen Beginn ein virtuoser, feuriger Freudentanz wurde, mit kühnen intervallsprüngen und trotz des Tempos sauber eingeführten und aufgelösten Dissonanzen.<br />
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Man hätte ihm noch ewig zuhören können. Sie verlor sich nahezu in seiner Musik, und erst, als ihr Knappe ihr die schmale Truhe unter die Hände schob, wurde ihr bewusst, daß sie nun bald parieren musste. Bei Kämpfen, in denen es um mehr als Ehrverteidigung oder einen Streit ging, gab es kein festgelegtes Schema, nach welchem sich die Duellanten abzuwechseln hatte. Es war jedoch eine Frage der Höflichkeit, daß man dem anderen Raum gab, in welchem er sich entfalten konnte – jedoch auch nicht zu viel, wollte man noch Durchführungsspielraum mit den vorgegebenen Motiven haben.<br />
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Ein wenig zitterten ihre Hände, als sie vorsichtig den Deckel abhob und forschend über das glatte Silber strich. Die Scharniere waren in der richtigen Einstellung, das Mundstück angefügt. Sie hob ihr Instrument an die Lippen, lauschte noch einmal konzentriert auf seine Melodieabläufe, dann fiel sie mit ein. Für einige Herzschläge harmonierten die Oboe und die Viola, dann zog er sich zurück, spielte eine öffnende Schlußkadenz und ließ die Bratsche verstummen. Nun war es ihr Angriff.<br />
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Zunächst war sie vorsichtig, spielte in dem harmonischen Rahmen, den er abgesteckt hatte. Sie griff seine Motivik auf, wie eine Reprise, dann wob sie Zwischendominanten, Spannungsfelder und kleine Verfremdungen mit ein. Hier ein wenig verkürzen, dort strecken, bis die harmonischen Wege breit genug waren, um auf ihrem gepflasterten Grunde eine andere Melodie mit einzubringen. Ihr Thema trug sich mit Traurigkeit schwanger, war schwer, müde und alt, und sie spielte es aus, bis sie aus den Zuschauerreihen um den Kampfplatz herum erste Schluchzer vernahm. Nun begann sie zu malen, mit Tönen zu beschreiben, wie aus Trauer Freude und aus Freude Trauer erwachsen kann, doch recht zufrieden war sie mit ihrer Antwort auf ihn nicht. Sie spürte es auch – es war nichts grandioses, was sie zu erwidern gewusst hatte, und so war sie beinahe froh, als sich ihren Oboentönen eine Geigenstimme unterlegte.<br />
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Diesmal hatte er ein Violoncello gewählt, tiefer, ein Instrument für Melancholie und Grundsatzüberlegungen, wie ihr Lehrer es ihr einst vor vielen Jahren dargelegt hatte. Wehmütig dachte sie an den weisen Barden zurück, hörte, wie sich seine Stimme und der Gesang des Cellos im Unterricht vermischten. Er hatte wie niemand sonst, den sie seitdem kennengelernt umd dem sie gelauscht hatte, die Fähigkeit gehabt, die Welt in Musik darzustellen. Doch solche Kunstfertigkeit gab es heute nicht mehr, die Musik verlor sich als bloßes Unterhaltungsmedium im Sog der Zeit. Nicht mehr viele wussten um ihre Macht.<br />
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Mit einem Kopfschütteln holte sie sich zurück in die Gegenwart, versuchte sich zu konzentrieren. Ihr Konkurrent griff ihre Thematik auf, doch war die Traurigkeit, die in der großen Oktave seines Cellos ihren Ausdruck fand, nicht so platt wie ihre, vielschichtiger. Er schwang die Melodie zu strahlenden Bändern, die sie durch ihre Augenbinde in dem Kreis tanzen sah. Es war eindeutig – im Moment lag er vorn.<br />
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Mit den Fingern bedeutete sie ihrem Gehilfen, was sie als nächstes zu spielen wünschte, dann fügte sie sich mit in die Melodie. Ihre Querflöte fügte dem wehmütigen Cellogesang das heitere Liedchen vom Anfang hinzu, und zusammen ließen sie die beiden unterschiedlichen Ideen, diskutieren, sich umkreisen. Manchmal näherten sie sich an, dann wieder entfernten sie sich voneinander. Es war ein Wettstreit, doch es war gleichzeitig Gemeinschaft – zusammen gegeneinander, getrennt vereint. Kontrapunkt und Generalbass, mal orgelpunktisch, mal motettisch, ein schnelles Ringen umd Antäuschen. Immer wieder flochten er oder sie neue Elemente mit ein, brachen aus, immer im Versuch, einen musikalischen Ort zu finden, an den der andere nicht zu folgen vermochte.<br />
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In fliegender Eile wechselten sie die Instrumente, er griff vom Cello zu einer Harfe, woraufhin sie mit einer Violine nachzog. Später erfand sie auf einem Waldhorn ein vollkommen neues, kontrastierendes Thema, welches mit majestätisch-königlicher Strahlkraft die Dunkelheit ihres eigenen Trauermotivs zerschmetterte. Nun funkelten zwischen den sichtbar gewordenen Klangbändern diamantene Sterne in ihrer Mitte, silbrig und rein. Er konterte mit einem auf einem Dudelsack vorgetragenen folkloristischen Motiv, tanzbar und unglaublich eingängig, so daß nach nur wenigen Minuten die Zuschauermenge mit selbst erfundenen Texten einfiel. Notgedrungen passte sie sich ihm dann an, indem sie mit einer Laute akkordische Begleitungen hinzufügte, die sie dann jedoch zunehmend abwandelte, bis er die Harmonik seines Gesangs nicht mehr halten konnte. In diese Phase brach sie mit solistischen Einlagen, nutzte seine kurze Unsicherheit, um mit brillanter Fingerfertigkeit zu beeindrucken. Es gelang ihr, zumindest kurzfristig, doch für diesen kurzen Triumph zahlte sie mit zunehmenden Schmerzen in den Fingergelenken, die ihre Schnelligkeit behinderten. Vielleicht würde es sogar nur dadurch entschieden werden – wer von ihnen beiden die längere Ausdauer besaß, schoß ihr kurz durch den Kopf. Sie hatte schon längst ihr Zeitgefühl verloren, wieviele Stunden sie dort schon kauerten und musizierten, wusste sie nicht mehr.<br />
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<br />
Es musste schon Abend sein, als sie beide zu den letzten Klangmitteln griffen, die sie dabei hatten. Die Kombination war sehr ungewöhnlich, und auch ihre Kreativität hatte deutlich abgenommen. In seinen Händen hielt er ein Glockenspiel, flirrend und hell in den Klängen, während sie zwischen ihren Knien eine kleine exotische Handtrommel eingeklemmt hatte, auf welchem sie mehr oder weniger monotone Rhythmen erzeugte, über welchen er fantasierte. Keiner von ihnen wollte aufgeben, doch waren sie beide am Ende ihrer Kapazitäten. Licht, manifestierte Musik, umreiste sie beide, formte Strudel, Gebilde, Figuren, doch war der Sieger noch immer nicht gekürt, nicht eindeutig. Die Götter hielten sich bedeckt.<br />
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Fast dachte sie, als hätte sie sich geirrt, so leise war die Frage, die über dem weiter klingelnden Glockenspiel an ihr Ohr drang.<br />
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„Herrin, wollen wir gemeinsam zum Ende kommen?“<br />
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Als Antwort ließ sie ihre Schläge langsamer werden, vereinfachte das Metrum, und er spielte eine simple Schlußkadenz. Kurz herrschte Stille, dann hoben sie beide gemeinsam an zu singen, wie es die Tradition verlangte. Ein langsamer Kanzionalsatz, voll Ehrfurcht und Demut zum Lobpreis der Götter. Dort, wo ihre Stimme, durch ihr Alter schon instabil und rau, zu versagen drohte, sprang er noch ein, half ihr, und fügte dann sanft und stützend eine zweite Stimme hinzu, wenn sie zurückgefunden hatte. In ihrer Brust erwachte Sehnsucht, und mit plötzlicher Klarheit wusste sie, daß sie verloren hatte. In dem er sich am Ende zurückstellte, in dem er sie stützte, anstelle ihre Schwäche auszunützen, würde er den Segen der Götter bekommen. Mit dieser Erkenntnis loderte Freude in ihr auf, Erleichterung, einen würdigen Nachfolger gefunden zu haben, und Glück über die Sicherheit, bald im Kreise ihrer Liebsten zu ruhen. Es war an der Zeit.<br />
<br />
Die letzten Töne verklangen dann  gemeinsam, einstimmig. Erst nach einiger Zeit nahmen sich beide ihre Augenbinden ab, schweigend, andächtig. Die Menschen um den Kreis herum saßen, noch verzaubert von dem Konzert, während fern am Horizont der Mond silbern aufging.<br />
<br />
Um sie herum schwand langsam das Leuchten der sichtbaren Musik, doch um ihn blieb es bewahrt, wirbelte und tanzte. Sie blieben sitzen, bewegungslos. Erst, als er allein erstrahlte im Dunkeln der Nacht, erst, als die Schatten sie ebenso verschluckt hatten wie alles andere, ging ein Raunen durch die Zuschauer, ein Zittern. Sie hingegen neigte still den Kopf. Ihr letzter Kampf.<br />
<br />
Mühsam stemmte sie sich auf die Beine, und es dauerte einige Momente, bis sie ihr Gleichgewicht fand und sich sicher war, daß ihre Füße die Last des Körpers tragen konnten. Dann erst ging sie auf ihren Gegner zu, der nun, durch die Musik, auch ihr Gefährte war, und verneigte sich vor ihm. Mit nun wieder ganz ruhigen Händen legte sie die Kette ihres Amtes um seinen Hals, reichte ihm ihre Instrumente, und ließ sich dann vor ihm auf ihr Knie niedersinken. Tiefe Ruhe erfüllte sie, und sie lächelte ihn, in dessen Augen nun Bereuen und Schmerz standen, an.<br />
<br />
„Verzeiht mir, Herrin.“, flüsterte er, und sie lachte leise, ein kleines, silbernes Lachen.<br />
„Es gibt keine Schuld. Ich danke Euch.“<br />
<br />
Ihr Lächeln blieb auf ihren Lippen, als das Schwert ihr Herz durchbohrte. Ihr Körper sank leblos auf den Boden, während er wieder Platz nahm, und weiterspielte, allein – zu ihren Ehren.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Im tanzenden Krug (Rael)]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6181.html</link>
			<pubDate>Tue, 12 May 2009 10:05:06 +0200</pubDate>
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			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im tanzenden Krug</span><br />
<br />
Die Taverne hätte gefüllt sein sollen, wie jeden Kaisertag. Doch war es dafür deutlich zu früh. Zu dieser Zeit kehrten die Huren wieder nach Hause zurück und die Märktler machten sich auf, ihre Ware anzupreisen und einen guten Handel abzuschließen. Die alternde Schenke, mit einem schief hängenden Holzschild, war von außen eher unscheinbar und doch versprach leises Gemurmel, Musik und interessanter Duft in den späten Abendstunden ein Erlebnis der besonderen Art. <br />
<br />
Die Reisenden verschlug es in diesen Teil Roms eher weniger, nur die Eingeweihten und die Ortskundigen suchten die schon leicht heruntergekommene Taverne auf. Im Inneren sah es nicht unbedingt besser aus als von außen. Die Abzüge der Kamine waren verrust und ein schwerer Dunst, vom Feuer und dem Eintopf, der im Kessel darüber köchelte, fraßen einen Großteil der Luft auf. Doch auch der Geruch nach Schweiß, Urin und Exkrementen ließen die Patrizier sofort wieder kehrt machen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Hier kehrte der Pöbel ein!</span><br />
<br />
Die Sonne ging bereits blutrot auf und tauchte ganz Rom in ein warmes Licht, ließ die Grausamkeiten der Nacht nicht gefährlich, ekelhaft oder gar abstoßend erscheinen. Die Kühle der Nacht schwand nur langsam und wenige Römer befanden sich auf den Straßen. Wer etwas auf sich hielt, schlief lange. Wer dies nicht tat, besuchte um diese Zeit den tanzenden Krug. <br />
<br />
Die mächtige Holztür öffnete sich knarrend, als die in einen dunklen Mantel gehüllte kleine Gestalt scheppernd eintrat. Der Wirt, der gerade aus seinem Suff hochschreckte, hob blinzelnd den Kopf und blickte den Neuankömmling aus großen, eulenartigen Augen an. Die Überreste der Nacht klebten ihm an der Stirn, während die Haare wirr zu Berge standen. Er wischte sich die Hände an seinem verdreckten Hemd ab und hinterließ, auch wenn dies fast nicht mehr möglich war, eine Fettspur. Er rülpste und ließ die Umwelt an seinem Mundgeruch teilhaben. Zudem offenbarte er dabei ein nahezu zahnloses Gebiss, und auch wenn es niemand für möglich hielt, steckten jedoch zwischen den Zahnstümpfen Essenesreste, die den Ankömmling auf ihre eigene, ganz besondere Art begrüßten.<br />
<br />
Der Fremde, kleingeraten in der Statur, trat an den Tresen und schob sich die Kaputze von seinem Haupt und blickte mit seiner übersichtlichen Größe den Mann von unten heran an. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Morgen Wirt. Ein Bier, aber schnell. Ich vergehe fast vor Durst.“</span>, brummte der Herr Zwerg, als welcher der Fremde nun deutlich zu erkennen war. Die Miene kaum verzogen, blitzten in dem überaus behaarten Gesicht zwei wachsame, jedoch überaus durstig wirkende Augen entgegen. Die Barthaare zu zwei Zöpfen gepflochten, auch das Haupthaar aus dem Gesicht gepflochten. Ein barbeißiges, wettergegerbtes Gesicht, derber wollener Mantelstoff unter dem Metall hervorblitzte. <br />
<br />
<span style="color: green;" class="mycode_color">“Morjn...</span>, nuschelt der Wirt, während er sich den Kopf hielt und laut  nach der Magd brüllte. Hier mußte noch einges gesäubert werden. Nunja vielleicht nicht einiges, sondern ein bißchen. Vielleicht mußte auch nur der Tresen gewischt werden. Oder aber man schlief noch eine Runde und vielleicht, aber auch nur vielleicht verschob man das aufräumen auf Morgen. Für die Leute im tanzenden Krug machte es sowieso keinen Unterschied, ob die Krüge gesäubert waren oder noch vom Vorabend eine alkoholische Kruste enthielten. <br />
<br />
Gymar, Sohn des Teralon, blickte den Wirt herausfordernd an. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Wirt, eil` Dich. Mein Durst wird nicht weniger. Und an Bezahlung wird es Dir nicht mangeln, wenn mein Krug immer schnell gefüllt wird.“</span> Der Wirt kehrte aus seinen Gedankengängen um die Sauberkeit seiner Kaschemme zurück (oder deren nicht-Vorhandensein) und blinzelte den Zwerg vor sich milde überrascht an. Er gähnte abermals und nickte. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Jaja, immer die kleinen Leute. Haben es immer eiliger als and`re, wenn`s um das Getränk der Götter geht.“</span> Mit geübten Handgriffen, die auch im schlimmsten Suff noch ausgeführt werden konnten, füllte der Wirt einen Krug Bier und stellte diesen vor dem Zwerg ab. Ein kleines Glas mit Bärenfang folgte, als hätte er es fertiggebracht, beide Getränke gleichzeitig zuzubereiten. <br />
<br />
Erst jetzt legte sich ein zufriedenes Lächeln auf das Gesicht des Zwergens und mit schneller Hand und festem Zug leerte er das Bärenfanggläschen. Sogleich setzte er den Krug mit Bier an. Den Schaum im Bart lassend, krachte der alsbald geleerte Krug auf den Tresen zurück. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Das gleiche nochmal!“</span>, brummte der Zwerg, der sich langsam entspannte und seine Schultermuskeln spielen ließ. <br />
<br />
Im hinteren Teil der Taverne ruckte das Gesicht eines altbekannten Kunden des tanzenden Kruges hoch und leicht glasige Augen blickten durch den Schankraum. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Bier? Bärenfang? Ich rieche Bärenfang! Gibts schon wieder was zu trinken? Hey da, Wirt! Für mich auch das gleiche, was der da hat.“</span>, rief Tiegam, Sohn des Marol, dem Wirt zu. Tiegam, seines Zeichens ebenfalls Zwerg, zeigte die Anzeichen einer durchzechten Nacht. Die  Barthaare standen wirr und in ihnen klebten die Reste einer Mahlzeit. Doch all das interessierte den Zwergen nicht, mehr interessierte ihn das Bier und den Bärenfang, welches vor dem anderen Zwerg stand und nicht vor ihm. <br />
<br />
Gymar blickte erstaunt über die Schulter, musterte den Zwerg ihm gegenüber, nickte diesem wortlos zu. Er hob den abermals gefüllten Krug, maß sein Gegenüber und leerte den Krug erneut mit wenigen Schlucken. Ehrgeiz keimte daraufhin in Tiegam auf und er blickte den Wirt wild an, da dieser Zeit brauchte, zu seinem Tisch zu stiefeln und ihm einen neuen, nicht wirklich frischen Krug mit Bärenfang hinzustellen. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Immer diese Eile... der Suff kommt schon noch früh genug!“</span>, grummelte dieser. <br />
<br />
Die Sonne wanderte auf dem Firmament weiter, der Tag nahm seinen Lauf und die Taverne füllte sich wieder. Der Alltag hatte begonnen, die „normale“ Kundschaft fand den Weg zurück in den tanzenden Krug. Gymar bekam davon jedoch nicht allzu viel mit. Er war zu sehr auf sein Bier, seinen Bärenfang konzentriert und ebenso darauf, schneller seinen Krug zu leeren, als der Zwerg am anderen Ende der Taverne. <br />
<br />
Sie sprachen nicht miteinander, sie maßen einander nur mit Blicken. Die unausgesprochene Herausforderung flimmerte zwischen den Beiden hin und her und sobald ein Krug, ein Glas geleert war, wurde ein neues geordert. Der Wirt und später sein Magd hatten alle Hände voll damit zu tun, die beiden Zwerge schnellstmöglich mit Getränken zu versorgen. Immer mehr Gläser, Krüge stapelten sich vor den Beiden und immer mehr Leute interessierten sich für den heimlichen Wettstreit der Beiden. Eine scheinbar magische Macht ließ stets einen Korridor zwischen den beiden Kontrahenten frei, als würde ein Abriss des Blickkontakts das Ende der Welt bedeuten. Wer würde zuerst dem Suff erlegen sein? Wer würde als erstes aufgeben? Gymar, der Fremde oder Tiegam, der Einheimische? Geld wechselte den Besitzer, Wetteinsätze wurden gemacht und doch schienen die Chancen der Beiden recht ausgeglichen.<br />
<br />
Die Taverne war gefüllt und  viele der Geräusche schwappten nach draußen. Leise Musik waberte durch den Schankraum, schien die beiden Kontrahenten noch weiter anzuheizen. Auch wenn der Musikmacher nicht für die Zwerge spielte, machte es den Eindruck, dass je schneller die Musik spielte, die Zwerge ebenso zügiger ihre Krüge und Gläser leerten. Unruhe kam in der Taverne auf und die Kundschaft des tanzenden Kruges ließe ihre Blicke von den beiden Zwergen zum Tresen wandern. Die Unruhe war dort zu lokalisieren und hatte eindeutig etwas mit den Zwergen zu tun. Der Wirt, mit hochrotem Kopf, tauchte unter dem Tresen auf, um sogleich wieder abzutauchen und laut fluchend ein Fass nach dem anderen umzuschichten. Worte des Wirts waren trotz des allgemeinen Getöses noch in der letzten Ecke zu hören. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Das kann doch nicht sein... sowas aber auch... ach du heilige Scheiße... verdammt noch eins... das auch leer.“</span> <br />
<br />
Die Sonne war bereits untergegangen und die Nacht hatte schon lange seine Schatten voraus geschickt. Es war der Moment, wo die Tür hinter einem neuen Gast ins Schloss fiel, als der Wirt unter dem Tresen auftauchte, mit hochrotem Gesicht und wirrem Blick zu den beiden Zwergen blickte. Unsicher, fast ängstlich räusperte er sich und erhob die Stimme über das allgemeine Getöse. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Alle...! Der Bärenfang ist alle! Dies ist die letzte Runde... oder eher das letzte Glas. Alle ist er.“</span>, sprach er mit bebender Stimme. Die letzten Worte zerbrachen, bevor sie seine Lippen verließen.<br />
<br />
Stille.<br />
<br />
Die anwesenden Säufer und Feiernden hatten das Gefühl, dass ganz Rom für einen Moment still stand. Kein Mucks war zu hören und die Blicke wanderten zu den Kontrahenten, die ein, zwei Momente brauchten, um die Worte des Wirtes zu realisieren. Die Krüge Bier und etlichen Gläser Bärenfang machten das Denken auch bei den Zwergen irgendwann langsamer. Doch annähernd zeitgleich sprangen beide auf, brüllten dem Wirt wortwörtlich das gleiche zu. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Hier! Ich! Ich bekomme den letzten Bärenfang!“</span> <span style="color: red;" class="mycode_color">“Hier. Ich! Ich bekomme den letzten Bärenfang!“</span>, brüllte es wie aus einem Munde. Der Blick des Wirts wanderte von einem Zwerg zum anderen, sein rechtes Augenlid zuckte und er leckte sich nervös über die Lippen. Er wollte sich nicht zwischen zwei Zwerge stellen, die einen Wettstreit miteinander ausfochten und so stellte er in der immer noch die Luft anhaltenden Taverne das letzte volle Glas auf den Tresen. <br />
<br />
<span style="color: green;" class="mycode_color">“Einigt euch!“</span>, waren die quiekenden Worte des Wirtes, der zurück trat und sich damit beschäftigte weiter Bier zu zapfen. Bloß weg von den Streithähnen, die sich Blicke zuwarfen, dass selbst die hartnäckigste Blume darunter verdorrt wäre. Gymar, der sich dem Ziel, dem Bärenfang sehr nahe sah, griff nach dem Glas und hob bereits die Hand, das Getränk zum Mund führend, als sich eine schwere Pranke auf seinen Arm legte. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Das ist <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">mein</span> Bärenfang.“</span>, sprach Tiegam, der sich unheimlich schnell aus seiner Ecke zum Tresen hinbewegt hatte. <br />
<br />
Gymar blickte in das entschlossene Gesicht Tiegams und nickte. Dies war ein Wettstreit. Hier galt es seine Ehre zu verteidigen. Es ging um das wichtigste im Leben eines Zwerges, um den Sieg des letzten Glases Bärenfang. Jeder der Zwergensippe würde dies verstehen und genau so handeln. Stolz und entschlossen streckte Gymar seinen kurzen Rücken durch, um sich zu seiner vollen Größe aufzubauen. Niemals, zu keinem Preis würde er das Glas aufgeben. Eher würde er sterben, schwor er sich. <br />
<br />
Tiegam schien ebenso entschlossen und grinste zufrieden, als Gymar das Glas losließ, blinzelte jedoch nur mäßig erstaunt, als dessen Hände zu seinem Hals ruckten. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Niemals. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Meiner!</span> Hörst Du. Nicht deiner, sondern <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">MEINER</span>!“</span>, brüllte Gymar voller Inbrunst. Tiegam ließ sich dies nicht zweimal sagen. Wenn ein Zwerg etwas genauso sehr liebte, wie den Bärenfang oder den Wettstreit des Saufens, dann war es eine zünftige Schlägerei. So dauerte es keinen Wimpernschlag und das Gerangel der beiden Zwerge wurde zu einer zwergengemäßen Auseinandersetzung, bei der die Hiebe vor nichts und niemandem Halt machten.<br />
<br />
Durch die Taverne ging ein Ruck, als der erste Schlag daneben ging und einen Unbeteiligten traf. Mit einem Mal prügelte sich jeder, Tritte, Bisse und gar fliegende Stühle waren das Bild, was ein Neuankommling erblicken sollte, so er durch die Tür oder gar das Fenster spähte. Doch alle Anwesenden waren mit spaßigem Ernst an der Sache. Nur für die beiden Zwerge war der Wettstreit zu bitterem Ernst geworden. Keiner von beiden würde freiwillig aufgeben, niemand würde nachgeben. Gymar hieb mit schwerer Faust, so dass Tiegams Nase knackte. Tiegam ließ einen Krug auf Gymars Kinn krachen, so dass Blut spritzte und die Scherben splitternd davonstoben. Doch Tiegam merkte, dass er in Gymar einen wahren Gegner gefunden hatte. Gymar war ein echter Zwerg, nicht so verweichlicht wie manch ein Mensch. Aus Verzweiflung ging er einen Schritt zu weit, griff die beiden Bartzöpfe und zog seinen Kontrahenten zu sich heran. Das Knie erhoben, um in das Gemächt des Gegners zu treten, suchte Gymar einen ähnlich gewagten Weg. Sein Jaulen, ob des Schmerzes am Barthaar war jedoch noch ein paar Straßen weiter zu vernehmen. <br />
<br />
Das Rangeln der Beiden wurde verzweifelter, ernsthafter, und beide fragten sich insgeheim, wann das Gegenüber eine Waffe ziehen würde. Tiegam war wieder jener, der diese Grenze als erstes überschritt und sein Messer zückte. Wie traf man einen Zwerg am ehesten? Man beschnitt ihn in seiner Ehre und seinem Stolz. Noch bevor Tiegam es sich versah, schnitt er mit einer fließenden Handbewegung einen der Zöpfe ab, die den Bartschmuck Gymars bildeten. Beide erstarrten im Getöse der Tavernenschlägerei. Tiegam blickte auf den Zopf in seiner Hand, das Messer, welches den Schnitt geführt hatte. Gymar blickte auf den Zopf, den Tiegam in der Hand hielt und seine Hand fuhr zu seinem Bart, der nur noch einseitig mit einem Zopf versehen war. <br />
<br />
Die Erkenntnis, zu weit gegangen zu sein, traf Tiegam wie ein Schlag ins Gesicht. Seine Knie knickten ein und er sank wie ein nasser Sack zu Boden. Gymar reagierte jedoch anders, als man annehmen mochte. Er griff sich den Bärenfang, hob das Glas und stürzte den Inhalt mit wenigen Schlücken hinunter. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Er starb wenigstens einen ehrvollen Tod!“</span>, gurgelte Gymar lauthals, lachte lieblos und klopfte Tiegam mit seinen Pranken auf die Schulter. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Komm, alter Freund. Es ist noch genug Bier zum zechen da. Lass uns den Tod eines guten Freundes begießen! Wirt! Zwei Krug Bier für mich und meinen Kumpel hier!“</span>, brüllte Gymar und lachte laut auf, als der Wirt nur langsam und unter Zögern unterm Tresen hervorkroch. <br />
<br />
Gymar klopfte Tiegam noch einmal auf die Schultern, als er mit einem feisten Grinsen in die Runde rief: <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Gewonnen! Ich bin ihm einen Bärenfang voraus!“</span> Einen weiteren Kampf gab es diese Nacht nicht mehr, denn ein Glück hatte der Wirt genug Bier vorrätig, dass es für zwei Zwerge und ein paar Menschen für mehr als eine Nacht reichen dürfte. Also mußte der Wirt am nächsten Morgen neuen Bärenfang UND neues Bier ordern. Doch er würde diese Nacht nicht vergessen, denn dies war die Nacht, in der er reich wurde.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im tanzenden Krug</span><br />
<br />
Die Taverne hätte gefüllt sein sollen, wie jeden Kaisertag. Doch war es dafür deutlich zu früh. Zu dieser Zeit kehrten die Huren wieder nach Hause zurück und die Märktler machten sich auf, ihre Ware anzupreisen und einen guten Handel abzuschließen. Die alternde Schenke, mit einem schief hängenden Holzschild, war von außen eher unscheinbar und doch versprach leises Gemurmel, Musik und interessanter Duft in den späten Abendstunden ein Erlebnis der besonderen Art. <br />
<br />
Die Reisenden verschlug es in diesen Teil Roms eher weniger, nur die Eingeweihten und die Ortskundigen suchten die schon leicht heruntergekommene Taverne auf. Im Inneren sah es nicht unbedingt besser aus als von außen. Die Abzüge der Kamine waren verrust und ein schwerer Dunst, vom Feuer und dem Eintopf, der im Kessel darüber köchelte, fraßen einen Großteil der Luft auf. Doch auch der Geruch nach Schweiß, Urin und Exkrementen ließen die Patrizier sofort wieder kehrt machen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Hier kehrte der Pöbel ein!</span><br />
<br />
Die Sonne ging bereits blutrot auf und tauchte ganz Rom in ein warmes Licht, ließ die Grausamkeiten der Nacht nicht gefährlich, ekelhaft oder gar abstoßend erscheinen. Die Kühle der Nacht schwand nur langsam und wenige Römer befanden sich auf den Straßen. Wer etwas auf sich hielt, schlief lange. Wer dies nicht tat, besuchte um diese Zeit den tanzenden Krug. <br />
<br />
Die mächtige Holztür öffnete sich knarrend, als die in einen dunklen Mantel gehüllte kleine Gestalt scheppernd eintrat. Der Wirt, der gerade aus seinem Suff hochschreckte, hob blinzelnd den Kopf und blickte den Neuankömmling aus großen, eulenartigen Augen an. Die Überreste der Nacht klebten ihm an der Stirn, während die Haare wirr zu Berge standen. Er wischte sich die Hände an seinem verdreckten Hemd ab und hinterließ, auch wenn dies fast nicht mehr möglich war, eine Fettspur. Er rülpste und ließ die Umwelt an seinem Mundgeruch teilhaben. Zudem offenbarte er dabei ein nahezu zahnloses Gebiss, und auch wenn es niemand für möglich hielt, steckten jedoch zwischen den Zahnstümpfen Essenesreste, die den Ankömmling auf ihre eigene, ganz besondere Art begrüßten.<br />
<br />
Der Fremde, kleingeraten in der Statur, trat an den Tresen und schob sich die Kaputze von seinem Haupt und blickte mit seiner übersichtlichen Größe den Mann von unten heran an. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Morgen Wirt. Ein Bier, aber schnell. Ich vergehe fast vor Durst.“</span>, brummte der Herr Zwerg, als welcher der Fremde nun deutlich zu erkennen war. Die Miene kaum verzogen, blitzten in dem überaus behaarten Gesicht zwei wachsame, jedoch überaus durstig wirkende Augen entgegen. Die Barthaare zu zwei Zöpfen gepflochten, auch das Haupthaar aus dem Gesicht gepflochten. Ein barbeißiges, wettergegerbtes Gesicht, derber wollener Mantelstoff unter dem Metall hervorblitzte. <br />
<br />
<span style="color: green;" class="mycode_color">“Morjn...</span>, nuschelt der Wirt, während er sich den Kopf hielt und laut  nach der Magd brüllte. Hier mußte noch einges gesäubert werden. Nunja vielleicht nicht einiges, sondern ein bißchen. Vielleicht mußte auch nur der Tresen gewischt werden. Oder aber man schlief noch eine Runde und vielleicht, aber auch nur vielleicht verschob man das aufräumen auf Morgen. Für die Leute im tanzenden Krug machte es sowieso keinen Unterschied, ob die Krüge gesäubert waren oder noch vom Vorabend eine alkoholische Kruste enthielten. <br />
<br />
Gymar, Sohn des Teralon, blickte den Wirt herausfordernd an. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Wirt, eil` Dich. Mein Durst wird nicht weniger. Und an Bezahlung wird es Dir nicht mangeln, wenn mein Krug immer schnell gefüllt wird.“</span> Der Wirt kehrte aus seinen Gedankengängen um die Sauberkeit seiner Kaschemme zurück (oder deren nicht-Vorhandensein) und blinzelte den Zwerg vor sich milde überrascht an. Er gähnte abermals und nickte. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Jaja, immer die kleinen Leute. Haben es immer eiliger als and`re, wenn`s um das Getränk der Götter geht.“</span> Mit geübten Handgriffen, die auch im schlimmsten Suff noch ausgeführt werden konnten, füllte der Wirt einen Krug Bier und stellte diesen vor dem Zwerg ab. Ein kleines Glas mit Bärenfang folgte, als hätte er es fertiggebracht, beide Getränke gleichzeitig zuzubereiten. <br />
