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Morgen-Grauen (Tirgatao)
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Beitrag #1
Morgen-Grauen (Tirgatao)
Obwohl die Sonne sich noch hinter dem Horizont versteckte und nur ein rötlicher Schimmer zu sehen war, strömten die Menschen zur Turnierwiese. Gestern erst war hier das große Turnier zu Ende gegangen, doch heute ging es um etwas anderes. Die Leute waren aufgeregt, fast noch aufgeregter als vor dem großen Turnier, und sie tuschelten untereinander über das sogleich stattfindende Ereignis. Vor zwei mit Wappen geschmückten großen Zelten waren edle Schlachtrösser angepflockt, bereits mit kunstvoll bestickter Decke und Turniersattel, und neben den Zelten lehnten mehrere Lanzen in ihren Halterungen. Doch dies waren nicht die üblichen stumpfen Turnierlanzen, nein, diese hatten Spitzen aus poliertem Eisen.

Ein Mann in den Farben des Burgherrn betrat die Turnierwiese und entrollte langsam ein Pergament, bevor er mit weittragender und wohlklingender Stimme zu verlesen begann.

In diesem Duell um die Ehre treten gegeneinander an
Ritter Regulus von Hohenburg
gegen
Ritter Lucianus von Erlental.
Ritter Regulus steht, als dem Geforderten, die Wahl der Waffen und der Kampfbedingungen zu. Er hat sich für das Tjosten entschieden. Stürzt einer der Ritter vom Pferd, so wird der Kampf zu Fuß mit Schwertern fortgesetzt.
Der Kampf beginnt bei Sonnenaufgang und ist erst beendet, wenn einer der Ritter kampfunfähig auf dem Boden liegt oder sich geschlagen gibt.
Pferd und Ausrüstung des Verlierers gehören dem Gewinner.


Das waren weniger Informationen, als den Leuten lieb gewesen wären. Es kursierten mehrere Gerüchte darüber, warum dieses Duell stattfand, doch in einem waren sich alle diese Gerüchte einig: Regulus von Hohenburg, der für seine Trunksucht und seine Weibergeschichten weit über das Gebiet seiner heimatlichen Burg Silberfelsen bekannt war, hatte Lucianus von Erlental in der Öffentlichkeit so schwer beleidigt, dass dieser ihm mit dem Handschuh ins Gesicht geschlagen und Genugtuung gefordert hatte. Nur über die Art der Beleidigung herrschte Uneinigkeit, und niemand schien es genau zu wissen. Mal hieß es, Ritter Regulus hätte Ritter Lucianus’ Ahnen geschmäht, wieder andere meinte, er hätte dem anderen Ritter gar ins Gesicht gespuckt, ganz zu schweigen von den vielen fantasievollen Schimpfnamen, die angeblich im Spiel gewesen sein sollten.

Tatsache war jedoch, dass sich in Kürze die Erben von zwei der größten Adelsgeschlechter des Reiches im Kampf messen würden. In einem Kampf, der nicht nach Punkten entschieden werden würde, sondern nur durch eine Niederlage im Kampf. Getuschel machte sich breit, denn Ritter Regulus war nicht gerade für sein weiches Herz bekannt. Ein Sieg nach Punkte hätte ihn ja immerhin auch zum Sieger gemacht, jedoch weniger Verletzungsrisiko geborgen als ein Kampf, bei dem der Gegner im wahrsten Sinne des Wortes zu Boden gezwungen werden musste. Früher waren Beleidigungen gar mit einem Duell bis zum Tod gesühnt worden, doch die Zeiten waren unruhig, die Grenzen nicht mehr völlig sicher und der König hatte es seinen Rittern untersagt, wegen einer Beleidigung bis auf den Tod zu fechten. Er brauchte seine Ritter für den Fall, dass Krieg mit seinen Nachbarn ausbrechen würde, und konnte es sich nicht leisten, sie wegen ein paar unüberlegten Worten sterben zu lassen.

