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Morgen-Grauen (Tirgatao)
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Beitrag #3
 
Am Morgen des Duells, im Zelt von Ritter Regulus

Falco von Hohenburg schnaubte verächtlich durch die Nase, als er das geräumige und üppig ausgestattete Zelt seines Bruders betrat. Regulus lag mehr in seinem Stuhl als dass er saß, nur in einer mit Weinflecken beschmutzten wollenen Unterhose, und schnarchte vernehmlich. In seinem Mundwinkel war Rotwein getrocknet, und der herabgefallene Kelch hatte eine dunkelrote Pfütze auf dem teuren Teppich hinterlassen.

Das Beste ist gerade gut genug für den hochwohlgeborenen Ritter Regulus von Hohenburg. Wenn er dann nur auch entsprechend damit umgehen würde.

Ohne auch nur zu versuchen, seinen älteren Bruder zu wecken, machte sich Falco daran, die Spuren der letzten Nacht zu beseitigen. Er stellte den Kelch beiseite, rollte den beschmutzten Teppich zusammen und versteckte ihn in der hintersten Ecke des Zeltes. Die Teller und Schüsseln vom üppigen Nachtmahl stellte er auf einem niedrigen Tisch zusammen, und zuletzt hob er seinen Bruder aus dem Stuhl und trug ihn in den hinteren, nur dem Ritter vorbehaltenen Teil des Zeltes, in dem Regulus eine Lagerstatt stehen hatte, die er im allgemeinen mit Huren nutzte, wenn er keine Lust hatte, zu seiner Gattin in die Burg zurückzukehren - also fast jede Nacht.

Wenigstens muss ich nicht auch noch eine seiner Gespielinnen aus dem Zelt räumen, die mit Sicherheit genauso betrunken wäre wie er gerade.

Doch es gab ein großes Problem: es war nicht mehr viel Zeit bis Sonnenaufgang, und Regulus war noch immer nicht wieder aufgewacht. Allein bei dem Gedanken an den Grund für das Duell schäumte Falco innerlich vor Wut. Sein Bruder hatte es ihm gestern Abend haarklein und mit größtem Vergnügen erzählt, wie er auf der Straße auf Ritter Lucianus von Erlental zustolziert war, wie er ihn abschätzend von oben bis unten gemustert hatte und wie er ihn verhöhnt hatte.

Ich habe gehört, Ihr habt Eure Gemahlin trotz ausdrücklicher Einladung seitens unseres Gastgebers nicht mit zu diesem großen Turnier gebracht, Ritter Lucianus.

hatte er für Falco wiederholt, in dem gleichen zuckersüßen Tonfall, den er zweifelsohne gegenüber Lucianus von Erlental gebraucht hatte.

Hattet Ihr Angst, sie könnte von Eurer Vorliebe für Knaben erfahren? Habt Ihr deshalb Euren verweichlichten, Liebeslieder trällernden kleinen Bruder mitgebracht? Damit er Euer Bett wärmt?

Falco hätte Regulus am liebsten an dem hämischen Lachen ersticken sehen, mit dem dieser wohl auch den Ritter geschmäht hatte. Wie konnte er es wagen, den Mann, den er liebte, so zu beleidigen? Und er konnte ihn noch nicht einmal verteidigen, wenn er nicht die Entdeckung ihrer Beziehung riskieren wollte. Er musste sich die Szene immer wieder anhören, ebenso wie Regulus’ wortreiche Freude über das anstehende Duell und seine Pläne dafür, wie er Ritter Lucianus, dieses verweichlichte Stück Dreck, bluten und verrecken lassen würde.

Während Falco noch überlegte, wie er das Problem seines kampfunfähigen Bruders am besten lösen sollte, erklang von Regulus’ Bett ein lautes Stöhnen und dann kam sein Bruder auch schon wankend auf die Beine. Seine Augen waren glasig und sein Atem stank nach Wein, doch Regulus schien erstaunlich klar. Und das ängstigte Falco. Er würde sicherlich keine Träne weinen, sollte sein Bruder im Duell fallen, es wäre kein Verlust. Auch wenn er, Falco, dann würde heiraten und Erben zeugen müssen, was in seiner Lebensplanung bisher nicht vorkam, und die Treffen mit Silvanis sicherlich erschweren würde. Doch Regulus schien den Suff vom letzten Abend genauso gut wegzustecken wie immer, und wurde minütlich sicherer auf den Beinen, während in seinen wässrig-blauen Augen ein fast schon irrer Hass glomm.