<br />
Erst jetzt legte sich ein zufriedenes Lächeln auf das Gesicht des Zwergens und mit schneller Hand und festem Zug leerte er das Bärenfanggläschen. Sogleich setzte er den Krug mit Bier an. Den Schaum im Bart lassend, krachte der alsbald geleerte Krug auf den Tresen zurück. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Das gleiche nochmal!“</span>, brummte der Zwerg, der sich langsam entspannte und seine Schultermuskeln spielen ließ. <br />
<br />
Im hinteren Teil der Taverne ruckte das Gesicht eines altbekannten Kunden des tanzenden Kruges hoch und leicht glasige Augen blickten durch den Schankraum. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Bier? Bärenfang? Ich rieche Bärenfang! Gibts schon wieder was zu trinken? Hey da, Wirt! Für mich auch das gleiche, was der da hat.“</span>, rief Tiegam, Sohn des Marol, dem Wirt zu. Tiegam, seines Zeichens ebenfalls Zwerg, zeigte die Anzeichen einer durchzechten Nacht. Die  Barthaare standen wirr und in ihnen klebten die Reste einer Mahlzeit. Doch all das interessierte den Zwergen nicht, mehr interessierte ihn das Bier und den Bärenfang, welches vor dem anderen Zwerg stand und nicht vor ihm. <br />
<br />
Gymar blickte erstaunt über die Schulter, musterte den Zwerg ihm gegenüber, nickte diesem wortlos zu. Er hob den abermals gefüllten Krug, maß sein Gegenüber und leerte den Krug erneut mit wenigen Schlucken. Ehrgeiz keimte daraufhin in Tiegam auf und er blickte den Wirt wild an, da dieser Zeit brauchte, zu seinem Tisch zu stiefeln und ihm einen neuen, nicht wirklich frischen Krug mit Bärenfang hinzustellen. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Immer diese Eile... der Suff kommt schon noch früh genug!“</span>, grummelte dieser. <br />
<br />
Die Sonne wanderte auf dem Firmament weiter, der Tag nahm seinen Lauf und die Taverne füllte sich wieder. Der Alltag hatte begonnen, die „normale“ Kundschaft fand den Weg zurück in den tanzenden Krug. Gymar bekam davon jedoch nicht allzu viel mit. Er war zu sehr auf sein Bier, seinen Bärenfang konzentriert und ebenso darauf, schneller seinen Krug zu leeren, als der Zwerg am anderen Ende der Taverne. <br />
<br />
Sie sprachen nicht miteinander, sie maßen einander nur mit Blicken. Die unausgesprochene Herausforderung flimmerte zwischen den Beiden hin und her und sobald ein Krug, ein Glas geleert war, wurde ein neues geordert. Der Wirt und später sein Magd hatten alle Hände voll damit zu tun, die beiden Zwerge schnellstmöglich mit Getränken zu versorgen. Immer mehr Gläser, Krüge stapelten sich vor den Beiden und immer mehr Leute interessierten sich für den heimlichen Wettstreit der Beiden. Eine scheinbar magische Macht ließ stets einen Korridor zwischen den beiden Kontrahenten frei, als würde ein Abriss des Blickkontakts das Ende der Welt bedeuten. Wer würde zuerst dem Suff erlegen sein? Wer würde als erstes aufgeben? Gymar, der Fremde oder Tiegam, der Einheimische? Geld wechselte den Besitzer, Wetteinsätze wurden gemacht und doch schienen die Chancen der Beiden recht ausgeglichen.<br />
<br />
Die Taverne war gefüllt und  viele der Geräusche schwappten nach draußen. Leise Musik waberte durch den Schankraum, schien die beiden Kontrahenten noch weiter anzuheizen. Auch wenn der Musikmacher nicht für die Zwerge spielte, machte es den Eindruck, dass je schneller die Musik spielte, die Zwerge ebenso zügiger ihre Krüge und Gläser leerten. Unruhe kam in der Taverne auf und die Kundschaft des tanzenden Kruges ließe ihre Blicke von den beiden Zwergen zum Tresen wandern. Die Unruhe war dort zu lokalisieren und hatte eindeutig etwas mit den Zwergen zu tun. Der Wirt, mit hochrotem Kopf, tauchte unter dem Tresen auf, um sogleich wieder abzutauchen und laut fluchend ein Fass nach dem anderen umzuschichten. Worte des Wirts waren trotz des allgemeinen Getöses noch in der letzten Ecke zu hören. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Das kann doch nicht sein... sowas aber auch... ach du heilige Scheiße... verdammt noch eins... das auch leer.“</span> <br />
<br />
Die Sonne war bereits untergegangen und die Nacht hatte schon lange seine Schatten voraus geschickt. Es war der Moment, wo die Tür hinter einem neuen Gast ins Schloss fiel, als der Wirt unter dem Tresen auftauchte, mit hochrotem Gesicht und wirrem Blick zu den beiden Zwergen blickte. Unsicher, fast ängstlich räusperte er sich und erhob die Stimme über das allgemeine Getöse. <span style="color: green;" class="mycode_color">“Alle...! Der Bärenfang ist alle! Dies ist die letzte Runde... oder eher das letzte Glas. Alle ist er.“</span>, sprach er mit bebender Stimme. Die letzten Worte zerbrachen, bevor sie seine Lippen verließen.<br />
<br />
Stille.<br />
<br />
Die anwesenden Säufer und Feiernden hatten das Gefühl, dass ganz Rom für einen Moment still stand. Kein Mucks war zu hören und die Blicke wanderten zu den Kontrahenten, die ein, zwei Momente brauchten, um die Worte des Wirtes zu realisieren. Die Krüge Bier und etlichen Gläser Bärenfang machten das Denken auch bei den Zwergen irgendwann langsamer. Doch annähernd zeitgleich sprangen beide auf, brüllten dem Wirt wortwörtlich das gleiche zu. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Hier! Ich! Ich bekomme den letzten Bärenfang!“</span> <span style="color: red;" class="mycode_color">“Hier. Ich! Ich bekomme den letzten Bärenfang!“</span>, brüllte es wie aus einem Munde. Der Blick des Wirts wanderte von einem Zwerg zum anderen, sein rechtes Augenlid zuckte und er leckte sich nervös über die Lippen. Er wollte sich nicht zwischen zwei Zwerge stellen, die einen Wettstreit miteinander ausfochten und so stellte er in der immer noch die Luft anhaltenden Taverne das letzte volle Glas auf den Tresen. <br />
<br />
<span style="color: green;" class="mycode_color">“Einigt euch!“</span>, waren die quiekenden Worte des Wirtes, der zurück trat und sich damit beschäftigte weiter Bier zu zapfen. Bloß weg von den Streithähnen, die sich Blicke zuwarfen, dass selbst die hartnäckigste Blume darunter verdorrt wäre. Gymar, der sich dem Ziel, dem Bärenfang sehr nahe sah, griff nach dem Glas und hob bereits die Hand, das Getränk zum Mund führend, als sich eine schwere Pranke auf seinen Arm legte. <span style="color: red;" class="mycode_color">“Das ist <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">mein</span> Bärenfang.“</span>, sprach Tiegam, der sich unheimlich schnell aus seiner Ecke zum Tresen hinbewegt hatte. <br />
<br />
Gymar blickte in das entschlossene Gesicht Tiegams und nickte. Dies war ein Wettstreit. Hier galt es seine Ehre zu verteidigen. Es ging um das wichtigste im Leben eines Zwerges, um den Sieg des letzten Glases Bärenfang. Jeder der Zwergensippe würde dies verstehen und genau so handeln. Stolz und entschlossen streckte Gymar seinen kurzen Rücken durch, um sich zu seiner vollen Größe aufzubauen. Niemals, zu keinem Preis würde er das Glas aufgeben. Eher würde er sterben, schwor er sich. <br />
<br />
Tiegam schien ebenso entschlossen und grinste zufrieden, als Gymar das Glas losließ, blinzelte jedoch nur mäßig erstaunt, als dessen Hände zu seinem Hals ruckten. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Niemals. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Meiner!</span> Hörst Du. Nicht deiner, sondern <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">MEINER</span>!“</span>, brüllte Gymar voller Inbrunst. Tiegam ließ sich dies nicht zweimal sagen. Wenn ein Zwerg etwas genauso sehr liebte, wie den Bärenfang oder den Wettstreit des Saufens, dann war es eine zünftige Schlägerei. So dauerte es keinen Wimpernschlag und das Gerangel der beiden Zwerge wurde zu einer zwergengemäßen Auseinandersetzung, bei der die Hiebe vor nichts und niemandem Halt machten.<br />
<br />
Durch die Taverne ging ein Ruck, als der erste Schlag daneben ging und einen Unbeteiligten traf. Mit einem Mal prügelte sich jeder, Tritte, Bisse und gar fliegende Stühle waren das Bild, was ein Neuankommling erblicken sollte, so er durch die Tür oder gar das Fenster spähte. Doch alle Anwesenden waren mit spaßigem Ernst an der Sache. Nur für die beiden Zwerge war der Wettstreit zu bitterem Ernst geworden. Keiner von beiden würde freiwillig aufgeben, niemand würde nachgeben. Gymar hieb mit schwerer Faust, so dass Tiegams Nase knackte. Tiegam ließ einen Krug auf Gymars Kinn krachen, so dass Blut spritzte und die Scherben splitternd davonstoben. Doch Tiegam merkte, dass er in Gymar einen wahren Gegner gefunden hatte. Gymar war ein echter Zwerg, nicht so verweichlicht wie manch ein Mensch. Aus Verzweiflung ging er einen Schritt zu weit, griff die beiden Bartzöpfe und zog seinen Kontrahenten zu sich heran. Das Knie erhoben, um in das Gemächt des Gegners zu treten, suchte Gymar einen ähnlich gewagten Weg. Sein Jaulen, ob des Schmerzes am Barthaar war jedoch noch ein paar Straßen weiter zu vernehmen. <br />
<br />
Das Rangeln der Beiden wurde verzweifelter, ernsthafter, und beide fragten sich insgeheim, wann das Gegenüber eine Waffe ziehen würde. Tiegam war wieder jener, der diese Grenze als erstes überschritt und sein Messer zückte. Wie traf man einen Zwerg am ehesten? Man beschnitt ihn in seiner Ehre und seinem Stolz. Noch bevor Tiegam es sich versah, schnitt er mit einer fließenden Handbewegung einen der Zöpfe ab, die den Bartschmuck Gymars bildeten. Beide erstarrten im Getöse der Tavernenschlägerei. Tiegam blickte auf den Zopf in seiner Hand, das Messer, welches den Schnitt geführt hatte. Gymar blickte auf den Zopf, den Tiegam in der Hand hielt und seine Hand fuhr zu seinem Bart, der nur noch einseitig mit einem Zopf versehen war. <br />
<br />
Die Erkenntnis, zu weit gegangen zu sein, traf Tiegam wie ein Schlag ins Gesicht. Seine Knie knickten ein und er sank wie ein nasser Sack zu Boden. Gymar reagierte jedoch anders, als man annehmen mochte. Er griff sich den Bärenfang, hob das Glas und stürzte den Inhalt mit wenigen Schlücken hinunter. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Er starb wenigstens einen ehrvollen Tod!“</span>, gurgelte Gymar lauthals, lachte lieblos und klopfte Tiegam mit seinen Pranken auf die Schulter. <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Komm, alter Freund. Es ist noch genug Bier zum zechen da. Lass uns den Tod eines guten Freundes begießen! Wirt! Zwei Krug Bier für mich und meinen Kumpel hier!“</span>, brüllte Gymar und lachte laut auf, als der Wirt nur langsam und unter Zögern unterm Tresen hervorkroch. <br />
<br />
Gymar klopfte Tiegam noch einmal auf die Schultern, als er mit einem feisten Grinsen in die Runde rief: <span style="color: teal;" class="mycode_color">“Gewonnen! Ich bin ihm einen Bärenfang voraus!“</span> Einen weiteren Kampf gab es diese Nacht nicht mehr, denn ein Glück hatte der Wirt genug Bier vorrätig, dass es für zwei Zwerge und ein paar Menschen für mehr als eine Nacht reichen dürfte. Also mußte der Wirt am nächsten Morgen neuen Bärenfang UND neues Bier ordern. Doch er würde diese Nacht nicht vergessen, denn dies war die Nacht, in der er reich wurde.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Der letzte Kampf (Awele)]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6158.html</link>
			<pubDate>Wed, 06 May 2009 06:29:34 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-6158.html</guid>
			<description><![CDATA[Der letzte Kampf<br />
<br />
Heute zeigte die Sonne ihr wahres Gesicht. Heiß brannte Sie auf die Köpfe der Zuschauer, die sich nicht in den Schatten verkriechen konnten. Trotzdem waren sie in Scharen gekommen, um den Kampf zu sehen. Groß und Klein, Jung und Alt, Arm und Reich. Alle Schichten versammelten sich in der Arena um Tod und Verderben mit eigenen Augen verfolgen zu können. Sie hasste diesen Abschaum. Ergötzen sich an grausamen Toden und hofften nur, dass sie endlich unterlag. Aber den Gefallen würde sie ihnen nicht tun.<br />
Auch Lialin litt unter der Sonne. Trotz ihrer stark sonnengebräunten Haut und ihrem jahrelangen Training, war dieser Tag besonders anstrengend. Der Sand brannte unter den Füßen und die Sonne blendete und ihr Gegner stand immer noch. Zwar keuchend und frustriert, aber er stand noch. Immerhin hatte er sie noch kein Mal getroffen, blutete aber selber aus 2 Wunden, die ihr Dolch ihm zugefügt hatte. Sie waren nicht tödlich, aber sicher schmerzhaft. Beim letzten Mal hatte sie nur knapp seine Leber verfehlt. Der Helm eines Soldaten hatte sie geblendet, und sie einen Moment zögern lassen. Genug um wenige Zentimeter für ihren Gegner wettzumachen und sein Leben zu schonen.<br />
Selber schon total abgekämpft, nahm Lialin nochmal all ihre Kraft zusammen und begann leichtfüßig um ihren Gegner herum zu tänzeln. Er war groß und sehr muskulös, und leicht reizbar. Ihre Art zu Kämpfen verärgerte ihn maßlos. Das nutzte sie aus, sie wartete nur auf den nächsten kopflos geführten Schlag. Seine Sehnen und Adern pulsierten sichtbar, als er sein Kurzschwert fester ergriff und zu einem neuen Angriff auf Lialin ausholte. Mit einem wütenden Schrei aus seinem verzerrten Gesicht, raste das Schwert auf Lialin zu. Der Schlag wäre tödlich, wenn sie jetzt nicht pariert oder ausweicht. In aller letzten Sekunde, mit Unterstützung eines großen Raunens aus der Publikumsmenge, pariert sie den Schlag mit ihrem Hakendolch. Mit einer geschickten Bewegung verkeilt sie das Schwert ihres Gegners. Einiger Kraftaufwand und eine ruckartige Bewegung später, zerbricht letztendlich das Kurzschwert des Hünen. Ein Jubeln und Raunen geht durch die Reihen, während ihr Gegner Hassverzehrt auf sie niederblickt. Ja niederblickt. Immerhin ist Lialin sicher zwei Köpfe kleiner als Ihr Gegner und durchaus schmächtiger, dafür aber umso flinker, wie sie gerade bewiesen hat. Rasend vor Wut stürmt der „Riese“ sein Schild voran auf sie zu. Mit etwas Glück kann Lialin dem vollen Aufprall ausweichen, wird aber trotzdem am Arm getroffen und zur Seite geschleudert. „Du Ratte ich mach dich fertig“, hört sie den Rasenden einige Meter entfernt zornig rufen. Er ist stehen geblieben um umzukehren. Mit großen Schritten läuft er auf die am Bodenliegende zu. Ihr linker Arm schmerzt höllisch, ihren Parierdolch kann sie erstmal vergessen. Verdammt wenn er sich jetzt auf mich wirft ist vorbei. Hoffentlich ist nichts gebrochen denkt, sie während sie sich aufrappelt und ihren Dolch in der rechten Hand fest ergreift. Nochmal wird er das nicht schaffen, diesmal wird sie ihn erledigen. Alle guten Dinge sind drei.<br />
Geschickt weicht sie dem Heranlaufenden aus, bringt sich hinter ihn in Stellung und rammt ihrem Dolch in sein Genick. Knackend bricht es. Die Menge beginnt zu schreien und zu jubeln, ihren Namen rufend, während er Hüne langsam auf dem großen Sandplatz zusammenbricht. Die junge Frau unbeeindruckt von der Menge, sammelt ihre Waffen ein und begibt sich zum Ausgang. Sie ist nicht stolz wieder einen Menschen getötet zu haben. Sie will sich nicht feiern lassen. Die Schmerzen in ihrem Arm lassen langsam wieder nach. Doch nun merkt sie, ihren Durst und die Erschöpfung, die sich in ihrem Körper breit macht. So heiß war es seit Jahren nicht mehr.<br />
<br />
In jener Nacht lag Lialin wach in ihrem Bett, eigentlich sollte sie schlafen, Morgen war ein wichtiger Tag, aber sie hatte Angst. Angst vor dem was passiert, wenn sie gewinnen würde. Seid ihrem 7. Lebensjahr war sie hier. Anfangs machte sie Aufgaben der Dienersklaven. Putzen, Wäsche waschen, den Gladiatoren Speis und Trank bringen, Verbände wechseln, Waffen und Rüstungen pflegen. Halt alles was in der Gladiatorenschule anfiel. Vorher genoss sie das Leben einer verwöhnten Händlertochter. Sie hatte alles, und brauchte nichts tun. Bis sie auf einer Überfahrt in die Hände von Piraten fielen. Die Idee eine Frau auszubilden kam dem Herrn wohl nur zufällig. Das Leben als Dienersklavin war hart, aber die Ausbildung zur Gladiatorin umso härter. Keiner nahm Rücksicht, keiner schätzte sie. Die Trainingsjahre waren die schlimmsten. Erst als sie jeder Erwartung entgegen die ersten Kämpfe in der Arena überlebte, begann ihr Ansehen zu steigen. Und nun stand sie vor ihrem letzten Kampf in der Arena als Sklavin. Sie konnte danach weitermachen, sie konnte aber auch fort gehen und ein Leben als freie Frau genießen. Und genau davor hatte sie Angst. Wenn sie nicht weiterkämpfen würde, hätte sie kein Geld. Sie würde also noch länger in der Arena gefangen sein. Ihre ganzen Freunde, und Vertrauten würde sie nur in der Arena wiedersehen. Sie wäre allein. Sie war einfach nicht vorbereitet auf ein Leben nach der Arena. „Was soll ich nur machen“, flüstert sie immer wieder in den Raum, während sie endgültig einschläft.<br />
<br />
Dieses Mal war es noch heißer, und die Arena noch voller. Alle wollten sehen ob Lialin heute gewinnt um in die Freiheit zu gehen oder erstmalig besiegt wird. Heute hatte sie eine Gegnerin. Das kam selten vor. Sie genoss wie Lialin ein hohes Ansehen und hatte bisher noch nie unterlegen. Igraine kämpfte mit Speer und Netz. Daher konnte Lialin heute nicht mit Dolch und Parierdolch gegen sie antreten. Sie entschied sich für den Kettenstab um wie ihre Gegnerin eine hohe Distanzklasse zu haben. An der Seite trug sie trotzdem ihren Dolch. Nur das Netz machte ihr Sorgen. Sie musste ihm unbedingt ausweichen. Oft hatte sie schon Gladiatoren in Netzen grausam zu Tode gehen sehen. Und so wollte sie auf keinen Fall enden. Entschlossen nicht durch Igraine‘s Hand zu sterben betrat Lialin mit dem Jubeln der Menge den Platz. Nach wenigen Schritten brannten Ihre Füße. Die Sonne strahlte brutal auf ihr Haupt. Es musste schnell gehen, bevor die Sonne ihre Arbeit tat. Auch Igraine betrat den Platz, ebenfalls wild entschlossen. „Möge die Bessere Gewinnen, ein Kampf bis aufs Dritte Blut“, rief der Kaiser und der Kampf begann.<br />
Igraine war hübscher und etwas größer und muskulöser als Lialin, aber von Äußerlichkeiten hatte Lialin sich noch nie beeindrucken lassen. „Na, du glaubst doch nicht wirklich das hier zu überleben“, zog Igraine Lialin auf und attackierte sie sofort mit ihrem Speer. Etwas überrumpelt weicht Lialin aus. So ist das also, denkt sie und ist wieder voll da. Immer ein Auge wachsam auf das Netz gerichtet, beginnt sie ihren Stab zu drehen um die Enden auf Geschwindigkeit zubringen. Mir drei Raschen Schritten überwindet sie den Speer ihrer Gegnerin und attackiert diese mit ihrem Stab. „Verflucht“, mit einem Satz springt Igraine aus Lialin’s Reichweite und wirft das Netz nach ihr. Lialin die mit dem Angriff gerechnet hatte, versucht dem Netz auszuweichen. Knapp verfehlt das Netz ihr Bein und fällt laut auf den Boden. Die Menge stöhnt vor Enttäuschung. Lilian kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Doch schon dieser Kurze Kampf hat sie sichtlich erschöpft. Das Wetter ist nicht fürs Kämpfen. Sie würde dem Publikum heute keine große Show bieten. Sie wollte es einfach beenden. Igraine die ebenfalls schon abgekämpft war, stürmt den Speer voran auf Lialin zu. „Zeit zu sterben“, brüllt sie. „Ja du hast Recht“, mit diesen Worten zieht Lialin ihren Dolch und schleudert ihn Igraine entgegen. Diese war nicht mehr in der Lage auszuweichen und unter lauten Schmerzensschreien erkennt sie den Dolch der in ihrem rechten Auge sitzt. Mit letzter Kraft weicht Lialin dem herankommenden Speer aus, springt auf Igraine zu und stößt ihr den Dolch mit einem kräftigen Ellenbogenhieb bis zum Anschlag ins Auge. Noch versuchend etwas zu sagen, sinkt Igraine zu Boden. Die Menge ist am Rasen. Immer lauter wird Lialin’s Name gerufen.<br />
Doch diese kniet in der Arena und weint. Verzweifelt über die Tode die sie gebracht hat, verzweifelt über die Ungewissheit über das was kommen mag. „Lialin, Lialin“. Immer noch brüllt die Menge. Die ersten Menschen kommen aus den Ausgängen der Arena auf sie zugelaufen. Wollen sie beglückwünschen, auf Händen tragen.<br />
Mit Tränen in den Augen, nimmt sie ihren Dolch und stößt ihn sich ins Herz. „Jetzt bin ich frei“, murmelt sie noch, während sie auf den Rücken sinkt. Einen letzten Atemzug haucht Lialin noch aus, die Tränen auf ihren Wangen sind schon getrocknet. Es ist ein sehr heißer Tag.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Der letzte Kampf<br />
<br />
Heute zeigte die Sonne ihr wahres Gesicht. Heiß brannte Sie auf die Köpfe der Zuschauer, die sich nicht in den Schatten verkriechen konnten. Trotzdem waren sie in Scharen gekommen, um den Kampf zu sehen. Groß und Klein, Jung und Alt, Arm und Reich. Alle Schichten versammelten sich in der Arena um Tod und Verderben mit eigenen Augen verfolgen zu können. Sie hasste diesen Abschaum. Ergötzen sich an grausamen Toden und hofften nur, dass sie endlich unterlag. Aber den Gefallen würde sie ihnen nicht tun.<br />
Auch Lialin litt unter der Sonne. Trotz ihrer stark sonnengebräunten Haut und ihrem jahrelangen Training, war dieser Tag besonders anstrengend. Der Sand brannte unter den Füßen und die Sonne blendete und ihr Gegner stand immer noch. Zwar keuchend und frustriert, aber er stand noch. Immerhin hatte er sie noch kein Mal getroffen, blutete aber selber aus 2 Wunden, die ihr Dolch ihm zugefügt hatte. Sie waren nicht tödlich, aber sicher schmerzhaft. Beim letzten Mal hatte sie nur knapp seine Leber verfehlt. Der Helm eines Soldaten hatte sie geblendet, und sie einen Moment zögern lassen. Genug um wenige Zentimeter für ihren Gegner wettzumachen und sein Leben zu schonen.<br />
Selber schon total abgekämpft, nahm Lialin nochmal all ihre Kraft zusammen und begann leichtfüßig um ihren Gegner herum zu tänzeln. Er war groß und sehr muskulös, und leicht reizbar. Ihre Art zu Kämpfen verärgerte ihn maßlos. Das nutzte sie aus, sie wartete nur auf den nächsten kopflos geführten Schlag. Seine Sehnen und Adern pulsierten sichtbar, als er sein Kurzschwert fester ergriff und zu einem neuen Angriff auf Lialin ausholte. Mit einem wütenden Schrei aus seinem verzerrten Gesicht, raste das Schwert auf Lialin zu. Der Schlag wäre tödlich, wenn sie jetzt nicht pariert oder ausweicht. In aller letzten Sekunde, mit Unterstützung eines großen Raunens aus der Publikumsmenge, pariert sie den Schlag mit ihrem Hakendolch. Mit einer geschickten Bewegung verkeilt sie das Schwert ihres Gegners. Einiger Kraftaufwand und eine ruckartige Bewegung später, zerbricht letztendlich das Kurzschwert des Hünen. Ein Jubeln und Raunen geht durch die Reihen, während ihr Gegner Hassverzehrt auf sie niederblickt. Ja niederblickt. Immerhin ist Lialin sicher zwei Köpfe kleiner als Ihr Gegner und durchaus schmächtiger, dafür aber umso flinker, wie sie gerade bewiesen hat. Rasend vor Wut stürmt der „Riese“ sein Schild voran auf sie zu. Mit etwas Glück kann Lialin dem vollen Aufprall ausweichen, wird aber trotzdem am Arm getroffen und zur Seite geschleudert. „Du Ratte ich mach dich fertig“, hört sie den Rasenden einige Meter entfernt zornig rufen. Er ist stehen geblieben um umzukehren. Mit großen Schritten läuft er auf die am Bodenliegende zu. Ihr linker Arm schmerzt höllisch, ihren Parierdolch kann sie erstmal vergessen. Verdammt wenn er sich jetzt auf mich wirft ist vorbei. Hoffentlich ist nichts gebrochen denkt, sie während sie sich aufrappelt und ihren Dolch in der rechten Hand fest ergreift. Nochmal wird er das nicht schaffen, diesmal wird sie ihn erledigen. Alle guten Dinge sind drei.<br />
Geschickt weicht sie dem Heranlaufenden aus, bringt sich hinter ihn in Stellung und rammt ihrem Dolch in sein Genick. Knackend bricht es. Die Menge beginnt zu schreien und zu jubeln, ihren Namen rufend, während er Hüne langsam auf dem großen Sandplatz zusammenbricht. Die junge Frau unbeeindruckt von der Menge, sammelt ihre Waffen ein und begibt sich zum Ausgang. Sie ist nicht stolz wieder einen Menschen getötet zu haben. Sie will sich nicht feiern lassen. Die Schmerzen in ihrem Arm lassen langsam wieder nach. Doch nun merkt sie, ihren Durst und die Erschöpfung, die sich in ihrem Körper breit macht. So heiß war es seit Jahren nicht mehr.<br />
<br />
In jener Nacht lag Lialin wach in ihrem Bett, eigentlich sollte sie schlafen, Morgen war ein wichtiger Tag, aber sie hatte Angst. Angst vor dem was passiert, wenn sie gewinnen würde. Seid ihrem 7. Lebensjahr war sie hier. Anfangs machte sie Aufgaben der Dienersklaven. Putzen, Wäsche waschen, den Gladiatoren Speis und Trank bringen, Verbände wechseln, Waffen und Rüstungen pflegen. Halt alles was in der Gladiatorenschule anfiel. Vorher genoss sie das Leben einer verwöhnten Händlertochter. Sie hatte alles, und brauchte nichts tun. Bis sie auf einer Überfahrt in die Hände von Piraten fielen. Die Idee eine Frau auszubilden kam dem Herrn wohl nur zufällig. Das Leben als Dienersklavin war hart, aber die Ausbildung zur Gladiatorin umso härter. Keiner nahm Rücksicht, keiner schätzte sie. Die Trainingsjahre waren die schlimmsten. Erst als sie jeder Erwartung entgegen die ersten Kämpfe in der Arena überlebte, begann ihr Ansehen zu steigen. Und nun stand sie vor ihrem letzten Kampf in der Arena als Sklavin. Sie konnte danach weitermachen, sie konnte aber auch fort gehen und ein Leben als freie Frau genießen. Und genau davor hatte sie Angst. Wenn sie nicht weiterkämpfen würde, hätte sie kein Geld. Sie würde also noch länger in der Arena gefangen sein. Ihre ganzen Freunde, und Vertrauten würde sie nur in der Arena wiedersehen. Sie wäre allein. Sie war einfach nicht vorbereitet auf ein Leben nach der Arena. „Was soll ich nur machen“, flüstert sie immer wieder in den Raum, während sie endgültig einschläft.<br />
<br />
Dieses Mal war es noch heißer, und die Arena noch voller. Alle wollten sehen ob Lialin heute gewinnt um in die Freiheit zu gehen oder erstmalig besiegt wird. Heute hatte sie eine Gegnerin. Das kam selten vor. Sie genoss wie Lialin ein hohes Ansehen und hatte bisher noch nie unterlegen. Igraine kämpfte mit Speer und Netz. Daher konnte Lialin heute nicht mit Dolch und Parierdolch gegen sie antreten. Sie entschied sich für den Kettenstab um wie ihre Gegnerin eine hohe Distanzklasse zu haben. An der Seite trug sie trotzdem ihren Dolch. Nur das Netz machte ihr Sorgen. Sie musste ihm unbedingt ausweichen. Oft hatte sie schon Gladiatoren in Netzen grausam zu Tode gehen sehen. Und so wollte sie auf keinen Fall enden. Entschlossen nicht durch Igraine‘s Hand zu sterben betrat Lialin mit dem Jubeln der Menge den Platz. Nach wenigen Schritten brannten Ihre Füße. Die Sonne strahlte brutal auf ihr Haupt. Es musste schnell gehen, bevor die Sonne ihre Arbeit tat. Auch Igraine betrat den Platz, ebenfalls wild entschlossen. „Möge die Bessere Gewinnen, ein Kampf bis aufs Dritte Blut“, rief der Kaiser und der Kampf begann.<br />
Igraine war hübscher und etwas größer und muskulöser als Lialin, aber von Äußerlichkeiten hatte Lialin sich noch nie beeindrucken lassen. „Na, du glaubst doch nicht wirklich das hier zu überleben“, zog Igraine Lialin auf und attackierte sie sofort mit ihrem Speer. Etwas überrumpelt weicht Lialin aus. So ist das also, denkt sie und ist wieder voll da. Immer ein Auge wachsam auf das Netz gerichtet, beginnt sie ihren Stab zu drehen um die Enden auf Geschwindigkeit zubringen. Mir drei Raschen Schritten überwindet sie den Speer ihrer Gegnerin und attackiert diese mit ihrem Stab. „Verflucht“, mit einem Satz springt Igraine aus Lialin’s Reichweite und wirft das Netz nach ihr. Lialin die mit dem Angriff gerechnet hatte, versucht dem Netz auszuweichen. Knapp verfehlt das Netz ihr Bein und fällt laut auf den Boden. Die Menge stöhnt vor Enttäuschung. Lilian kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Doch schon dieser Kurze Kampf hat sie sichtlich erschöpft. Das Wetter ist nicht fürs Kämpfen. Sie würde dem Publikum heute keine große Show bieten. Sie wollte es einfach beenden. Igraine die ebenfalls schon abgekämpft war, stürmt den Speer voran auf Lialin zu. „Zeit zu sterben“, brüllt sie. „Ja du hast Recht“, mit diesen Worten zieht Lialin ihren Dolch und schleudert ihn Igraine entgegen. Diese war nicht mehr in der Lage auszuweichen und unter lauten Schmerzensschreien erkennt sie den Dolch der in ihrem rechten Auge sitzt. Mit letzter Kraft weicht Lialin dem herankommenden Speer aus, springt auf Igraine zu und stößt ihr den Dolch mit einem kräftigen Ellenbogenhieb bis zum Anschlag ins Auge. Noch versuchend etwas zu sagen, sinkt Igraine zu Boden. Die Menge ist am Rasen. Immer lauter wird Lialin’s Name gerufen.<br />
Doch diese kniet in der Arena und weint. Verzweifelt über die Tode die sie gebracht hat, verzweifelt über die Ungewissheit über das was kommen mag. „Lialin, Lialin“. Immer noch brüllt die Menge. Die ersten Menschen kommen aus den Ausgängen der Arena auf sie zugelaufen. Wollen sie beglückwünschen, auf Händen tragen.<br />
Mit Tränen in den Augen, nimmt sie ihren Dolch und stößt ihn sich ins Herz. „Jetzt bin ich frei“, murmelt sie noch, während sie auf den Rücken sinkt. Einen letzten Atemzug haucht Lialin noch aus, die Tränen auf ihren Wangen sind schon getrocknet. Es ist ein sehr heißer Tag.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Bis in den Tod (drakonia)]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6145.html</link>
			<pubDate>Mon, 04 May 2009 22:06:43 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-6145.html</guid>