Beinahe zeitgleich öffneten sich die Klappen der beiden Zelte, und beide Ritter traten in das dämmrige Licht, das die ersten Sonnenstrahlen schenkten. Die Sympathien der Zuschauer wurden überdeutlich, denn überall erschallte nur Lucianus’ Name, und sollten doch einige wenige Menschen Regulus anfeuern, so ging es völlig unter. Beide Ritter ließen sich von ihrem Knappen auf ihr Pferd helfen und sich eine Lanze reichen. Niemand konnte ihre Gesichter sehen, denn die Visiere ihrer Helme waren bereits beim Verlassen des Zeltes heruntergeklappt gewesen, doch beide saßen aufrecht und stolz im Sattel, der Siegeswille in ihrer Haltung deutlich. Beide trugen auf ihrem Schild das Wappen ihrer Familie, und beide setzten ihre Pferde gleichzeitig in Bewegung, um zuerst den anwesenden Burgherren und dessen Frau zu grüßen und anschließend ihre Position am Tilt einzunehmen.

Und dann begann das Duell und die Menschen hielten den Atem an, als die beiden schweren Schlachtrösser mit donnernden Hufen aufeinander zu galoppierten, ihre Reiter mit den Lanzen zielten, beide mit der Absicht, den Gegner so schnell wie möglich aus dem Sattel zu befördern. Ein Aufatmen der Erleichterung und Enttäuschung gleichzeitig ging durch das Publikum, als beide Lanzen am gegnerischen Schild abglitten, ohne großen Schaden anzurichten. Erleichterung, weil der persönliche Favorit noch im Sattel saß, Enttäuschung, weil gleiches von seinem Gegner gesagt werden konnte. Wieder nahmen beide Ritter Aufstellung, und erneut trieben sie die Pferde an, gebannt beobachtet von allen Anwesenden. Diesmal erklang ein vielstimmiger Schreckensschrei, denn Lucianus’ Lanze war von Regulus’ Schild abgeglitten, doch Regulus’ Waffe hatte auf Lucianus’ Schulter gezielt und der Ritter hatte große Mühe gehabt, der eisernen Spitze im Sattel auszuweichen, ohne vom Pferd zu fallen. Er brauchte einen Moment, um die Gefahr des Sturzes zu bannen und sich zum dritten Durchgang aufzustellen. Doch noch immer drückte seine ganze Haltung Entschlossenheit und Kampfeswillen aus.

Ein drittes Mal donnerten Hufe über die Wiese und preschten die Ritter aufeinander zu, doch beide Lanzen glitten vom gegnerischen Schild ab. Noch zwei weitere Durchgänge brachten dasselbe Ergebnis, nämlich kein Ergebnis. Beide Ritter saßen noch immer unverletzt im Sattel, die Lanze in der rechten Hand, den Schild am linken Arm. Doch beim sechsten Durchgang begleitete aufbrandendes Jubelgeschrei Regulus’ Sturz aus dem Sattel seines Fuchses. Lucianus’ Lanze hatte ihn so heftig an der linken Schulte getroffen, dass es den Ritter aus dem Sattel gehoben hatte und er noch froh sein konnte, beim Sturz die Steigbügel verloren zu haben, da sein Pferd im Moment des Aufpralls einen Satz nach vorne gemacht hatte und mit verdrehten Augen weitergaloppiert war. Einige der anwesenden Knappen hatten Mühe, das Tier wieder zu beruhigen und einzufangen. Derweil half Regulus’ Knappe seinem Herrn wieder auf die Beine, während Lucianus sich von seinem Knappen aus dem Sattel helfen ließ.

Die Spannung, die in der Luft lag, war fast mit den Händen greifbar. Man wusste, dass Lucianus sich am vorigen Tag beim Turnier eine Beinverletzung zugezogen hatte, von der noch niemand genau wusste, wie schlimm sie war, und die Leute sahen mit Genugtuung, dass der Ritter kaum hinkte. Dennoch war natürlich nicht auszuschließen, dass das Bein unter größerer Belastung Probleme machen würde. Regulus dagegen hatte einen heftigen Stoß gegen die Schulter erhalten, auch wenn die Lanze nicht durch die Rüstung gedrungen war, und war dann mit dem Rücken auf den Boden geprallt. Auch bei ihm war nicht sicher, wie gut er sich würde bewegen können. Nicht dass sich der Großteil des Publikums auch nur im Geringsten dafür interessiert hätte, in welchem Zustand der Hohenburger war, schließlich standen die meisten auf Lucianus’ Seite.