Heute wird dieses dreckige Schwein sterben. Der giert nie wieder nach Knabenhintern!

fauchte Regulus, gefolgt von einem Kichern, das beinahe schon hysterisch klang. Falco hatte keinen Schimmer, welcher Saufkumpan seinem Bruder diesen Unsinn erzählt hatte, doch er bekam Angst um Lucianus. Er wusste, dass der Ritter ein rechtschaffener Mann war, ein Ehrenmann, der sich liebevoll um seine Familie und verantwortungsbewusst um seine Burg und seine Ländereien kümmerte.

Also das genaue Gegenteil von Regulus.

Und er wusste, dass Silvanis sehr an seinem älteren Bruder hing, auch wenn er ihm sein größtes Geheimnis nie würde offenbaren können. Lucianus’ Tod würde ihn tief treffen, und Falco wusste, dass Lucianus eine Verletzung am rechten Bein hatte, also wohl nicht mit voller Kraft würde kämpfen können. Er musste etwas tun, Regulus durfte nicht gegen Lucianus antreten, er durfte den anderen Mann nicht töten. Er mochte, dem Erlass des Königs zähneknirschend folgend, öffentlich erklärt haben, dass es nur um die Niederlage im Kampf ging, doch so, wie er sich im Moment benahm, würde er sich nicht damit zufrieden geben, Lucianus am Boden zu sehen. Und wie leicht konnte man auch in einem Kampf, in dem der Tod des Kontrahenten für den Sieg nicht gefordert war selbigen Tod herbeiführen, ohne es allzu offensichtlich zu machen, dass es von vornherein das Ziel war.

Ohne bewusst darüber nachgedacht zu haben, schlug Falco mit dem metallenen Knauf seines Messers zu, schlug Regulus bewusstlos und zog und hob ihn zurück auf sein Lager. Sobald Regulus wieder erwachte, konnte er ihm immer noch erzählen, er sei plötzlich umgekippt und mit dem Kopf auf der Kante des niedrigen Tisches aufgeschlagen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Regulus am Morgen nach einer durchzechten Nacht ein Missgeschick oder Unfall passierte, und er würde es schon glaubhaft machen können. Damit war Lucianus wohl vorerst außer Gefahr, ging es Falco durch den Kopf, während er seinen Bruder bequem bettete und sorgfältig zudeckte. Wenn er anschließend den besorgten Bruder spielen wollte, konnte er ihn bedauerlicherweise nicht einfach irgendwo irgendwie liegen lassen.

Doch das Problem des Duells blieb bestehen. Wenn Regulus nicht antrat -was er nun ja definitiv nicht konnte -so würde das die ganze Familie von Hohenburg entehren, sie alle würden die Schande mit tragen müssen. Regulus’ Gemahlin würde sich furchtbar grämen, und sie würden später Schwierigkeiten haben, für die bereits geborenen zwei Kinder sowie für alle zukünftigen einmal angemessene Heiratskandidaten zu finden. Das Mal der Schande würde lange an der Familie kleben bleiben, wie Pech, und Regulus mit seiner Trunksucht und seiner Hurerei wäre sicherlich nicht in der Lage, den Ruf der Familie wieder zu bessern. Ihr Vater würde sich im Grabe herumdrehen, wenn einer seiner Söhne nicht zu einem Duell erschien. Die harte Arbeit, die Treue und Loyalität ihrer Ahnen wäre umsonst gewesen, der bisher noch relativ gute Ruf des Hauses dahin.

Das kann ich nicht zulassen. Ich bin auch Vaters Sohn, ich kann doch nicht zusehen, wie alles, wofür er so hart gearbeitet hat, von Regulus zerstört wird. Ich kann mich daran nicht beteiligen, ich muss versuchen, zu retten, was zu retten ist!

Kurz entschlossen änderte Falco seine Taktik. Er knebelte seinen Bruder, band ihn an der Lagerstatt fest und zog schließlich den Vorhang zu, der den Schlafraum vom Rest des Zeltes trennte. Im Hauptraum zog er Regulus’ Kleidung an, versteckte seine eigene, und begann, in die Rüstung seines Bruders zu schlüpfen. Regulus’ Knappe betrat das Zelt, und Falco musste ihn nicht lange überzeugen, ihm bei der kleinen Scharade zu helfen. Er erklärte Regulus schlicht und ergreifend für berauscht und ohne Bewusstsein und legte dem Knappen überzeugend dar, dass dieser Tausch der einzige Weg war, die Familienehre noch zu retten. Da auch der Knappe darunter leiden würde, wenn sein Herr entehrt würde, stimmte er der Täuschung zu und half Falco, Regulus’ Rüstung so anzulegen, dass niemand einen Unterschied würde feststellen können.