			<description><![CDATA[<center>Bis in den Tod</strong><br />
<br />
<br />
<br />
Schlagartig waren die Bilder in seinem Kopf vorhanden. Bilder mischten sich mit Gefühlen und verwoben sich zu einem Geflecht, welches sich wie eine Schlinge um ihn legte. Der Atem ging stoßweise und sie trug die Schuld an seinem Leid. Worauf hatte er sich nur eingelassen? War es eine Frau wert, dass man sein Leben für sie riskierte? Dachte sein Gegenüber ebenso. Er hatte die Angst nicht in dem Blick des Mannes flackern sehen. Viel mehr war es ein fester Blick, der ihm begegnet war, das, was ihn hatte zweifeln lassen. Dieser entschlossene Blick, hatte ihn in seinen Grundfesten erschüttert und ihn ins Wanken gebracht. <br />
<br />
Aurels Blick ging zu der Frau, die sein Herz im Sturm erobert hatte und für die er durchs Feuer gegangen wäre und auch gegangen war. Nie hatte er an ihr gezweifelt, nie die Liebe, die er für sie empfand in Frage gestellt und nun hatte sich als wahr erwiesen, was im Dorf bereits seit Jahren getuschelt wurde. Sie war eine Verführerin, eine Hübschlerin, eine Metze. Er hatte sich auf sie eingelassen und nun trachtete ein fremder Mann nach seinem Leben und allem, was er sich mit ihr hatte aufbauen wollen. Ihr Blick war kühl, berechnend und rüttelte erneut an ihm. War SIE es wert, dass man sich für sie auf Teufel komm raus mit einem Mann, der einem körperlich auch noch überlegen schien, maß?<br />
<br />
Die Waffen waren gewählt und sie waren gut gewählt. Doch irgendetwas lies ihn zweifeln, ob das, was er hier tat, wirklich das war, was er wollte. Im Grunde seines Herzens wollte er eine Familie, ein Haus in einem Vorort und ein duzend Kinder, die ihm dann irgendwann Enkel schenken würden und wenn er alt und schwach geworden war, jene Kinder sich um ihn sorgten. War dies nicht der Wunsch eines einfachen Mannes? Wieder traten die Bilder hervor, wie sie ihn im Badehaus   begegnet war. Ihr Lächeln, ihr Duft, alles an ihr hatte ihm die Sinne vernebelt und sie hatte ihn eingewickelt, verführt und ihm alles genommen, an was er als ehemaliger Gladiator geglaubt hatte. <br />
<br />
Zu den Arenazeiten konnte er sich vor Angeboten kaum retten und die Weiber lagen ihm zu Füßen, doch auch er hatte sich verändert, war reifer geworden und seine Sehnsucht nach einer festen Bindung war gewachsen und sein Wunsch wurde beinahe unerträglich, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, was von Bestand war. Ihr Lächeln hatte für ihn alles gewandelt. Ihr Blick, als sie den nackten Mann vor sich sah, berührte ihn erneut. Er hatte so scheu gewirkt, so verlegen und doch war es alles nur gespielt. Sie wollte an seine Ersparnisse, das wurde ihm schmerzlich bewusst und doch hatte er sich ihrer Liebe sicher gefühlt. <br />
<br />
Ob sie das gleiche Spiel mit seinem Gegenüber gespielt hatte? Ob sie mit diesem Hünen seine Ersparnisse verjubeln wollte? Dazu wollte sie ihn aus dem Weg räumen, dazu hatte sie das Duell einberufen, nicht um die wahre Liebe zu finden, sondern einen Mann zu ermorden, der ihr überlegen war. Den Hünen würde sie vielleicht mit Gift aus dem Weg räumen, das würde bei ihm nicht gelingen. Seine Sklaven kosteten die Speisen vor und geschah ihnen etwas, war die Sache schnell geklärt. Sie liebte diesen Klotz nicht, wollte wahrscheinlich auch nur seine ersparten Denari abgreifen.<br />
<br />
War es dem Hünen bewusst, welches Spiel diese Schönheit mit beiden spielte? War es ihm vielleicht egal? Sein Blick tastete den Boden ab, suchte nach einer Möglichkeit, doch Chancen fand man nicht auf der Straße, man musste von der Göttin erhalten. <span style="color: blue;" class="mycode_color">Möge Juno uns wohlgesonnen sein!</span> murmelte Aurel mehr zu sich, als zu dem Hünen. Dieser schnaubte kurz in Richtung des Römers und nahm die Waffe auf. Ein Schwertkampf. Das war immer schön seine liebste Form des Kampfes gewesen. Seine Reflexe, waren die eines Raubtieres, er war geschmeidig und fließend in seinen Bewegungen und seine körperliche Ausdauer war, trotz der Jahre in Freiheit nicht geringer geworden, dennoch hatte er Angst, vor dem, was er nicht greifen konnte. Er konnte diesen Hünen nicht einschätzen. War er ihm wirklich überlegen, oder machte seine Maße einfach nur den Vorteil? <br />
<br />
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als das Schwert ihn hart an der Schulterplatte traf und die Luft hart aus seinen Lungen getrieben wurde. Schnell sprang er in Sicherheit und versuchte sich seine geringere Länge zu Nutze zu machen, indem er seine Flinkheit nutzte. Mit einem harten Schlag auf den ungeschützten Oberschenkel des Mannes, durchschnitt er die Haut und das Blut drang hervor. Die Oberfläche war beschädigt und den Wilden packte die Wut. Der Hass loderte in seinem Blick, die Wut formte sich in seinem Antlitz wieder und aus den Augen wurden unwirkliche Schlitze, die das Ziel anvisierten und wenn Antonius nicht aufpasste, war dies die letzte Schlacht, die er bestreiten würde. Diesen Mann musste er mit eine List und mit ein wenig Geduld besiegen. Er musste ihn müde machen und dann zuschlagen, wenn der Hüne nicht mehr damit rechnete. Mit List und Tücke, wie seine Großmutter zu sagen pflegte, schaffte man alles, was man erreichen wollte. <br />
<br />
Doch List und Tücke waren nicht alles, was ein großer Gladiator in den Arenen lernte. Zum Überleben gab es noch ein paar kleine wichtige Details. Niemals durfte man dem Gegner zeigen, dass man müde wurde, oder dass man nur noch unter Schmerzen seine Schlagfolgen ausführte. Deckung war immer eine gute Option, doch wie sollte man auf einer Lichtung Deckung finden? Sein Blick fiel auf die junge Frau, die ihn mittlerweile nur noch anwiderte. Was hatte er an dieser Teuflin gefunden? Ihr Blick war ohne jede Emotion und sie hatte einfach nur die Denari im Kopf, die sein Tod ihr bringen würden. Einen kurzen Moment überlegte er sich einfach zu ergeben, doch der Barbar vor ihm, kannte wahrscheinlich nicht einmal das Wort Aufgabe. <br />
<br />
Die schweren Schritte auf dem Waldboden holten ihn zurück und er entging knapp dem Schlag, der seinen Kopf wahrscheinlich gespalten hätte. Die Wucht des Aufpralls, lies die Klinge und den Boden zittern und ihm war klar, dass er diese Frau aus seinen Gedanken verbannen musste. Er würde ihr wahrscheinlich den Tod schenken, wenn er diesen Kampf gewann. Doch dazu musste er erst einmal als Sieger hervorgehen. Sein Herz hämmerte und er spürte die Anstrengung, auch, wenn  er noch nicht so lange gekämpft hatte, der erste Schlag des Rivalen hatte gesessen und an seiner Ausdauer gezehrt. Doch er besann sich, wiegte sich selbst in Sicherheit und gaukelte sich selbst vor, dass er die Stärke besaß, diesem Mann den Gar auszumachen. Das hatte bei seinem letzten Arenakampf, jenem Kampf, dem er die Freiheit verdankte auch getan. Sein Ehrgeiz war enorm und sie war sich darüber nicht bewusst. Diese Hure glaubte, dass sie ihn überlisten konnte, doch sein Plan war immer weiter gefestigt worden. Mit all den gefühlskalten Blicken, mit denen sie ihn gerade abstrafte, war das gewachsen, was er vermeiden wollte. Die Wut, der Hass, sein Zorn. Die unbändige Bestie, die in jedem Mann wohnte und die wie ein zweites Gesicht auftauchte und anstelle des zärtlichen Mannes trat. <br />
<br />
Diese Bestie trat zum Vorschein und führte von nun an das Schwert. Es war nicht einfach sich selbst zu zügeln, wenn man unter dem Bann dieses Zornes stand und die Schläge, die Antonius nun ausführte waren härter und gezielter. Der vierte Schlag traf mit der Klinge erneut den schon verletzten Oberschenkel und bohrte sich tiefer ins Fleisch. Schmatzend kam die Klinge aus der Wunde und das Blut schoss heraus. Der Hüne musste einen kurzen Augenblick taumeln, fing sich wieder und schrie seine Wut heraus. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Törichter Narr, nutze deine Wut und lass sie nicht ungenutzt im Wald verhallen!</span> Das Schwert folgte dem Muster des Zorn, wilde Abfolgen von Hieben, die der Hüne nur schwer parieren konnte und ihn immer weiter bedrängten. Nach weiteren Hieben spürte Antonius, dass dem Rivalen die Luft ausging. Er wehrte sich kaum noch und stolperte mehr, als dass er ging. Antonius nutzte einen Schlenker des Kerls und trieb sein Schwert zwischen Hals und Schulter in den Körper des Mannes. Der Blick war erschrocken, die Augen weit aufgerissen und die Klinge glitt aus dem Leib, während der Mann zusammenbrach. Das Blut spritzte aus der Wunde und langsam wurde der Blick ausdruckslos. Das Leben in seinen Augen verblasste und Antonius hatte gesiegt. Sein Blick ging irre zu dem Weib herüber, die nun auch erschrocken zu ihm blickte. Der Wahnsinn hatte ihn fest im Griff und er stürmte auf die Hure zu. <br />
<br />
________________________________________________________________<br />
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<br />
Dieser kleine Mann, der so durchtrainiert aussah und den Blick nicht von dem Weibe lassen konnte, wirkte wunderlich auf Isaak. Das Weib hatte ihn beauftragt sie zu schützen, wollte sie doch einen Spaziergang im Wald wagen und sich der Vogelkunde und der Fährtenlese widmen. Dieser leicht gerüstete Mann, war aus dem Gebüsch auf sie zugestürmt, warf haltlose, wütende Worte zur Frau hinüber, von denen Isaak nur die Hälfte verstanden hatte. Doch scheinbar war er eine Bedrohung für die Frau und in ihrem Blick lag die pure Panik. Sie hatte ihm von diesem Irren erzählt. Sie war eine Hure des Heeres und er wollte sie kaufen, sie als seine persönliche Lustsklavin halten und Kinder mit ihr haben. Doch sie verbot sich so etwas. Sie wollte ihren Körper so lange nutzen, wie die Männer ihn ansprechend fanden, hatte sie ihm anvertraut. Ein Lächeln im Blick und er konnte sich vorstellen, dass viele Männer von ihren zarten rosa Lippen kosten wollten. Doch er musste sich konzentrieren, galt ihr Leben seinen Händen anvertraut. Die Denari hatte er seiner Frau gegeben, die sie ihm gegeben hatte. Denn seine Kinder sollten einmal besser leben als ihr alter Herr. <br />
<br />
Er war von Sklaventreibern mit seiner Familie gefangen worden, in den wilden Wäldern in den östlichen Teilen. Damals wollte er eine Kultstätte seines Gottes aufsuchen und um das Wohl seines jüngsten Sohnes beten. Seine Frau und ihre beiden Töchter begleiteten ihn, während  Malek bei seinem Großvater blieb. Die Männer hatten ihn zu sechst überwältigt, seine Frau bewusstlos geschlagen, als sie fliehen wollte und die Kinder waren eh leichte Beute. Warum nur, warum war er nicht allein gegangen? Der Sklaventreiber hatte die komplette Familie an die Huren verkauft, die sie gut behandelten und seinen Töchtern nichts antaten. Die Geschichten die er gehört hatte, lies die Huren in weniger gutem Licht stehen, doch sie ließen ihn und seine Familie in ihrem Lohn und Brot stehen. Alles was er tat, tat er mit gutem Gewissen und alles was er verdiente wurde gespart, dass sie sich eines Tages frei kaufen konnten. Das Extrageld, welches die dunkelhaarige Schönheit ihm zusteckte, dass er sie schützte, konnte das Polster nur aufstocken. Dem armen Irren hatte sie einiges an Geld für ihre Dienste aus den Rippen gepresst und er hatte bereitwillig gezahlt. Sicher hatte sie ihren Teil an der Misere zu tragen, dass er sie nun verfolgte und glaubte sie gehöre ihm allein, doch dass er sie vielleicht umbrachte, das konnte Isaak nicht zulassen. Sie war gut zu ihm und seiner Familie gewesen.<br />
<br />
Auf ein Zeichen hin, welches die Frau ihm gab stürmte er auf den Mann zu. Der erste Hieb traf und lies den Mann kurz wanken. Erschrocken sah der Wicht Isaak an und sprang in Deckung.  Er hatte ihn am Oberschenkel verletzt, was Isaak wütend schnauben lies. Er tänzelte und Isaak lies ihn gewähren. Vielleicht würde er davon müde werden. Doch er schien zu erstarken je mehr er sich in Sicherheit wiegte und in einem unbewachten Moment donnerte sein Schwert neben ihm in den Boden, was den kleinen Mann aus seinen Gedanken riss. Isaak wollte ihn nicht umbringen, er wollte ihn nur daran hindern weiter der Frau nachzustellen. Dieser Freier war verblendet und sah nicht, was er sich und seiner Umwelt antat. Sein Kopf musste zurück auf die Schultern, auch wenn er zu Beginn zu seiner Göttin gesprochen hatte. Dieser Wicht wurde jedoch nicht schwächer und auch nicht müder. Sein Zorn schien die Oberhand zu gewinnen und die Schläge die er gegen Isaak führte, wurden stärker und zielgerichteter. Der Hüne hatte alle Mühe ihnen auszuweichen und er besann sich an eine Taktik, die sein Vater ihm beigebracht hatte.<br />
<br />
Beim Gedanken an die Kampfkunst seines Vater überkam ihn Stolz und er wollte seinem Ahn gerecht werden. Die Taktik war in der Tat recht simpel. Er würde Müdigkeit und Schwäche vortäuschen und ihn damit so weit reizen, dass er unachtsam wurde. Der vierte Schlag des Winzlings, der in der Arena ein gefürchteter Gladiator war, schmerzte ihn ein wenig, das Blut trat aus der Wunde und er torkelte. Das Gesicht des Mannes glich einer Fratze des Bösen und er blickte ihn hasserfüllt an. Isaak tat ihm gleich und schrie ihm seinen Hass entgegen. Er stachelte sich so an und würde den Mann mit der Kriegserfahrung seines Vaters schlagen. Isaak strauchelte, die wilden Schläge des kleinen Mannes folgten dem typischen Muster, wenn die Wut das Schwert führte und  Isaak stolperte, als er die Klinge spürte, wie sie sich zwischen seinen Schulterblättern schob und das Blut aus der Wunde schoss. Seinen Blick lies er glasig und leblos werden. Er sank auf die Knie und fiel zu Boden, täuschte seinen Tod vor, flachte den Atem ab und sah, wie der kleine Unhold die Stiefelklinge zückte und mit ihr zu der Hure ging. Sein Blick trübte sich und ihm wurde schummerig. Er war in der Tat geschwächt, doch würde er die junge Frau nicht schutzlos lassen. Mit letzter Kraft stemmte er sich auf und trat hinter den Mann.<br />
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Mit seinen blutigen Händen packte er den zierlichen Hals des Weibes und zog ihren Kopf nah zu seinem <span style="color: blue;" class="mycode_color">Wolltest mich aus dem Weg haben Weib? Scheint nicht aufgegangen zu sein, der Plan.</span> Ein bösartiges Lächeln malte sich auf den Lippen ab und er küsste sie, ein letztes Mal. Der letzte Kuss war es, den er nie vergessen würde. Die Stiefelklinge, die Aurel in seinem Wahnsinn gezogen hatte, ehe er sich zu ihr gewandt hatte, bohrte sich in ihren Leib und sein fester Griff hielt sie, seine Lippen benetzten ihre und als sie mit offenen Augen, leblos und kalt in den Himmel blickte, wusste er, dass sie die Frau war, für die er bis ans Ende der Welt gegangen wäre.  Langsam lies er von ihr ab, sie sackte in sich zusammen und blieb leblos zu seinen Füßen liegen. Nie zuvor hatte er geliebt und nie wieder würde er dieses Gefühl spüren. Was hatte er angestellt? Er hatte den liebsten Menschen getötet in einem Wahn aus Eifersucht und Furcht. War er es noch wert, auf dieser Welt zu wandeln? Er wollte einfach nur das Glück greifen, welches er in ihr verkörpert sah, doch ihre Haltung ihm gegenüber war für ihn immer ein Rätsel. Sie vergnügte sich mit ihm, lies ihn an ihren Spielen teilhaben und als er sie für sich allein wollte, verschloss sie sich. Sie wollte nur sein Geld, dessen war er sich sicher und das würde sie nun nie bekommen. Er spürte die kalte Klinge an seinem Hals zu spät. Das Metall fraß sich schmatzend durch seine Haut und das Blut trat aus der Wunde. Er wollte herumschnellen, seinem Angreifer den Dolch in die Rippen treiben und ihn mit sich in den Tod reißen doch diesen letzten Kampf hatte er verloren. Sein Leben zog an ihm vorbei, alle Erfolge in der Arena, alle Frauen, die er je genossen hatte, alles verlor sich in der Unendlichkeit des Lichtes, welches ihn nun umgab. Er ging auf die Knie, sein Blick fiel auf den Körper der Hure und all seine Schmerzen wurden fort gespült. Seine Göttin stand dort am Rande der Lichtung und ihr Lächeln brachte ihn um den Verstand. Er würde ihr folgen, seine leblose Hülle abstreifen und mit ihr bis ans Ende aller Tage glücklich sein. Alles, was er im irdischen Leben nicht erreicht hatte war unwichtig. Sein Leben lag nun in den Händen der Göttin und er fühlte sich das erste Mal in seinem Leben sicher. Das Leben, welches eben endete war erfüllt von Kämpfen und dem Kampf gegen sich selbst. Jetzt musste er nicht mehr kämpfen und konnte sich treiben lassen.<br />
<br />
Isaak hob den Körper der Frau auf, spürte den schwächer werdenden Puls und war froh, dass seine Frau in der Nähe war, mit ihren Heilkünsten, würde die Frau überleben. Die Blutung müsste gestoppt werden und im Wald fand sie die richtigen Kräuter. Für Antonius, so der Name des Toten, konnte er nichts mehr tun. Das Lebenslicht war ausgelöscht und die leere Hülle sollte den letzten Weg eines Kriegers gehen. Verbrannt, wie die Ahnen des Hünen. Das Blut sickerte in den Boden, nährte ihn  und gab ihm das zurück, was aus ihm entstanden war. Der Krieger aus dem Norden neigte sein Haupt vor seinem toten Gegner und bereitete die Totenstätte vor. Diese letzte Ehre war er ihm schuldig, auch wenn dieser Mensch ein schlechter Mensch war und aus falschen Motiven gehandelt hatte. Er hatte eine Bestattung verdient, die einem Krieger würdig war.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<center>Bis in den Tod</strong><br />
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Schlagartig waren die Bilder in seinem Kopf vorhanden. Bilder mischten sich mit Gefühlen und verwoben sich zu einem Geflecht, welches sich wie eine Schlinge um ihn legte. Der Atem ging stoßweise und sie trug die Schuld an seinem Leid. Worauf hatte er sich nur eingelassen? War es eine Frau wert, dass man sein Leben für sie riskierte? Dachte sein Gegenüber ebenso. Er hatte die Angst nicht in dem Blick des Mannes flackern sehen. Viel mehr war es ein fester Blick, der ihm begegnet war, das, was ihn hatte zweifeln lassen. Dieser entschlossene Blick, hatte ihn in seinen Grundfesten erschüttert und ihn ins Wanken gebracht. <br />
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Aurels Blick ging zu der Frau, die sein Herz im Sturm erobert hatte und für die er durchs Feuer gegangen wäre und auch gegangen war. Nie hatte er an ihr gezweifelt, nie die Liebe, die er für sie empfand in Frage gestellt und nun hatte sich als wahr erwiesen, was im Dorf bereits seit Jahren getuschelt wurde. Sie war eine Verführerin, eine Hübschlerin, eine Metze. Er hatte sich auf sie eingelassen und nun trachtete ein fremder Mann nach seinem Leben und allem, was er sich mit ihr hatte aufbauen wollen. Ihr Blick war kühl, berechnend und rüttelte erneut an ihm. War SIE es wert, dass man sich für sie auf Teufel komm raus mit einem Mann, der einem körperlich auch noch überlegen schien, maß?<br />
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Die Waffen waren gewählt und sie waren gut gewählt. Doch irgendetwas lies ihn zweifeln, ob das, was er hier tat, wirklich das war, was er wollte. Im Grunde seines Herzens wollte er eine Familie, ein Haus in einem Vorort und ein duzend Kinder, die ihm dann irgendwann Enkel schenken würden und wenn er alt und schwach geworden war, jene Kinder sich um ihn sorgten. War dies nicht der Wunsch eines einfachen Mannes? Wieder traten die Bilder hervor, wie sie ihn im Badehaus   begegnet war. Ihr Lächeln, ihr Duft, alles an ihr hatte ihm die Sinne vernebelt und sie hatte ihn eingewickelt, verführt und ihm alles genommen, an was er als ehemaliger Gladiator geglaubt hatte. <br />
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Zu den Arenazeiten konnte er sich vor Angeboten kaum retten und die Weiber lagen ihm zu Füßen, doch auch er hatte sich verändert, war reifer geworden und seine Sehnsucht nach einer festen Bindung war gewachsen und sein Wunsch wurde beinahe unerträglich, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, was von Bestand war. Ihr Lächeln hatte für ihn alles gewandelt. Ihr Blick, als sie den nackten Mann vor sich sah, berührte ihn erneut. Er hatte so scheu gewirkt, so verlegen und doch war es alles nur gespielt. Sie wollte an seine Ersparnisse, das wurde ihm schmerzlich bewusst und doch hatte er sich ihrer Liebe sicher gefühlt. <br />
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Ob sie das gleiche Spiel mit seinem Gegenüber gespielt hatte? Ob sie mit diesem Hünen seine Ersparnisse verjubeln wollte? Dazu wollte sie ihn aus dem Weg räumen, dazu hatte sie das Duell einberufen, nicht um die wahre Liebe zu finden, sondern einen Mann zu ermorden, der ihr überlegen war. Den Hünen würde sie vielleicht mit Gift aus dem Weg räumen, das würde bei ihm nicht gelingen. Seine Sklaven kosteten die Speisen vor und geschah ihnen etwas, war die Sache schnell geklärt. Sie liebte diesen Klotz nicht, wollte wahrscheinlich auch nur seine ersparten Denari abgreifen.<br />
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War es dem Hünen bewusst, welches Spiel diese Schönheit mit beiden spielte? War es ihm vielleicht egal? Sein Blick tastete den Boden ab, suchte nach einer Möglichkeit, doch Chancen fand man nicht auf der Straße, man musste von der Göttin erhalten. <span style="color: blue;" class="mycode_color">Möge Juno uns wohlgesonnen sein!</span> murmelte Aurel mehr zu sich, als zu dem Hünen. Dieser schnaubte kurz in Richtung des Römers und nahm die Waffe auf. Ein Schwertkampf. Das war immer schön seine liebste Form des Kampfes gewesen. Seine Reflexe, waren die eines Raubtieres, er war geschmeidig und fließend in seinen Bewegungen und seine körperliche Ausdauer war, trotz der Jahre in Freiheit nicht geringer geworden, dennoch hatte er Angst, vor dem, was er nicht greifen konnte. Er konnte diesen Hünen nicht einschätzen. War er ihm wirklich überlegen, oder machte seine Maße einfach nur den Vorteil? <br />
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Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als das Schwert ihn hart an der Schulterplatte traf und die Luft hart aus seinen Lungen getrieben wurde. Schnell sprang er in Sicherheit und versuchte sich seine geringere Länge zu Nutze zu machen, indem er seine Flinkheit nutzte. Mit einem harten Schlag auf den ungeschützten Oberschenkel des Mannes, durchschnitt er die Haut und das Blut drang hervor. Die Oberfläche war beschädigt und den Wilden packte die Wut. Der Hass loderte in seinem Blick, die Wut formte sich in seinem Antlitz wieder und aus den Augen wurden unwirkliche Schlitze, die das Ziel anvisierten und wenn Antonius nicht aufpasste, war dies die letzte Schlacht, die er bestreiten würde. Diesen Mann musste er mit eine List und mit ein wenig Geduld besiegen. Er musste ihn müde machen und dann zuschlagen, wenn der Hüne nicht mehr damit rechnete. Mit List und Tücke, wie seine Großmutter zu sagen pflegte, schaffte man alles, was man erreichen wollte. <br />
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Doch List und Tücke waren nicht alles, was ein großer Gladiator in den Arenen lernte. Zum Überleben gab es noch ein paar kleine wichtige Details. Niemals durfte man dem Gegner zeigen, dass man müde wurde, oder dass man nur noch unter Schmerzen seine Schlagfolgen ausführte. Deckung war immer eine gute Option, doch wie sollte man auf einer Lichtung Deckung finden? Sein Blick fiel auf die junge Frau, die ihn mittlerweile nur noch anwiderte. Was hatte er an dieser Teuflin gefunden? Ihr Blick war ohne jede Emotion und sie hatte einfach nur die Denari im Kopf, die sein Tod ihr bringen würden. Einen kurzen Moment überlegte er sich einfach zu ergeben, doch der Barbar vor ihm, kannte wahrscheinlich nicht einmal das Wort Aufgabe. <br />
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Die schweren Schritte auf dem Waldboden holten ihn zurück und er entging knapp dem Schlag, der seinen Kopf wahrscheinlich gespalten hätte. Die Wucht des Aufpralls, lies die Klinge und den Boden zittern und ihm war klar, dass er diese Frau aus seinen Gedanken verbannen musste. Er würde ihr wahrscheinlich den Tod schenken, wenn er diesen Kampf gewann. Doch dazu musste er erst einmal als Sieger hervorgehen. Sein Herz hämmerte und er spürte die Anstrengung, auch, wenn  er noch nicht so lange gekämpft hatte, der erste Schlag des Rivalen hatte gesessen und an seiner Ausdauer gezehrt. Doch er besann sich, wiegte sich selbst in Sicherheit und gaukelte sich selbst vor, dass er die Stärke besaß, diesem Mann den Gar auszumachen. Das hatte bei seinem letzten Arenakampf, jenem Kampf, dem er die Freiheit verdankte auch getan. Sein Ehrgeiz war enorm und sie war sich darüber nicht bewusst. Diese Hure glaubte, dass sie ihn überlisten konnte, doch sein Plan war immer weiter gefestigt worden. Mit all den gefühlskalten Blicken, mit denen sie ihn gerade abstrafte, war das gewachsen, was er vermeiden wollte. Die Wut, der Hass, sein Zorn. Die unbändige Bestie, die in jedem Mann wohnte und die wie ein zweites Gesicht auftauchte und anstelle des zärtlichen Mannes trat. <br />
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Diese Bestie trat zum Vorschein und führte von nun an das Schwert. Es war nicht einfach sich selbst zu zügeln, wenn man unter dem Bann dieses Zornes stand und die Schläge, die Antonius nun ausführte waren härter und gezielter. Der vierte Schlag traf mit der Klinge erneut den schon verletzten Oberschenkel und bohrte sich tiefer ins Fleisch. Schmatzend kam die Klinge aus der Wunde und das Blut schoss heraus. Der Hüne musste einen kurzen Augenblick taumeln, fing sich wieder und schrie seine Wut heraus. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">Törichter Narr, nutze deine Wut und lass sie nicht ungenutzt im Wald verhallen!</span> Das Schwert folgte dem Muster des Zorn, wilde Abfolgen von Hieben, die der Hüne nur schwer parieren konnte und ihn immer weiter bedrängten. Nach weiteren Hieben spürte Antonius, dass dem Rivalen die Luft ausging. Er wehrte sich kaum noch und stolperte mehr, als dass er ging. Antonius nutzte einen Schlenker des Kerls und trieb sein Schwert zwischen Hals und Schulter in den Körper des Mannes. Der Blick war erschrocken, die Augen weit aufgerissen und die Klinge glitt aus dem Leib, während der Mann zusammenbrach. Das Blut spritzte aus der Wunde und langsam wurde der Blick ausdruckslos. Das Leben in seinen Augen verblasste und Antonius hatte gesiegt. Sein Blick ging irre zu dem Weib herüber, die nun auch erschrocken zu ihm blickte. Der Wahnsinn hatte ihn fest im Griff und er stürmte auf die Hure zu. <br />
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Dieser kleine Mann, der so durchtrainiert aussah und den Blick nicht von dem Weibe lassen konnte, wirkte wunderlich auf Isaak. Das Weib hatte ihn beauftragt sie zu schützen, wollte sie doch einen Spaziergang im Wald wagen und sich der Vogelkunde und der Fährtenlese widmen. Dieser leicht gerüstete Mann, war aus dem Gebüsch auf sie zugestürmt, warf haltlose, wütende Worte zur Frau hinüber, von denen Isaak nur die Hälfte verstanden hatte. Doch scheinbar war er eine Bedrohung für die Frau und in ihrem Blick lag die pure Panik. Sie hatte ihm von diesem Irren erzählt. Sie war eine Hure des Heeres und er wollte sie kaufen, sie als seine persönliche Lustsklavin halten und Kinder mit ihr haben. Doch sie verbot sich so etwas. Sie wollte ihren Körper so lange nutzen, wie die Männer ihn ansprechend fanden, hatte sie ihm anvertraut. Ein Lächeln im Blick und er konnte sich vorstellen, dass viele Männer von ihren zarten rosa Lippen kosten wollten. Doch er musste sich konzentrieren, galt ihr Leben seinen Händen anvertraut. Die Denari hatte er seiner Frau gegeben, die sie ihm gegeben hatte. Denn seine Kinder sollten einmal besser leben als ihr alter Herr. <br />
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Er war von Sklaventreibern mit seiner Familie gefangen worden, in den wilden Wäldern in den östlichen Teilen. Damals wollte er eine Kultstätte seines Gottes aufsuchen und um das Wohl seines jüngsten Sohnes beten. Seine Frau und ihre beiden Töchter begleiteten ihn, während  Malek bei seinem Großvater blieb. Die Männer hatten ihn zu sechst überwältigt, seine Frau bewusstlos geschlagen, als sie fliehen wollte und die Kinder waren eh leichte Beute. Warum nur, warum war er nicht allein gegangen? Der Sklaventreiber hatte die komplette Familie an die Huren verkauft, die sie gut behandelten und seinen Töchtern nichts antaten. Die Geschichten die er gehört hatte, lies die Huren in weniger gutem Licht stehen, doch sie ließen ihn und seine Familie in ihrem Lohn und Brot stehen. Alles was er tat, tat er mit gutem Gewissen und alles was er verdiente wurde gespart, dass sie sich eines Tages frei kaufen konnten. Das Extrageld, welches die dunkelhaarige Schönheit ihm zusteckte, dass er sie schützte, konnte das Polster nur aufstocken. Dem armen Irren hatte sie einiges an Geld für ihre Dienste aus den Rippen gepresst und er hatte bereitwillig gezahlt. Sicher hatte sie ihren Teil an der Misere zu tragen, dass er sie nun verfolgte und glaubte sie gehöre ihm allein, doch dass er sie vielleicht umbrachte, das konnte Isaak nicht zulassen. Sie war gut zu ihm und seiner Familie gewesen.<br />