Die beiden Ritter gingen mit gezogenen Schwertern aufeinander zu, umkreisten einander, suchten nach Schwächen. Und das Publikum fieberte mit, drückte Daumen, schrie Anfeuerungen. Die Sonne stieg langsam höher, tauchte die Wiese in immer helleres Licht. Zuerst schien es noch, als wollte keiner der beiden Männer den Anfang machen, als würden sie sich nun den Rest des Tages auf diesem Stück Wiese umkreisen, schweigend, lauernd. Wie zwei Raubtiere. Und dann ging es ganz schnell, Schwert klirrte auf Schwert, und noch einmal, dann Schwert gegen Schild, Schwert auf Schwert, und wieder Ruhe. Keiner von beiden hatte einen Treffer landen können, und wieder belauerten sich die Kontrahenten, suchten nach einem Vorteil, einer Lücke in der Verteidigung des jeweils anderen. Und umkreisten sich. Bevor sie wieder aufeinanderprallten, ihre Schwerter und Schilde zum Klingen brachten. Und sich wieder ergebnislos trennten.

Es war anzunehmen, dass beide inzwischen schwer atmeten, doch ihre Rüstungen gaben nichts preis und die Bewegungen der Männer waren noch immer präzise und kraftvoll. Die Anfeuerungsrufe wurden lauter. Die Menge wollte eine Entscheidung sehen, oder zumindest richtiges Kämpfen, nicht dieses ständige, ereignislose Umschleichen. Ob die beiden Ritter nun trotz ihrer Helme verstanden, was die Menge rief, oder ob sie selbst beschlossen hatten, den Kampf nun endlich zu einem Ende zu bringen, ihre Schwerter prallten heftig aufeinander, die Schläge waren wuchtig, wenn auch anfangs noch ausgeglichen. Mal musste Ritter Lucianus einen Schritt ausweichen, mal wurde der Hohenburger einen Schritt zurückgetrieben. Der Kampf gewann an Härte und an Dynamik, es gab keine Trennung mehr, nur immer neue Attacken, immer neue Versuche, den Gegner zu Fall zu bringen. Der Schild des Erlentalers splitterte unter einem kräftigen Schwerthieb, so dass er nun dieser Verteidigung beraubt war, doch Lucianus ließ sich nicht beirren und teilte weiter Hieb um Hieb aus, die jedoch von Regulus’ Schwert oder Schild abgewehrt wurden.

Das Publikum verfolgte gebannt das Geschehen auf der Wiese, und doch verstanden sie zuerst nicht, warum beide Ritter mit einem Mal ihre Waffen senkten. Stimmen der Enttäuschung erklangen, Forderungen nach der Fortsetzung des Kampfes. Erst als die Leute das Blut sahen, das zwischen Halsstück und Brustpanzer des Erlentalers hervorquollen, und sahen, wie Ritter Lucianus auf die Knie fiel, das Schwert ihm entglitt und er mit beiden Händen nach seinem Hals griff, wurde der Menge bewusst, dass der Kampf beendet war. Lucianus von Erlental sank vollends zu Boden, lag in seiner schweren Rüstung auf der Seite, die Hände an den Hals gepresst. Und sein Gegner legte sein eigenes Schwert weg, um sich an die Seite seines Gegners zu knien und diesen von seinem Kopf- und Halsschutz zu befreien.

Wenn die Leute verwundert darüber waren, dass der verachtete Regulus von Hohenburg sich niederkniete, um einem Feind, den er gerade besiegt und zuvor beleidigt hatte, zu helfen, so waren sie von den nun folgenden Ereignissen geschockt. Denn sobald Ritter Regulus das schnell bleich werdende Gesicht seines Feindes entblößt hatte und dessen langes silberblondes Haar über seine Hände fiel, war ein dumpfer, verzerrter Schrei zu hören, bevor sich der Hohenburger den eigenen Helm vom Kopf riss und einen weiteren geradezu unmenschlich anmutenden Schrei ausstieß. Während das Publikum noch verwirrt die langen schwarzen Locken betrachtete, die unter dem Helm zum Vorschein gekommen waren und ganz sicher nicht Regulus von Hohenburg gehören könnten, der hellbraune kurze Haare hatte, ergriff der Ritter das Schwert seines nun leblosen Gegners und zog es sich über die eigene Kehle, worauf er auf dem Körper seines toten Kampfgegners zusammensackte. Sein Blut mischte sich mit dem des Erlentalers und der bereits gerufene und herbeieilende Arzt konnte nur noch den Tod der beiden Männer feststellen. Und die Identität der Männer, die nicht Lucianus von Erlental und Regulus von Hohenburg hießen…
14.05.2009, 22:25


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[Kein Betreff] - von Traumtaenzer - 14.05.2009, 22:30
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