Während der ganzen Prozedur des Rüstens überlegte Falco, wie er am ehesten sicherstellen konnte, dass Lucianus mit so wenig Verletzungen wie möglich aus diesem Duell herausginge. Ein Sieg war ihm bei weitem nicht so wichtig wie ein ehrenhafter Kampf. Am liebsten wäre er hinausgegangen und hätte Lucianus das Schwert vor die Füße geworfen, doch zum einen wäre auch dies unehrenhaft gewesen, und zum anderen würde die Täuschung dann mit Sicherheit auffliegen, würde doch niemand ernsthaft glauben, Regulus hätte sich einfach so geschlagen gegeben. Nein, er musste Lucianus einen harten Kampf liefern und sich eben doppelt anstrengen - einmal, um gut zu kämpfen, und einmal, um Lucianus nicht unnötig zu verletzen. Auf diese Weise würde er das Ansehen der Familie von Hohenburg hoffentlich retten können.

Schließlich war Falco bereit und ließ den Knappen die Zeltklappe öffnen, um nach draußen zu treten. Fast zeitgleich sah er Lucianus aus seinem Zelt kommen. Nun würde der Kampf also beginnen. Den ganzen Kampf hindurch hielt sich Falco an sein Vorhaben, hart aber fair zu känpfen und Lucianus nicht unnötig zu verletzen. Lucianus schien weniger Skrupel zu haben, was man ihm nach Regulus’ Beleidigungen kaum verdenken konnte, und Falco nahm die Schmerzen hin, die der Lanzenstoß und der Sturz ihm verursachten. Er musste weiterkämpfen, noch konnte er nicht aufgeben, und so mobilisierte er seine Reserven, um weiterkämpfen zu können.

Doch dann passierte etwas, das Falco nicht geplant und nicht vorhergesehen hatte: seine Klinge rutschte an Lucianus’ Rüstung ab und glitt zwischen Halsstück und Brustpanzer. Sofort lief Blut aus der Rüstung, und Falco sah mit Entsetzen, wie sein Gegner zu Boden ging. Er merkte nicht, wie er selbst auf die Knie fiel, wusste nur, dass er Silvanis’ Bruder helfen musste, dass er die Blutung unbedingt so schnell wie möglich stillen musste, bis der Arzt eintraf und Ritter Lucianus heilen konnte. Keinesfalls sollte Lucianus sterben, sollte Silvanis seinen Bruder verlieren müssen.

Und so löste Falco den Helm seines Gegners, um nach der Wunde suchen und seine Hände daraufpressen zu können. Nur, um mitten in der Bewegung zu erstarren, während sich der Schmerz in seinem Herzen in einem gequälten Schrei Bahn brach. Denn es war nicht Lucianus’ Gesicht, aus dem nach und nach alles Blut wich, und es waren nicht Lucianus’ Augen, die schmerzerfüllt und brechend zu ihm aufsahen, und die weichen, weichen Haare waren nicht Lucianus’. Falco riss sich den Helm vom Kopf, ein weiterer Schrei brach aus seiner Kehle, während er sich nur wünschte, es möge nicht wahr sein, es möge ein Alptraum sein, aus dem er erwachen möge, um festzustellen, dass er in der Hütte in Silvanis’ Armen eingeschlafen war. Alles, nur nicht die grausame Wahrheit, die seine Augen ihm zeigten und die er nicht sehen wollte, die er nicht ertragen konnte.

Warum hab ich ihn nicht erkannt? Warum hat er mich nicht erkannt? Warum?

Falco wusste, es war für jede Hilfe zu spät, der Mann, den er von ganzem Herzen liebte, war nicht mehr zu retten. Das Blut floss zu schnell aus der Wunde, zu tief war das Fleisch geöffnet. Es war kaum mehr Leben in den wundervollen grünen Augen, und beiden Männern liefen Tränen über die Wangen. Es gab nur einen Weg, er würde nicht von seinem Geliebten getrennt sein. Falco ergriff das Schwert, das Silvanis aus der Hand geglitten war, und zog es sich kraftvoll über die eigene Kehle, um dann vornüber auf den leblosen Körper seines Liebhabers zu fallen.

Bis der Arzt zu ihm kam, war bereits der letzte Lebensfunke aus ihm gewichen…
14.05.2009, 22:31


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Morgen-Grauen (Tirgatao) - von Traumtaenzer - 14.05.2009, 22:25
[Kein Betreff] - von Traumtaenzer - 14.05.2009, 22:30
[Kein Betreff] - von Traumtaenzer - 14.05.2009, 22:31
[Kein Betreff] - von Traumtaenzer - 14.05.2009, 22:32