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Auf ein Zeichen hin, welches die Frau ihm gab stürmte er auf den Mann zu. Der erste Hieb traf und lies den Mann kurz wanken. Erschrocken sah der Wicht Isaak an und sprang in Deckung.  Er hatte ihn am Oberschenkel verletzt, was Isaak wütend schnauben lies. Er tänzelte und Isaak lies ihn gewähren. Vielleicht würde er davon müde werden. Doch er schien zu erstarken je mehr er sich in Sicherheit wiegte und in einem unbewachten Moment donnerte sein Schwert neben ihm in den Boden, was den kleinen Mann aus seinen Gedanken riss. Isaak wollte ihn nicht umbringen, er wollte ihn nur daran hindern weiter der Frau nachzustellen. Dieser Freier war verblendet und sah nicht, was er sich und seiner Umwelt antat. Sein Kopf musste zurück auf die Schultern, auch wenn er zu Beginn zu seiner Göttin gesprochen hatte. Dieser Wicht wurde jedoch nicht schwächer und auch nicht müder. Sein Zorn schien die Oberhand zu gewinnen und die Schläge die er gegen Isaak führte, wurden stärker und zielgerichteter. Der Hüne hatte alle Mühe ihnen auszuweichen und er besann sich an eine Taktik, die sein Vater ihm beigebracht hatte.<br />
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Beim Gedanken an die Kampfkunst seines Vater überkam ihn Stolz und er wollte seinem Ahn gerecht werden. Die Taktik war in der Tat recht simpel. Er würde Müdigkeit und Schwäche vortäuschen und ihn damit so weit reizen, dass er unachtsam wurde. Der vierte Schlag des Winzlings, der in der Arena ein gefürchteter Gladiator war, schmerzte ihn ein wenig, das Blut trat aus der Wunde und er torkelte. Das Gesicht des Mannes glich einer Fratze des Bösen und er blickte ihn hasserfüllt an. Isaak tat ihm gleich und schrie ihm seinen Hass entgegen. Er stachelte sich so an und würde den Mann mit der Kriegserfahrung seines Vaters schlagen. Isaak strauchelte, die wilden Schläge des kleinen Mannes folgten dem typischen Muster, wenn die Wut das Schwert führte und  Isaak stolperte, als er die Klinge spürte, wie sie sich zwischen seinen Schulterblättern schob und das Blut aus der Wunde schoss. Seinen Blick lies er glasig und leblos werden. Er sank auf die Knie und fiel zu Boden, täuschte seinen Tod vor, flachte den Atem ab und sah, wie der kleine Unhold die Stiefelklinge zückte und mit ihr zu der Hure ging. Sein Blick trübte sich und ihm wurde schummerig. Er war in der Tat geschwächt, doch würde er die junge Frau nicht schutzlos lassen. Mit letzter Kraft stemmte er sich auf und trat hinter den Mann.<br />
<br />
___________________________________________________________<br />
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<br />
<br />
Mit seinen blutigen Händen packte er den zierlichen Hals des Weibes und zog ihren Kopf nah zu seinem <span style="color: blue;" class="mycode_color">Wolltest mich aus dem Weg haben Weib? Scheint nicht aufgegangen zu sein, der Plan.</span> Ein bösartiges Lächeln malte sich auf den Lippen ab und er küsste sie, ein letztes Mal. Der letzte Kuss war es, den er nie vergessen würde. Die Stiefelklinge, die Aurel in seinem Wahnsinn gezogen hatte, ehe er sich zu ihr gewandt hatte, bohrte sich in ihren Leib und sein fester Griff hielt sie, seine Lippen benetzten ihre und als sie mit offenen Augen, leblos und kalt in den Himmel blickte, wusste er, dass sie die Frau war, für die er bis ans Ende der Welt gegangen wäre.  Langsam lies er von ihr ab, sie sackte in sich zusammen und blieb leblos zu seinen Füßen liegen. Nie zuvor hatte er geliebt und nie wieder würde er dieses Gefühl spüren. Was hatte er angestellt? Er hatte den liebsten Menschen getötet in einem Wahn aus Eifersucht und Furcht. War er es noch wert, auf dieser Welt zu wandeln? Er wollte einfach nur das Glück greifen, welches er in ihr verkörpert sah, doch ihre Haltung ihm gegenüber war für ihn immer ein Rätsel. Sie vergnügte sich mit ihm, lies ihn an ihren Spielen teilhaben und als er sie für sich allein wollte, verschloss sie sich. Sie wollte nur sein Geld, dessen war er sich sicher und das würde sie nun nie bekommen. Er spürte die kalte Klinge an seinem Hals zu spät. Das Metall fraß sich schmatzend durch seine Haut und das Blut trat aus der Wunde. Er wollte herumschnellen, seinem Angreifer den Dolch in die Rippen treiben und ihn mit sich in den Tod reißen doch diesen letzten Kampf hatte er verloren. Sein Leben zog an ihm vorbei, alle Erfolge in der Arena, alle Frauen, die er je genossen hatte, alles verlor sich in der Unendlichkeit des Lichtes, welches ihn nun umgab. Er ging auf die Knie, sein Blick fiel auf den Körper der Hure und all seine Schmerzen wurden fort gespült. Seine Göttin stand dort am Rande der Lichtung und ihr Lächeln brachte ihn um den Verstand. Er würde ihr folgen, seine leblose Hülle abstreifen und mit ihr bis ans Ende aller Tage glücklich sein. Alles, was er im irdischen Leben nicht erreicht hatte war unwichtig. Sein Leben lag nun in den Händen der Göttin und er fühlte sich das erste Mal in seinem Leben sicher. Das Leben, welches eben endete war erfüllt von Kämpfen und dem Kampf gegen sich selbst. Jetzt musste er nicht mehr kämpfen und konnte sich treiben lassen.<br />
<br />
Isaak hob den Körper der Frau auf, spürte den schwächer werdenden Puls und war froh, dass seine Frau in der Nähe war, mit ihren Heilkünsten, würde die Frau überleben. Die Blutung müsste gestoppt werden und im Wald fand sie die richtigen Kräuter. Für Antonius, so der Name des Toten, konnte er nichts mehr tun. Das Lebenslicht war ausgelöscht und die leere Hülle sollte den letzten Weg eines Kriegers gehen. Verbrannt, wie die Ahnen des Hünen. Das Blut sickerte in den Boden, nährte ihn  und gab ihm das zurück, was aus ihm entstanden war. Der Krieger aus dem Norden neigte sein Haupt vor seinem toten Gegner und bereitete die Totenstätte vor. Diese letzte Ehre war er ihm schuldig, auch wenn dieser Mensch ein schlechter Mensch war und aus falschen Motiven gehandelt hatte. Er hatte eine Bestattung verdient, die einem Krieger würdig war.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[das letzte Duell (K`Ehleyr)]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6116.html</link>
			<pubDate>Fri, 01 May 2009 14:16:40 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-6116.html</guid>
			<description><![CDATA[Titel: das letzte Duell<br />
<br />
Viele Male war ich schon diesen Weg gegangen. Aber niemals, selbst in den schwersten Stunden nicht, war er mir so schwer gefallen wie heute.<br />
Mein Herz fühlte sich wie Blei an. Gepaart mit einer Trauer, die nicht so recht zu dem lauen Frühlingstag passen wollte. Ein Frühling, der so schön war, wie er es in einer Stadt wie Rom nur sein konnte. Mit sprießendem Grün und blühenden Büschen. Und mit Vögeln, die es nicht schafften, gegen meine steigende Melancholie anzusingen.<br />
<br />
Es hätte mehr als diese paar Spatzen gebraucht, um mir meinen letzten Weg leichter zu machen.<br />
Ein Weg, gepflastert mit runden Steinen. Abgetreten von unzählig vielen Gladiatoren, die den Weg schon vor mir gegangen waren. Der von Schaulustigen gesäumt war und der mehr Seufzer gehört haben musste als die Hurenhäuser am Ufer des Tibers.<br />
Auch ich seufzte. Nicht vor Angst wegen dem, was mich erwarten würde, sondern aus dem immerwährendem Grund, der alte Leute nun einmal zum Seufzen reizte: Die Erinnerung an alte Zeiten, an bereits gegangene Freunde, an vergangenem Ruhm.<br />
Vergangener Ruhm. Ich seufzte ein weiteres Mal und meine Schritte wurden automatisch schneller. Der Gedanke an die alte Zeit beflügelte mich. Trotz meines Alters beeilte ich mich nun, das Gebäude zu erreichen, das am Ende des Weges lag.<br />
<br />
Dann, nach der nächsten Wegbiegung, stand es vor mir. Ich wusste, dass es sich an dieser Stelle befand und doch jagte mir sein Anblick wie früher einen Schauer über den Rücken.<br />
Ein Gebäude, das höher war als die meisten anderen seiner Art. Kreisrund, mit mehreren Eingängen, von denen Treppen zu den Zuschauerrängen hinaufführten. Nur eine der Treppen ging zu einem abgetrennten Abteil, das eigens für den Imperator geschaffen worden war. Eine weitere für die Richter, die dem Schauspiel innerhalb des Gebäudes vorsaßen. Die wichtigste Treppe von allen, denn ohne die Richter würde das Spektakel gar nicht erst stattfinden.<br />
<br />
Trotzdem ging ich direkt zu dem großen Eingang, der sich an der Nordseite des Gebäudes befand.<br />
Zwei hohe Steinsäulen säumten ihn, darüber hing ein Wappen aus Marmor. Das Wappen zeigte ein gekreuztes Schwert und eine Axt über einem Cäsarenkranz. Die einst bunte Farbe war nun abgeblättert. Dreck hatte sich in den Ecken festgesetzt und ließen es schmuddelig wirken. Dort, wo kein Dreck saß, wurde es von Vogelkot verunstaltete.<br />
Der Gang hinter dem Tor lag im Dunklen. Die Sonne erreichte nur die ersten Meter. Sie beschien einen Boden aus Stein. Einen Gang und dann folgte Schwärze.<br />
Früher hatte ich an dieser Stelle immer kurz innegehalten. Ich wusste, sobald ich unter dem Wappen hindurchgetreten war, gab es kein Zurück mehr. Denn dann zählte es: Mein Können. Meine Geschicklichkeit. Mein Wille.<br />
Und alles nur für Ruhm und Ehre. Für den Sieg über einen Gegner.<br />
Ein Innehalten an dieser Stelle war heute nicht nötig. Auf mich warteten keine Gegner mehr. Auf mich wartete nur die Vergangenheit. Das Vergessen. So wie dieses Gebäude vergessen worden war.<br />
<br />
Nach einem letzten Blick auf das Wappen trat ich unter dem Torbogen hindurch. Bereits nach einigen Schritten empfing mich angenehme Kühle. Sie trocknete den Schweiß auf meiner Stirn und hinterließ dort einen klebrigen Film.<br />
Ich wischte mir mit einer Hand den Film vom Gesicht. Dann, beim Weitergehen, blieb ich kurz stehen. Ein Geruch stieg mir in die Nase, der so typisch für dieses alte Gebäude war wie der nach altem Fisch in einem Hafen: Blut. Schweiß. Sand. Öl. Altes Leder und erkaltete Feuerstellen.<br />
Wie oft ich diese Mischung gerochen hatte, wusste ich nicht mehr zu sagen. Ich hatte ihn damals als selbstverständlich wahrgenommen. Er gehörte zu diesem Gebäude wie die Brunnen zu der Stadt.<br />
<br />
Ich ging weiter. Nach einigen Metern ging vom Gang ein zweiter ab. Er war schmaler als der, den ich bisher gegangen war, und führte zu kargen Zellen. Damals brannten an den Wänden Fackeln, die gespenstische Schatten an die Wand warfen, heute musste ich mir den Weg zu den Zellen ertasten. Die Hand an die Wand gelehnt, ging ich in das Dunkle hinein, bis ein Lichtstrahl mich selbst zu einem der kleinen Räume führte. Der Strahl stammte von einem kleinen Fenster, das ganz oben in der Zelle gebaut worden war. Das Fenster war kaum breiter als zwei Hände und nur eine Hand hoch. Doch es genügte, um mich einen Blick in den Raum werfen zu lassen, in den man sich vor den jeweiligen Kämpfen vorbereitet hatte.<br />
<br />
Allerdings war von dem einstigen Interieur nichts mehr zu sehen. Lediglich die eisernen Ringe hingen noch an der Wand. Ich blieb deshalb nur kurz darin stehen und begab mich dann zu dem breiten Gang zurück, der direkt in das Herz des Gebäudes führte.<br />
<br />
Mitten hinein in die Arena.<br />
<br />
Da stand ich nun. Alt und am Ende meiner Zeit. Ich spürte den Sand unter meinen Füßen, den Wind in meinen Haaren. Um mich herum waren die leeren Ränge. Die Loge des Imperators. Nur in der Loge der Richter herrschte reger Betrieb: ein Vogelpaar nistete dort. Ihr lautes Zwitschern war das einzige Geräusch innerhalb der Arena.<br />
Für einen Moment schloss ich die Augen. Versuchte, mich jeder Narbe zu erinnern, die ich mir innerhalb dieser Arena zugezogen hatte. Und meiner Gegner, deren Zahl ich schon lange nicht mehr wusste. Einige von ihnen waren meine Freunde gewesen. Die engsten und besten, die jemand in meiner Position hätte haben können. Krieger, die schon längst gegangen waren. Wahre Helden ihrer Zeit. Männer und Frauen, deren Erwähnung heute noch ein Raunen verursachten. Namen, die man in Stein gemeißelt sah und Kempen, wie es sie kein zweites Mal geben würde.<br />
<br />
Ich lächelte. Schon lange hatte ich nicht mehr an die Zeit von damals gedacht. Ich tat es auch nur jetzt, weil ich spürte, dass ich bald meinen Freunden folgen würde. Denn in mir war es ebenfalls Herbst geworden. So, wie dieser die Blätter färbte und zum Absterben brachte, bereitete auch ich mich auf den Tode vor. Mag es mir da jemand verdenken, wenn ich diesen Ort noch einmal aufsuchte? Hier, wo ich Triumphe und Niederlagen gefeiert hatte, und wo ich die Hälfte meiner Jugend anzutreffen gewesen war?<br />
<br />
Vielleicht die Jugend, aber die Jugend war gerade nicht anwesend.<br />
<br />
Trotzdem blickte ich einmal nach hinten über die Schultern. Schließlich wollte ich nicht, dass mich jemand bei meinem Tun beobachtete. Ich war zwar alt, aber als albern wollte ich mich selbst da nicht betitulieren lassen.<br />
Ich straffte mich. Drehte mich erst zur Loge des Imperators und dann zu denen der Schiedsrichter. Beide Male deutete ich eine leichte Verbeugung an. Nicht zu viel, schließlich wollte ich nicht als unterwürfig gelten und außerdem war ich zu stolz dazu.<br />
Nachdem ich das getan hatte, zog ich eine imaginäre Waffe hinter meinem Rücken vor. Sie war groß und schwer, und würde ich sie heute in der Hand halten, würde mich ihr Gewicht gen Boden ziehen. Aber mit diesem Luftschwert bewegte ich mich fast so leichtfüßig wie damals, und nachdem ich es in meiner Hand gewogen hatte, begann ich zu grinsen.<br />
<br />
„Na, Kleiner. Bist du sicher, dass du hier schon mitkämpfen darfst? Habe ich vorhin nicht gesehen, wie dir deine Mutter noch die Brust gegeben hat?“<br />
Vor mir saß ein kleiner Vogel im Sand. Er scharrte mit seinem Fuß, auf der Suche nach einem Sandfloh oder Wurm. Bei meinem Worten hüpfte er etwas zur Seite und äugte mich misstrauisch an.<br />
Er fühlte sich offensichtlich nicht angesprochen, aber das war mir in diesem Moment egal. Er war der einzige Gegner, die diese Arena zu bieten hatte und ihn zu besiegen, dürfte selbst mir möglich sein.<br />
„Komm schon, zieh deine Waffe. Ich habe heute noch etwas anderes zu tun, als dir zuzusehen, wie du in die Hose machst.“<br />
Jetzt wurde es dem Vogel zu dumm. Er flog auf und flatterte zurück auf die Schiedsrichtertribüne, von der er gekommen war.<br />
<br />
Ich war nun ohne Gegner. Musste mich mit meiner Fantasie begnügen, was mir jedoch nicht weiter schwer fiel. Weiter leise Flüche und Verspottungen murmelnd, führte ich mein Schwert gegen einen unsichtbaren Gegner. Ein wenig sprang ich vor – nicht allzu oft, ich hatte es seit einigen Jahren in der Hüfte – dann schwang ich mein Schwert herum. Ich drehte mich, kämpfte mit meinem Gegner und einmal ließ ich mich sogar dazu hinreißen, mich in den Sand zu werfen und ein wenig zu jammern. Der Sturz war zwar nicht echt, das Jammern hingegen schon. Denn nun lag ich wie ein Käfer auf dem Rücken und musste mich wie dieser erst wieder auf den Bauch drehen, um aufstehen zu können.<br />
<br />
Sobald ich stand, begann ich meinen unsichtbaren Gegner erneut zu umkreisen. Zu meinem Leidwesen war der Vogel nicht mehr zurückgekehrt, aber ich erkannte einen großen Käfer im Sand, der sich hervorragend dafür eignete, von mir bis aufs Blut gereizt zu werden. Meine Hand stieß vor. Hätte ich ein Schwert gehabt, der Käfer wäre sofort tot gewesen. Oder wenigstens schwer verletzt, denn töten, das durfte man in dieser Arena nicht. Hier galt es, um Ruhm und Ehre zu kämpfen.<br />
<br />
Aber ich war fair. Auch ich musste Schläge einstecken. Ich hielt mir die Seite, murmelte höchst wirkungsvoll ein „Au“ und begann von nun an zu humpeln.<br />
Nach einiger Zeit beschloss ich, den Sieg davon getragen zu haben. Ich sah auf den Boden. Stieß ein Lachen aus, das selbst in meinen Ohren wie das Meckern einer Ziege klang und reichte dem Besiegten anschließend die Hand, um ihm aufzuhelfen.<br />
Gemeinsam mit ihm wankte ich vor die Schiedsrichtertribüne. Dort wartete ich ungefähr die Zeit ab, die die Richter für ihre Entscheidungen benötigt hatten, und riss anschließend die Arme hoch.<br />
<br />
Ich hatte gesiegt!<br />
<br />
Wie konnte es auch anders sein.<br />
In meiner Jugend siegte ich schließlich über viele Gegner. Und lange siegte ich auch über die Zeit. Bis die Zeit drohte, mich zu besiegen.<br />
Meine Arme sanken herab. Sie wurden schwer. Ein letztes Mal blickte ich mich um. Sah den Verfall der Arena, die einst so schön gewesen war. Spürte den Sand unter meinen Füßen. Bildete mir ein, Blut, Schweiß und Angst zu riechen.<br />
Und trat dann ab.<br />
Rom hatte mich zum letzten Mal gesehen. Und ich Rom.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Titel: das letzte Duell<br />
<br />
Viele Male war ich schon diesen Weg gegangen. Aber niemals, selbst in den schwersten Stunden nicht, war er mir so schwer gefallen wie heute.<br />
Mein Herz fühlte sich wie Blei an. Gepaart mit einer Trauer, die nicht so recht zu dem lauen Frühlingstag passen wollte. Ein Frühling, der so schön war, wie er es in einer Stadt wie Rom nur sein konnte. Mit sprießendem Grün und blühenden Büschen. Und mit Vögeln, die es nicht schafften, gegen meine steigende Melancholie anzusingen.<br />
<br />
Es hätte mehr als diese paar Spatzen gebraucht, um mir meinen letzten Weg leichter zu machen.<br />
Ein Weg, gepflastert mit runden Steinen. Abgetreten von unzählig vielen Gladiatoren, die den Weg schon vor mir gegangen waren. Der von Schaulustigen gesäumt war und der mehr Seufzer gehört haben musste als die Hurenhäuser am Ufer des Tibers.<br />
Auch ich seufzte. Nicht vor Angst wegen dem, was mich erwarten würde, sondern aus dem immerwährendem Grund, der alte Leute nun einmal zum Seufzen reizte: Die Erinnerung an alte Zeiten, an bereits gegangene Freunde, an vergangenem Ruhm.<br />
Vergangener Ruhm. Ich seufzte ein weiteres Mal und meine Schritte wurden automatisch schneller. Der Gedanke an die alte Zeit beflügelte mich. Trotz meines Alters beeilte ich mich nun, das Gebäude zu erreichen, das am Ende des Weges lag.<br />
<br />
Dann, nach der nächsten Wegbiegung, stand es vor mir. Ich wusste, dass es sich an dieser Stelle befand und doch jagte mir sein Anblick wie früher einen Schauer über den Rücken.<br />
Ein Gebäude, das höher war als die meisten anderen seiner Art. Kreisrund, mit mehreren Eingängen, von denen Treppen zu den Zuschauerrängen hinaufführten. Nur eine der Treppen ging zu einem abgetrennten Abteil, das eigens für den Imperator geschaffen worden war. Eine weitere für die Richter, die dem Schauspiel innerhalb des Gebäudes vorsaßen. Die wichtigste Treppe von allen, denn ohne die Richter würde das Spektakel gar nicht erst stattfinden.<br />
<br />
Trotzdem ging ich direkt zu dem großen Eingang, der sich an der Nordseite des Gebäudes befand.<br />
Zwei hohe Steinsäulen säumten ihn, darüber hing ein Wappen aus Marmor. Das Wappen zeigte ein gekreuztes Schwert und eine Axt über einem Cäsarenkranz. Die einst bunte Farbe war nun abgeblättert. Dreck hatte sich in den Ecken festgesetzt und ließen es schmuddelig wirken. Dort, wo kein Dreck saß, wurde es von Vogelkot verunstaltete.<br />
Der Gang hinter dem Tor lag im Dunklen. Die Sonne erreichte nur die ersten Meter. Sie beschien einen Boden aus Stein. Einen Gang und dann folgte Schwärze.<br />
Früher hatte ich an dieser Stelle immer kurz innegehalten. Ich wusste, sobald ich unter dem Wappen hindurchgetreten war, gab es kein Zurück mehr. Denn dann zählte es: Mein Können. Meine Geschicklichkeit. Mein Wille.<br />
Und alles nur für Ruhm und Ehre. Für den Sieg über einen Gegner.<br />
Ein Innehalten an dieser Stelle war heute nicht nötig. Auf mich warteten keine Gegner mehr. Auf mich wartete nur die Vergangenheit. Das Vergessen. So wie dieses Gebäude vergessen worden war.<br />
<br />
Nach einem letzten Blick auf das Wappen trat ich unter dem Torbogen hindurch. Bereits nach einigen Schritten empfing mich angenehme Kühle. Sie trocknete den Schweiß auf meiner Stirn und hinterließ dort einen klebrigen Film.<br />
Ich wischte mir mit einer Hand den Film vom Gesicht. Dann, beim Weitergehen, blieb ich kurz stehen. Ein Geruch stieg mir in die Nase, der so typisch für dieses alte Gebäude war wie der nach altem Fisch in einem Hafen: Blut. Schweiß. Sand. Öl. Altes Leder und erkaltete Feuerstellen.<br />
Wie oft ich diese Mischung gerochen hatte, wusste ich nicht mehr zu sagen. Ich hatte ihn damals als selbstverständlich wahrgenommen. Er gehörte zu diesem Gebäude wie die Brunnen zu der Stadt.<br />
<br />
Ich ging weiter. Nach einigen Metern ging vom Gang ein zweiter ab. Er war schmaler als der, den ich bisher gegangen war, und führte zu kargen Zellen. Damals brannten an den Wänden Fackeln, die gespenstische Schatten an die Wand warfen, heute musste ich mir den Weg zu den Zellen ertasten. Die Hand an die Wand gelehnt, ging ich in das Dunkle hinein, bis ein Lichtstrahl mich selbst zu einem der kleinen Räume führte. Der Strahl stammte von einem kleinen Fenster, das ganz oben in der Zelle gebaut worden war. Das Fenster war kaum breiter als zwei Hände und nur eine Hand hoch. Doch es genügte, um mich einen Blick in den Raum werfen zu lassen, in den man sich vor den jeweiligen Kämpfen vorbereitet hatte.<br />
<br />
Allerdings war von dem einstigen Interieur nichts mehr zu sehen. Lediglich die eisernen Ringe hingen noch an der Wand. Ich blieb deshalb nur kurz darin stehen und begab mich dann zu dem breiten Gang zurück, der direkt in das Herz des Gebäudes führte.<br />
<br />
Mitten hinein in die Arena.<br />
<br />
Da stand ich nun. Alt und am Ende meiner Zeit. Ich spürte den Sand unter meinen Füßen, den Wind in meinen Haaren. Um mich herum waren die leeren Ränge. Die Loge des Imperators. Nur in der Loge der Richter herrschte reger Betrieb: ein Vogelpaar nistete dort. Ihr lautes Zwitschern war das einzige Geräusch innerhalb der Arena.<br />
Für einen Moment schloss ich die Augen. Versuchte, mich jeder Narbe zu erinnern, die ich mir innerhalb dieser Arena zugezogen hatte. Und meiner Gegner, deren Zahl ich schon lange nicht mehr wusste. Einige von ihnen waren meine Freunde gewesen. Die engsten und besten, die jemand in meiner Position hätte haben können. Krieger, die schon längst gegangen waren. Wahre Helden ihrer Zeit. Männer und Frauen, deren Erwähnung heute noch ein Raunen verursachten. Namen, die man in Stein gemeißelt sah und Kempen, wie es sie kein zweites Mal geben würde.<br />
<br />
Ich lächelte. Schon lange hatte ich nicht mehr an die Zeit von damals gedacht. Ich tat es auch nur jetzt, weil ich spürte, dass ich bald meinen Freunden folgen würde. Denn in mir war es ebenfalls Herbst geworden. So, wie dieser die Blätter färbte und zum Absterben brachte, bereitete auch ich mich auf den Tode vor. Mag es mir da jemand verdenken, wenn ich diesen Ort noch einmal aufsuchte? Hier, wo ich Triumphe und Niederlagen gefeiert hatte, und wo ich die Hälfte meiner Jugend anzutreffen gewesen war?<br />
<br />
Vielleicht die Jugend, aber die Jugend war gerade nicht anwesend.<br />
<br />
Trotzdem blickte ich einmal nach hinten über die Schultern. Schließlich wollte ich nicht, dass mich jemand bei meinem Tun beobachtete. Ich war zwar alt, aber als albern wollte ich mich selbst da nicht betitulieren lassen.<br />
Ich straffte mich. Drehte mich erst zur Loge des Imperators und dann zu denen der Schiedsrichter. Beide Male deutete ich eine leichte Verbeugung an. Nicht zu viel, schließlich wollte ich nicht als unterwürfig gelten und außerdem war ich zu stolz dazu.<br />
Nachdem ich das getan hatte, zog ich eine imaginäre Waffe hinter meinem Rücken vor. Sie war groß und schwer, und würde ich sie heute in der Hand halten, würde mich ihr Gewicht gen Boden ziehen. Aber mit diesem Luftschwert bewegte ich mich fast so leichtfüßig wie damals, und nachdem ich es in meiner Hand gewogen hatte, begann ich zu grinsen.<br />
<br />
„Na, Kleiner. Bist du sicher, dass du hier schon mitkämpfen darfst? Habe ich vorhin nicht gesehen, wie dir deine Mutter noch die Brust gegeben hat?“<br />
Vor mir saß ein kleiner Vogel im Sand. Er scharrte mit seinem Fuß, auf der Suche nach einem Sandfloh oder Wurm. Bei meinem Worten hüpfte er etwas zur Seite und äugte mich misstrauisch an.<br />
Er fühlte sich offensichtlich nicht angesprochen, aber das war mir in diesem Moment egal. Er war der einzige Gegner, die diese Arena zu bieten hatte und ihn zu besiegen, dürfte selbst mir möglich sein.<br />
„Komm schon, zieh deine Waffe. Ich habe heute noch etwas anderes zu tun, als dir zuzusehen, wie du in die Hose machst.“<br />
Jetzt wurde es dem Vogel zu dumm. Er flog auf und flatterte zurück auf die Schiedsrichtertribüne, von der er gekommen war.<br />
<br />
Ich war nun ohne Gegner. Musste mich mit meiner Fantasie begnügen, was mir jedoch nicht weiter schwer fiel. Weiter leise Flüche und Verspottungen murmelnd, führte ich mein Schwert gegen einen unsichtbaren Gegner. Ein wenig sprang ich vor – nicht allzu oft, ich hatte es seit einigen Jahren in der Hüfte – dann schwang ich mein Schwert herum. Ich drehte mich, kämpfte mit meinem Gegner und einmal ließ ich mich sogar dazu hinreißen, mich in den Sand zu werfen und ein wenig zu jammern. Der Sturz war zwar nicht echt, das Jammern hingegen schon. Denn nun lag ich wie ein Käfer auf dem Rücken und musste mich wie dieser erst wieder auf den Bauch drehen, um aufstehen zu können.<br />
<br />
Sobald ich stand, begann ich meinen unsichtbaren Gegner erneut zu umkreisen. Zu meinem Leidwesen war der Vogel nicht mehr zurückgekehrt, aber ich erkannte einen großen Käfer im Sand, der sich hervorragend dafür eignete, von mir bis aufs Blut gereizt zu werden. Meine Hand stieß vor. Hätte ich ein Schwert gehabt, der Käfer wäre sofort tot gewesen. Oder wenigstens schwer verletzt, denn töten, das durfte man in dieser Arena nicht. Hier galt es, um Ruhm und Ehre zu kämpfen.<br />
<br />
Aber ich war fair. Auch ich musste Schläge einstecken. Ich hielt mir die Seite, murmelte höchst wirkungsvoll ein „Au“ und begann von nun an zu humpeln.<br />
Nach einiger Zeit beschloss ich, den Sieg davon getragen zu haben. Ich sah auf den Boden. Stieß ein Lachen aus, das selbst in meinen Ohren wie das Meckern einer Ziege klang und reichte dem Besiegten anschließend die Hand, um ihm aufzuhelfen.<br />
Gemeinsam mit ihm wankte ich vor die Schiedsrichtertribüne. Dort wartete ich ungefähr die Zeit ab, die die Richter für ihre Entscheidungen benötigt hatten, und riss anschließend die Arme hoch.<br />
<br />
Ich hatte gesiegt!<br />
<br />
Wie konnte es auch anders sein.<br />
In meiner Jugend siegte ich schließlich über viele Gegner. Und lange siegte ich auch über die Zeit. Bis die Zeit drohte, mich zu besiegen.<br />
Meine Arme sanken herab. Sie wurden schwer. Ein letztes Mal blickte ich mich um. Sah den Verfall der Arena, die einst so schön gewesen war. Spürte den Sand unter meinen Füßen. Bildete mir ein, Blut, Schweiß und Angst zu riechen.<br />
Und trat dann ab.<br />
Rom hatte mich zum letzten Mal gesehen. Und ich Rom.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Mit dem Rücken zur Wand (Priscylla)]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6114.html</link>
			<pubDate>Fri, 01 May 2009 09:56:22 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-6114.html</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Mit dem Rücken zur Wand</span><br />
<br />
Die junge Frau steht auf einer breiten Straße. Sie sieht sich um und blickt zum Himmel, der von einem unwirklichen Orange ist, gräulich und dumpf. Das gefärbte Licht taucht die Straße in eine seltsame Atmosphäre. Der Blick der Frau mustert die Häuser, die die Straße säumten: prachtvolle Anwesen und Villen. In keinem Fenster sieht sie eine Regung, ebenso wenig wie auf der Straße: Niemand außer ihr hält sich dort auf.<br />
<br />
Dann, als bemerke sie es erst jetzt, schaut sie an sich herab, sieht auf das Kind, das sie in den Armen hält. Es ist wenige Tage jung und in ein Leinentuch gewickelt. Sein Blick ist ängstlich und seine Händchen recken sich nach oben. Sie hält vorsichtig einen Finger an die Hände des Kindes, welches ihn umgreift und zu sich zieht. Aus großen Augen sieht das Kind sie an, sie lächelt leicht. Der zahnlose Mund des Babys formt sich ebenfalls zu einem Lächeln. Die kleinen Finger tasten sich an dem großen entlang.<br />
<br />
Die Frau beschleicht das Gefühl beobachtet zu werden und sieht langsam auf, schaut sich unsicher um. Dann entdeckt sie die schwarze Großkatze, die auf einem der Dächer steht. Als die Blicke von Frau und Panther sich treffen, beginnt die Katze mit dem Abstieg vom First. Das Muskelspiel zeichnet sich geschmeidig unter dem schwarzen Fell ab. Ohne inne zu halten springt die Katze elegant vom Dach und geht langsam auf die Frau und das Kind zu.<br />
<br />
Schützend hat die Frau das Kind an sich gedrückt, ihre Hände und Arme verdecken fast seinen gesamten Körper. Langsam weicht sie zurück, einen Schritt um den nächsten, rückwärts, ihren Blick stetig auf die Katze gerichtet und gefüllt mit Angst. Die Katze geht gemächlich und voll der ihr eigenen Eleganz auf die Frau zu, kommt näher. Ihr Raubtiergesicht scheint zu lächeln. Ein Wimmern zerreißt die Stille: Das Kind drückt sich an die Frau, spürt die Angst der Mutter und ängstigt sich selbst. Die Mutter drückt es an sich, birgt und stützt das Köpfchen mit einer Hand. „Sssscht“, macht sie leise zu dem Kind und wiegt es sanft. Doch ihre eigene Angst kann sie nicht vertreiben und somit nicht die des Kindes.<br />
<br />
Ihr Blick ist weiterhin auf den Panther gerichtet. Plötzlich dreht sie sich um und beginnt zu rennen. So schnell ihre Füße sie tragen eilt sie die Straßen entlang, durch die Gassen, an den mächtigen Häusern vorbei. Sie presst das Kind an sich und rennt, hört nur das Wimmern ihres Kindes und ihre Stiefel auf das edle Pflaster der Straße stampfen bei jedem Auftreten. Schließlich siegt die Neugier und sie blickt sich um, sucht mit den Blicken die Straße ab, doch die Katze sieht sie nicht. Sie verlangsamt ihren Schritt, eilt nurmehr anstelle zu rennen. Als ihr Blick sich wieder nach vorne richtet, prallt sie zurück und bleibt mit einem Ruck stehen. Der Panther steht zwanzig Schritt vor ihr, sein Schwanz peitscht hin und her, ungeduldig. Aus dem Maul des Tieres erklingt ein Fauchen, missbilligend. <br />
<br />
Mit sanften Bewegungen wiegt die Frau das Kind an ihrer Brust, es weint. Sie versucht es zu beruhigen, summt leise eine Melodie, die sich aus ihrer Kinderzeit in ihr Gedächtnis drängt. Doch das Summen ist keineswegs melodisch, ihre Stimme zittert und zeigt deutlich, welche Ängste die Mutter in sich trägt. Das Kind drängt sich an den wärmenden und schützenden Körper der Mutter, sein weinen wird leiser aber verstummt nicht. Der Blick der Mutter ist allein auf die Katze gerichtet, die sich langsam in Bewegung setzt und wieder auf die beiden zuhält.<br />
<br />
Erneut weicht die Frau zurück, die Katze wechselt in einen geschmeidigen Trab und kommt rasch näher. Wieder dreht sich die Mutter um und rennt. Sie ist angespannt, erwartet jeden Moment die Krallen und Fänge der Großkatze in ihrem Rücken zu spüren, beugt den Kopf vor, um den Kopf ihres Kinds zu schützen. Das Weinen des Kindes wird wieder lauter, es ist ein angstvolles Weinen, das die Mutter nicht zu stillen vermag.<br />
<br />
Sie biegt in eine Gasse ein, wird nicht langsamer. Niemand ist in der Gasse zu sehen, einzig Statuen säumen ihren Weg, denen sie keine Beachtung schenkt. Sie will nur weg, weg von dieser Katze, die ihr Kind haben will. Ihr Blick ist starr geradeaus gerichtet, sie riskiert keinen Blick über die Schulter zurück. Doch aus den Augenwinkeln heraus nimmt sie eine Bewegung auf den Dächern der Häuser neben sich wahr. Es ist wie ein Schatten, der in geschmeidig eleganten Bewegungen leicht mit ihrem Schritt mithält. Am Ende der Gasse glimmt ein Licht auf, anders als das düstere, orangegefärbte Licht des Himmels, heimeliger, schutzbietend.<br />
Sie versucht noch schneller zu laufen, zu dem Licht zu kommen.<br />
<br />
Der Schatten neben ihr setzt zum Sprung an und nur wenige Schritte vor der Frau kommt die Katze auf dem Boden auf, faucht und bleckt die Zähne. Die Frau stoppt, ihre Arme drücken das Kind noch fester an sich. Sie weicht erneut zurück, die Katze nicht aus den Augen lassend. Diese drückt sich an den Boden, ihre Krallen ausgefahren, lauernd. Langsam, schleicht sie der Frau nach, nähert sich ihr. Die Frau weiß: Sie ist die Beute, die Katze die Jägerin. <br />
<br />
Neben der Frau öffnet sich eine weitere Gasse. Sie nutzt die Möglichkeit und weicht von ihrem Weg ab, wendet sich um und läuft wieder. Das Kind schützend haltend. Es weint nicht mehr aber die Angst hat Mutter und Kind nicht verlassen. Beider Herzen pochen heftig und laut gegeneinander. Die Gasse führt abwärts und die Frau sieht viele kleine schwarze Schatten auf den Dächern um sich sitzen, sie anstarrend: Raben<br />
<br />
Die Gasse öffnet sich und sie sieht einen Fluss vor sich. Am Ufer kommt sie zum stehen, schaut sich zitternd um. Als einzige Lebewesen sind die Raben zu sehen, die Mutter und Kind anstarren. Die Mutter sieht sich um, entdeckt einen Weg am Ufer entlang und schlägt ihn ein. Sie eilt mit ihrem Kind weg von der Gasse, dem Flusslauf folgend. Das Wasser des Flusses ist trübe, hellgraue Schlieren ziehen sich in der langsamen Strömung des breiten Flusses.<br />
<br />
Die Hand der Frau, die den Kindkopf stützt, streicht vorsichtig über den mit Haaren beflaumten Kopf. Das Kind hebt den Kopf und schaut zum Gesicht seiner Mutter. Sie schmiegt es an sich und streichelt es. In den Augen des kleinen Wesens sieht die Mutter eine unbeschreibliche Angst. Sie erkennt, dass die Augen des Kindes ihre eigenen spiegeln und merkt, wie sehr ihre Beine zittern. Sie geht weiter, versucht sich zu beruhigen, sieht sich immer wieder nach der Katze um aber einzig Raben säumen die Dächer der Häuser.<br />
<br />
Das Kind schmiegt sich an sie, sucht Nähe und Schutz. Sie lächelt sacht und reicht dem Kind einen Finger, als es mit den Händchen um sich tastet. Sie schaut das Kind liebevoll an. Es vertraut ihr, sie ist seine Mutter. Wer, wenn nicht die Mutter, sollte es vor all den Gefahren dieser Welt schützen können?<br />
<br />
Für einen Moment versinkt sie im Anblick ihres Kindes, welches sie anlächelt, sich in ihre Arme kuschelt. Sie drückt es schützend und entlockt dem Kind ein leises Glucksen. Es scheint seine Angst vergessen zu haben. Inzwischen geht die Frau normalen Schrittes, ihr Blick mustert immer wieder die Häuser und das Wasser zu ihren Seiten. Ihr Herzschlag beruhigt sich langsam und ihr Zittern wird schwächer.<br />
<br />
Das Kind brabbelt leise vor sich hin. Die Mutter wiegt es. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Es wird alles Gut! Ich bin bei dir!“</span> Sie will sich auch selbst mit den Worten beruhigen, findet Mut im Klang der eigenen Stimme. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wir gehen nach Hause... zu deinem Papa! Es ist alles gut!“</span> Das Kind lacht leise und erfreut über den Klang der wohlvertrauten Stimme. Es reckt die Hände nach dem Gesicht der Mutter. Diese neigt den Kopf leicht, versunken im Anblick des Kindes. Ihre Hände heben das Kind höher, näher an ihr Gesicht heran. Nur noch selten wirft sie Blicke auf den Weg, den sie entlanggeht.<br />
<br />
Die kleinen Hände greifen in das Gesicht der Frau, tasten über Nase und Wangen, greifen in die Lippen und verfangen sich schließlich in den Haaren. Es lächelt glücklich, immer wieder leise Laute der Zufriedenheit von sich gebend. Voller Zuneigung und auch Zuversicht sagt die Frau leise zu dem Kind: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich liebe dich!“</span> Es lächelt sie glücklich an, die Hände an den Haaren ziehend.<br />
Eine Straße führt zwischen den Häusern durch und mündet am Ufer. Im Gehen wirft die Frau einen Blick hinein und erstarrt. Der Panther sitzt dort, einer Statue gleich starrt er die Frau an. Die Umarmung der Frau schließt sich wieder fester um das Kind während sie weitergeht. Der Blick der Großkatze wirkt herablassend. Dann erhebt sie sich und mit geducktem Kopf, das Spiel der Schulterblätter zeichnet sich deutlich unter Haut und Fell ab, schleicht sie vorwärts.<br />
<br />
Der Blick der Frau wendet sich nach vorne, ihr Herzschlag ist in diesem einen Moment schwer geworden und pocht an ihre Brust. Ihr Blick entdeckt in einiger Entfernung einen Steg. Dort sind die ersten Menschen, die sie in dieser Stadt sieht: Ein Fährmann in seinem Boot, der die Leine vom Steg löst. Er trägt eine lange Kutte, den Kopf verdeckt durch eine weit nach vorne fallende Kapuze. Seine Passagiere sitzen mit dem Rücken zu der Frau, sehen nach vorne ans andere Ufer.<br />
<br />
Die Frau beginnt zu laufen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wartet!“</span>, gellt ihr Ruf bis zur Fähre. Der Fährmann wendet sich ihr zu, stützt die Stake ins Wasser und hält das Boot gegen die sanfte Strömung an seinem Platz beim Steg. Leise und kaum hörbar spricht er: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Dann lauf!“ </span><br />
Die Raben auf den Dächern krächzen und der vielfache Ruf der schwarzen Vögel füllt die Luft. Die Frau läuft zum Steg, eilt ihn entlang zum Boot. <br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie kommt! Schneller!“</span>, durchschneidet die leise aber eindringliche Stimme des Fährmanns das Crescendo der Rabenstimmen. Die eiligen Schritte der Frau klappern über die Planken des Stegs. Der Fährmann streckt seinen Arm in Richtung der Frau aus, seine Hand ist von der langen Kutte verdeckt. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir!“</span>, verlangt er. Sie steht vor dem Mann, drückt das Kind an sich, ungläubig schaut sie den von der Kutte verdeckten Fährmann an. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe nur noch einen Platz frei! Rette dich oder dein Kind“ </span><br />
Sie zögert. Soll sie ihr Kind in fremde Hände geben, damit es der Katze entgeht? <br />
Die Stimme des Mannes neben ihr reißt sie aus ihren hektischen Gedanken: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie ist nicht mehr weit... entscheide dich!“ </span><br />
<br />
Das Krächzen der Raben ist angeschwollen und wird unterstrichen von dem wilden Flügelschlag der Vögel, die sich jedoch nicht von den Häuserdächern in die Lüfte erheben. Das Rauschen der Schwingen gleicht einem Sturm.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie ist gleich da! Sie wird euch beide nehmen... entscheide, wen du retten willst... LOS!“</span>, die Stimme hallt laut, übertönt alles andere.<br />
Die Frau schließt für einen kurzen Moment die Augen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wir kommen beide mit!“</span>, entschieden.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe nur einen Platz frei!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe sie auf dem Arm.“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Es gibt nur einen Platz. Du musst dich entscheiden, was wichtiger ist: dein eigenes Leben oder das deines jungen Kindes!“</span><br />
<br />
Sie drückt das Kind an sich und dreht sich langsam um. Begleitet wird ihre Bewegung von der leisen Stimme des Fährmannes: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie ist hinter dir!“</span><br />
Nur zwei Schritt, einen kleinen Katzensprung entfernt steht die Wildkatze auf den Planken. Schützend legt die Mutter die Arme um das Kind.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich werde nicht alle Leben auf dieser Fähre riskieren für euch. Entscheide dich nun, einen von euch kannst du retten. Wenn du dich jetzt nicht entscheidest, bekommt sie euch beide. Ich lege jetzt ab...“</span>, ein kaltes Ultimatum.<br />
<br />
Die Frau zittert und schaut gebannt die Katze an, die ihre Zähne bleckt und sich tief duckt, zum Sprung bereit. An die Ohren der Frau dringt ein plätscherndes Geräusch: Die Stake, die ins Wasser gestoßen wird. Die kalte, leise Stimme des Fährmanns begleitet das Plätschern: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Dann verdamme dich und das Kind!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Warte“</span>, hastig geflüstert. Sie hebt ihre Tochter hoch, küsst sie auf die Stirn. Der Fährmann hält inne. Ein Fauchen vom Panther, der geduckt näher schleicht. Die Mutter reicht dem Fährmann ihr Kind, lässt es langsam los, als er es an sich nimmt. Mit Tränen in den Augen wendet sie sich der Großkatze zu. Ihr Kind wird die Katze nicht bekommen, doch die Entscheidung hat das Herz der Frau gespalten.<br />
<br />
Die Raben krächzen ohrenbetäubend und erheben sich von den Dächern. Ihr Flügelschlag erzeugt einen sturmartigen Wind, dessen Brausen alles übertönt - bis auf ein leises Lachen, das der Frau bis ins Mark der Knochen dringt.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Danke meine Liebe!“</span>, der Fährmann stößt mit den Worten ab und das Boot gleitet durch das Wasser. Die Frau schaut zu dem Mann, der seinen Blick hebt. Unter der Kapuze der Kutte sieht sie seine Augen: Zwei rote Punkte, von einem unheimlichen Leuchten erfüllt, wie brennende Rubine. Sie streckt die Hände aus, als wolle sie das Kind wieder nehmen, sie erstarrt bei dem, was sie sieht: Die Hand des Fährmanns, in der das Kind liegt, ist schuppig und läuft in langen Klauen aus. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span>, flüstert sie voller Panik.<br />
<br />
Die Passagiere des Bootes drehen sich um, recken ihre Hände nach dem Kind. Die Frau erkennt jeden einzelnen: Ihre Mutter, die vor mehr als ihrem halben Leben verstarb. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Der Mann, der ihr einst die Freiheit raubte und von ihrem Gatten dafür gerichtet wurde. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Der diebische Junge, der von einem feisten Streiter erschlagen wurde. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Einer der Wüstenkrieger, der im Kampf um eine Oase fiel, in der sie zu Gast war. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Der Ordensritter und der Großmeister, die einander im Duell erschlugen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Die Händlerin, die sie erdrosselt in dem Bureau gefunden hatte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span>, sie schreit es hinaus, ihr Herz von der eisigen Klaue der Angst umklammert.<br />
<br />
Der Blick des Kindes fällt auf seine Mutter, ängstlich, voller Unverständnis, anklagend. Es wimmert und weint. Die Hände der Toten, die Nacht für Nacht in ihren Träumen erscheinen, legen sich um das Kind, ziehen es zu sich.<br />
Die Mutter blickt sich nicht mehr nach der Katze um, stößt sich vom Steg ab, versucht ins Boot zu springen. Ihre Finger streifen den Rand des Bootes, gleiten ab als sie in das schlammige Wasser des Flusses fällt. Kalt erklingt die Stimme des Fährmannes: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie haben etwas besseres als dich gefunden!“</span><br />
Die zitternden Hände der Frau versuchen den Rand des Bootes zu greifen, sich fest zu halten und hoch zu ziehen. Der Fährmann hebt die Stake.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein, nicht sie!“</span>, gellt der Ruf der Mutter über das Wasser als sie von der Stake vom Boot fortgestoßen wird. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein!“</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Du hast sie mir doch gegeben, es war deine Entscheidung... deine alleine!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir wieder!“</span>, flehend, zittrig, voller Angst.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Aber sie ist hier doch in... so vielen... fürsorglichen...“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir wieder“</span>, die Stimme der Frau ist von Panik gezeichnet.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„...Händen“</span>, vollendet der Fährmann seinen Satz. Sein verächtliches Lachen begleitet sie, als er sie mit der Stake unter Wasser drückt. Dunkle Schemen huschen im Wasser um sie herum, doch sie hat nur Augen für das, was sich über ihr befindet. Sie versucht dem Stab auszuweichen, sich an ihm hoch zu ziehen. Doch es ist als greife sie durchs Wasser, als sei der Stab nicht da, doch drückt er sie erbarmungslos immer tiefer unter Wasser.<br />
<br />
Kälte zieht sich um sie herum zusammen. Das Boot rückt immer weiter von ihr weg. Über sich kann sie durch das Wasser die Pantherin auf dem Steg sehen, ihre Blicke treffen sich. Sie tritt um sich, versucht die Schemen zu vertreiben und nach oben zu gelangen. Schließlich durchbricht ihr Kopf die Wasseroberfläche und sie schnappt verzweifelt nach Luft. Wie Klauen legt sich ihr etwas um die Fußgelenke, die Beine, ein leichter aber stetiger Zug nach unten. Panisch tritt sie nach unten, versucht sich zu befreien.<br />
<br />
Eine alles umfassende Stille liegt auf dem Fluss, einzig das ängstliche Wimmern des Kindes ist zu hören.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir wieder!“</span>, flehend hallt die Stimme der Mutter zum Boot. <br />
Der Fährmann schaut sie an, stakt dabei weiter. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Was bietest du dafür?“</span>, lauernd.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Mich“</span>, voller Verzweiflung.<br />
Kaltes Lachen: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Aber ihr gehört mir doch schon beide!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Dann gib sie mir.“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Weshalb? Sie gefällt mir besser. Du hast sie mir doch gegeben!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir! Ich gebe dir dafür alles!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe längst alles, was du je besessen hast!“</span>, verächtlich.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span>, verzweifelt.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Du hast sie mir gegeben!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Du hast sie meinen Händen überlassen!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe sie mir nicht genommen. Ich habe sie aus deinen Händen empfangen!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nehmt sie fort, sie gehört euch!“</span>, gelangweilt und sich abwendend.<br />
Der Zug an ihren Beinen wird stärker und sie kann sich ihm nicht länger widersetzen. Ein letzter verzweifelter Schrei erklimmt ihre Kehle, dann schlägt das trübe Wasser über ihrem Kopf zusammen. Sie strampelt, versucht frei zu kommen, doch immer mehr dieser öligen, schmierigen Klauen legen sich um sie, greifen ihre Hände, ihre Arme, ihre Kehle, lassen keine Gegenwehr zu. Immer tiefer wird sie gezogen in die Schwärze des trüben Stromes, der träge vor sich hinfließt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Mit dem Rücken zur Wand</span><br />
<br />
Die junge Frau steht auf einer breiten Straße. Sie sieht sich um und blickt zum Himmel, der von einem unwirklichen Orange ist, gräulich und dumpf. Das gefärbte Licht taucht die Straße in eine seltsame Atmosphäre. Der Blick der Frau mustert die Häuser, die die Straße säumten: prachtvolle Anwesen und Villen. In keinem Fenster sieht sie eine Regung, ebenso wenig wie auf der Straße: Niemand außer ihr hält sich dort auf.<br />
<br />
Dann, als bemerke sie es erst jetzt, schaut sie an sich herab, sieht auf das Kind, das sie in den Armen hält. Es ist wenige Tage jung und in ein Leinentuch gewickelt. Sein Blick ist ängstlich und seine Händchen recken sich nach oben. Sie hält vorsichtig einen Finger an die Hände des Kindes, welches ihn umgreift und zu sich zieht. Aus großen Augen sieht das Kind sie an, sie lächelt leicht. Der zahnlose Mund des Babys formt sich ebenfalls zu einem Lächeln. Die kleinen Finger tasten sich an dem großen entlang.<br />
<br />
Die Frau beschleicht das Gefühl beobachtet zu werden und sieht langsam auf, schaut sich unsicher um. Dann entdeckt sie die schwarze Großkatze, die auf einem der Dächer steht. Als die Blicke von Frau und Panther sich treffen, beginnt die Katze mit dem Abstieg vom First. Das Muskelspiel zeichnet sich geschmeidig unter dem schwarzen Fell ab. Ohne inne zu halten springt die Katze elegant vom Dach und geht langsam auf die Frau und das Kind zu.<br />
<br />
Schützend hat die Frau das Kind an sich gedrückt, ihre Hände und Arme verdecken fast seinen gesamten Körper. Langsam weicht sie zurück, einen Schritt um den nächsten, rückwärts, ihren Blick stetig auf die Katze gerichtet und gefüllt mit Angst. Die Katze geht gemächlich und voll der ihr eigenen Eleganz auf die Frau zu, kommt näher. Ihr Raubtiergesicht scheint zu lächeln. Ein Wimmern zerreißt die Stille: Das Kind drückt sich an die Frau, spürt die Angst der Mutter und ängstigt sich selbst. Die Mutter drückt es an sich, birgt und stützt das Köpfchen mit einer Hand. „Sssscht“, macht sie leise zu dem Kind und wiegt es sanft. Doch ihre eigene Angst kann sie nicht vertreiben und somit nicht die des Kindes.<br />
<br />
Ihr Blick ist weiterhin auf den Panther gerichtet. Plötzlich dreht sie sich um und beginnt zu rennen. So schnell ihre Füße sie tragen eilt sie die Straßen entlang, durch die Gassen, an den mächtigen Häusern vorbei. Sie presst das Kind an sich und rennt, hört nur das Wimmern ihres Kindes und ihre Stiefel auf das edle Pflaster der Straße stampfen bei jedem Auftreten. Schließlich siegt die Neugier und sie blickt sich um, sucht mit den Blicken die Straße ab, doch die Katze sieht sie nicht. Sie verlangsamt ihren Schritt, eilt nurmehr anstelle zu rennen. Als ihr Blick sich wieder nach vorne richtet, prallt sie zurück und bleibt mit einem Ruck stehen. Der Panther steht zwanzig Schritt vor ihr, sein Schwanz peitscht hin und her, ungeduldig. Aus dem Maul des Tieres erklingt ein Fauchen, missbilligend. <br />
<br />
Mit sanften Bewegungen wiegt die Frau das Kind an ihrer Brust, es weint. Sie versucht es zu beruhigen, summt leise eine Melodie, die sich aus ihrer Kinderzeit in ihr Gedächtnis drängt. Doch das Summen ist keineswegs melodisch, ihre Stimme zittert und zeigt deutlich, welche Ängste die Mutter in sich trägt. Das Kind drängt sich an den wärmenden und schützenden Körper der Mutter, sein weinen wird leiser aber verstummt nicht. Der Blick der Mutter ist allein auf die Katze gerichtet, die sich langsam in Bewegung setzt und wieder auf die beiden zuhält.<br />
<br />
Erneut weicht die Frau zurück, die Katze wechselt in einen geschmeidigen Trab und kommt rasch näher. Wieder dreht sich die Mutter um und rennt. Sie ist angespannt, erwartet jeden Moment die Krallen und Fänge der Großkatze in ihrem Rücken zu spüren, beugt den Kopf vor, um den Kopf ihres Kinds zu schützen. Das Weinen des Kindes wird wieder lauter, es ist ein angstvolles Weinen, das die Mutter nicht zu stillen vermag.<br />
<br />
Sie biegt in eine Gasse ein, wird nicht langsamer. Niemand ist in der Gasse zu sehen, einzig Statuen säumen ihren Weg, denen sie keine Beachtung schenkt. Sie will nur weg, weg von dieser Katze, die ihr Kind haben will. Ihr Blick ist starr geradeaus gerichtet, sie riskiert keinen Blick über die Schulter zurück. Doch aus den Augenwinkeln heraus nimmt sie eine Bewegung auf den Dächern der Häuser neben sich wahr. Es ist wie ein Schatten, der in geschmeidig eleganten Bewegungen leicht mit ihrem Schritt mithält. Am Ende der Gasse glimmt ein Licht auf, anders als das düstere, orangegefärbte Licht des Himmels, heimeliger, schutzbietend.<br />
Sie versucht noch schneller zu laufen, zu dem Licht zu kommen.<br />
<br />
Der Schatten neben ihr setzt zum Sprung an und nur wenige Schritte vor der Frau kommt die Katze auf dem Boden auf, faucht und bleckt die Zähne. Die Frau stoppt, ihre Arme drücken das Kind noch fester an sich. Sie weicht erneut zurück, die Katze nicht aus den Augen lassend. Diese drückt sich an den Boden, ihre Krallen ausgefahren, lauernd. Langsam, schleicht sie der Frau nach, nähert sich ihr. Die Frau weiß: Sie ist die Beute, die Katze die Jägerin. <br />
<br />
Neben der Frau öffnet sich eine weitere Gasse. Sie nutzt die Möglichkeit und weicht von ihrem Weg ab, wendet sich um und läuft wieder. Das Kind schützend haltend. Es weint nicht mehr aber die Angst hat Mutter und Kind nicht verlassen. Beider Herzen pochen heftig und laut gegeneinander. Die Gasse führt abwärts und die Frau sieht viele kleine schwarze Schatten auf den Dächern um sich sitzen, sie anstarrend: Raben<br />
<br />
Die Gasse öffnet sich und sie sieht einen Fluss vor sich. Am Ufer kommt sie zum stehen, schaut sich zitternd um. Als einzige Lebewesen sind die Raben zu sehen, die Mutter und Kind anstarren. Die Mutter sieht sich um, entdeckt einen Weg am Ufer entlang und schlägt ihn ein. Sie eilt mit ihrem Kind weg von der Gasse, dem Flusslauf folgend. Das Wasser des Flusses ist trübe, hellgraue Schlieren ziehen sich in der langsamen Strömung des breiten Flusses.<br />
<br />
Die Hand der Frau, die den Kindkopf stützt, streicht vorsichtig über den mit Haaren beflaumten Kopf. Das Kind hebt den Kopf und schaut zum Gesicht seiner Mutter. Sie schmiegt es an sich und streichelt es. In den Augen des kleinen Wesens sieht die Mutter eine unbeschreibliche Angst. Sie erkennt, dass die Augen des Kindes ihre eigenen spiegeln und merkt, wie sehr ihre Beine zittern. Sie geht weiter, versucht sich zu beruhigen, sieht sich immer wieder nach der Katze um aber einzig Raben säumen die Dächer der Häuser.<br />
<br />
Das Kind schmiegt sich an sie, sucht Nähe und Schutz. Sie lächelt sacht und reicht dem Kind einen Finger, als es mit den Händchen um sich tastet. Sie schaut das Kind liebevoll an. Es vertraut ihr, sie ist seine Mutter. Wer, wenn nicht die Mutter, sollte es vor all den Gefahren dieser Welt schützen können?<br />
<br />
Für einen Moment versinkt sie im Anblick ihres Kindes, welches sie anlächelt, sich in ihre Arme kuschelt. Sie drückt es schützend und entlockt dem Kind ein leises Glucksen. Es scheint seine Angst vergessen zu haben. Inzwischen geht die Frau normalen Schrittes, ihr Blick mustert immer wieder die Häuser und das Wasser zu ihren Seiten. Ihr Herzschlag beruhigt sich langsam und ihr Zittern wird schwächer.<br />
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Das Kind brabbelt leise vor sich hin. Die Mutter wiegt es. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Es wird alles Gut! Ich bin bei dir!“</span> Sie will sich auch selbst mit den Worten beruhigen, findet Mut im Klang der eigenen Stimme. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wir gehen nach Hause... zu deinem Papa! Es ist alles gut!“</span> Das Kind lacht leise und erfreut über den Klang der wohlvertrauten Stimme. Es reckt die Hände nach dem Gesicht der Mutter. Diese neigt den Kopf leicht, versunken im Anblick des Kindes. Ihre Hände heben das Kind höher, näher an ihr Gesicht heran. Nur noch selten wirft sie Blicke auf den Weg, den sie entlanggeht.<br />
<br />
Die kleinen Hände greifen in das Gesicht der Frau, tasten über Nase und Wangen, greifen in die Lippen und verfangen sich schließlich in den Haaren. Es lächelt glücklich, immer wieder leise Laute der Zufriedenheit von sich gebend. Voller Zuneigung und auch Zuversicht sagt die Frau leise zu dem Kind: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich liebe dich!“</span> Es lächelt sie glücklich an, die Hände an den Haaren ziehend.<br />
Eine Straße führt zwischen den Häusern durch und mündet am Ufer. Im Gehen wirft die Frau einen Blick hinein und erstarrt. Der Panther sitzt dort, einer Statue gleich starrt er die Frau an. Die Umarmung der Frau schließt sich wieder fester um das Kind während sie weitergeht. Der Blick der Großkatze wirkt herablassend. Dann erhebt sie sich und mit geducktem Kopf, das Spiel der Schulterblätter zeichnet sich deutlich unter Haut und Fell ab, schleicht sie vorwärts.<br />
<br />
Der Blick der Frau wendet sich nach vorne, ihr Herzschlag ist in diesem einen Moment schwer geworden und pocht an ihre Brust. Ihr Blick entdeckt in einiger Entfernung einen Steg. Dort sind die ersten Menschen, die sie in dieser Stadt sieht: Ein Fährmann in seinem Boot, der die Leine vom Steg löst. Er trägt eine lange Kutte, den Kopf verdeckt durch eine weit nach vorne fallende Kapuze. Seine Passagiere sitzen mit dem Rücken zu der Frau, sehen nach vorne ans andere Ufer.<br />
<br />
Die Frau beginnt zu laufen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wartet!“</span>, gellt ihr Ruf bis zur Fähre. Der Fährmann wendet sich ihr zu, stützt die Stake ins Wasser und hält das Boot gegen die sanfte Strömung an seinem Platz beim Steg. Leise und kaum hörbar spricht er: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Dann lauf!“ </span><br />
Die Raben auf den Dächern krächzen und der vielfache Ruf der schwarzen Vögel füllt die Luft. Die Frau läuft zum Steg, eilt ihn entlang zum Boot. <br />
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<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie kommt! Schneller!“</span>, durchschneidet die leise aber eindringliche Stimme des Fährmanns das Crescendo der Rabenstimmen. Die eiligen Schritte der Frau klappern über die Planken des Stegs. Der Fährmann streckt seinen Arm in Richtung der Frau aus, seine Hand ist von der langen Kutte verdeckt. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir!“</span>, verlangt er. Sie steht vor dem Mann, drückt das Kind an sich, ungläubig schaut sie den von der Kutte verdeckten Fährmann an. <br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe nur noch einen Platz frei! Rette dich oder dein Kind“ </span><br />
Sie zögert. Soll sie ihr Kind in fremde Hände geben, damit es der Katze entgeht? <br />
Die Stimme des Mannes neben ihr reißt sie aus ihren hektischen Gedanken: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie ist nicht mehr weit... entscheide dich!“ </span><br />
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Das Krächzen der Raben ist angeschwollen und wird unterstrichen von dem wilden Flügelschlag der Vögel, die sich jedoch nicht von den Häuserdächern in die Lüfte erheben. Das Rauschen der Schwingen gleicht einem Sturm.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie ist gleich da! Sie wird euch beide nehmen... entscheide, wen du retten willst... LOS!“</span>, die Stimme hallt laut, übertönt alles andere.<br />
Die Frau schließt für einen kurzen Moment die Augen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Wir kommen beide mit!“</span>, entschieden.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe nur einen Platz frei!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe sie auf dem Arm.“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Es gibt nur einen Platz. Du musst dich entscheiden, was wichtiger ist: dein eigenes Leben oder das deines jungen Kindes!“</span><br />
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Sie drückt das Kind an sich und dreht sich langsam um. Begleitet wird ihre Bewegung von der leisen Stimme des Fährmannes: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie ist hinter dir!“</span><br />
Nur zwei Schritt, einen kleinen Katzensprung entfernt steht die Wildkatze auf den Planken. Schützend legt die Mutter die Arme um das Kind.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich werde nicht alle Leben auf dieser Fähre riskieren für euch. Entscheide dich nun, einen von euch kannst du retten. Wenn du dich jetzt nicht entscheidest, bekommt sie euch beide. Ich lege jetzt ab...“</span>, ein kaltes Ultimatum.<br />
<br />
Die Frau zittert und schaut gebannt die Katze an, die ihre Zähne bleckt und sich tief duckt, zum Sprung bereit. An die Ohren der Frau dringt ein plätscherndes Geräusch: Die Stake, die ins Wasser gestoßen wird. Die kalte, leise Stimme des Fährmanns begleitet das Plätschern: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Dann verdamme dich und das Kind!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Warte“</span>, hastig geflüstert. Sie hebt ihre Tochter hoch, küsst sie auf die Stirn. Der Fährmann hält inne. Ein Fauchen vom Panther, der geduckt näher schleicht. Die Mutter reicht dem Fährmann ihr Kind, lässt es langsam los, als er es an sich nimmt. Mit Tränen in den Augen wendet sie sich der Großkatze zu. Ihr Kind wird die Katze nicht bekommen, doch die Entscheidung hat das Herz der Frau gespalten.<br />
<br />
Die Raben krächzen ohrenbetäubend und erheben sich von den Dächern. Ihr Flügelschlag erzeugt einen sturmartigen Wind, dessen Brausen alles übertönt - bis auf ein leises Lachen, das der Frau bis ins Mark der Knochen dringt.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Danke meine Liebe!“</span>, der Fährmann stößt mit den Worten ab und das Boot gleitet durch das Wasser. Die Frau schaut zu dem Mann, der seinen Blick hebt. Unter der Kapuze der Kutte sieht sie seine Augen: Zwei rote Punkte, von einem unheimlichen Leuchten erfüllt, wie brennende Rubine. Sie streckt die Hände aus, als wolle sie das Kind wieder nehmen, sie erstarrt bei dem, was sie sieht: Die Hand des Fährmanns, in der das Kind liegt, ist schuppig und läuft in langen Klauen aus. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span>, flüstert sie voller Panik.<br />
<br />
Die Passagiere des Bootes drehen sich um, recken ihre Hände nach dem Kind. Die Frau erkennt jeden einzelnen: Ihre Mutter, die vor mehr als ihrem halben Leben verstarb. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Der Mann, der ihr einst die Freiheit raubte und von ihrem Gatten dafür gerichtet wurde. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Der diebische Junge, der von einem feisten Streiter erschlagen wurde. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Einer der Wüstenkrieger, der im Kampf um eine Oase fiel, in der sie zu Gast war. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Der Ordensritter und der Großmeister, die einander im Duell erschlugen. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span> Die Händlerin, die sie erdrosselt in dem Bureau gefunden hatte. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span>, sie schreit es hinaus, ihr Herz von der eisigen Klaue der Angst umklammert.<br />
<br />
Der Blick des Kindes fällt auf seine Mutter, ängstlich, voller Unverständnis, anklagend. Es wimmert und weint. Die Hände der Toten, die Nacht für Nacht in ihren Träumen erscheinen, legen sich um das Kind, ziehen es zu sich.<br />
Die Mutter blickt sich nicht mehr nach der Katze um, stößt sich vom Steg ab, versucht ins Boot zu springen. Ihre Finger streifen den Rand des Bootes, gleiten ab als sie in das schlammige Wasser des Flusses fällt. Kalt erklingt die Stimme des Fährmannes: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Sie haben etwas besseres als dich gefunden!“</span><br />
Die zitternden Hände der Frau versuchen den Rand des Bootes zu greifen, sich fest zu halten und hoch zu ziehen. Der Fährmann hebt die Stake.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein, nicht sie!“</span>, gellt der Ruf der Mutter über das Wasser als sie von der Stake vom Boot fortgestoßen wird. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein!“</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Du hast sie mir doch gegeben, es war deine Entscheidung... deine alleine!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir wieder!“</span>, flehend, zittrig, voller Angst.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Aber sie ist hier doch in... so vielen... fürsorglichen...“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir wieder“</span>, die Stimme der Frau ist von Panik gezeichnet.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„...Händen“</span>, vollendet der Fährmann seinen Satz. Sein verächtliches Lachen begleitet sie, als er sie mit der Stake unter Wasser drückt. Dunkle Schemen huschen im Wasser um sie herum, doch sie hat nur Augen für das, was sich über ihr befindet. Sie versucht dem Stab auszuweichen, sich an ihm hoch zu ziehen. Doch es ist als greife sie durchs Wasser, als sei der Stab nicht da, doch drückt er sie erbarmungslos immer tiefer unter Wasser.<br />
<br />
Kälte zieht sich um sie herum zusammen. Das Boot rückt immer weiter von ihr weg. Über sich kann sie durch das Wasser die Pantherin auf dem Steg sehen, ihre Blicke treffen sich. Sie tritt um sich, versucht die Schemen zu vertreiben und nach oben zu gelangen. Schließlich durchbricht ihr Kopf die Wasseroberfläche und sie schnappt verzweifelt nach Luft. Wie Klauen legt sich ihr etwas um die Fußgelenke, die Beine, ein leichter aber stetiger Zug nach unten. Panisch tritt sie nach unten, versucht sich zu befreien.<br />
<br />
Eine alles umfassende Stille liegt auf dem Fluss, einzig das ängstliche Wimmern des Kindes ist zu hören.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir wieder!“</span>, flehend hallt die Stimme der Mutter zum Boot. <br />
Der Fährmann schaut sie an, stakt dabei weiter. <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Was bietest du dafür?“</span>, lauernd.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Mich“</span>, voller Verzweiflung.<br />
Kaltes Lachen: <span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Aber ihr gehört mir doch schon beide!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Dann gib sie mir.“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Weshalb? Sie gefällt mir besser. Du hast sie mir doch gegeben!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Gib sie mir! Ich gebe dir dafür alles!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe längst alles, was du je besessen hast!“</span>, verächtlich.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span>, verzweifelt.<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Du hast sie mir gegeben!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Du hast sie meinen Händen überlassen!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Ich habe sie mir nicht genommen. Ich habe sie aus deinen Händen empfangen!“</span><br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nein“</span><br />
<br />
<span style="font-style: italic;" class="mycode_i">„Nehmt sie fort, sie gehört euch!“</span>, gelangweilt und sich abwendend.<br />
Der Zug an ihren Beinen wird stärker und sie kann sich ihm nicht länger widersetzen. Ein letzter verzweifelter Schrei erklimmt ihre Kehle, dann schlägt das trübe Wasser über ihrem Kopf zusammen. Sie strampelt, versucht frei zu kommen, doch immer mehr dieser öligen, schmierigen Klauen legen sich um sie, greifen ihre Hände, ihre Arme, ihre Kehle, lassen keine Gegenwehr zu. Immer tiefer wird sie gezogen in die Schwärze des trüben Stromes, der träge vor sich hinfließt.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Beginn des dritten Wettbewerbs]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-6113.html</link>
			<pubDate>Fri, 01 May 2009 09:23:34 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-6113.html</guid>
			<description><![CDATA[Ab heute können die jeweiligen Beiträge für den Wettbewerb den Admins geschickt werden. Diese posten die Beiträge dann in ihrem Namen und mit den entsprechenden Überschriften versehen. Jeder Beitrag bekommt einen eigenen Thread. <br />
Die Abstimmung erfolgt ab dem 15. Mai]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Ab heute können die jeweiligen Beiträge für den Wettbewerb den Admins geschickt werden. Diese posten die Beiträge dann in ihrem Namen und mit den entsprechenden Überschriften versehen. Jeder Beitrag bekommt einen eigenen Thread. <br />
Die Abstimmung erfolgt ab dem 15. Mai]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Hochmut kommt vor dem Fall]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-4315.html</link>
			<pubDate>Mon, 12 May 2008 16:34:40 +0200</pubDate>
			<guid isPermaLink="false">https://forum.the-arena.de/thread-4315.html</guid>
			<description><![CDATA[Mit raschen Schritten eilte Rufus durch Roms Gassen, während der Tag sich dem Ende zuneigte, mit einem Sonnenuntergang, der den Himmel blutrot erschimmern liess. Geistesabwesend, doch immer mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, erwiderte er die respektvollen Grüsse der Bewohner Roms, die seinen Weg kreuzten. Mit 30 Jahren befand sich Rufus im besten Mannesalter, seine vierschrötige Gestalt war für die meisten beeindruckend und wollte ganz und gar nicht zu seinen sanften Gesichtszügen passen, ein Gesicht, in dem blaue Augen mit engelsgleicher Unschuld die Welt musterten. Trotz seiner massigen Statur bewegte sich Rufus mit grossem Geschick und fast lautlos, dies hatten schon einige seiner Soldaten mit Erschrecken feststellen müssen, als plötzlich die leise Stimme ihres Zenturios hinter ihnen erklungen war...<br />
<br />
Seine Gedanken wanderten gen morgigen Tag, jenen besonderen Tag, an dem er in der Arena auf den Nubier treffen würde, der als der Schwarze Koloss bekannt war und jeden seiner Kämpfe bisher siegreich beendet hatte, so wie er selbst nun seit 365 Tagen jeden Tag in der Arena einem Gegner gegenübergestanden hatte. Seine Gegner blieben leblos im Staube der Arena zurück, während ihn die kreischende Zuschauermenge frenetisch feierte- und dem Kampf des kommenden Tages entgegenfieberte. Nicht einen Kratzer hatten ihm seine Gegner bisher beibringen können. Sein zernarbter Körper schien eine andere Sprache zu sprechen, doch alle Narben rührten von jenen Verletzungen her, die er sich selbst rituell zu Beginn eines jeden Kampfes selbst beigebracht hatte, um dann seinen Blick gen Zuschauer zu richten, mit den Worten: "Mein Blut fliesst nur für euch, weil ich es will- und nicht, weil mein Gegner mich verletzen könnte! Dessen Blut werde ich Euch zu Ehren fliessen lassen!" 365mal hatte er dieser Ankündigung auch Taten folgen lassen...<br />
<br />
Morgen würde es der 366te Kampf sein- sein letzter Kampf in der Arena. Morgen würde er den Rekord jenes Gladiators übertreffen, den man den Prediger nannte, weil dieser seinem Gegner immer ein Gebet gewidmet hatte, bevor er diesem dann den Todesstoss versetzte. Täglich hatte dieser einen Arenenkampf bestritten, 365 Tage hintereinander verliess der Prediger die Arena als Sieger, nur um nach dem letzten Kampfe vor allen Göttern zu schwören, dass er mit diesen seinen Händen niemals wieder eine Waffe gegen einen Menschen erheben würde. Noch heute war der Prediger eine Legende, obwohl dessen letzter Kampf vor 20 Jahren stattgefunden hatte. Rufus fragte sich, ob der Prediger noch unter den Lebenden weilen mochte, falls ja, müsste er wohl heute 60 Jahre alt sein. Für einen kurzen Moment ergötzte sich Rufus an der Vorstellung, der Prediger wäre unter den Zuschauern des morgigen Kampfes und würde ihm zu seinem Erfolg gratulieren, doch schüttelte er diese Gedanken ab. Niemals wieder hatte jemand etwas vom Prediger gehört, und bald würde er, Rufus, eine lebende Legende sein, der Prediger dagegen dem Vergessen anheim fallen...<br />
<br />
Das Tageslicht war schon der Dämmerung gewichen, als Rufus sein Ziel, die Taverne "Zum Schlafenden Drachen", erreichte. Seit vier Wochen war er hier jeden Abend zu Gast, seit jenem Tage, an dem ihm zugetragen wurde, in dieser Taverne würde eine Tänzerin auftreten, eine exotische Schönheit, deren Darbietungen unvergleichlich wären. Er hatte diese Schilderungen zuerst als die üblichen Übertreibungen abgetan, doch eines Abends beschlossen, sich mit eigenen Augen zu überzeugen. Welch ein grandioser Abend war dies gewesen. Sein Puls begann schon ob der Erinnerungen zu rasen- atemberaubend war Saphiras Schönheit, jede ihrer tänzerischen Darbietung liess ihn in Sinnlichkeit versinken. Seit jenem Abend war er jeden Abend in der Taverne zu Gast gewesen, verzaubert von Saphira und doch wie gelähmt. Er, der vor Selbstbewusstsein strotzte, dem viele Frauen Roms sich zu Füssen werfen würden, verwandelte sich in Saphiras Nähe zu einem schüchternen Knaben, dem die Zunge am Gaumen klebte, der in Gedanken Worte stammelte, die er an sie richten wollte, doch diese wieder verwarf und niemals aussprach, sondern nur mit brennenden Blicken ihrem Tanze folgte. Saphira schien nicht nur ihn zu verzaubern, sondern alle Besucher der zum Bersten mit Anwesenden gefüllten Taverne- und alle bedachte Saphira gleichermassen mit verführerischem Lächeln, ob den Jüngling, in dessem Gesicht sich kaum der erste zarte Bartpflaum zeigte, oder den Veteranen der Legion oder ihn, den Zenturio, oder den sabbernden Priester der Minerva, der sich jeden Abend in der Taverne betrank und unverständliche Worte in seinen verfilzten Bart brabbelte.<br />
<br />
Die Taverne war schon voll bis auf den letzten Platz, doch hatte der Wirt dienstbeflissen für den Zenturio dessen Stammplatz freigehalten und begrüsste Rufus überschwenglich. Unruhe breitete sich unter den Gästen aus, als Amthes und dessen zehn Soldaten in voller Rüstung sich um Rufus herum verteilten und freundlich, aber bestimmt andere Besucher zurückdrängten. Es war nicht Rufus Idee gewesen, seinen vertrautesten Dekurio und dessen Mannen mitzunehmen, doch hatte Amthes darauf bestanden, ihn zu begleiten, mit den Worten: "Zenturio, mit allem Respekt, ich muss darauf bestehen. Denkt an den morgigen Tag. Ihr werdet ganz sicher mit irgendwelchen betrunkenen Raufbolden fertig, doch ich will nicht, dass Ihr irgendwelche Blessuren davontragt, nur weil das Glück einem Tölpel mit einem Messerchen hold ist. Geniesst den Abend und überlasst Euren Schutz uns!" Rufus setzte sich, die junge Bedienung, an deren Namen er sich nicht erinnern konnte, brachte ihn mit einem verführerischen Lächeln sein gewohntes Getränk. Mit freundlicher Stimme bedankte er sich wie üblich höflich, in ungeduldiger Erwartung von Saphiras Auftritt.<br />
<br />
Ein tiefes Seufzen schien durch die Anwesenden zu gehen- sie war erschienen, mit ihrem zauberhaften strahlenden Lächeln, den vergnügt funkelnden Augen, in einer Bekleidung, die mehr enthüllte, als sie verbarg. Ihre heutigen Darbietungen wurden von einer Flöte begleitet, ihr Tanz ähnelte den Bewegungungen einer Schlange. Wie alle Anwesenden folgte Rufus gebannt Saphiras Tanze, doch irgendetwas erschien ihm heute abend anders zu sein, sein Puls begann zu rasen, konnte es sein- es schien, als gelte Saphiras Tanz heute nur ihm, ihm alleine, er wollte es nicht glauben, doch schon kam sie näher, auf ihn zu, ihr betörender Duft hüllte ihn ein, während ihr Flüstern ihn erreichte "Heute ist ein besonderer Tag, ein Tag, an dem Ihr, Zenturio, mir eine Bitte erfüllen könntet..." Rufus schluckte, sein Herz klopfte ihm bis zum Halse, wollte schier zerspringen, gebannt blickte er auf Saphira, die ihm aufgeregt erschien, ihr Busen wogte vor seinen Augen, die seinem Gefühl nach gerade aus ihren Höhlen zu treten schienen, er rang nach Worten, um letztendlich mit heiserer Stimme zu antworten: "Welch immer auch Euer Wunsch, Werte Dame, er sei mir ein Befehl!"<br />
<br />
Ein himmlisches Lächeln der Tänzerin war die Belohnung für seine Worte, diese drückte ihm einen raschen Kuss auf die Wange, um dann freudestrahlend auszurufen: "Ihr alle, hört her, heute ist ein besonderer Tag, denn ich habe den Mann meines Lebens gefunden, die Hochzeit soll sogleich hier und jetzt stattfinden, der ehrenwerte Priester Minervas soll uns trauen- und dieser tapfere Zenturio, Held zahlreicher Arenenkämpfe... wird der Trauzeuge sein!"<br />
Rufus Blick löste sich voller Unglauben von Saphiras tiefem Ausschnitt, während ringsherum das Stimmgewirr der begeisterten Gäste anschwoll, stand er hastig auf, wandte sich Saphira zu und stammelte: "Wer... Wer... Wer ist denn... dieser... Glückliche?" Saphira widmete ihm einen koketten Blick, dann deutete sie auf einen jungen unscheinbaren Mann, wohl kaum 20 Jahre alt, der ob der Aufmerksamkeit des Zenturios mitnichten beglückt schien und verlegen seine derben Hände ineinander verschlang. Die Tänzerin murmelte in Rufus Ohr: "Das ist Aleppo, er ist Bauer und sehr schüchtern, aber von sanftem Wesen. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck, er ist all das, was ich mir erträume, er wird immer mein Traumprinz sein...!"<br />
<br />
Voller Unglauben musterte Rufus diesen Aleppo, der so unscheinbar wirkte, wie es einem tumben Bauern anstand. Brodelnd wallte der Zorn in den Zenturio auf, ein rascher Schritt brachte ihn vor Aleppo, der aschfahl zur Wand zurückwich, während Rufus Hand zum Griff seines Gladius wanderte- nur um plötzlich festzustellen, dass eine Hand fest sein Handgelenk umklammerte. Rufus wandte den Blick, begegnete dem entschlossenen Blick seines Dekurios, der ihm zuraunte: "Zenturio, nicht hier! Wir sind hier im Schlafenden Drachen- hütet Euch, Selbigen zu erwecken. Hier verkehren Mitglieder der Palastwache, deren Aufmerksamkeit Ihr auf diese Weise besser nicht auf Euch ziehen solltet!"<br />
Rufus erstarrte Hand löste sich vom Schwertgriff, er holte tief Luft, zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, um dann mit sanfter Stimme den zitternden Aleppo anzusprechen: "Werter Aleppo, Ihr seid der Bräutigam von Saphira, und meine Wenigkeit soll Trauzeuge sein. Ich bin den Göttern verpflichtet, eine solch bezaubernde Dame wie Saphira soll nur jenen ehelichen, der ihre Ehre zu verteidigen weis. Beweist Eure Eignung, morgen in der Arena, als Gegner wird Euch meine Wenigkeit zur Verfügung stehen. Wenn Ihr gegen mich obsiegt, seid Ihr gewiss ein geeigneter Ehemann!"<br />
<br />
Rufus übersah bewusst mit innerlicher Genugtung das sich auf der Tänzerin Gesicht abzeichnende Entsetzen, mit Befriedigung stellte er fest, dass Aleppos Zittern sich vehement zu verstärken schien und dieser mit wächsernem Gesicht wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft rang. Ein sanftes Plätschern erreichte seine Ohren, sein Blick wandte sich nach unten, um voller Ekel das Rinnsal zu betrachten, das sich zwischen des Bauern Füssen bildete. Mit einem verächtlichen Schnauben wollte der Zenturio sich schon abwenden, als eine knochige Hand mit schlaffem Griff die seinige Hand packte. Verblüfft starrte er den Besitzer der Hand an, einen tattrigen Greis in schmutziger Robe, der mit keifender Stimme auf ihn einbrabbelte: "Zenturio, lästere nicht die Götter! In Minervas Namen soll ich die beiden trauen, und das werde ich tun, und Du wirst der Trauzeuge sein, selbst wenn ich Dir den Hintern versohlen muss, um Dich zur Vernunft zu brinen! Das schwöre ich in Minervas Namen! Und den Hintern versohle ich Dir in der Arena, der Jüngling ist für Dich kein Gegner, aber wenn Du einen Gegner suchst, dann hast Du in mir einen gefunden! Ha!!"<br />
<br />
Unwillkürlich trat Rufus einen Schritt zurück, der Alte verströmte einen Geruch aus ungewaschenem Körper und alkoholgeschwängertem Atem, musterte dessen in Eifer brennenden Gesichtsausdruck- und lachte laut auf, bevor er mit verächtlicher Stimme antwortete: "Das Jüngelchen kann sein Wasser nicht halten, aber eine Waffe kann er vermutlich heben. Du Tattergreis hebst höchstens noch Dein Trinkgefäss, und dies sicher nicht nur einmal, wie ich nur allzugut erschnuppern kann!" Mit Verblüffung stellte der Zenturio fest, dass auf des Priesters Stirn die Adern vor Zorn anschwollen, während dessen Hände einen Holzscheit ergriffen, den er er langsam anhob und ausgestreckt vor sich hielt, um mit sich überschlagender Stimme zu brüllen: "Zenturio, siehst Du diesen Holzscheit? Schau genau hin, wie ich diesen hebe, wie ich diesen ausgestreckt halte...". Rufus schüttelte schmunzelnd seinen Kopf ob des Alten Irrsinns, als plötzlich in seinem Unterleib Schmerzen explodierten- während der Zenturio sich mit scharf eingezogenem Atem zusammenkrümmte, fuhr des Alten Stimme mit triumphierenden Unterton fort: "... Hast gut hingeschaut? Hättest mal besser auf mein Knie geachtet! Dir kann ich noch was beibringen, Freundch...". Des Alten Stimme erstarb in einem Gurgeln, miit schmerzverzerrten Gesicht richtete Rufus sich auf- und erblickte den Greis, den drei Soldaten seines Dekurios auf den Boden gedrückt festhielten.<br />
<br />
Rufus holte tief Luft, danach wandte er sich an Amthes: "Dekurio, der Priester soll seinen Willen haben. Schafft ihn in die Arena, in einer der Zellen für Gladiatoren kann er die Nacht meditieren. Wascht ihn und nüchtert ihn aus, morgen mag er Waffen für den Kampf in der Arena wählen, wie es ihm beliebt. Dem Jüngelchen leisten zwei der Eurigen Gesellschaft, nicht, dass diesen plötzlich der Ruf seiner Felder ereilt und er hastigst aufzubrechen gedenkt- ich möchte ihn morgen abend hier noch vorfinden!" Sein Blick wandte sich Saphira zu, und er führ mit sanfter Stimme fort: "Werte Saphira, sollte dieser Priester mich besiegen, müsst Ihr leider auf mich als Trauzeugen verzichten. Sollte ich obsiegen, wovon ich ausgehe, werde ich gerne als Trauzeuge zur Verfügung stehen, Ihr braucht dann nur noch einen neuen Priester zu organisieren, der Euch traut- doch das Recht der ersten Nacht mit Euch gebührt in diesem Falle mir, damit Ihr erfahrt, wo der Unterschied zwischen Mann und einem bäuerlichen Jüngelchen besteht. Zwei meiner Leute stehen Euch als Ehrengarde zur Verfügung- mit allem Respekt, wie es Euch gebührt! Ich werde Euch morgen abend sicher hier noch antreffen, nicht wahr? Andernfalls heiratet Euer Bräutigam die Löwen in der Arena!"<br />
<br />
Rufus wandte sich zum Gehen, das Schluchzen von Saphira überhörte er geflissentlich, mit Befriedigung vernahm er die wie üblich effizienten Anweisungen seines Dekurios an dessen Mannen. Das zeternde Gekeife des alten Priesters, den vier Soldaten aus der Taverne schleppten, ignorierte er... sein Herz war zersprungen, und all jene, die ihm das angetan hatten, würden feststellen müssen, dass sie alle... alle.... einen bitteren Preis dafür bezahlen würden müssen!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Mit raschen Schritten eilte Rufus durch Roms Gassen, während der Tag sich dem Ende zuneigte, mit einem Sonnenuntergang, der den Himmel blutrot erschimmern liess. Geistesabwesend, doch immer mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, erwiderte er die respektvollen Grüsse der Bewohner Roms, die seinen Weg kreuzten. Mit 30 Jahren befand sich Rufus im besten Mannesalter, seine vierschrötige Gestalt war für die meisten beeindruckend und wollte ganz und gar nicht zu seinen sanften Gesichtszügen passen, ein Gesicht, in dem blaue Augen mit engelsgleicher Unschuld die Welt musterten. Trotz seiner massigen Statur bewegte sich Rufus mit grossem Geschick und fast lautlos, dies hatten schon einige seiner Soldaten mit Erschrecken feststellen müssen, als plötzlich die leise Stimme ihres Zenturios hinter ihnen erklungen war...<br />
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Seine Gedanken wanderten gen morgigen Tag, jenen besonderen Tag, an dem er in der Arena auf den Nubier treffen würde, der als der Schwarze Koloss bekannt war und jeden seiner Kämpfe bisher siegreich beendet hatte, so wie er selbst nun seit 365 Tagen jeden Tag in der Arena einem Gegner gegenübergestanden hatte. Seine Gegner blieben leblos im Staube der Arena zurück, während ihn die kreischende Zuschauermenge frenetisch feierte- und dem Kampf des kommenden Tages entgegenfieberte. Nicht einen Kratzer hatten ihm seine Gegner bisher beibringen können. Sein zernarbter Körper schien eine andere Sprache zu sprechen, doch alle Narben rührten von jenen Verletzungen her, die er sich selbst rituell zu Beginn eines jeden Kampfes selbst beigebracht hatte, um dann seinen Blick gen Zuschauer zu richten, mit den Worten: "Mein Blut fliesst nur für euch, weil ich es will- und nicht, weil mein Gegner mich verletzen könnte! Dessen Blut werde ich Euch zu Ehren fliessen lassen!" 365mal hatte er dieser Ankündigung auch Taten folgen lassen...<br />
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Morgen würde es der 366te Kampf sein- sein letzter Kampf in der Arena. Morgen würde er den Rekord jenes Gladiators übertreffen, den man den Prediger nannte, weil dieser seinem Gegner immer ein Gebet gewidmet hatte, bevor er diesem dann den Todesstoss versetzte. Täglich hatte dieser einen Arenenkampf bestritten, 365 Tage hintereinander verliess der Prediger die Arena als Sieger, nur um nach dem letzten Kampfe vor allen Göttern zu schwören, dass er mit diesen seinen Händen niemals wieder eine Waffe gegen einen Menschen erheben würde. Noch heute war der Prediger eine Legende, obwohl dessen letzter Kampf vor 20 Jahren stattgefunden hatte. Rufus fragte sich, ob der Prediger noch unter den Lebenden weilen mochte, falls ja, müsste er wohl heute 60 Jahre alt sein. Für einen kurzen Moment ergötzte sich Rufus an der Vorstellung, der Prediger wäre unter den Zuschauern des morgigen Kampfes und würde ihm zu seinem Erfolg gratulieren, doch schüttelte er diese Gedanken ab. Niemals wieder hatte jemand etwas vom Prediger gehört, und bald würde er, Rufus, eine lebende Legende sein, der Prediger dagegen dem Vergessen anheim fallen...<br />
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Das Tageslicht war schon der Dämmerung gewichen, als Rufus sein Ziel, die Taverne "Zum Schlafenden Drachen", erreichte. Seit vier Wochen war er hier jeden Abend zu Gast, seit jenem Tage, an dem ihm zugetragen wurde, in dieser Taverne würde eine Tänzerin auftreten, eine exotische Schönheit, deren Darbietungen unvergleichlich wären. Er hatte diese Schilderungen zuerst als die üblichen Übertreibungen abgetan, doch eines Abends beschlossen, sich mit eigenen Augen zu überzeugen. Welch ein grandioser Abend war dies gewesen. Sein Puls begann schon ob der Erinnerungen zu rasen- atemberaubend war Saphiras Schönheit, jede ihrer tänzerischen Darbietung liess ihn in Sinnlichkeit versinken. Seit jenem Abend war er jeden Abend in der Taverne zu Gast gewesen, verzaubert von Saphira und doch wie gelähmt. Er, der vor Selbstbewusstsein strotzte, dem viele Frauen Roms sich zu Füssen werfen würden, verwandelte sich in Saphiras Nähe zu einem schüchternen Knaben, dem die Zunge am Gaumen klebte, der in Gedanken Worte stammelte, die er an sie richten wollte, doch diese wieder verwarf und niemals aussprach, sondern nur mit brennenden Blicken ihrem Tanze folgte. Saphira schien nicht nur ihn zu verzaubern, sondern alle Besucher der zum Bersten mit Anwesenden gefüllten Taverne- und alle bedachte Saphira gleichermassen mit verführerischem Lächeln, ob den Jüngling, in dessem Gesicht sich kaum der erste zarte Bartpflaum zeigte, oder den Veteranen der Legion oder ihn, den Zenturio, oder den sabbernden Priester der Minerva, der sich jeden Abend in der Taverne betrank und unverständliche Worte in seinen verfilzten Bart brabbelte.<br />
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Die Taverne war schon voll bis auf den letzten Platz, doch hatte der Wirt dienstbeflissen für den Zenturio dessen Stammplatz freigehalten und begrüsste Rufus überschwenglich. Unruhe breitete sich unter den Gästen aus, als Amthes und dessen zehn Soldaten in voller Rüstung sich um Rufus herum verteilten und freundlich, aber bestimmt andere Besucher zurückdrängten. Es war nicht Rufus Idee gewesen, seinen vertrautesten Dekurio und dessen Mannen mitzunehmen, doch hatte Amthes darauf bestanden, ihn zu begleiten, mit den Worten: "Zenturio, mit allem Respekt, ich muss darauf bestehen. Denkt an den morgigen Tag. Ihr werdet ganz sicher mit irgendwelchen betrunkenen Raufbolden fertig, doch ich will nicht, dass Ihr irgendwelche Blessuren davontragt, nur weil das Glück einem Tölpel mit einem Messerchen hold ist. Geniesst den Abend und überlasst Euren Schutz uns!" Rufus setzte sich, die junge Bedienung, an deren Namen er sich nicht erinnern konnte, brachte ihn mit einem verführerischen Lächeln sein gewohntes Getränk. Mit freundlicher Stimme bedankte er sich wie üblich höflich, in ungeduldiger Erwartung von Saphiras Auftritt.<br />
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Ein tiefes Seufzen schien durch die Anwesenden zu gehen- sie war erschienen, mit ihrem zauberhaften strahlenden Lächeln, den vergnügt funkelnden Augen, in einer Bekleidung, die mehr enthüllte, als sie verbarg. Ihre heutigen Darbietungen wurden von einer Flöte begleitet, ihr Tanz ähnelte den Bewegungungen einer Schlange. Wie alle Anwesenden folgte Rufus gebannt Saphiras Tanze, doch irgendetwas erschien ihm heute abend anders zu sein, sein Puls begann zu rasen, konnte es sein- es schien, als gelte Saphiras Tanz heute nur ihm, ihm alleine, er wollte es nicht glauben, doch schon kam sie näher, auf ihn zu, ihr betörender Duft hüllte ihn ein, während ihr Flüstern ihn erreichte "Heute ist ein besonderer Tag, ein Tag, an dem Ihr, Zenturio, mir eine Bitte erfüllen könntet..." Rufus schluckte, sein Herz klopfte ihm bis zum Halse, wollte schier zerspringen, gebannt blickte er auf Saphira, die ihm aufgeregt erschien, ihr Busen wogte vor seinen Augen, die seinem Gefühl nach gerade aus ihren Höhlen zu treten schienen, er rang nach Worten, um letztendlich mit heiserer Stimme zu antworten: "Welch immer auch Euer Wunsch, Werte Dame, er sei mir ein Befehl!"<br />
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Ein himmlisches Lächeln der Tänzerin war die Belohnung für seine Worte, diese drückte ihm einen raschen Kuss auf die Wange, um dann freudestrahlend auszurufen: "Ihr alle, hört her, heute ist ein besonderer Tag, denn ich habe den Mann meines Lebens gefunden, die Hochzeit soll sogleich hier und jetzt stattfinden, der ehrenwerte Priester Minervas soll uns trauen- und dieser tapfere Zenturio, Held zahlreicher Arenenkämpfe... wird der Trauzeuge sein!"<br />
Rufus Blick löste sich voller Unglauben von Saphiras tiefem Ausschnitt, während ringsherum das Stimmgewirr der begeisterten Gäste anschwoll, stand er hastig auf, wandte sich Saphira zu und stammelte: "Wer... Wer... Wer ist denn... dieser... Glückliche?" Saphira widmete ihm einen koketten Blick, dann deutete sie auf einen jungen unscheinbaren Mann, wohl kaum 20 Jahre alt, der ob der Aufmerksamkeit des Zenturios mitnichten beglückt schien und verlegen seine derben Hände ineinander verschlang. Die Tänzerin murmelte in Rufus Ohr: "Das ist Aleppo, er ist Bauer und sehr schüchtern, aber von sanftem Wesen. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck, er ist all das, was ich mir erträume, er wird immer mein Traumprinz sein...!"<br />
<br />
Voller Unglauben musterte Rufus diesen Aleppo, der so unscheinbar wirkte, wie es einem tumben Bauern anstand. Brodelnd wallte der Zorn in den Zenturio auf, ein rascher Schritt brachte ihn vor Aleppo, der aschfahl zur Wand zurückwich, während Rufus Hand zum Griff seines Gladius wanderte- nur um plötzlich festzustellen, dass eine Hand fest sein Handgelenk umklammerte. Rufus wandte den Blick, begegnete dem entschlossenen Blick seines Dekurios, der ihm zuraunte: "Zenturio, nicht hier! Wir sind hier im Schlafenden Drachen- hütet Euch, Selbigen zu erwecken. Hier verkehren Mitglieder der Palastwache, deren Aufmerksamkeit Ihr auf diese Weise besser nicht auf Euch ziehen solltet!"<br />
Rufus erstarrte Hand löste sich vom Schwertgriff, er holte tief Luft, zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, um dann mit sanfter Stimme den zitternden Aleppo anzusprechen: "Werter Aleppo, Ihr seid der Bräutigam von Saphira, und meine Wenigkeit soll Trauzeuge sein. Ich bin den Göttern verpflichtet, eine solch bezaubernde Dame wie Saphira soll nur jenen ehelichen, der ihre Ehre zu verteidigen weis. Beweist Eure Eignung, morgen in der Arena, als Gegner wird Euch meine Wenigkeit zur Verfügung stehen. Wenn Ihr gegen mich obsiegt, seid Ihr gewiss ein geeigneter Ehemann!"<br />
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Rufus übersah bewusst mit innerlicher Genugtung das sich auf der Tänzerin Gesicht abzeichnende Entsetzen, mit Befriedigung stellte er fest, dass Aleppos Zittern sich vehement zu verstärken schien und dieser mit wächsernem Gesicht wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft rang. Ein sanftes Plätschern erreichte seine Ohren, sein Blick wandte sich nach unten, um voller Ekel das Rinnsal zu betrachten, das sich zwischen des Bauern Füssen bildete. Mit einem verächtlichen Schnauben wollte der Zenturio sich schon abwenden, als eine knochige Hand mit schlaffem Griff die seinige Hand packte. Verblüfft starrte er den Besitzer der Hand an, einen tattrigen Greis in schmutziger Robe, der mit keifender Stimme auf ihn einbrabbelte: "Zenturio, lästere nicht die Götter! In Minervas Namen soll ich die beiden trauen, und das werde ich tun, und Du wirst der Trauzeuge sein, selbst wenn ich Dir den Hintern versohlen muss, um Dich zur Vernunft zu brinen! Das schwöre ich in Minervas Namen! Und den Hintern versohle ich Dir in der Arena, der Jüngling ist für Dich kein Gegner, aber wenn Du einen Gegner suchst, dann hast Du in mir einen gefunden! Ha!!"<br />
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Unwillkürlich trat Rufus einen Schritt zurück, der Alte verströmte einen Geruch aus ungewaschenem Körper und alkoholgeschwängertem Atem, musterte dessen in Eifer brennenden Gesichtsausdruck- und lachte laut auf, bevor er mit verächtlicher Stimme antwortete: "Das Jüngelchen kann sein Wasser nicht halten, aber eine Waffe kann er vermutlich heben. Du Tattergreis hebst höchstens noch Dein Trinkgefäss, und dies sicher nicht nur einmal, wie ich nur allzugut erschnuppern kann!" Mit Verblüffung stellte der Zenturio fest, dass auf des Priesters Stirn die Adern vor Zorn anschwollen, während dessen Hände einen Holzscheit ergriffen, den er er langsam anhob und ausgestreckt vor sich hielt, um mit sich überschlagender Stimme zu brüllen: "Zenturio, siehst Du diesen Holzscheit? Schau genau hin, wie ich diesen hebe, wie ich diesen ausgestreckt halte...". Rufus schüttelte schmunzelnd seinen Kopf ob des Alten Irrsinns, als plötzlich in seinem Unterleib Schmerzen explodierten- während der Zenturio sich mit scharf eingezogenem Atem zusammenkrümmte, fuhr des Alten Stimme mit triumphierenden Unterton fort: "... Hast gut hingeschaut? Hättest mal besser auf mein Knie geachtet! Dir kann ich noch was beibringen, Freundch...". Des Alten Stimme erstarb in einem Gurgeln, miit schmerzverzerrten Gesicht richtete Rufus sich auf- und erblickte den Greis, den drei Soldaten seines Dekurios auf den Boden gedrückt festhielten.<br />
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Rufus holte tief Luft, danach wandte er sich an Amthes: "Dekurio, der Priester soll seinen Willen haben. Schafft ihn in die Arena, in einer der Zellen für Gladiatoren kann er die Nacht meditieren. Wascht ihn und nüchtert ihn aus, morgen mag er Waffen für den Kampf in der Arena wählen, wie es ihm beliebt. Dem Jüngelchen leisten zwei der Eurigen Gesellschaft, nicht, dass diesen plötzlich der Ruf seiner Felder ereilt und er hastigst aufzubrechen gedenkt- ich möchte ihn morgen abend hier noch vorfinden!" Sein Blick wandte sich Saphira zu, und er führ mit sanfter Stimme fort: "Werte Saphira, sollte dieser Priester mich besiegen, müsst Ihr leider auf mich als Trauzeugen verzichten. Sollte ich obsiegen, wovon ich ausgehe, werde ich gerne als Trauzeuge zur Verfügung stehen, Ihr braucht dann nur noch einen neuen Priester zu organisieren, der Euch traut- doch das Recht der ersten Nacht mit Euch gebührt in diesem Falle mir, damit Ihr erfahrt, wo der Unterschied zwischen Mann und einem bäuerlichen Jüngelchen besteht. Zwei meiner Leute stehen Euch als Ehrengarde zur Verfügung- mit allem Respekt, wie es Euch gebührt! Ich werde Euch morgen abend sicher hier noch antreffen, nicht wahr? Andernfalls heiratet Euer Bräutigam die Löwen in der Arena!"<br />
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Rufus wandte sich zum Gehen, das Schluchzen von Saphira überhörte er geflissentlich, mit Befriedigung vernahm er die wie üblich effizienten Anweisungen seines Dekurios an dessen Mannen. Das zeternde Gekeife des alten Priesters, den vier Soldaten aus der Taverne schleppten, ignorierte er... sein Herz war zersprungen, und all jene, die ihm das angetan hatten, würden feststellen müssen, dass sie alle... alle.... einen bitteren Preis dafür bezahlen würden müssen!]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[In guten wie in schlechten Zeiten]]></title>
			<link>https://forum.the-arena.de/thread-3712.html</link>
			<pubDate>Mon, 12 May 2008 13:02:49 +0200</pubDate>
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			<description><![CDATA[Flacher, lautloser Atem. Straffe Bauchmuskeln, die sich bei jedem Atemzug gegen den schwarzen Stoff pressen. Graue Augen, die ihren scharfen Blick schweifen lassen. Schlanke, kühle Finger zupfen den Schal zurecht, der das Gesicht verbirgt, streichen eine dunkle Haarsträhne unter den Stoff. Die schwarzgekleidete Gestalt, die kaum von den Schatten zu unterscheiden ist, bewegt sich geschmeidig und geräuschlos durch eine Gasse bis zu einer hohen Mauer. Mit flinken, katzenhaften Bewegungen klettert sie die Mauer, die kaum Halt bietet, hinauf, verharrt einen Moment auf der Mauerkrone und gleitet dann auf der anderen Seite hinab. Sie duckt sich hinter Sträucher, wartet, lauscht, beobachtet. Als alles ruhig bleibt, huscht die Gestalt weiter zu der prachtvollen Villa, schmiegt sich an die Wand, lauscht noch einmal, richtet dann den Blick nach oben und sucht nach dem einen Fenster, ihrem Ziel. <br />
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Kein Licht dringt aus der Maueröffnung, kein Laut ist zu hören. Die vermummte Gestalt erklimmt scheinbar mühelos die lotrechte Mauer und öffnet mit geschickten Fingern und einem kleinen Werkzeug geräuschlos das hölzerne Fenstergitter. Dann schiebt sie sich mit den Füßen voran langsam durch das Fenster, drückt das Gitter hinter sich wieder zu, um von außen keinen Verdacht zu erregen. Im selben Moment spürt sie einen warmen, weichen Körper an ihrem Rücken, eine unerbittliche Hand, die ihren Kopf nach hinten an eine Schulter drückt, und eine scharfe Klinge an ihrem verhüllten Hals.<br />
<br />
"Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, dass man fremde Häuser durch die <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Tür</span> betritt?" fragt eine weiche, leise Frauenstimme direkt an ihrem Ohr. Raues, kehliges Lachen, dann die geraunte Antwort: "Wo bliebe denn da der ganze Spaß?" Ein helleres Lachen, der Körper hinter der vermummten Gestalt zuckt, die Klinge verschwindet. "Wirklich, du hast ein seltsames Verständnis von Spaß, Soraya..." Die Besitzerin der weichen Stimme durchmisst das Zimmer mit eleganten Schritten, um zwei Fackeln an der Wand neben dem großen Bett zu entzünden. Im Fackelschein glänzen ihre blonden Haare wie Gold, und die dunkelblaue Robe unterstreicht noch die edle Blässe ihrer Haut.<br />
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Nun tritt auch der Eindringling ins Licht und wickelt den Schal vom Kopf, so dass das füllige schwarze Haar fast bis zur Taille fällt. Die roten Lippen - die Unterlippe ist voller als die Oberlippe - verziehen sich zu einem gefährlichen Lächeln, während die Frau langsam und mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze auf ihr Gegenüber zugeht. "Wie du meinst, Flavia. Aber wenn ich mich recht erinnere, dann hat es dir bisher immer gefallen..." Die Worte klingen rau, als kämen sie ganz tief aus der Kehle. Beide Frauen stehen sich nun direkt gegenüber, weniger als eine Handbreit trennt sie noch. Der sehnige, dunkelhaarige Eindringling mit den schwarzen Haaren und der schwarzen Männerkleidung und die kleinere, sehr junge Blonde, unter deren blauer Robe sich ausgeprägte weibliche Kurven abzeichnen. Gewitterwolkengraue Augen senken sich in kornblumenblaue und der Atem beider Frauen geht schneller. Lippen berühren Lippen, nicht sanft, sondern fordernd und leidenschaftlich, und Flavia stöhnt auf. Sie vergräbt ihre schlanken, blassen Finger in Sorayas Haaren, während Soraya ihre Oberarme umfasst und sie rücklings auf das breite Bett drückt. <br />
<br />
Der dünne blaue Stoff reißt unter Sorayas Fingern glatt entzwei und entblößt die blasse Haut ihrer Geliebten. Sofort nehmen sich warme rote Lippen der seidigen Haut an, erst zart und flatternd, dann intensiver, leidenschaftlicher. Blasse, weiche Finger mit perfekt manikürten Fingernägeln gleiten und kratzen über einen bronzefarbenen Rücken, liebkosen und reizen ununterbrochen. Schon bald füllt Seufzen und verhaltenes Stöhnen den Raum, als die beiden Frauen sich eng umschlungen über das breite Bett wälzen, den Körper der jeweils anderen gründlich mit Fingern, Lippen und Zunge erforschend.<br />
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Schweiß glänzt auf den miteinander verschlungenen Leibern, beide Frauen atmen noch immer heftig. Soraya stützt sich auf einen Ellbogen, beugt sich über Flavia und küsst ihre Nasenspitze, ihre Augenlider. "Es wird Zeit, dass ich dich hier raushole, damit ich dir endlich im Bett nicht mehr den Mund zuhalten muss. Seit ich dich kenne, wünsche ich mir, zu hören, wie du meinen Namen schreist, fast besinnungslos vor Lust..." Ein leises Lachen, bei dem sich Flavias volle Brüste gegen Sorayas fast männlich-flache Brust drücken. "Schon am ersten Tag wäre ich dir überallhin gefolgt, schöne Fremde. Ein Wink mit dem Finger hätte genügt. Ist es jetzt so weit? Wirst du mich heute endlich mit dir nehmen?" Als Flavias Fragen auf sie niederprasseln, verziehen sich Sorayas Lippen wieder zu einem Grinsen. "Ja, heute ist es so weit. Und ich denke, wir sollten uns beeilen, bevor deine Eltern noch aufwachen. Ich glaube nicht, dass sie dich freiwillig hier weglassen..."<br />
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Flavia rollt sich fast augenblicklich aus dem Bett und geht zu ihrer Kleidertruhe, um sich anzuziehen. Soraya setzt sich leise lachend auf, streift ihre Hose über. "Für heute nacht solltest du dir etwas dunkles, schlichtes anziehen. Du musst mit mir durch das Fenster raus, sonst sehen uns die Wachen..." Der erstickte, erschrockene Laut, der sich Flavias Kehle entringt, bringt die andere Frau zum Lachen. "Was dachtest du, Prinzessin? Dass wir Arm in Arm aus dem Haus deiner Eltern spazieren, an den Dienern und Wachen vorbei? Wir kämen keine 20 Schritte weit... Ich pass schon auf, dass du nicht auf dein süßes Hinterteil fällst beim Abstieg." Flavia schneidet eine Grimasse und sucht sich eines ihrer älteren Kleider heraus: grau und verwaschen und ohne jeden Zierat schmiegt es sich eng an ihre weiblichen Kurven. Soraya nickt zustimmend, während sie noch rasch den schwarzen Schal wieder um ihren Kopf wickelt, so dass nur noch ihre Hände und Augen unbedeckt sind.<br />
<br />
Sie schlingt sich Flavias Gepäck quer über den Rücken, öffnet das Fenster und reicht der jungen Blondine die Hand. "Vertrau mir, Prinzessin" murmelt sie rau und zieht ihre Geliebte zu einem leidenschaftlichen Kuss in ihre Arme. Soraya lächelt, lässt ihren Blick dann suchend über die nähere Umgebung gleiten, bevor sie selbst aus dem Fenster steigt und dann auch Flavia hinaushilft. "Und jetzt denk einfach dran, was ich dir in den letzten Wochen beigebracht habe." Wenn sie es mal geschafft haben, das Bett zu verlassen... Das Lächeln auf Sorayas Lippen wird breiter, während Flavia konzentriert die Stirn runzelt und sich langsam an den Abstieg macht. Hin und wieder muss ihre erfahrenere Begleiterin helfend eingreifen, doch beide kommen heil und ohne Lärm zu verursachen auf dem Boden an.<br />
<br />
Soraya führt Flavia durch den Garten und über die Mauer, ohne dass sie von den Wachen bemerkt worden wären. Dennoch bewegen sich die beiden Frauen weiterhin vorsichtig und möglichst geräuscharm. Erst einige Meilen weiter bricht Flavia in erleichtertes Lachen aus, fällt Soraya um den Hals und ruft immer wieder jubelnd aus "Frei! Endlich frei!" Ihre Gefährtin lässt sie eine Weile gewähren, bis sie ihr sanft den Mund zuhält, sie nochmals fest an sich drückt und sie dann weiterführt. <br />
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Flavia kann nicht abschätzen, wie lange sie so durch die Dunkelheit gewandert sind, als Soraya plötzlich anhält und sie in ein Gebüsch zieht. Ein leises Schnauben und das Stampfen von Hufen ist zu hören, dann wird die junge Blondine an einen großen warmen Körper gedrängt, der sich als Pferd entpuppt. "Darf ich vorstellen: Laverna. Sie wird uns ihre Ausdauer und Schnelligkeit leihen..." Die Stute ist ungesattelt, und so benötigt Flavia Sorayas Hilfe, um auf den breiten Rücken zu klettern. Soraya schwingt sich elegant hinter Flavia, nimmt die Zügel und lenkt Laverna aus dem Gebüsch heraus auf einen im Mondschein kaum zu erkennenden Weg.<br />
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So lange es dunkel ist, lässt Soraya die Stute im Schritt gehen, doch kaum stehlen sich die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont, treibt sie das Pferd zu schnellerer Gangart an. Schon bald fühlt sie den weichen Körper ihrer jungen Geliebten an ihre Brust sinken, spürt den gleichmäßigen Atem. Ein Lächeln stiehlt sich auf das Gesicht der älteren Frau, als sie die schlafende Flavia betrachtet und noch etwas enger an sich zieht. Sie selbst verspürt keine Müdigkeit, sondern ist so voller Energie, dass sie Bäume ausreißen könnte. Endlich, endlich endlich kann sie ihre Liebste zu sich holen! Und gerade noch rechtzeitig, wie sie weiß. Flavia wurde schon unruhig, weil die von ihren Eltern für sie arrangierte Hochzeit mit einem mehr als korpulenten alten Senator immer näher rückte. Nun, der würde sich nach einer anderen Braut umsehen müssen, denn Flavia gehört nun endlich zu ihr, und nur zu ihr! <br />
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Als Flavia erwacht, ist sie irritiert. Ihre Welt schaukelt ungewohnt, und die Sonne brennt ihr ins Gesicht. Die junge Frau blinzelt einige Male, dann hört sie ein leises Lachen hinter sich, spürt die Vibrationen in dem sehnigen Körper, an dem sie lehnt. "Na, Prinzessin Schlafmütze, auch schon aufgewacht? Wir sind fast da..." Flavia setzt sich auf dem breiten Pferderücken zurecht und sieht sich um. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, doch sie hat nie gelernt, die Tageszeit am Stand der Sonne oder anderer Himmelskörper abzulesen. Ihr Blick fällt auf die Stute, die sie beide trägt, und die Blondine muss sich im ersten Moment beherrschen, nicht die Nase zu rümpfen. Laverna ist kein Vergleich zu den Pferden aus den Stallungen ihrer Familie: das Fell der Stute ist schmutzigbraun und struppig, die Mähne an einigen Stellen leicht verfilzt und die junge Frau könnte darauf schwören, dass dieses Tier seine besten Jahre schon länger hinter sich hat. Sie muss über sich selbst lachen. Immerhin wusste sie vorher, worauf sie sich da einlässt. <br />
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"Alles in Ordnung, Prinzessin?" Sorayas warmer Atem streicht über ihr rechtes Ohr und jagt ihr einen Schauer über den Rücken. "Ja. Ja, wirklich." Flavia dreht sich um und küsst ihre Geliebte innig. "Ich bin da, wo ich sein will. Bei dir." Sie lehnt sich wieder bei Soraya an, streicht mit einer Hand über deren Oberschenkel und schließt die Augen. "Ist es noch weit?" Die ältere Frau gibt ein schnurrendes Geräusch von sich, bevor sie antwortet. "Nein, nur noch über ein Flüsschen und durch ein kleines Waldstück. Es wird dir gefallen..."<br />
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Soraya irrt sich nicht, schon der dichte Wald bezaubert Flavia geradezu. Das Spiel von Licht und Schatten, die vielfältigen Gerüche, die verschiedenen Geräusche... Sie kann sich kaum sattsehen und wendet ihren Kopf hierhin und dorthin, um nur nichts zu verpassen. Soraya lächelt still in sich hinein, lenkt Laverna auf die Lichtung, die ihr Ziel ist, und deutet auf das zweistöckige Gebäude, das vor ihnen liegt. "Wir sind da!" Flavias Blick saugt sich regelrecht an dem Haus fest, das aus Natursteinen gemauert ist und irgendwie urgemütlich wirkt. Beim Näherkommen bemerkt sie das Tavernenschild über der Tür: "Zur tanzenden Hetäre". Sie runzelt die Stirn. Hetäre? Davon hat Soraya ihr nichts erzählt. Sie hat nur von der Taverne gesprochen, die sie mit Freundinnen betreibt, direkt an einem großen Handelsweg. Und Flavia sieht auch die breite Straße, die hier den Wald durchschneidet, fast im rechten Winkel zu dem Weg, den sie mit Soraya gekommen ist. Dennoch ist die junge Frau verwirrt. Was hat ihre Geliebte ihr noch verschwiegen?<br />
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Als die beiden Frauen sich der Taverne nähern, tritt ein großer Mann mittleren Alters heraus. Er hat kurzgeschorene dunkelblonde Haare und trägt Hose und Hemd aus strapazierfähigem Stoff. Mit einer Hand ergreift er Lavernas Zügel und grinst dann Soraya an "Du hast es also geschafft. Glückwunsch!" Seine Stimme ist rauchig und eigentlich kaum tief genug für einen Mann. Dann streckt er die freie Hand Flavia entgegen. "Ich bin Runa. Willkommen in der tanzenden Hetäre, Flavia." Die junge Blondine weiß nicht, worüber sie sich mehr wundern soll: darüber, dass dieser Mann eine Frau ist, oder darüber, dass er, oder eher sie, ihren Namen kennt. Doch sie hat keine Zeit, darüber nachzugrübeln, denn Soraya gleitet von Lavernas Rücken und hilft gleich darauf auch ihr hinab. <br />
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"Komm, du musst die anderen kennenlernen. Sie werden dir gefallen, da bin ich mir sicher." Und schon zieht Soraya Flavia hinter sich her in die Taverne hinein. Runa bleibt zurück, um sich um Laverna zu kümmern. In der Tür der Taverne bleibt Flavia wie angewurzelt stehen. Nie hätte sie den Anblick erwartet, der sich ihr jetzt bietet: das Innere der Taverne ist angenehm gestaltet, mit stabilen Holzmöbeln und geweißten Wänden. Und im ganzen Raum verteilt sitzen, stehen oder gehen Frauen. Aber was für Frauen! Einige tragen die typische Kleidung der Römerinnen und haben ihre glänzende Haarpracht aufgesteckt und mit Kämmen verziert. Andere tragen andere Kleider, fremdartige Kleider, skandalöse Kleider. Sie sieht Frauen in tief ausgeschnittenen Kleidern, in Kleidern, die den Bauch entblößen und auch einige Frauen - oder zumindest vermutet sie jetzt, dass auch das Frauen sind - , die sich ihre Haare wie Männer kurz geschoren haben und in Hose und Hemd gekleidet sind, genau wie Runa. Jede Altersstufe ist vertreten, jede Haarfarbe, verschiedenste Tönungen der Haut. <br />
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"Hat deine Mama dir nicht beigebracht, dass es sehr unhöflich ist, so zu starren?" Erst dieser scherzhafte Kommentar, ein leichter Stoß in die Rippen und Sorayas Lächeln bringen Flavia wieder zu sich. Doch noch immer kann sie ihren Blick nicht von diesen Frauen losreißen. Sie sind so anders, als die Frauen, die sie kennt. So unmöglich, ja skandalös! Und so herrlich, in ihrer bunten Vielfalt. Ein Lächeln breitet sich auf Flavias Gesicht aus, als sie nacheinander allen vorgestellt wird. Da ist Sumeila, deren schwarze Haare noch länger als die von Soraya sind und die ihre braunen Augen schwarz umrandet und ihren Mund dunkelrot anmalt. Ihr seltsames bauchfreies Gewand ist beinahe durchsichtig und an ihren Hand- und Fussgelenken klimpern und glänzen goldene Reifen und Spangen. Die dicke Gelsa, die Köchin, deren Haar bereits ergraut ist und die so gut nach Heim und Essen riecht. Ein Name nach dem anderen wird Flavia genannt, und sie versucht, sich alle zu merken, weiß aber, dass sie wohl noch öfter wird nachfragen müssen.<br />
<br />
Es dauert, bis Soraya und Flavia endlich Zeit finden, allein in ihr Zimmer im hinteren Teil des Hauses zu gehen. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Ihr Zimmer</span>. Endlich werden sie ein Zimmer für sich zu zweit haben, eines, in dem sie keine Entdeckung zu fürchten brauchen, nicht immer auf jedes Geräusch lauschen müssen... Und hier bietet sich Flavia auch die Gelegenheit, die Dinge zu erfragen, die Soraya ihr bisher <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">nicht</span> erzählt hat. So erfährt sie, dass die Taverne wirklich eine Taverne ist, aber auch noch viel mehr. Natürlich verköstigen sie Reisende gegen Geld und vermieten Zimmer für die Nacht. Aber wer genug Geld hat, kann sich auch mehr als nur ein Bett für eine Nacht mieten. Und mancher, der übernachtet, wird nie wieder gesehen. Jede Frau hat andere Aufgaben. Einige bewirten die Gäste, einige versorgen die Tiere, einige gehen mit Männern auf's Zimmer und einige... einige gehen dann auf die Zimmer, wenn die Gäste schlafen, nehmen Gold und Wertgegenstände an sich und beseitigen anschließend die Leichen. Natürlich dürfen nicht zu viele Gäste verschwinden. Niemand, dessen Weg man zur tanzenden Hetäre zurückverfolgen könnte. Aber hin und wieder lohnt es sich. Ansonsten vermisst mancher Gast nach einem feuchtfröhlichen Abend in der überfüllten Taverne seine Börse, doch noch nie fiel ein Verdacht auf die bezaubernden Bedienungen. Die betrunkenen Tischnachbarn sehen einfach immer so viel verdächtiger aus...<br />
<br />
Flavia lauscht gebannt und alles andere als entsetzt. Immerhin hat sie bereits selbst gesehen, wie geschickt Soraya sich Zutritt zu einem fremden Haus zu verschaffen weiß, hat ihre schlanken flinken Finger auf ihrem Körper gespürt und kann sich gut vorstellen, dass ihre Geliebte ohne Probleme auch an fremde Geldbörsen kommt. Sie kuschelt sich in Sorayas Arme und lächelt. "Und wo in der tanzenden Hetäre ist mein Platz? Ich kenne mich mit Tieren nicht aus und bin sicher eine lausige Diebin..." Ein kehliges Lachen, dann "Nun, aber mit deinem hübschen Gesicht kannst du die Gästen ablenken, während du ihre Getränke auf den Tisch stellst und ich sie um ihr Geld erleichtere..." Jetzt lachen beide, und in Flavias Kopf tanzen romantische Vorstellungen von ihrem Leben hier bei Soraya. Wie wunderbar es werden wird, mit ihrer Geliebten in diesem Zimmer zu leben, mit den anderen Frauen zu arbeiten, nie, nie wieder die Stadt von innen zu sehen...<br />
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Die Monate vergehen und Flavia verliert so einige ihrer romantischen Vorstellungen von der Freiheit. Die Arbeit in der Taverne ist manchmal hart und nicht alle Gäste angenehm. Und doch genießt die junge Frau ihr neues Leben mit Soraya, die Nächte zu zweit in ihrem Zimmer, die freien Stunden, die sie zumeist im Wald verbringen, umherstreifen, reden oder trainieren. Soraya lehrt sie, sich ohne Waffen zur Wehr zu setzen, so wie sie sie damals in ihrem Elternhaus heimlich zu Kraft- und Kletterübungen animiert hat. Flavia bedient Gäste, beobachtet die Tänzerinnen, die sich zu Trommel- und Flötenklang geschickt winden und verbiegen und damit die Gäste in ihren Bann schlagen, putzt Zimmer und mistet Ställe aus. Doch sie beteiligt sich nie daran, wenn Gäste im Schlaf ausgeraubt und getötet werden. Zum einen kann sie sich nicht so lautlos bewegen, wie die anderen, und ist mit den Waffen nicht so bewandert, und zum anderen behagt ihr die Vorstellung nicht, mit ihrer Hand ein Menschenleben zu beenden. Nichtsdestotrotz schätzt sie die Annehmlichkeiten, die sie sich alle dank dieser gelegentlichen Diebstähle leisten können, und sie bedauert die Männer nicht - fressen und gefressen werden heißt es hier draußen, und nur der Stärkste überlebt. <br />
<br />
Flavia wird inzwischen uneingeschränkt akzeptiert und hat sich mit einigen der Frauen eng angefreundet. Mit der stummen rothaarigen Yanna zum Beispiel, die sogar noch jünger als sie selbst ist, und Gelsa in der Küche zur Hand geht. Und mit Sumeila und ihrer Freundin Yesobel, die ebenfalls tanzt. Und obwohl ihre schwarzen Haare schon von grauen Strähnen durchzogen sind, bewegt sie sich noch so anmutig wie eine junge Frau. Runa lehrt Flavia den Umgang mit dem Dolch und wie sie einen Dolchangriff abwehren kann, wenn sie selbst keine Waffe zur Hand hat. Flavia liebt dieses Leben, das so erfrischend anders ist als das Leben, das ihre Eltern für sie geplant haben: eine Heirat mit einem alten Senator, ein paar Kinder von ihm und ein Leben im goldenen Käfig, umgeben von Sklaven und Wachen... <br />
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Heute ist ein besonders guter Abend für die Frauen der tanzenden Hetäre. Der Schankraum ist voll, kein einziger Platz mehr frei, und die Bedienungen kommen mit dem Nachschenken kaum nach. Gelsas Töpfe und Pfannen dampfen, um all die hungrigen Mäuler zu stopfen, und die Tänzerinnen legen sich mächtig ins Zeug, um die wohlhabenderen der Männer von ihren Künsten zu überzeugen und für eine Nacht für sich zu gewinnen. Auch ein reicher Kaufmann mit ein paar bewaffneten Wachen ist heute hier. Ein Unwetter hat ihn zu einer spontanen Änderung seiner Reiseroute gezwungen, damit die Wagen nicht im Morast steckenbleiben. Und für die Frauen ist klar, dass er und sein Vermögen die tanzende Hetäre nicht mehr verlassen werden. Zu gut die Gelegenheit. Zu gering das Risiko. Die Wachen haben bereits ordentlich getrunken, und der Kaufmann macht Yesobel schöne Augen. Besser könnte es nicht laufen...<br />
<br />
Doch es soll anders kommen. Zwar gibt Yesobel das verabredete Zeichen, als der Kaufmann endlich schläft, und die anderen Frauen in Männerkleidern schleichen nach oben, um ihn zu töten und auszurauben, doch jemand stößt gegen ein Tischchen, eine Waschschüssel geht klirrend zu Bruch. Sofort ist der Kaufmann wach und schreit angesichts der maskierten 'Männer' um Hilfe. Nur ein kurzer Laut entfährt ihm, bevor Runa ihn ersticht, doch er genügt, um die trunkenen Wachen auf den Plan zu rufen. Sie stolpern ins Zimmer, Laternen in der Hand, die Waffen gezogen und gehen auf die Eindringlinge los. Die Frauen wehren sich, ein Kampf entbrennt und es sieht so aus, als wären die Frauen dank ihrer Nüchternheit siegreich. Plötzlich wird einem der Männer die Laterne aus der Hand geprellt, sie zerbirst auf dem Bett und setzt dieses mitsamt der Leiche des Kaufmanns in Brand.<br />
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Im Kampfgetümmel bemerken die Frauen das Feuer nicht gleich und es greift rasch um sich. Bald brennt der halbe Raum lichterloh, doch die Frauen können ihn nicht verlassen, weil die Wachen zwischen ihnen und der Tür stehen. Sie kämpfen jetzt erbitterter, es geht um ihr Leben, sie müssen hier raus!<br />
<br />
Flavia hört den Lärm von oben, riecht den Rauch und sie weiß, dass etwas ganz und gar nicht so ist, wie es sein sollte. Sie greift sich einen Dolch und rennt nach oben, immer dicht an der Wand. Inzwischen ziehen sich Rauchschwaden durch das obere Geschoss, der Kampf hat sich in den Flur verlagert. Nur noch zwei Wachen stehen und werden von den Frauen heftig bedrängt. Flavia sieht, dass Runa einen tiefen Schnitt in einem Oberschenkel haben muss, denn ihre Hose ist zerrissen und blutgetränkt. Aber wo ist Soraya? Flavia sieht sie nicht, doch sie weiß, dass sie heute abend mit nach oben gegangen ist. Jede Frau, die kämpfen kann, ist nach oben gegangen, weil nach dem Kaufmann ja auch die Wachen hätten getötet und beseitigt werden müssen. <br />
<br />
Die junge Frau sieht sich hektisch um, doch sie kann ihre Geliebte nicht entdecken. Die beiden Wachen sind tot, und aus allen Zimmern strömen Gäste, die durch den Lärm und den Rauchgeruch wach geworden sind. Oft nur teilweise bekleidet drängen sie in Richtung Treppe, und der Rauch wird immer dichter. Flavia hält Runa am Arm fest, als auch diese an ihr vorbei will. "Soraya! Wo ist Soraya??" Runa schüttelt den Kopf und humpelt weiter. Ihr Gesicht ist blass und sie hustet immer wieder. <br />
<br />
Flavia tastet sich durch den Flur bis zum Zimmer der Kaufmanns. Hier ist der Rauch am dichtesten. Sie ruft nach Soraya, wieder und wieder. Schließlich meint sie, ein Husten zu hören. Sie drückt sich den Ärmel ihres Nachtgewandes über den Mund und betritt das brennende Zimmer. Da! Etwas bewegt sich direkt neben der Tür. Ohne nachzudenken packt Flavia die zuckende Hand und zieht die Person in den Flur. Es ist Soraya. Ihr linker Arm ist so verbrannt, dass Flavia nicht weiß, was Fleisch ist und was die Reste des schwarzen Hemdes, und das linke Bein sieht nicht besser aus. Die ältere Frau hustet heftig und kommt nur mit Flavias Hilfe auf die Beine. Die Blondine muss sie stützen, fast tragen. <br />
<br />
Als sie vor dem Haus ankommen, tränen ihnen beiden die Augen und beide husten. Das obere Stockwerk des Hauses brennt inzwischen lichterloh, und vor dem Haus stehen die Frauen und ihre Gäste - diejenigen, die es geschafft haben, das Haus zu verlassen. Flavia hält Soraya im Arm, die kurz davor ist, das Bewusstsein zu verlieren, und sieht zu, wie ihr neues Zuhause den Flammen zum Opfer fällt. Sie haben keine Möglichkeit, das Feuer zu löschen, und können nur froh sein, dass es windstill ist und keine Bäume direkt am Haus stehen, so dass nicht auch noch der Wald in Flammen aufgeht.<br />
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Die Ruine raucht noch immer, obwohl das Feuer längst aus ist. Sorayas Arm und Bein sind verbunden, und Runas Beinwunde ebenso. Sumeila lehnt an einem Baum und weint. Yesobel hat es nicht geschafft. Yanna weint stumm um Gelsa, die versucht hat, den anderen Frauen zu helfen, und zuletzt nicht mehr aus dem Haus gekommen ist. Die Gäste sind weitergezogen und die Frauen stehen buchstäblich vor dem Nichts. All ihr Besitz war in diesem Haus und ist ein Raub der Flammen geworden. Doch Flavias Tränen sind auch Tränen des Glücks. Sie hätte letzte Nacht beinahe mehr verloren als Kleidung, Gold und Schmuck. Sie hätte Soraya verlieren können. Sie schließt ihre Geliebte in die Arme und weiß, dass sie es schaffen werden, so lange sie nur zusammen sind.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[Flacher, lautloser Atem. Straffe Bauchmuskeln, die sich bei jedem Atemzug gegen den schwarzen Stoff pressen. Graue Augen, die ihren scharfen Blick schweifen lassen. Schlanke, kühle Finger zupfen den Schal zurecht, der das Gesicht verbirgt, streichen eine dunkle Haarsträhne unter den Stoff. Die schwarzgekleidete Gestalt, die kaum von den Schatten zu unterscheiden ist, bewegt sich geschmeidig und geräuschlos durch eine Gasse bis zu einer hohen Mauer. Mit flinken, katzenhaften Bewegungen klettert sie die Mauer, die kaum Halt bietet, hinauf, verharrt einen Moment auf der Mauerkrone und gleitet dann auf der anderen Seite hinab. Sie duckt sich hinter Sträucher, wartet, lauscht, beobachtet. Als alles ruhig bleibt, huscht die Gestalt weiter zu der prachtvollen Villa, schmiegt sich an die Wand, lauscht noch einmal, richtet dann den Blick nach oben und sucht nach dem einen Fenster, ihrem Ziel. <br />
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Kein Licht dringt aus der Maueröffnung, kein Laut ist zu hören. Die vermummte Gestalt erklimmt scheinbar mühelos die lotrechte Mauer und öffnet mit geschickten Fingern und einem kleinen Werkzeug geräuschlos das hölzerne Fenstergitter. Dann schiebt sie sich mit den Füßen voran langsam durch das Fenster, drückt das Gitter hinter sich wieder zu, um von außen keinen Verdacht zu erregen. Im selben Moment spürt sie einen warmen, weichen Körper an ihrem Rücken, eine unerbittliche Hand, die ihren Kopf nach hinten an eine Schulter drückt, und eine scharfe Klinge an ihrem verhüllten Hals.<br />
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"Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, dass man fremde Häuser durch die <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Tür</span> betritt?" fragt eine weiche, leise Frauenstimme direkt an ihrem Ohr. Raues, kehliges Lachen, dann die geraunte Antwort: "Wo bliebe denn da der ganze Spaß?" Ein helleres Lachen, der Körper hinter der vermummten Gestalt zuckt, die Klinge verschwindet. "Wirklich, du hast ein seltsames Verständnis von Spaß, Soraya..." Die Besitzerin der weichen Stimme durchmisst das Zimmer mit eleganten Schritten, um zwei Fackeln an der Wand neben dem großen Bett zu entzünden. Im Fackelschein glänzen ihre blonden Haare wie Gold, und die dunkelblaue Robe unterstreicht noch die edle Blässe ihrer Haut.<br />
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Nun tritt auch der Eindringling ins Licht und wickelt den Schal vom Kopf, so dass das füllige schwarze Haar fast bis zur Taille fällt. Die roten Lippen - die Unterlippe ist voller als die Oberlippe - verziehen sich zu einem gefährlichen Lächeln, während die Frau langsam und mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze auf ihr Gegenüber zugeht. "Wie du meinst, Flavia. Aber wenn ich mich recht erinnere, dann hat es dir bisher immer gefallen..." Die Worte klingen rau, als kämen sie ganz tief aus der Kehle. Beide Frauen stehen sich nun direkt gegenüber, weniger als eine Handbreit trennt sie noch. Der sehnige, dunkelhaarige Eindringling mit den schwarzen Haaren und der schwarzen Männerkleidung und die kleinere, sehr junge Blonde, unter deren blauer Robe sich ausgeprägte weibliche Kurven abzeichnen. Gewitterwolkengraue Augen senken sich in kornblumenblaue und der Atem beider Frauen geht schneller. Lippen berühren Lippen, nicht sanft, sondern fordernd und leidenschaftlich, und Flavia stöhnt auf. Sie vergräbt ihre schlanken, blassen Finger in Sorayas Haaren, während Soraya ihre Oberarme umfasst und sie rücklings auf das breite Bett drückt. <br />
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Der dünne blaue Stoff reißt unter Sorayas Fingern glatt entzwei und entblößt die blasse Haut ihrer Geliebten. Sofort nehmen sich warme rote Lippen der seidigen Haut an, erst zart und flatternd, dann intensiver, leidenschaftlicher. Blasse, weiche Finger mit perfekt manikürten Fingernägeln gleiten und kratzen über einen bronzefarbenen Rücken, liebkosen und reizen ununterbrochen. Schon bald füllt Seufzen und verhaltenes Stöhnen den Raum, als die beiden Frauen sich eng umschlungen über das breite Bett wälzen, den Körper der jeweils anderen gründlich mit Fingern, Lippen und Zunge erforschend.<br />
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Schweiß glänzt auf den miteinander verschlungenen Leibern, beide Frauen atmen noch immer heftig. Soraya stützt sich auf einen Ellbogen, beugt sich über Flavia und küsst ihre Nasenspitze, ihre Augenlider. "Es wird Zeit, dass ich dich hier raushole, damit ich dir endlich im Bett nicht mehr den Mund zuhalten muss. Seit ich dich kenne, wünsche ich mir, zu hören, wie du meinen Namen schreist, fast besinnungslos vor Lust..." Ein leises Lachen, bei dem sich Flavias volle Brüste gegen Sorayas fast männlich-flache Brust drücken. "Schon am ersten Tag wäre ich dir überallhin gefolgt, schöne Fremde. Ein Wink mit dem Finger hätte genügt. Ist es jetzt so weit? Wirst du mich heute endlich mit dir nehmen?" Als Flavias Fragen auf sie niederprasseln, verziehen sich Sorayas Lippen wieder zu einem Grinsen. "Ja, heute ist es so weit. Und ich denke, wir sollten uns beeilen, bevor deine Eltern noch aufwachen. Ich glaube nicht, dass sie dich freiwillig hier weglassen..."<br />
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Flavia rollt sich fast augenblicklich aus dem Bett und geht zu ihrer Kleidertruhe, um sich anzuziehen. Soraya setzt sich leise lachend auf, streift ihre Hose über. "Für heute nacht solltest du dir etwas dunkles, schlichtes anziehen. Du musst mit mir durch das Fenster raus, sonst sehen uns die Wachen..." Der erstickte, erschrockene Laut, der sich Flavias Kehle entringt, bringt die andere Frau zum Lachen. "Was dachtest du, Prinzessin? Dass wir Arm in Arm aus dem Haus deiner Eltern spazieren, an den Dienern und Wachen vorbei? Wir kämen keine 20 Schritte weit... Ich pass schon auf, dass du nicht auf dein süßes Hinterteil fällst beim Abstieg." Flavia schneidet eine Grimasse und sucht sich eines ihrer älteren Kleider heraus: grau und verwaschen und ohne jeden Zierat schmiegt es sich eng an ihre weiblichen Kurven. Soraya nickt zustimmend, während sie noch rasch den schwarzen Schal wieder um ihren Kopf wickelt, so dass nur noch ihre Hände und Augen unbedeckt sind.<br />
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Sie schlingt sich Flavias Gepäck quer über den Rücken, öffnet das Fenster und reicht der jungen Blondine die Hand. "Vertrau mir, Prinzessin" murmelt sie rau und zieht ihre Geliebte zu einem leidenschaftlichen Kuss in ihre Arme. Soraya lächelt, lässt ihren Blick dann suchend über die nähere Umgebung gleiten, bevor sie selbst aus dem Fenster steigt und dann auch Flavia hinaushilft. "Und jetzt denk einfach dran, was ich dir in den letzten Wochen beigebracht habe." Wenn sie es mal geschafft haben, das Bett zu verlassen... Das Lächeln auf Sorayas Lippen wird breiter, während Flavia konzentriert die Stirn runzelt und sich langsam an den Abstieg macht. Hin und wieder muss ihre erfahrenere Begleiterin helfend eingreifen, doch beide kommen heil und ohne Lärm zu verursachen auf dem Boden an.<br />
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Soraya führt Flavia durch den Garten und über die Mauer, ohne dass sie von den Wachen bemerkt worden wären. Dennoch bewegen sich die beiden Frauen weiterhin vorsichtig und möglichst geräuscharm. Erst einige Meilen weiter bricht Flavia in erleichtertes Lachen aus, fällt Soraya um den Hals und ruft immer wieder jubelnd aus "Frei! Endlich frei!" Ihre Gefährtin lässt sie eine Weile gewähren, bis sie ihr sanft den Mund zuhält, sie nochmals fest an sich drückt und sie dann weiterführt. <br />
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Flavia kann nicht abschätzen, wie lange sie so durch die Dunkelheit gewandert sind, als Soraya plötzlich anhält und sie in ein Gebüsch zieht. Ein leises Schnauben und das Stampfen von Hufen ist zu hören, dann wird die junge Blondine an einen großen warmen Körper gedrängt, der sich als Pferd entpuppt. "Darf ich vorstellen: Laverna. Sie wird uns ihre Ausdauer und Schnelligkeit leihen..." Die Stute ist ungesattelt, und so benötigt Flavia Sorayas Hilfe, um auf den breiten Rücken zu klettern. Soraya schwingt sich elegant hinter Flavia, nimmt die Zügel und lenkt Laverna aus dem Gebüsch heraus auf einen im Mondschein kaum zu erkennenden Weg.<br />
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So lange es dunkel ist, lässt Soraya die Stute im Schritt gehen, doch kaum stehlen sich die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont, treibt sie das Pferd zu schnellerer Gangart an. Schon bald fühlt sie den weichen Körper ihrer jungen Geliebten an ihre Brust sinken, spürt den gleichmäßigen Atem. Ein Lächeln stiehlt sich auf das Gesicht der älteren Frau, als sie die schlafende Flavia betrachtet und noch etwas enger an sich zieht. Sie selbst verspürt keine Müdigkeit, sondern ist so voller Energie, dass sie Bäume ausreißen könnte. Endlich, endlich endlich kann sie ihre Liebste zu sich holen! Und gerade noch rechtzeitig, wie sie weiß. Flavia wurde schon unruhig, weil die von ihren Eltern für sie arrangierte Hochzeit mit einem mehr als korpulenten alten Senator immer näher rückte. Nun, der würde sich nach einer anderen Braut umsehen müssen, denn Flavia gehört nun endlich zu ihr, und nur zu ihr! <br />
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Als Flavia erwacht, ist sie irritiert. Ihre Welt schaukelt ungewohnt, und die Sonne brennt ihr ins Gesicht. Die junge Frau blinzelt einige Male, dann hört sie ein leises Lachen hinter sich, spürt die Vibrationen in dem sehnigen Körper, an dem sie lehnt. "Na, Prinzessin Schlafmütze, auch schon aufgewacht? Wir sind fast da..." Flavia setzt sich auf dem breiten Pferderücken zurecht und sieht sich um. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, doch sie hat nie gelernt, die Tageszeit am Stand der Sonne oder anderer Himmelskörper abzulesen. Ihr Blick fällt auf die Stute, die sie beide trägt, und die Blondine muss sich im ersten Moment beherrschen, nicht die Nase zu rümpfen. Laverna ist kein Vergleich zu den Pferden aus den Stallungen ihrer Familie: das Fell der Stute ist schmutzigbraun und struppig, die Mähne an einigen Stellen leicht verfilzt und die junge Frau könnte darauf schwören, dass dieses Tier seine besten Jahre schon länger hinter sich hat. Sie muss über sich selbst lachen. Immerhin wusste sie vorher, worauf sie sich da einlässt. <br />
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"Alles in Ordnung, Prinzessin?" Sorayas warmer Atem streicht über ihr rechtes Ohr und jagt ihr einen Schauer über den Rücken. "Ja. Ja, wirklich." Flavia dreht sich um und küsst ihre Geliebte innig. "Ich bin da, wo ich sein will. Bei dir." Sie lehnt sich wieder bei Soraya an, streicht mit einer Hand über deren Oberschenkel und schließt die Augen. "Ist es noch weit?" Die ältere Frau gibt ein schnurrendes Geräusch von sich, bevor sie antwortet. "Nein, nur noch über ein Flüsschen und durch ein kleines Waldstück. Es wird dir gefallen..."<br />
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Soraya irrt sich nicht, schon der dichte Wald bezaubert Flavia geradezu. Das Spiel von Licht und Schatten, die vielfältigen Gerüche, die verschiedenen Geräusche... Sie kann sich kaum sattsehen und wendet ihren Kopf hierhin und dorthin, um nur nichts zu verpassen. Soraya lächelt still in sich hinein, lenkt Laverna auf die Lichtung, die ihr Ziel ist, und deutet auf das zweistöckige Gebäude, das vor ihnen liegt. "Wir sind da!" Flavias Blick saugt sich regelrecht an dem Haus fest, das aus Natursteinen gemauert ist und irgendwie urgemütlich wirkt. Beim Näherkommen bemerkt sie das Tavernenschild über der Tür: "Zur tanzenden Hetäre". Sie runzelt die Stirn. Hetäre? Davon hat Soraya ihr nichts erzählt. Sie hat nur von der Taverne gesprochen, die sie mit Freundinnen betreibt, direkt an einem großen Handelsweg. Und Flavia sieht auch die breite Straße, die hier den Wald durchschneidet, fast im rechten Winkel zu dem Weg, den sie mit Soraya gekommen ist. Dennoch ist die junge Frau verwirrt. Was hat ihre Geliebte ihr noch verschwiegen?<br />
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Als die beiden Frauen sich der Taverne nähern, tritt ein großer Mann mittleren Alters heraus. Er hat kurzgeschorene dunkelblonde Haare und trägt Hose und Hemd aus strapazierfähigem Stoff. Mit einer Hand ergreift er Lavernas Zügel und grinst dann Soraya an "Du hast es also geschafft. Glückwunsch!" Seine Stimme ist rauchig und eigentlich kaum tief genug für einen Mann. Dann streckt er die freie Hand Flavia entgegen. "Ich bin Runa. Willkommen in der tanzenden Hetäre, Flavia." Die junge Blondine weiß nicht, worüber sie sich mehr wundern soll: darüber, dass dieser Mann eine Frau ist, oder darüber, dass er, oder eher sie, ihren Namen kennt. Doch sie hat keine Zeit, darüber nachzugrübeln, denn Soraya gleitet von Lavernas Rücken und hilft gleich darauf auch ihr hinab. <br />
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"Komm, du musst die anderen kennenlernen. Sie werden dir gefallen, da bin ich mir sicher." Und schon zieht Soraya Flavia hinter sich her in die Taverne hinein. Runa bleibt zurück, um sich um Laverna zu kümmern. In der Tür der Taverne bleibt Flavia wie angewurzelt stehen. Nie hätte sie den Anblick erwartet, der sich ihr jetzt bietet: das Innere der Taverne ist angenehm gestaltet, mit stabilen Holzmöbeln und geweißten Wänden. Und im ganzen Raum verteilt sitzen, stehen oder gehen Frauen. Aber was für Frauen! Einige tragen die typische Kleidung der Römerinnen und haben ihre glänzende Haarpracht aufgesteckt und mit Kämmen verziert. Andere tragen andere Kleider, fremdartige Kleider, skandalöse Kleider. Sie sieht Frauen in tief ausgeschnittenen Kleidern, in Kleidern, die den Bauch entblößen und auch einige Frauen - oder zumindest vermutet sie jetzt, dass auch das Frauen sind - , die sich ihre Haare wie Männer kurz geschoren haben und in Hose und Hemd gekleidet sind, genau wie Runa. Jede Altersstufe ist vertreten, jede Haarfarbe, verschiedenste Tönungen der Haut. <br />
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"Hat deine Mama dir nicht beigebracht, dass es sehr unhöflich ist, so zu starren?" Erst dieser scherzhafte Kommentar, ein leichter Stoß in die Rippen und Sorayas Lächeln bringen Flavia wieder zu sich. Doch noch immer kann sie ihren Blick nicht von diesen Frauen losreißen. Sie sind so anders, als die Frauen, die sie kennt. So unmöglich, ja skandalös! Und so herrlich, in ihrer bunten Vielfalt. Ein Lächeln breitet sich auf Flavias Gesicht aus, als sie nacheinander allen vorgestellt wird. Da ist Sumeila, deren schwarze Haare noch länger als die von Soraya sind und die ihre braunen Augen schwarz umrandet und ihren Mund dunkelrot anmalt. Ihr seltsames bauchfreies Gewand ist beinahe durchsichtig und an ihren Hand- und Fussgelenken klimpern und glänzen goldene Reifen und Spangen. Die dicke Gelsa, die Köchin, deren Haar bereits ergraut ist und die so gut nach Heim und Essen riecht. Ein Name nach dem anderen wird Flavia genannt, und sie versucht, sich alle zu merken, weiß aber, dass sie wohl noch öfter wird nachfragen müssen.<br />
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Es dauert, bis Soraya und Flavia endlich Zeit finden, allein in ihr Zimmer im hinteren Teil des Hauses zu gehen. <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Ihr Zimmer</span>. Endlich werden sie ein Zimmer für sich zu zweit haben, eines, in dem sie keine Entdeckung zu fürchten brauchen, nicht immer auf jedes Geräusch lauschen müssen... Und hier bietet sich Flavia auch die Gelegenheit, die Dinge zu erfragen, die Soraya ihr bisher <span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">nicht</span> erzählt hat. So erfährt sie, dass die Taverne wirklich eine Taverne ist, aber auch noch viel mehr. Natürlich verköstigen sie Reisende gegen Geld und vermieten Zimmer für die Nacht. Aber wer genug Geld hat, kann sich auch mehr als nur ein Bett für eine Nacht mieten. Und mancher, der übernachtet, wird nie wieder gesehen. Jede Frau hat andere Aufgaben. Einige bewirten die Gäste, einige versorgen die Tiere, einige gehen mit Männern auf's Zimmer und einige... einige gehen dann auf die Zimmer, wenn die Gäste schlafen, nehmen Gold und Wertgegenstände an sich und beseitigen anschließend die Leichen. Natürlich dürfen nicht zu viele Gäste verschwinden. Niemand, dessen Weg man zur tanzenden Hetäre zurückverfolgen könnte. Aber hin und wieder lohnt es sich. Ansonsten vermisst mancher Gast nach einem feuchtfröhlichen Abend in der überfüllten Taverne seine Börse, doch noch nie fiel ein Verdacht auf die bezaubernden Bedienungen. Die betrunkenen Tischnachbarn sehen einfach immer so viel verdächtiger aus...<br />
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Flavia lauscht gebannt und alles andere als entsetzt. Immerhin hat sie bereits selbst gesehen, wie geschickt Soraya sich Zutritt zu einem fremden Haus zu verschaffen weiß, hat ihre schlanken flinken Finger auf ihrem Körper gespürt und kann sich gut vorstellen, dass ihre Geliebte ohne Probleme auch an fremde Geldbörsen kommt. Sie kuschelt sich in Sorayas Arme und lächelt. "Und wo in der tanzenden Hetäre ist mein Platz? Ich kenne mich mit Tieren nicht aus und bin sicher eine lausige Diebin..." Ein kehliges Lachen, dann "Nun, aber mit deinem hübschen Gesicht kannst du die Gästen ablenken, während du ihre Getränke auf den Tisch stellst und ich sie um ihr Geld erleichtere..." Jetzt lachen beide, und in Flavias Kopf tanzen romantische Vorstellungen von ihrem Leben hier bei Soraya. Wie wunderbar es werden wird, mit ihrer Geliebten in diesem Zimmer zu leben, mit den anderen Frauen zu arbeiten, nie, nie wieder die Stadt von innen zu sehen...<br />
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Die Monate vergehen und Flavia verliert so einige ihrer romantischen Vorstellungen von der Freiheit. Die Arbeit in der Taverne ist manchmal hart und nicht alle Gäste angenehm. Und doch genießt die junge Frau ihr neues Leben mit Soraya, die Nächte zu zweit in ihrem Zimmer, die freien Stunden, die sie zumeist im Wald verbringen, umherstreifen, reden oder trainieren. Soraya lehrt sie, sich ohne Waffen zur Wehr zu setzen, so wie sie sie damals in ihrem Elternhaus heimlich zu Kraft- und Kletterübungen animiert hat. Flavia bedient Gäste, beobachtet die Tänzerinnen, die sich zu Trommel- und Flötenklang geschickt winden und verbiegen und damit die Gäste in ihren Bann schlagen, putzt Zimmer und mistet Ställe aus. Doch sie beteiligt sich nie daran, wenn Gäste im Schlaf ausgeraubt und getötet werden. Zum einen kann sie sich nicht so lautlos bewegen, wie die anderen, und ist mit den Waffen nicht so bewandert, und zum anderen behagt ihr die Vorstellung nicht, mit ihrer Hand ein Menschenleben zu beenden. Nichtsdestotrotz schätzt sie die Annehmlichkeiten, die sie sich alle dank dieser gelegentlichen Diebstähle leisten können, und sie bedauert die Männer nicht - fressen und gefressen werden heißt es hier draußen, und nur der Stärkste überlebt. <br />
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Flavia wird inzwischen uneingeschränkt akzeptiert und hat sich mit einigen der Frauen eng angefreundet. Mit der stummen rothaarigen Yanna zum Beispiel, die sogar noch jünger als sie selbst ist, und Gelsa in der Küche zur Hand geht. Und mit Sumeila und ihrer Freundin Yesobel, die ebenfalls tanzt. Und obwohl ihre schwarzen Haare schon von grauen Strähnen durchzogen sind, bewegt sie sich noch so anmutig wie eine junge Frau. Runa lehrt Flavia den Umgang mit dem Dolch und wie sie einen Dolchangriff abwehren kann, wenn sie selbst keine Waffe zur Hand hat. Flavia liebt dieses Leben, das so erfrischend anders ist als das Leben, das ihre Eltern für sie geplant haben: eine Heirat mit einem alten Senator, ein paar Kinder von ihm und ein Leben im goldenen Käfig, umgeben von Sklaven und Wachen... <br />
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Heute ist ein besonders guter Abend für die Frauen der tanzenden Hetäre. Der Schankraum ist voll, kein einziger Platz mehr frei, und die Bedienungen kommen mit dem Nachschenken kaum nach. Gelsas Töpfe und Pfannen dampfen, um all die hungrigen Mäuler zu stopfen, und die Tänzerinnen legen sich mächtig ins Zeug, um die wohlhabenderen der Männer von ihren Künsten zu überzeugen und für eine Nacht für sich zu gewinnen. Auch ein reicher Kaufmann mit ein paar bewaffneten Wachen ist heute hier. Ein Unwetter hat ihn zu einer spontanen Änderung seiner Reiseroute gezwungen, damit die Wagen nicht im Morast steckenbleiben. Und für die Frauen ist klar, dass er und sein Vermögen die tanzende Hetäre nicht mehr verlassen werden. Zu gut die Gelegenheit. Zu gering das Risiko. Die Wachen haben bereits ordentlich getrunken, und der Kaufmann macht Yesobel schöne Augen. Besser könnte es nicht laufen...<br />
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Doch es soll anders kommen. Zwar gibt Yesobel das verabredete Zeichen, als der Kaufmann endlich schläft, und die anderen Frauen in Männerkleidern schleichen nach oben, um ihn zu töten und auszurauben, doch jemand stößt gegen ein Tischchen, eine Waschschüssel geht klirrend zu Bruch. Sofort ist der Kaufmann wach und schreit angesichts der maskierten 'Männer' um Hilfe. Nur ein kurzer Laut entfährt ihm, bevor Runa ihn ersticht, doch er genügt, um die trunkenen Wachen auf den Plan zu rufen. Sie stolpern ins Zimmer, Laternen in der Hand, die Waffen gezogen und gehen auf die Eindringlinge los. Die Frauen wehren sich, ein Kampf entbrennt und es sieht so aus, als wären die Frauen dank ihrer Nüchternheit siegreich. Plötzlich wird einem der Männer die Laterne aus der Hand geprellt, sie zerbirst auf dem Bett und setzt dieses mitsamt der Leiche des Kaufmanns in Brand.<br />
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Im Kampfgetümmel bemerken die Frauen das Feuer nicht gleich und es greift rasch um sich. Bald brennt der halbe Raum lichterloh, doch die Frauen können ihn nicht verlassen, weil die Wachen zwischen ihnen und der Tür stehen. Sie kämpfen jetzt erbitterter, es geht um ihr Leben, sie müssen hier raus!<br />
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Flavia hört den Lärm von oben, riecht den Rauch und sie weiß, dass etwas ganz und gar nicht so ist, wie es sein sollte. Sie greift sich einen Dolch und rennt nach oben, immer dicht an der Wand. Inzwischen ziehen sich Rauchschwaden durch das obere Geschoss, der Kampf hat sich in den Flur verlagert. Nur noch zwei Wachen stehen und werden von den Frauen heftig bedrängt. Flavia sieht, dass Runa einen tiefen Schnitt in einem Oberschenkel haben muss, denn ihre Hose ist zerrissen und blutgetränkt. Aber wo ist Soraya? Flavia sieht sie nicht, doch sie weiß, dass sie heute abend mit nach oben gegangen ist. Jede Frau, die kämpfen kann, ist nach oben gegangen, weil nach dem Kaufmann ja auch die Wachen hätten getötet und beseitigt werden müssen. <br />
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Die junge Frau sieht sich hektisch um, doch sie kann ihre Geliebte nicht entdecken. Die beiden Wachen sind tot, und aus allen Zimmern strömen Gäste, die durch den Lärm und den Rauchgeruch wach geworden sind. Oft nur teilweise bekleidet drängen sie in Richtung Treppe, und der Rauch wird immer dichter. Flavia hält Runa am Arm fest, als auch diese an ihr vorbei will. "Soraya! Wo ist Soraya??" Runa schüttelt den Kopf und humpelt weiter. Ihr Gesicht ist blass und sie hustet immer wieder. <br />
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Flavia tastet sich durch den Flur bis zum Zimmer der Kaufmanns. Hier ist der Rauch am dichtesten. Sie ruft nach Soraya, wieder und wieder. Schließlich meint sie, ein Husten zu hören. Sie drückt sich den Ärmel ihres Nachtgewandes über den Mund und betritt das brennende Zimmer. Da! Etwas bewegt sich direkt neben der Tür. Ohne nachzudenken packt Flavia die zuckende Hand und zieht die Person in den Flur. Es ist Soraya. Ihr linker Arm ist so verbrannt, dass Flavia nicht weiß, was Fleisch ist und was die Reste des schwarzen Hemdes, und das linke Bein sieht nicht besser aus. Die ältere Frau hustet heftig und kommt nur mit Flavias Hilfe auf die Beine. Die Blondine muss sie stützen, fast tragen. <br />
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Als sie vor dem Haus ankommen, tränen ihnen beiden die Augen und beide husten. Das obere Stockwerk des Hauses brennt inzwischen lichterloh, und vor dem Haus stehen die Frauen und ihre Gäste - diejenigen, die es geschafft haben, das Haus zu verlassen. Flavia hält Soraya im Arm, die kurz davor ist, das Bewusstsein zu verlieren, und sieht zu, wie ihr neues Zuhause den Flammen zum Opfer fällt. Sie haben keine Möglichkeit, das Feuer zu löschen, und können nur froh sein, dass es windstill ist und keine Bäume direkt am Haus stehen, so dass nicht auch noch der Wald in Flammen aufgeht.<br />
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Die Ruine raucht noch immer, obwohl das Feuer längst aus ist. Sorayas Arm und Bein sind verbunden, und Runas Beinwunde ebenso. Sumeila lehnt an einem Baum und weint. Yesobel hat es nicht geschafft. Yanna weint stumm um Gelsa, die versucht hat, den anderen Frauen zu helfen, und zuletzt nicht mehr aus dem Haus gekommen ist. Die Gäste sind weitergezogen und die Frauen stehen buchstäblich vor dem Nichts. All ihr Besitz war in diesem Haus und ist ein Raub der Flammen geworden. Doch Flavias Tränen sind auch Tränen des Glücks. Sie hätte letzte Nacht beinahe mehr verloren als Kleidung, Gold und Schmuck. Sie hätte Soraya verlieren können. Sie schließt ihre Geliebte in die Arme und weiß, dass sie es schaffen werden, so lange sie nur zusammen sind.]]></content:encoded>
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